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Die isolierten Selbstausbeuter

Die isolierten Selbstausbeuter

Die Atomisierung der Gesellschaft war das Fundament für die Freiheitseinschränkung, mit der wir uns heute konfrontiert sehen.

Damit es „so kommen“ konnte, wie es gekommen ist, musste, um die These plakativ zu setzen, die Freiheit — und das ist auch die Freiheit zu denken und alles zu denken und alles durchzudenken und querdurch zu denken —, musste also die Freiheit durch das Kapital beziehungsweise das Geschäft beschnitten werden. In der Phase, um die es nun geht, allerdings nicht mit Stacheldraht und Zaun — hierfür wären andere Instanzen auch besser geeignet, die übrigens, nachdem es „so gekommen ist“, durchaus wieder zum Zuge kommen —, nein, die Freiheit wurde vielmehr gar nicht beschnitten, sie wurde stattdessen ausgehöhlt und jede Form von Verbindung außerhalb des Zweckes des Kapitals — der Rendite, des Erfolgs — getilgt.

Damit ist die gesellschaftspolitische Voraussetzung für dieses „So-Kommen“ genannt. Über den Vollzug dieser Aushöhlung, ein technischer Vorgang im Grunde, wird noch zu sprechen sein. Am Anfang dieser weiteren Lektüre in Hans „Psychopolitik“ geht es mir zunächst um das Herausstellen dieser neoliberalen Zeitenwende selbst und der damit verbundenen Erkenntnis, dass es eine Gesellschaft als denkende und bis zu einem gewissen Grad autonome Instanz nicht mehr gibt. Diese Instanz hat sich in — digitale — Ich-Unternehmungen atomisiert.

Teilnahme als Selbsttilgung

Die Wörter für „Gesellschaft“ und „Freiheit“ sind allerdings nicht verschwunden, sie überleben als Hülsen. Das ist ja das Wesen der Aushöhlung. Die Semantik der Wörter wird usurpiert, mehr noch: gedreht und pervertiert. Freiheit bedeutet nun die grenzenlose und bis in innerste Sphären reichende Teilnahme am Geschäft, wobei das Wort „Teilnahme“ insofern irreführend ist, als das Subjekt nicht als solches an etwas teilnimmt, sondern die Teilnahme vielmehr die Verdrehung des Subjekts zum Objekt herbeiführt.

Die ideologisch-gesellschaftspolitische Basis dafür ist, wie gesagt, die grenzenlose Kommerzialisierung des Daseins — der US-amerikanische-norwegische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen hat den Anfang dieser Entwicklung im Übergang zum 20. Jahrhundert in den USA verortet in Form der Kommerzialisierung beziehungsweise „Verzweckung“ der Bildung; es sind auch andere historische Bezüge denkbar. Diese Kommerzialisierung des Daseins stellt sicher, dass nicht das Subjekt am Geschäft teilnimmt, sondern das Geschäft das Subjekt sich einverleibt.

Auf der politischen Ebene war dieser Prozess mit Margaret Thatchers Zerschlagung der Gewerkschaften im Grunde weitgehend abgeschlossen. Ab da galt in der westlichen Hemisphäre: Freiheit ist die „Freiheit“, sich grenzenlos in Produktions- und Dienstleistungsketten einzubringen, also sich für das Kapital auszubeuten, wobei die Ausbeutung als persönlicher Erfolg verzeichnet wird, als Erfolg eines Subjekts.

Ende der Freundschaft

Han schreibt:

„Das neoliberale Subjekt als Unternehmer seiner selbst ist nicht fähig zu Beziehungen zu anderen, die frei vom Zweck wären. Zwischen Unternehmern entsteht auch keine zweckfreie Freundschaft. Frei-sein bedeutet aber ursprünglich bei Freunden sein. Freiheit und Freund haben im Indogermanischen dieselbe Wurzel.“

Dagegen arbeitet das neoliberale Regime — Han spricht tatsächlich von „Regime“ — auf die Vereinzelung hin. Eine Gesellschaft ohne zweckfreie Beziehungen und also ohne Freundschaften ist eine Gesellschaft der Isolation. Das wiederum ist die Voraussetzung für das „Kommen“, wie es eben kam. Dem digitalen Gerät, verdichtet im Smartphone, ist die Bahn geebnet. Zu diesem Gerät später mehr.

