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Die Iran-Manipulation

Die Iran-Manipulation

Das Narrativ, das die westliche Propaganda nutzt, ist längst widerlegt.

Die Rolle des Hijab in der iranischen Gesellschaft

Iranische Frauen haben nicht nur ein außergewöhnlich attraktives Aussehen, sondern sind auch sehr intelligent und mutig. In dem Buch „Women in Iran: Emerging voices in the women’s movement“ (1) finden wir die gleiche Unterscheidung wieder, auf die wir in der gesamten Politik gestoßen waren. Während eine Frauenbewegung, die das System des muslimischen Patriachats grundsätzlich in Frage stellt, hart verfolgt wird, gibt es eine lebhafte und wirkungsvolle Bewegung, die ihre „Freiheit unter dem Kopftuch“ erkämpft.

„Wir müssen unterscheiden zwischen Frauenbewegungen, die sich entscheiden, die Probleme innerhalb des herrschenden Systems zu heilen, (z.B. Beschränkungen in Bildung für Frauen oder das Sorgerecht) , und solchen, die beabsichtigen, die Geschlechterbeziehung grundsätzlich neu zu organisieren“ (2).

Das Buch beschreibt aber, dass es durchaus auch grundsätzliche Veränderungen durch Reformen innerhalb des Systems geben kann. Aber wissenschaftliche Arbeiten basieren fast immer auf Vergangenheitsdaten. Deshalb halte ich die Beschreibung der gegenwärtigen Situation und der Zukunftsaussichten für interessanter.

Interessant ist die Begründung von Dr. Hossein Pur, einem iranischen Arzt, der unter dem Schah-Regime nach Deutschland kam, hier studierte, als Urologe Karriere machte, seine Kinder groß zog und sich heute besonders für Mädchen im Iran einsetzt, warum er der Meinung ist, dass die Kopfbedeckung für die iranischen Frauen derzeit kein Thema ist, also das Thema insbesondere für das Ausland medienwirksam hochgeschaukelt wurde.

„Für die religiös Traditionellen ist das ohnehin kein Thema. Für die Intellektuellen ist das insofern kein Thema, da sie das Kopftuch halbherzig tragen, um das Problem auszuklammern, um die Freiheit zu bekommen ihre sonstigen Rechte durchzukämpfen. Sie haben diesbezüglich gute Erfahrung. Frauen, wie Masoume Ebtekar haben bisher einiges erreicht. Ihr Wort hätte bei den Radikalfundamentalisten keine Wirkung hinterlassen, wenn sie sich nur auf das Thema Kopftuch konzentriert hätte. Nur Frauen, die auf sich aufmerksam machen wollen, treten so auf. Ich war vom 13. bis zum 27. November 2017 in Iran. Die Kopftücher werden locker getragen. Sie rutschen immer mehr zurück. Einige Frauen tragen ein süßes Hütchen, um das Kopftuch zu ersparen, was im Winter opportun erscheint. Ob sie es auch im Sommer tragen würden, ist sehr fraglich.“ (3)

Mit anderen Worten: Wer eine drastische Abschaffung des Kopftuchs beziehungsweise Hijab, beziehungsweise Hidschabs in Deutsch, fordert, der kümmert sich nicht wirklich um die Gesellschaft, sondern nur um das Durchsetzen eines westlichen Dogmas. Wer auf der sofortigen Abschaffung besteht, geht in Konfrontation zu den konservativ-religiösen Frauen, und wird von diesen nicht mehr als Gesprächspartner akzeptiert. Genau das treibt einen Keil in die Gesellschaft, dient einem „teile und herrsche“-Prinzip derjenigen, die nicht auf Konsens und Kooperation setzen, sondern Machtpolitik durchsetzen wollen. Ganz anders die Situation von Ausländern, die sich im Ausland mit iranischen Geistlichen treffen. Wenn diese Frauen sich weigern, ein Kopftuch zu tragen, ist die Akzeptanz der Gegenseite dazu der Lackmustest, ob sie zu einem Gespräch bereit ist.

