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Die Klima-Vergiftung

Die Klima-Vergiftung

Der Klimawandel wird auch das gesellschaftliche Klima radikal verändern.

Das musste ja passieren.

Kaum hatte Rubikon am 28. Juli den Artikel „Die Klimaleugner“ veröffentlicht, hagelte es deftigste Kritik. Die Autorin Doris Schultz hatte auf die zu befürchtenden Reaktionen bereits hingewiesen.

„Woher kommt diese reflexartige und heftige Abwehr?“, schreibt sie. „Wie entsteht die deutliche Ablehnung breiter Massen, sich gedanklich auch nur bis in die Nähe einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu begeben? Wieso wird die Erzählung vom menschengemachten Klimawandel so bereitwillig als Paradigma aufgenommen, obwohl es nicht wenige renommierte Wissenschaftler gibt, die Fehler in den Studien aufzeigen und zu anderen Schlüssen kommen? Und vor allem: Warum erzeugen kritische Äußerungen so häufig eine extrem hohe emotionale Abwehrspannung?“

Das tun sie zweifellos, und ich muss zugeben, das tun sie auch bei mir. Nun ist der Artikel von Doris Schultz allerdings nicht dazu geeignet, mich in Wallung zu bringen, dazu weist sie zu dringlich auf etwas hin, was mir ebenfalls auf der Seele brennt:

Dass die fanatisch geführte Klimadiskussion unseren Blick von den gewaltigen, bereits bestehenden Zerstörungen unserer Umwelt, die dringend unserer Aufmerksamkeit bedürfen, ablenkt.

Das wiederum ist im Interesse jener „Kapital“-Verbrecher, die den Wirtschaftsstandort Erde noch mal über die Runden retten wollen, ohne ihre verheerende Wachstumslogik in Frage stellen zu müssen.

Ich habe mit dem Artikel „Die Klimaleugner“ kein Problem. Dort, wo die „Experten“ aufeinander eindreschen, nämlich im wissenschaftlichen Bereich, halte ich mich schon lange nicht mehr auf. Der Wissenschaftsstreit ist so alt wie die Wissenschaft selbst und wer sich einmal bewusst macht, wie käuflich die Wissenschaft geworden ist, investiert sein Vertrauen besser nicht in sie.

Ein Paradebeispiel dafür, auf wie perfide Weise die Global Player Wissenschaftler für ihr zerstörerisches Treiben instrumentalisieren, liefert Koch Industries. Koch Industries ist ein US-amerikanisches Unternehmen mit Sitz in Wichita, Kansas. Das Mischunternehmen ist in 50 Ländern unter anderem in den Produktionsbereichen Erdöl, Erdgas, Chemie, Energie, Asphalt, Kunstdünger, Nahrungsmittel und Kunststoff tätig.

Die Geschäftsmethoden von Koch Industries gerieten zwischen 1999 und 2003 in den Blickpunkt der Justiz, das Unternehmen wurde in diesem Zeitraum fünfmal strafrechtlich verurteilt und musste 400 Millionen US-Dollar an Strafen zahlen. Unter anderem hatte Koch Industries Umweltvergehen durch Datenfälschungen verschleiert. Der Mischkonzern hatte schon frühzeitig Wissenschaftler bestochen, damit diese in „seriösen“ Studien den Klimawandel leugneten.

„Die Firma“ verfügt über eine eigene Armee von Aufklärern, den sogenannten Carbon-Cops, die in die US-amerikanische Provinz ziehen, um den Menschen dort anhand der gekauften wissenschaftlichen Studien zu erzählen, welcher Schwindel der Klimawandel ist.

Dabei ist es völlig egal, ob wir an den Klimawandel glauben oder nicht. Die Folgen unseres respektlosen Umgangs mit der Schöpfung holen uns schon seit langem ein.

Demnächst haben wir ein weltumspannendes Elend von unvorstellbaren Ausmaßen zu konfrontieren. Biologisch gesprochen sind wir dabei, aus der Zeit der Bäume in die Zeit des Gestrüpps zu wechseln. Jahrzehntelang haben wir uns in unserer Ohnmacht mit immer neuen Parolen rüsten müssen: Rettet die Nordsee, rettet das Nashorn, rettet das Klima, rettet den Regenwald, rettet den, die, das. Das Ergebnis? Die Liste dessen, was wir dringend zu retten haben, wird immer länger.

Warum ist das so? Es sind ja nicht die Herausforderungen, die uns ohnmächtig werden lassen, sondern das verbreitete Gefühl, nicht an der praktischen Umsetzung von Lösungsansätzen teilnehmen zu können. Das Problem ist nicht die Krise!

Das wirkliche Problem ist das Gefühl der Machtlosigkeit – dieser Eindruck, mit gebundenen Händen dazustehen und nichts anderes tun zu können. Wir sind in einer Spirale des Machtentzugs gefangen, die uns immer machtloser werden lässt.