Han schreibt: „Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes (...) System, die Freiheit selbst auszubeuten.“ Und weiter: „Die individuelle Freiheit, die heute eine exzessive Form annimmt, ist letzten Endes nichts anderes als der Exzess des Kapitals selbst.“

Ich-GmbHs revoltieren nicht

Damit ist in einer ersten Schicht der zivilisatorische und erkenntnistheoretische Zusammenbruch gefasst. Aber wir stehen noch am Anfang der Erklärung. Die Diktatur des Kapitals ist das Fundament des Geschehens, wobei der Neoliberalismus, was die Ausbeutung betrifft, gelernt hat.

Han schreibt: „Das neoliberale Regime verwandelt die Fremdausbeutung in die Selbstausbeutung, von der alle ,Klassen‘ betroffen sind.“

Das ist kostensparend und erhöht die Stabilität der Kapitalmacht maximal. Soziale Revolutionen sind in einer selbstausbeutenden, atomisierten Gesellschaft ausgeschlossen.

Han: „Aufgrund der Vereinzelung des sich selbst ausbeutenden Leistungssubjekts formiert sich kein politisches Wir, das zu einem gemeinsamen Handeln fähig wäre.“ Und er folgert auf das Scheitern bezogen: „Im neoliberalen Regime richtet sich die Aggression vielmehr gegen sich selbst. Diese Autoaggressivität macht den Ausgebeuteten nicht zum Revolutionär, sondern zum Depressiven.“

Das klärt auf der Ebene der Verfasstheit der Gesellschaft, weshalb Legislativen, also Machtapparate, immer autoritärer agieren und Bürgerinnen und Bürger im Bedarfsfall auch vernichten können und sich gleichwohl nicht zu fürchten brauchen: Ich-GmbHs starten keine Revolten.

Transparenz als notwendige Beigabe

Die Frage, wie konnte es so kommen, verlangt indes nach weiteren Präzisierungen. Das bislang Gelesene und Festgehaltene markiert Gründe, aber erklärt nicht hinreichend. Theoretisch wäre es beispielsweise möglich, dass die isolierten Subjekte für sich zu einer Erkenntnis kämen, wenngleich Depressionen zuweilen Erkenntnisprozesse erschweren — und insofern nochmals stabilisierend wirken, als sich die Betroffenen auf sich selbst richten und Therapeuten aufsuchen, welche wiederum als Ich-GmbHs fungieren und so das System abermals stärken.

Zu Erkenntnis gelangende Subjekte, wenngleich vereinzelt und ohne freundschaftlichen, also kapitalunabhängigen Bezug untereinander, könnten also die Macht gefährden. Das zu verhindern, kommt eine neue Schicht ins Gefüge, die bei einer anthropologischen Grundkonstante ansetzt: beim Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Es ist die Transparenz. Als Narrativ dient sie der Sicherheit — und Einzelne sind schnell verängstigt, deutlich schneller als solche, die in einer (ideellen) Gemeinschaft aufgehoben sind —, in Wirklichkeit geht sie mit der Selbstausbeutung Hand in Hand.

Die neoliberale Welt ist eine transparente Welt, zumindest auf Seiten der Massen, also der Ohnmacht. Han unterlässt es, die Differenz in dieser Hinsicht zum Kapital herauszustellen, ich komme später darauf zurück. Die Atomisierung bedingt die Transparenz auf Seiten der Vereinzelten, denn nur als Transparente sind sie stabil als Isolierte zu halten. Bei Intransparenz dagegen wären Prozesse nicht ausgeschlossen, im Rahmen derer Kräfte entstünden, die für das Kapital eine Gefahr bedeuteten. Jacques Derrida hat in einem späten Interview auf den Zusammenhang von Totalitarismus und der Ausrottung von Geheimnissen aufmerksam gemacht.

Ständiger Datenfluss als Erkenntnisnivellierung

Nun geht es bei der Transparenz nicht allein darum, dass Einzelne für die Macht lesbar wären und so unerwünschte Erkenntnis rechtzeitig zu orten und zu löschen wären. Lesbar sind sie in der kapitalistischen Welt der vorneoliberalen Epoche weitgehend ebenso. Etwa in Benthams Panoptikum und dem, was Foucault und andere, an dieses Panoptikum angelehnt, als Disziplinargesellschaft bezeichnen.

Darüber hinaus entscheidend ist aber vielmehr, dass alle immer für alle lesbar sind und dass Abweichungen — beispielsweise Erkenntnisse eben — dadurch nicht von oben nach unten korrigiert, sondern in und durch die ständige „Lektüre“ der Atomisierten unter sich — die sozialen Medien sind hierfür der maßgeschneiderte Kanal, ihre Implementierung zwingend — nivelliert und gelöscht werden.