Zum Bedauern der Entwickler des „Hidschab-Logos“ wurde ein CIA-Dokument (4) geleakt, das Kriegspropaganda enthüllt. In diesem Fall „Krieg und Frauen haben sich medial endlich versöhnt“, wie der Politikwissenschaftler Jörg Becker feststellt. Frauen und ihre Rechte sind neben Kindern die idealen Transporteure für Empörung und damit Legitimation von Gewalt und sogar Krieg (5).

Die Kopftuchvorschrift wurde in den letzten Jahren immer stärker durch Frauen herausgefordert, die das Kopftuch mehr als modisches Accessoire tragen und auch Teile der Haare sehen lassen. Diese Verletzung der Vorschriften könnte durchaus zu Strafen führen. Aber unter dem Eindruck von immer mehr weiblichem Selbstbewusstsein, wurde diese strafrechtliche Verfolgung im letzten Jahr weitgehend aufgegeben.

Wie der Bericht von SkyNews schreibt, erklärte der Polizeichef der Hauptstadt Teheran, Hossein Rahimi, dass die Nichtbeachtung der Kleidervorschriften nicht mehr zu Verhaftungen oder Strafprozessen führen wird. Allerdings müssten sie damit rechnen, an Schulungen der Polizei teilnehmen zu müssen. Und sollten Frauen wiederholt den Kleidervorschriften trotzen, müssen sie immer noch mit Strafprozessen rechnen. Der Artikel führt aus:

„Die Kommentare des Polizeichefs nach seiner Ernennung im August werden als Zeichen eines weicheren Vorgehens gegenüber seinem Vorgänger, General Hossein Sajedinia, gesehen“ (6).

Als aber während der Proteste das Ablegen des Hijabs als Form der westlich geprägten „Revolution“ deutlich wurde, reagierte das Justizsystem zunächst wieder mit verstärkter Verfolgung der Verstöße.

Die Aufweichung der Kleidervorschriften ist bezeichnend für die Entwicklung der Gesellschaft, in der unterschiedlichste Kräfte um die Führung der Gesellschaft ringen. Den Konflikt nicht offen eskalieren zu lassen, und die Gesellschaft so zu liberalisieren, dass auch säkulare Strömungen aktiv am Aufbau des Landes mitarbeiten, statt auswandern zu wollen, ist sicher keine leichte Aufgabe.

Die Kopftuchikone

Dass PR-Agenturen Werbung für Anliegen der Außenpolitik der westlichen Großmächte machen, dürfte seit der Brutkastenlüge oder den Auszeichnungen für die White Helmets bekannt sein. Zumindest für diejenigen, die sich nicht alleine auf die Informationen der Massenmedien und staatlichen Protagonisten stützen. Und so war es auch nicht verwunderlich, als klar wurde, dass das Symbol des „Aufstandes“ im Iran von 2018, die junge Frau, die ihr Kopftuch demonstrativ an einem Stock vor sich hält, wieder einmal eine solche PR-Aktion war, diesmal der US-Regierung. Hier nun die Hintergründe der Aktion.

Am Tag, als die Proteste gegen die wirtschaftlichen Verhältnisse im Iran durch ausländische Regierungsgegner übernommen wurden, am 28. Dezember 2017, erschien das Bild einer in schwarz gekleideten Frau, die auf einer Erhöhung, vermutlich ein Elektroanschlusskasten, in einer belebten Straße ihr Kopftuch, ihr Hijab, an einem Stock vor sich hielt. Bilder, welche die ganze Szene abdecken, zeigen, dass sich praktisch niemand um die Frau kümmerte. Nachdem jedoch das Foto die Person im Westen zu einer Ikone hochstilisiert hatte, wurde sie verhaftet, verhört und dann wieder entlassen.

Die ersten Veröffentlichungen des Fotos wurden von „My Stealthy Freedom“ (@masihpooyan) vorgenommen, einem Twitter-Konto, das im Januar 12.000 Follower aufwies. Dieses Konto warb nun im Iran dafür, dass Frauen bewusst gegen die Gesetze des Landes verstoßen sollen und zeigte im Januar mehrere Dutzend Nachahmer.

