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Die Kita als Kaserne

Die Kita als Kaserne

Corona belegt, dass die Mehrheit der Erziehenden und Lehrenden nichts für Kinder übrig hat.

Hatte man als PädagogIn in den vergangenen zehn Jahren zuvor erlebt, dass „Bildung“ — vollkommen ins Gegenteil gedreht — nur noch als Prozess der Optimierung der kognitiven Funktionen im Sinne der Verwertbarkeit verstanden wurde, kam in Coronazeiten eine perfide Veränderung hinzu. Das bisschen Verständnis für kindliche Bedürfnisse und das Entwicklungsgeschehen, das bisschen Unterstützung durch empathische Erwachsenen, das bisschen Respekt vor kleinen Menschen ist auch noch verloren gegangen. Die „neue Normalität“ beinhaltet nämlich keine Fürsorge für die uns anvertrauten Kinder, sie verhindert sie jeden Tag.

Von offizieller Seite heißt es: Die Kinder müssen wieder den frühkindlichen Bildungsangeboten zugeführt werden! In Zweierreihen aufstellen, im Gleichschritt, Marsch!

Was hätten die Kinder denn gebraucht in den Zeiten des Lockdowns? Ihre Welt ist von einem auf den anderen Tag zusammengebrochen. Eltern, die nur noch über ein Thema reden — aufgeregte Eltern, gestresste Eltern, panische Eltern. Alle Alltagsroutinen, die ihnen Sicherheit vermitteln, wurden unterbrochen und chaotisch, bruchstückhaft und improvisiert, jeden Tag irgendwie rekonstruiert. Plötzlich sind beide Eltern zu Hause, aber die Großeltern und Spielfreunde sind verschwunden.

Kinder sind keine Gefahr

Unsägliche Geschichten werden aufgetischt und bis heute in ebenso unsäglichen Schriften den Kindern unter die Nase gerieben. Die Kinder können es schon lange nicht mehr hören. In unserer Kita hat es einen einzigen Satz zu Corona gegeben. Das war Ende April beim Frühstück. Ein vierjähriges Mädchen sagte: „Corona ist Scheiße. Das soll endlich aufhören.“ Alle anderen nickten und sagten gar nichts.

Die ersten Kinder, die in die Notbetreuung kamen, haben uns Erzieherinnen gemieden. Sie haben sich zurückgezogen in die letzte Ecke des verwilderten Gartens und haben stundenlang leise gespielt.

Wo blieb eigentlich die fachliche Diskussion darüber, wie Kinder aufgefangen werden können?

Es ging nur um die Sicherheit des Personals — und nur darum geht es bis heute. Die Kinder waren und sind aber nie eine Gefahr für die Erwachsenen gewesen. Wo bleibt die Aufarbeitung dessen?

Wie kann es sein, dass manche der Kitas und Grundschulen bis heute eine Art Kinderknast installiert haben und andere alles Erdenkliche tun, um den Kindern mit Verständnis und Wärme ein emotionales Klima zu schaffen, in dem gemeinsames Leben und Lernen erst wieder möglich wird?

Die Hysterie des Reglementierens und Denunzierens

Ein neunjähriges Mädchen geht mit der Großmutter — auf Abstand — spazieren. Die Oma bittet sie, einige Federn für Basteleien am Nachmittag aufzuheben. Das Mädchen sagt: „Nein, die darf man nicht anfassen. Dann kriegt man Vogelgrippe.“

Die Hysterie lässt sich also noch ausweiten: Es stellt sich heraus, dass die Klassensprecherin auf dem Schulhof solche abstrusen Anweisungen gibt. Die Lehrerin hat sie beauftragt, ihre MitschülerInnen zu reglementieren/zu denunzieren, falls jemand gegen die „Hygieneauflagen“ verstößt, denn sie könne ihre Augen nicht überall haben. Diese Klassensprecherin einer vierten Klasse entscheidet auch darüber, ob eine Maske ordentlich, dick genug oder groß genug ist. Ihre Mutter ist stolz auf sie. Kinder, die von der Maskenpflicht befreit sind, wollen alle eine tragen. Sie haben Angst.

In den Kindergärten wie in den Schulen gab und gibt es sehr seltsame, zum Teil völlig unsinnige und manchmal brutale Maßnahmen.

Es wurde darüber diskutiert, ob man die Babys nicht vor der Kita auf einer Decke ablegen sollte. Dann käme die — mit Kittel und Maske, Handschuhen vermummte — Erzieherin und trügen sie in die Kita. Das ist nicht nur diskutiert worden. Da stockt einem der Atem, nicht wahr.

Es wurde und wird gesprüht (und eingeatmet) und gewischt, was das Chemiezeug hält und die Krönung war und ist die Abgrenzung der Spielbereiche innen und außen durch Flatterbänder und Bodenmarkierungen. Erzieherinnen reglementierten und dokumentierten wochenlang jeden Spielkontakt eines jeden Kindes. Fakt ist: Sie haben nichts anderes gemacht.

Ende Mai: ein Blick auf einen fünfgruppigen Kindergarten bei herrlichem Wetter. Das großzügige Außengelände ist in sechs Bereiche aufgeteilt. In zwei Bereichen spielen jeweils vier Kinder. Die restlichen 112 sind im Haus. Da hat man sie eben besser im Blick und kann dort besser Spielkontakte verhindern?!

Viele Kitas fangen jetzt mit Beginn der Schnupfen- und Hustenzeit an, bei Kindern vor Betreten der Einrichtung Fieber zu messen. Das signalisiert jedem einzelnen Kind jeden Tag aufs Neue, dass es sich selbst nicht trauen kann. Objektiv und von außen wird so festgestellt, ob der kleine Mensch sich gut, lebendig, mutig und kraftvoll fühlen darf oder nicht.

Noch schlimmer: Von einer Sekunde auf die andere ist er eine Gefahr für die, die er liebt und wird isoliert. Das ist die Höchststrafe für Kinder. Das Fieberthermometer ist der neue Rohrstock in der Pädagogik: extrem wirkungsvoll, moralisch hochaufgeladen und sehr mächtig.

Mit Herz für Kinder

Pädagogik ist das Handeln auf der Grundlage philosophischer, soziologischer, psychologischer und neuerdings neurobiologischer Erkenntnisse. Pädagogik als eigene theoretische Disziplin war schon immer fragwürdig und ist jetzt offensichtlich gescheitert. Corona hat gezeigt: Sie ist keinen Pfifferling wert.

Gute PädagogInnen wissen das schon lange: Wer kein Herz für Kinder hat, sollte die Finger von diesen Berufen lassen. Corona hat sofort sichtbar gemacht, was einige geahnt haben: Es gibt in der Mehrheit Erzieherinnen und Lehrer, die nichts für Kinder übrig haben.

Sie sind gefangen in ihren eigenen Ängsten, manipulierbar, willfährig und unreflektiert. Sie haben keinen eigenen Standpunkt, kaum Empathie und jagen hektisch und in vorauseilendem Gehorsam von einer Maßnahme zur nächsten.

Das ist genau das, was unsere Kinder nicht brauchen — in diesen und zu allen Zeiten.

Danke Katrin McClean für Ihren Appell: Lasst endlich die Kinder in Ruhe!

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