Der Zusammenhang ist allerdings noch fundamentaler: Die von Han gesetzte Selbstausbeutung funktioniert als Erfolg und Freiheit nur, indem sie von anderen, die ebenso nach Erfolg trachten, bestätigt, also „gelikt“ wird. Erst in der Transparenz wird der Erfolg zum Erfolg durch Bestätigung aller durch alle. Der Erfolg ist dem Schein nach die Freiheitsleistung eines Subjekts, in der Tat aber das Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt, weil der Mensch bis ins Innerste vom Erfolg und dessen Strukturen durchzogen ist. Engmaschiger als jedes Eisengitter.

Digitalismus als barocker Schein

In gewissen Hinsichten kann der Neoliberalismus deshalb als ein Revival des Barocks gelesen werden. Das Zeichen ist das Wahre, der Schein das Sein. Deshalb auch die Verschränkung des Neoliberalismus mit dem Digitalismus. Die Digitalisierung, also die Reduktion von Welt auf binäre Zeichen, auf Daten, ist das Projekt des Neoliberalismus schlechthin, technologisch übrigens ausnahmslos vom militärisch-industriellen Komplex in Gang gesetzt. Erst die digitale Welt ermöglicht die Transparenz und die mit dieser verschränkten Selbstausbeutung in optimierter und also adäquater Weise. Die Umwandlung von Welt in Daten macht nämlich endlich auch Innerstes für Kräfte von außen greifbar.

Zu Daten geworden — zu den Daten in einer späteren Lektüre mehr — verliert die Welt das Innere. Aufgrund der grenzenlosen Bestimmung der „Freiheit“ beziehungsweise der Selbstausbeutung, konkret: aufgrund der grenzenlosen Kommerzialisierung aller Bereiche und der ständigen „kompetitiven“ und totalen Abbildung aller durch alle mittels digitaler Codes wird der Mensch bis ins Innerste nach außen gestülpt.

Das Innen hört somit auf zu sein und es bleibt zurück ein Außen, dem aufgrund des Verlustes eines Gegenübers nicht einmal mehr die Qualität eines Äußeren zukommt. Leere herrscht.

Han schreibt:

„Sie (die Transparenz) kehrt alles gewaltsam nach außen, um es Information werden zu lassen. (...) Geheimnis, Fremdheit und Andersheit stellen Hindernisse für eine grenzenlose Kommunikation dar. (...) Auch Personen werden entinnerlicht, denn die Innerlichkeit behindert oder verlangsamt die Kommunikation.“

Ent-Innerlichung als Beschleunigung

Der Hinweis auf die Ent-Innerlichung — konkret vollzogen durch die digitale Technologie — ist wesentlich für die Beantwortung der Frage „Wie konnte alles so kommen?“. Essentiell insofern klargestellt ist, dass keine inneren Hindernisse — wie auch immer „zustande kommend“, wie auch immer beschaffen — mehr existieren — und keine Idioten, die sich querstellen, vergleiche meine erste Lektüre — und als Folge davon für Direktiven von außen, also für das Abgreifen des Inneren so sehr freie Bahn ist, dass der ganze Vorgang am Ende als reine Beschleunigung zu denken ist.

Erst im Augenblick des Corona-Schocks — noch sind biologisch-seelische Anteile gegeben, zumindest bei einigen Menschen, die noch nicht gänzlich von der Konformität überschrieben und als Daten eingepflegt sind und also noch erschrecken können — haben wir diese Beschleunigung erkannt, in erster Linie als Monstrosität, als Destruktion — beispielsweise des Rechtstaates, der Debattenräume et cetera, allerdings war dem allem die Destruktion lange vor der Corona-Inszenierung bereits eingeschrieben, und das Entsetzen, wie schnell das alles um sich griff, die Beschleunigung, war ein wesentlicher Grund für den Schock. Die Beschleunigung ist die höchste Gewalt, so der Philosoph Paul Virilio, und sie ist ein Schlüsselelement bei der Beantwortung unserer Leitfrage.

Totale Konformität und Gesellschaft der Untoten

Die grenzenlose Konformität — vergleiche auch hierzu die Rolle des Idioten aus der ersten Lektüre — hat ihren Ursprung in der fortwährenden Korrektur aller durch alle, basierend auf absoluter Transparenz und also totaler Entäußerung. Die Haltlosigkeit eines solcherart bestimmten Daseins, seine Anfälligkeit für Panik und Angst, ist die psychologische Kehrseite, die so lange gegeben ist, als wir noch nicht gänzlich zu einem — von einem Harari geradezu bübisch besungenen — Gerät geworden sind.