Dass die Veröffentlichung des Fotos zeitgleich mit dem Beginn der in Gewalt umgeschlagenen Demonstrationen erfolgte, ist sicher kein Zufall, auch wenn seit 2014 westliche Medien immer wieder das Kopftuchgebot zum Anlass nehmen, zum „Widerstand“ gegen das „Regime“ aufzurufen. Die neueste Kampagne wurde durch den iranfeindlichen US-Sender Voice of America (in Farsi) und weiteren US-Medien vorangetrieben, mit dem Ziel einen Regime-Change im Iran auszulösen.

Die Frau, welche dafür von den Protagonisten der „Demokratisierung“ und „Befreiung“ des Iran ausgewählt wurde, hat eine ähnlich interessante Geschichte wie andere „Freiheitskämpfer“, die es geschafft haben, den Kampf für ihre Anliegen zum Beruf zu machen. Ihr Name ist Masoumeh Alinejad (7). Sie bevorzugt die Nutzung ihres Künstlernamens Masih, was übersetzt aus Farsi etwa die Bedeutung von „Erlöserin“ hat. Sie wurde am 11. September 1976 geboren und lebt in New York. Der Westen wurde auf sie aufmerksam, als sie im Iran als aufrührerische Journalistin auffiel. Laura Secor veröffentlichte 2009 einen Artikel im New Yorker (8) über sie. Dort wird berichtet, dass sie den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu einem persönlichen Interview mit den Worten aufgefordert hatte: „Reden Sie mit mir, Mr. Ahmadinedschad, wenn Sie sich trauen“. Worauf verständlicherweise kein Interview zustande kam.

Sie arbeitete für die iranische Zeitung Etemad-e Melli, die von Mehdi Karroubi finanziert wurde, der 2009 die Präsidentschaftswahlen gegen Ahmadinedschad verlor. Karroubi war einer der Gründer der sogenannten „Grünen Revolution“, die sich an angeblichen Wahlfälschungen zugunsten von Ahmadinedschad entzündeten. Auch hierbei hatten vermutlich westliche Beeinflussungen eine wichtige Rolle gespielt. Wie in einem separaten Artikel oder in meinem derzeit entstehenden Buch zu lesen, stellten sich die Behauptungen später als haltlos heraus, obwohl im Westen nach wie vor das Gegenteil behauptet wird. Karroubi wurde daraufhin längere Zeit unter Hausarrest gestellt. Die Veröffentlichungen der „Journalistin“ waren dermaßen aufrührerisch, dass sich sogar Karroubi davon distanzierte:

„Die Antwort [auf die Beleidigungen] war unmittelbar und so verärgert, dass sogar Karroubi selbst eine Entschuldigung am darauf folgenden Tag veröffentlichte, in der er schrieb, dass Alinejads Analogie zeige, dass manche Menschen nicht ‚den Unterschied zwischen Kritik und Beleidigung‘ kennen würden“ (9).

Die „Erlöserin“ in dem Time-Artikel auch „Jesus“ genannt, verbrachte das Jahr 2007 für Sprachstudien in London. Die Finanzierung ist nicht bekannt. Jedoch kam sie dort mit US-Beamten in Kontakt und sie schrieb einen Brief an Präsident Obama mit der Bitte um ein Interview. Wobei man wissen muss, dass es iranischen Bürgern nicht erlaubt ist, ohne Genehmigung US-Beamte zu interviewen. Ihr Werdegang schien jedenfalls die US-Beamten zu überzeugen und sie erhielt ein Visum für die USA. Dann arbeitete sie mindestens seit 2013 (10) von London aus für Voice of America in Farsi. In Oxford graduierte sie in Public Relations, und „The Guardian“, der an vorderster Front der Politik für Regime Change steht, erwähnte sie seit 2011 ungefähr beachtliche 50 Mal.

