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Die Kuschel-Kanzlerin

Die Kuschel-Kanzlerin

Regierungschefin Angela Merkel im exklusiven Rubikon-Interview.

Damit haben selbst wir nicht wirklich gerechnet. Als unser Herausgeber Jens Wernicke Anfang des Jahres die Anfrage ans Kanzleramt stellte und Angela Merkel um ein exklusives Interview zur „Notlage der Nation“ bat, da dachte er zunächst an einen schlechten Telefon-Scherz als sich vor ein paar Tagen Regierungssprecher Steffen Seibert höchstpersönlich telefonisch bei ihm meldete und den Gesprächstermin für Ende März bestätigte. RUBIKON Redakteur Jens Lehrich machte sich auf den Weg in den Berliner Tierpark und hätte die Kanzlerin beinahe nicht erkannt, die mit Kopftuch und Sonnenbrille vor dem Gehege des neuen Eisbärenbabys auf ihn wartete.

Jens Lehrich: Ist sie nicht süß?

Angela Merkel, Mundwinkel oben: Hach, Sie schmeicheln mir aber.

Jens Lehrich: Ich meine das Eisbärenbaby...

Angela Merkel, Mundwinkel unten: Ach so.

Jens Lehrich: Bekommen Sie als Kanzlerin eigentlich viele Komplimente?

Angela Merkel: Na klar. Nahezu alle Abgeordneten im Bundestag mögen mich doch irgendwie nach der langen Zeit ganz schön doll. Ich werde da sogar schon auf der Inventarliste geführt. Sie schmunzelt. Wissen Sie, wir Parteien sind über die vielen großen Koalitionen hinweg inhaltlich ja eh kaum noch auseinanderzuhalten. Mein Traum ist von Anbeginn eine neue große moderne Einheitspartei.

Jens Lehrich: Sie sprechen von einer neuen Diktatur...

Angela Merkel, zieht unter der Sonnenbrille die Augenbrauen hoch: Na das fängt ja gut an. Das ist doch mal wieder typisch Rubikon. Ihr alternativen Medien müsst auch immer die Wahrheit aussprechen. Könnt ihr Euch nicht einmal an den Pressekodex halten und Eurem medialen Auftrag gerecht werden?

Jens Lehrich: Frau Merkel, verzeihen Sie bitte, dass ich nachfragen muss, aber was verstehen Sie unter unserem medialen Auftrag?

Angela Merkel: Na, ganz stinknormale Kapitalismus-Propaganda natürlich — so wie alle staatlichen Qualitätsmedien das tadellos machen, ist das denn so schwer?

Wir setzen uns vom Eisbärengehege aus langsam in Bewegung und machen uns auf den Weg zu einem Rundgang mit Endziel Areal der Rotarschpaviane. Unterwegs möchte ein Zoo-Besucher ein Selfie mit Angela Merkel machen, denkt aber, es sei Claudia Roth, und wird von Merkels Sicherheitsleuten mit voller Wucht in das gegenüberliegende Löwengehege geschubst.

Angela Merkel: So ein Doofmann. Claudia Roth ist ja nun echt ne Beleidigung.

Jens Lehrich: Frau Bundeskanzlerin, zurück zum Thema: wir sind doch Journalisten geworden, um die Wahrheit zu schreiben, nicht um Propaganda zu verbreiten?

Angela Merkel, lachend: Wie naiv ist das denn? Das wäre ja genauso, als würde ich sagen, ich bin Kanzlerin geworden, um dem Volk zu dienen... Sie bekommt einen mittleren Lachanfall und schnappt mühsam nach Luft.

Jens Lehrich: Brauchen wir für eine funktionierende Demokratie nicht Parteien, die sich streiten, die eine lebendige Debatte führen? So wie früher Willy Brand und Franz Josef Strauß?

Angela Merkel: Junger Mann, dass ist doch alles viel zu anstrengend. Ich will Ihnen ein konkretes Beispiel geben: Früher, da waren die Grünen mal für richtigen Frieden, so mit nicht rumballern und keine Waffen exportieren und — ganz spießig — sich an das Völkerrecht halten und so weiter. Heute sind die Mädels und Jungs um Robert Habeck mindestens so olivgrün wie die neuen Panzer, die Ulla jede Woche für die Bundeswehr bestellt.

Jens Lehrich: Sie sprechen von Ursula von der Leyen.