Das bislang Ausgeführte macht abermals deutlich, dass die Perversion — nicht moralisch verstanden, ich argumentiere nie moralisch — das Merkmal des Neoliberalismus wie auch seine strategische Raffinesse ist: Die Gesellschaft ist aufgehoben, an ihre Stelle treten atomisierte Einzelne, die sich freiwillig selbstausbeuten, was wiederum die vollständige Transparenz bedingt.

In dieser totalen Dauerbestrahlung aller durch alle aber hebt sich die Isolation auf, denn jeder Isolierte findet sich umzingelt von anderen Isolierten, herabgebrochen auf Information, auf Daten. Die Vereinzelten sind also nicht einfach für sich isoliert, es sind alle für alle isoliert und einsichtig als Isolierte, umzingelt von Isolierten als in digitalen Daten Aufgelösten und Entäußerten.

Dem Schein nach ergibt sich also durchaus sowas wie eine Gesellschaft, in Wirklichkeit aber ist dieser digitale „Raum“, ein virtuelles Medium, die Potenzierung der Isolation, die einsamste Einsamkeit schlechthin, die sich als Masse sehen lässt, als Datenmasse, und jede Äußerung, die von außen nach außen ergeht — als Datensatz auf Facebook, Twitter et cetera — zementiert die Isolation ein ums andere Mal mehr.

Zu erwarten, dass aus einer derartigen Masse, eingepflegt in einem derartigen digitalen Korsett, etwas hervorgehen könnte, das der Macht gefährlich würde, ist naiv. Diese Naivität findet sich überaus oft in Widerstandskreisen.

Han bringt es in dieser Passage auf den Punkt:

„Eine totale Konformität ist eine weitere Folge des Transparenz-Dispositivs. Zur Ökonomie der Transparenz gehört es, Abweichungen zu unterdrücken. Die Totalvernetzung und Totalkommunikation wirkt schon als solche einebnend. Sie erzeugt einen Effekt der Konformität, als würde jeder jeden überwachen, und zwar vor jeder Überwachung und Steuerung durch Geheimdienste. Die Kommunikation wird von unsichtbaren Moderatoren geglättet und auf das allgemeine Einvernehmen heruntergeregelt. Diese primäre, intrinsische Überwachung ist viel problematischer als die sekundäre, extrinsische Überwachung durch Geheimdienste.“

Endlose Glättung

Entscheidende Koordinaten des Super-GAUs, nach dem Carlos Gebauer fragt, finden sich in diesen obigen Zeilen vereinigt. Die Einebnung hat uns lange Jahre wenn überhaupt, dann lediglich in ungenügendem Ausmaß die Verheerungen erkennen lassen, die mit der digitalen Technologie und ihrer Transparenz schleichend implementiert worden sind. Lange Zeit haben der äußeren Form nach Debatten stattgefunden, demokratische Wahlen und juristische Veranstaltungen, die mehr oder weniger noch mit einem Ideal zu verbinden waren — dabei konnte ich selbst erleben, dass Staatsanwaltschaften lange vor Corona reine Machtinstrumente waren, im Grunde faschistische Gefäße zwecks Auslebung sublimierter Lust, agierend im Modus des logischen Irrsinns.

Die Nivellierung von Denkprozessen hat sichergestellt, dass die Reduktion von Inhalten auf Formen, Hülsen und Computermodelle — als digitale Fassung — gerade auch von Intellektuellen nicht erkannt wurden und werden, Intellektuelle, die gar jetzt noch von Debatten ausgehen, wo in Wirklichkeit längst nur Schemen verschoben werden. Der intrinsische Mechanismus, der vorherrscht, also die mit der Selbstausbeutung vollzogene Verschiebung des Subjekts zum Objekt, die als autonome Setzung des Subjekts wahrgenommen wird, macht ein Erkennen der Tatsache, dass in einem fort von außen Schranken und Verengungen gesetzt werden, unmöglich.

Die Freiheitsberaubung, die Untergrabung der Autonomie wurde und wird vielmehr als selbstgewähltes, autonomes Handeln erlebt, als Freiheit. Schau, was mein Handy alles kann!

Gleichwohl möchte ich nochmals betonnen — das stellt Han nicht heraus —, dass die totale Transparenz auf Seiten der Massen einherging mit einer totalen Intransparenz der Macht. Die beiden Prozesse bedingen einander und verfestigen am Ende den Eindruck der Freiheit auf Seiten der Massen abermals.