Die Natur ist gerade dabei, ihre globalen Dienstleistungen einzustellen. Jedes Jahr lieferte sie den Menschen einen Nutzen von 33 Billionen Dollar. In Form von Früchten, in Form von Wasser, das in den Flüssen gereinigt wird, und in Form einer CO2-Wäsche, die von den Pflanzen vorgenommen wurde.

Nach Schätzungen der Wissenschaftler Paul Hawken und Frederic Vester betrug der natürliche Kapitalstock 400 bis 500 Billionen Dollar, von denen schon jetzt mehr als die Hälfte aufgebraucht ist. Ein verheerender Ist-Zustand mit verheerenden Langzeitfolgen, die in unserer Bilanz noch gar nicht auftauchen.

Unsere Psyche ist dieser Situation nicht gewachsen. Kein Wunder, dass wir angesichts der niederschmetternden Botschaften dichtmachen. Unsere Aufnahmefähigkeit und unser Empörungspotential sind nämlich schneller erschöpft, als es der Sache dienlich ist. Die Wahrheit ist den Menschen eben nicht mehr zumutbar, wie die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann noch meinte.

Wir befinden uns an einem dramatischen Wendepunkt der Geschichte, das sollte jedem klar werden. Das sich verändernde Klima bringt auch ein anderes gesellschaftliches Klima mit sich. Nichts wird mehr so sein, wie wir es heute vorfinden – im politischen, im sozialen, im medizinischen Bereich ebenso wie im kulturellen Leben.

An solchen Wendepunkten nehmen wir Abschied von der Persönlichkeit, die wir waren. Wir begrüßen die Person, die wir gerade werden. Dabei sollten wir wissen, dass wir nicht alleine sind mit unserer Furcht: diese Angst erfasst uns alle. Aber wir können sie miteinander teilen.

Die Erschütterungen der alten Ordnung setzen ein gewaltiges Potenzial an bis dato gebundener Lebenskraft frei, das uns befähigen könnte, etwas völlig Neues zu wagen.

Wir sehen also: man kann entweder albträumen oder träumen. Aber verschlafen sollten wir den Zusammenbruch unserer Zivilisation, der mit dem Ökozid notgedrungen einhergehen wird, nicht. Obwohl ich glaube, dass genau das passieren wird: die meisten werden ihn gar nicht bemerken, weil sie die Indizien für den bevorstehenden Zusammenbruch nicht zu deuten wissen. Schließlich fühlt er sich für jeden anders an.

Das Ende unserer Zivilisation wird uns nicht wie eine aus tausend Kilometern Entfernung abgeschossene Rakete treffen, es wird viele Gesichter haben. Vielleicht kommt es in Gestalt so schlimmer Dürre- und Hungerkatastrophen, dass wir die Toten nicht mehr zählen mögen.

Für diejenigen, die sich auf der Straße gegen das System der totalen Überwachung zur Wehr setzen, könnte der Zusammenbruch nach Tränengas riechen. Für arbeitslose Jugendliche wird er aussehen wie Einstichstellen in der Armbeuge, wie Schorfwunden, wie der kurze Kick eines Crack-Krümels, mit denen ihr Viertel von der Mafia überschwemmt wird.

Vielleicht fühlt er sich aber auch wie gar nichts an. Vielleicht klingt er wie gar nichts, sieht aus wie gar nichts. Oder wie der US-amerikanische Schriftsteller Derrick Jensen es formuliert: „Vielleicht ist er der unverkennbare Geruch im Inneren eines Polizeiautos und der Blick durch das Rücksitzfenster auf ein kleines Mädchen, das an einer Eiswaffel leckt und das Wissen, dass Sie so etwas niemals mehr in ihrem Leben sehen werden.“

Wir alle stecken in persönlichen Geschichten fest, in der die Sorgen um unsere Familie, den Arbeitsplatz und die Gesundheit mehr wiegen als ein historisches Ereignis. Selbst wenn es von so großer Tragweite ist, wie das Ende unserer Zivilisation, das in seinen diffusen Erscheinungsformen allerdings kaum beweisbar ist – noch nicht. Und weil das so ist, weil wir uns nicht unnötig in Panik versetzen lassen, deuten wir Wahrheiten zu Verschwörungstheorien um. Menschengemachter Klimawandel? Wo? Wie? Was?

Uns ist es an dieser Stelle egal, ob der Umweltschutz systematisch ausgehöhlt oder ignoriert wird, uns kümmert es nicht mehr, dass die Grenzen zwischen Konzernen und Regierungen gänzlich aufgehoben werden. Und Folter, Freunde, Folter hat es schon immer gegeben. Lasst sie doch an jeder Straßenlaterne dieser Welt eine Kamera installieren, lasst sie unsere Mails lesen und unsere Telefonate abhören! Sollen sie doch daran ersticken. Mir doch egal. Die einzige Methode, alles zu kontrollieren, besteht darin, alles zu töten. Sollen sie doch. Sterben müssen wir schließlich alle einmal…

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