Angela Merkel, Mundwinkel ganz unten: Sie ist im Moment mein großes Sorgenkind. Ganz im Vertrauen, Ursula ist seit vielen Jahren kaufsüchtig. Deswegen erneuern wir das Material für die Truppe ja auch nur häppchenweise und kaufen bewusst ab und zu Schrott, damit wir mehr Material brauchen. Da hat unsere Ulla immer schön was zum Bestellen und kann sich eine Therapie ersparen. Sie sehen, ich denke als Chefin immer sozial und achte auf meine Mitarbeiter.

Jens Lehrich: Gutes Stichwort, Mitarbeiter, wie sind Sie denn derzeit mit der Leistung von Gesundheitsminister Jens Spahn zufrieden? Im Volk brodelt es ja eher. Stichwort Impfpflicht.

Angela Merkel: Der Jens ist ein junger, unerfahrener, naiver Mann, der noch gar nicht absehen kann, welche Konsequenzen sich aus seinem Handeln ergeben. Der ist ein Politikneuling, einer der noch übt, der in jedem Unternehmen praktisch als Praktikant geführt würde. Deswegen haben wir ihn ja auch nur zum Gesundheitsminister gemacht. Da kann er — außer der Volksgesundheit — nicht so wirklich viel kaputt machen.

Jens Lehrich: Trubel gab es vor kurzem auch um die Uploadfilter, § 13 und Justizministerin Katarina Barley.

Angela Merkel: Nie gehört, ist die neu?

Jens Lehrich: Sie kennen Ihre Justizministerin nicht?

Angela Merkel, Mundwinkel ganz weit unten, ernster Blick: Justiz hat mich noch nie wirklich interessiert. Wissen Sie, wenn ich mir um jedes Gesetz Gedanken machen müsste, dann könnte die Bundeswehr nicht überall munter mitmischen. Das würde Arbeitsplätze gefährden und das wollen wir doch nicht wirklich, oder?

In diesem Augenblick kommen uns doch tatsächlich Altkanzler Gerhard Schröder und seine Ehefrau Soyeon Schröder-Kim frischverliebt entgegen, die ebenfalls das neue Eisbärenbaby besuchen wollen. Schröder erkennt Merkel mit Sonnenbrille und Kopftuch nicht, denkt wir seien eine ganz normale Besuchergruppe und fragt, ob wir nicht vielleicht ein Autogramm von ihm haben möchten. Wir lehnen dankend ab.

Angela Merkel: Na das ist ja gerade nochmal gut gegangen. Schleimi hätte mir zu meinem Glück heute noch gefehlt.

Jens Lehrich: Schleimi?

Angela Merkel: So nennen wir den Altkanzler intern, weil er doch in einem Interview mit der ZEIT zugegeben hat, gemeinsam mit Joschka Fischer im Jugoslawienkrieg das Völkerrecht gebrochen zu haben.

Jens Lehrich: Ist das nicht toll, wenn jemand mal die Wahrheit sagt?

In diesem Augenblick erreichen wir das Endziel unseres Spaziergangs: das Gehege der Rotarschpaviane.

Angela Merkel: So'n Hintern möchte ich nicht haben, ist Ihnen das Wahrheit genug?

Angela Merkel schaut mir tief in die Augen und deutet auf die Uhr. Es wird Zeit für eine letzte Frage.

Jens Lehrich: Frau Merkel, Sie sind jetzt seit 14 Jahren Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Was war ihr größter politischer Fehler?

Angela Merkel: In seltenen Fällen auch mal Politik für den Bürger gemacht zu haben.

Angela Merkel bekommt in diesem Augenblick einen weiteren kräftigen Lachanfall und muss von ihren Sicherheitsleuten gestützt werden, damit sie nicht über eine Feldhasenfamilie stolpert, die den Weg kreuzt.

Jens Lehrich: Geht es wieder?

Angela Merkel: Entschuldigung, aber ich finde mich in letzter Zeit einfach immer so wahnsinnig komisch.

Jens Lehrich: Ich kann Sie trösten — da geht es dem deutschen Volk sehr ähnlich. Danke für das Gespräch, Frau Bundeskanzlerin.

Angela Merkel: Und grüßen Sie bitte ihren Herausgeber Jens Wie-nicke ganz herzlich von mir.

Jens Lehrich: Wer-nicke.

Angela Merkel: Was?

Jens Lehrich: Wer-nicke — nicht Wie-nicke.

Angela Merkel: Egal. Jedenfalls ein toller Erfolg, dieser Rubikon. Die aktuellen Zugriffszahlen liefert mir ja immer am Monatsanfang der Verfassungsschutz. Sie lacht wieder. Tschüssi.

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