Eine Macht, die fehlt, weil sie nicht sichtbar ist, gibt es nicht. Und ist also auch nicht verantwortlich. Intellektuelle verlegen Eliten als handelnde Instanz vielmehr in den Bereich der Mythen und Märchen. Das ist nur einer von unzähligen Topoi der Machtverschleierung in Scheindebatten — die es ja genau zu diesem Zweck auch gibt. Im Wertewesten gibt es keine Diktatoren, man hat ja das Handy. Im Osten gibt es ihn umso mehr. Dass auch die das Handy haben, geht vergessen.

Diktatur ist Nostalgie

Es geht bei diesen Prozessen also um weit mehr als um eine Verlagerung des Diktators ins Subjekt hinein — das in Wirklichkeit zum erkenntnistheoretischen Objekt, zur Ware geworden ist, aber logischerweise ohne Bewusstsein dafür, sonst wäre es ja keine Ware. Das Diktat kommt von innen, aber einem entäußerten Innen, das als Innen ausgehöhlt ist, und es wird vollzogen durch ein grenzen- und hindernisloses fortwährendes Durchleuchten aller „entäußerten Innen“ durch alle. Den Diktator braucht es dafür nicht.

Das ist kennzeichnend für den erkenntnistheoretischen Zustand einer kognitiv geglätteten und haptisch unbeholfenen Gesellschaft. In negativer Weise läuft der Begriff des Begreifens am Ende der Zivilisation wieder mit der Motorik zusammen:

Menschen begreifen nicht nur nicht — Handy-Träger begreifen nur noch das Handy —, sie verlieren auch den Zugriff aufs Analoge überhaupt, regredieren.

Inszenierungen haben es in der Folge leicht. Abgleichungen mit einer analogen Wirklichkeit sind nicht zu befürchten.

Liken als Unterwerfung

Fehlt bei Han auch der Hinweis auf die mit der Totaltransparenz korrespondierende Totalintransparenz der Macht, so weist er präzis darauf hin, dass es sich bei der Herrschaftstechnik der Selbstausbeutung um eine Unterwerfung unter eine Herrschaft handelt und dass diese Technik gezielt von der Herrschaft herbeigeführt ist, indem sie das entsprechende Unterwerfungsinstrument in die Hand reicht.

Han schreibt:

„Jedes Dispositiv, jede Herrschaftstechnik bringt ihre eigenen Devotionalien hervor, die zur Unterwerfung eingesetzt werden. Sie materialisieren und stabilisieren die Herrschaft. Devot heißt unterwürfig. Das Smartphone ist eine digitale Devotionalie, ja die Devotionalie des Digitalen überhaupt. Als Subjektivierungsapparat fungiert es wie der Rosenkranz, der in seiner Handlichkeit auch eine Art Handy darstellt. Sie dienen beide zur Selbstprüfung und Selbstkontrolle. Die Herrschaft steigert ihre Effizienz. Indem sie die Überwachung an jeden Einzelnen delegiert. Like ist digitales Atmen. Während wir Like klicken, unterwerfen wir uns dem Herrschaftszusammenhang. Das Smartphone ist nicht nur ein effektiver Überwachungsapparat, sondern auch ein mobiler Beichtstuhl. Facebook ist die Kirche, die globale Synagoge (wörtl. Versammlung) des Digitalen.“

Damit ist der flächenmäßig gestreute Begriff „Leugner“ aus der Sache selbst heraus gesetzt. Und dass auch „Leugner“ unendliche Male am Tag klicken und sich durch diesen Vorgang dem Herrschaftszusammenhang unterwerfen, ist eine weitere Schlüsselerkenntnis bezüglich der Frage: „Wie konnte alles so kommen?“ Die in Corona-skeptischen Kreisen nicht selten noch immer anzutreffende Meinung, man könne diese Geräte ausschalten und dann sei reine Luft, macht deutlich: „Es“ kommt nach wie vor, und das Präteritum in der Fragestellung ist falsch.

Smartphone auf den Müllhaufen

Wie alles zu ändern wär? Ganz leicht. Die Smartphones von heute auf morgen wegwerfen, auf den Mülleimer der Geschichte. Dann könnte es eine Rettung geben. Allerdings darf keine Mülltrennung erfolgen. Sonst wird recycelt.


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Quellen und Anmerkungen:

Die Zitate im Text stammen alle aus dem Buch: Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt 2014.

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