Im Jahr 2014 zog die PR-Spezialistin nach New York und begann ihre erste Kampagne gegen das Gesetz des Iran, nach dem Frauen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedeckt halten müssen. Die Internetseite mystealthyfreedom.net und andere Projekte in den Sozialen Medien forderten Frauen im Iran auf, sich selbst in der Öffentlichkeit ohne bedeckte Haare zu fotografieren. In vielen westlichen Medien, natürlich insbesondere in Ländern, die dem Iran gegenüber feindlich eingestellt sind, wie zum Beispiel Israel (Haaretz), den USA (Washington Post) und Großbritannien (BBC Trending), wurde intensiv darüber berichtet.

Im Jahr 2015 erhielt sie von der berüchtigten zionistischen Organisation UN Watch (11) einen Preis für ihr Engagement. Die Aktion lief bis circa September 2015, danach fiel die Seite in einen Dornröschenschlaf bis zum Mai 2017. Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte die BBC eine verschleierte Werbung für die Seite (12). Newsweek folgte dann der Linie (13). In beiden Veröffentlichungen wird behauptet, dass der Aufruf im Iran zu einer großen Zustimmung geführt hätte. Allerdings zeigte zu dem Zeitpunkt die offizielle Facebook-Statistik (14) Anfang 2018 lediglich 1.500 Likes und 316 Shares, während Reuters von über einer Million Followern (15) schrieb.

Die Journalistin erklärte mehrere Male, dass sie in iranischen Medien verleumdet werden würde. Jedoch konnten das meine iranischen Bekannten nicht bestätigen, die meisten kannten sie nicht. Andererseits könnte man vermuten, dass im umgekehrten Fall, in dem also eine US-Amerikanerin, angestellt bei einem russischen Propaganda-Medium, die zum offenen Gesetzesbruch in den USA aufrief, bei amerikanischen Beamten nicht besonders beliebt wäre.

Für ihre PR-Tätigkeit bei Ihrer 15-minütigen Voice-of-America Sendung erhält sie von der US-Regierung jährlich 85.600 Dollar (16). Das U.S. Broadcasting Board of Governors, das ihr offizieller Auftraggeber ist, wird durch das US-Außenministerium überwacht.

Die Beachtung der Anti-Hijab-Botschaft innerhalb des Iran ist vollkommen unterschiedlich zu der medialen Bedeutung im Westen. Wie bereits erwähnt sehen auch Feministinnen im Iran das Kopftuch als geringeres Problem an. Im Gegenteil benutzen Sie es, um eben auch jene religiösen Frauen ansprechen zu können, die sie ohne Hijab gar nicht erreichen würden. Ende Januar waren innerhalb einer Woche angeblich höchstens sechs Frauen im Iran damit beschäftigt, das Kopftuch in der Öffentlichkeit abzulegen. Dann gab es auch eine Bewegung im Iran, die sich über den PR-Stunt lustig machte. Indem zum Beispiel junge Männer ihre Hosen auszogen und vor sich hielten, in der gleichen Pose, in der die Hijab-Ikone verbreitet wird.

Tatsächlich war und ist die Kampagne kontraproduktiv für die zunehmende Liberalisierung des Landes. Während die staatlichen Organe in den letzten Jahren immer größere Freiheiten zuließen, und auch in Teheran das Nichtbeachten des Gebots der Kopfbedeckung wohl nicht mehr strafrechtlich verfolgt wurde (ohne dass jedoch das Gesetz geändert wurde), gab es wegen dieses ausländischen Projektes eine Gegenreaktion im Iran. Religiöse Hardliner nahmen die ausländische Einmischung zum Anlass, jene Frauen, die ihre Haare nicht mehr ausreichend bedeckten, als ausländische Agentinnen zu bezeichnen.

Auf Grund der ausbleibenden positiven Reaktion im Iran darf man davon ausgehen, dass das Hauptziel der Kampagne nicht die Befreiung der Frauen des Iran ist, sondern das Schüren von Ressentiments und sogar Hass gegen den Iran.

Eskandar Sadeghi-Boroujerdi von der Universität Oxford sieht in dem Projekt weitere Motive:

„Egal wie man dazu steht, man kommt kaum um den Schluss herum, dass der Widerstand gegen das Tragen des Hijab im Iran in der westlichen Berichterstattung als Fetisch benutzt wird, weil man sich darauf ein gewisses Selbstbild aufbauen kann, das die westliche Zivilisation als ‚erleuchtet‘ und als ‚Retter der farbigen Frau vor dem farbigen Mann‘ darstellt.“ (17)

Und wieder einmal zeigt sich, wie neokoloniale Überheblichkeit in Verbindung mit dem Willen, über andere zu herrschen, eine die Entwicklung der Gesellschaften bremsende, statt fördernde Auswirkung hat.

Die repräsentative Umfrage

Nun kann man natürlich sagen, die Behauptung des Autors und seiner Quellen, dass die Kopftuchfrage nur eine untergeordnete Bedeutung hat, liegt an einer selektiven Sichtweise. Daher will ich die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage präsentieren (18). Die Umfrage wurde vom 16. bis 24. Januar 2018, also sofort nach dem Ende der gewalttätigen Proteste, durchgeführt und der Fehlerbereich beträgt plus/minus 3,1 Prozent.

Wirtschaftliche Probleme

Was sofort ins Auge sticht, ist die Tatsache, dass nicht fehlende Freiheitsrechte oder Unterdrückung durch religiöse Kleidervorschriften für die Menschen wichtig sind, sondern Arbeitslosigkeit und Lebensstandard. Allerdings gibt es im Iran keine wirkliche Armut, da neben staatlichen Sicherungssystemen, Stiftungen der Revolutionsgarde (die sich besonders um Kriegsinvaliden und deren Nachkommen kümmern) und zahlreichen karitativen und religiösen Sozialstiftungen ein großer Familienzusammenhalt für Solidarität eintritt. Und demzufolge sagen nur 1,7 Prozent der Befragten, dass Armut das dringendste Problem darstellt. Andererseits sorgt die hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere unter den jungen Menschen, für Unruhe und Sorge, und so nennen auch 49,5 Prozent die Arbeitslosigkeit (einschließlich Jugendarbeitslosigkeit) das größte Problem des Landes.

Unter dem aufgrund seiner liberalen Reformen im Westen beliebten Präsidenten Rouhani stieg die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren an, allerdings zeigten die Wahlergebnisse, mit denen er zuletzt im Amt bestätigt wurde, dass viele Menschen nicht ihm alleine die Schuld zuweisen.
40,7 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die wirtschaftliche Situation des Landes „sehr schlecht“ ist. Und 58,4 Prozent gehen davon aus, dass sich die Situation, vorwiegend vermutlich aufgrund der immer neue Sanktionen androhenden US-Regierung, noch weiter verschlechtern wird, bevor sie sich verbessern kann. Shayan Arkian schreibt dazu (19):

„Die aktuellen Ergebnisse stellen einen Tiefstwert dar. Sie stimmen mit den Wirtschaftszahlen überein, (20) die besagen, dass der Lebensstandard in Iran unter Hassan Rouhani sich insgesamt verschlechtert habe (21)- selbst unter dem hart sanktionierten Iran während der Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinejads sei der Lebensstandard insgesamt besser gewesen (22). Auch der vom US-Außenministerium mitfinanzierte (23) britische Auslandssender BBC Persian, dem keinerlei Sympathie für die vorherigen Ahmadinejad-Regierungen vorzuwerfen ist, räumt diesen Umstand ein (24): Der Lebensstandard der Bevölkerung in Iran unter den Regierungen Ahmadinejads sei zusammengefasst nicht nur eindeutig besser als unter den Regierung Rohanis, sondern sogar unter der des reformorientierten Präsidenten Mohammad Khatami gewesen.“

Das heißt für die Iraner war die „rechtspopulistische“ Regierungsführung des im Westen verteufelten Präsidenten Ahmadinedschad eine, die sich positiv hinsichtlich des eigenen Lebensstandards des einzelnen Iraners anfühlte.

Reaktion auf die Demonstrationen

Zunächst wird ja im Westen kolportiert, dass die Mehrheit der Iraner die religiösen Vorschriften und Gesetze als Diktatur empfinden würde. Ganz im Gegensatz dazu stimmten 74,2 Prozent der Befragten dafür, dass diejenigen, die „gegen den Islam oder die religiösen Gesetze“ skandierten, strafrechtlich entsprechend den Gesetzen des Iran verfolgt werden müssen. Im Gegensatz dazu aber sagten 64,5 Prozent, dass diejenigen, die „nur“ aus ihrer Sicht gegen die Regierungspolitik Parolen skandiert hatten, entlassen werden sollten. Erklärbar ist dies aus der Tatsache, dass durch die Verschlechterung des Lebensstandards der Ärger und die Wut gegenüber der Regierungsführung des liberalen Präsidenten vielen verständlich erscheint.

Im Westen wird immer wieder behauptet, dass die Iraner unter dem politischen System leiden und es am liebsten beseitigen würden. Auch dieses Narrativ wird gnadenlos zerstört. 68,3 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass jene, die ohne Gewaltanwendung gegen das politische System des Irans protestierten, strafrechtlich entsprechend den Gesetzen des Irans verfolgt werden sollten. Für eine HARTE Bestrafung derjenigen, die die Polizei angegriffen hatten, stimmten 63,9 Prozent.

Insgesamt sind die Iraner auch mit der Handhabung der Proteste durch die Sicherheitskräfte zufrieden. Sie empfinden offensichtlich den Grad der Härte angemessen und keineswegs übertrieben, wie im Westen kolportiert. 63,9 Prozent sagten aus, dass die Polizei angemessene Gewalt angewendet hatte.

Außenpolitik

Immer wieder wurde bei den Protesten skandiert, dass der Iran sich aus Syrien und von der Unterstützung für die Hisbollah im Libanon zurückziehen solle, und das Geld lieber den Menschen des Iran geben sollte. Auch dieser, vom Westen versuchte, Schachzug der „teile und herrsche“-Politik trifft nicht den Nerv der Gesellschaft. Im Gegensatz sind sogar 54,8 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Iran seinen Kampf gegen terroristische Gruppierungen, wie gegen ISIS, erhöhen sollte, während 31,7 Prozent meinen, dass der jetzige Grad ausreichend ist.
51,1 Prozent der Befragten sind dagegen, dass die Regierung ihre Unterstützung für den Irak und Syrien reduzieren sollte. 77,6 Prozent glauben, dass der Iran seinen Einfluss im Irak nutzen sollte, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl Schiiten als auch Sunniten zugutekommt. Was wiederum das Narrativ zerstört, dass es in der Region hauptsächlich ein religiöser Konflikt wäre, der zu den Kriegen führte.

Der Politik des Iran gegenüber der libanesischen Hisbollah stehen 64,7 Prozent der Befragten positiv gegenüber. Der in den USA als Terrorist bezeichnete General Qasem Soleimani, der für die Operationen der Revolutionsgarden im Ausland zuständig ist, und glänzende Erfolge gegen die ISIS verzeichnen konnte, erhielt eine Zustimmung, die im Westen kaum ein Politiker oder Militär für sich beanspruchen kann: 82,7 Prozent. Während die USA ihn als Terroristen betrachten, ist er für die Iraner ein Held. Damit wird die Außenpolitik der Regierung breit unterstützt.

Unterwerfung unter den Westen

Die Antwort auf die Frage, ob die Regierung mehr Konzessionen gegenüber dem Westen machen sollte, zeigt, dass die iranische Bevölkerung aus dem Atomabkommen, das von den USA zum 12. Mai aufgekündigt wurde, eine negative Schlussfolgerung gezogen hat. 67,4 Prozent der Menschen sind der Meinung, dass man den Weltmächten nicht trauen könnte und keine zusätzlichen Konzessionen gemacht werden sollten. 67,3 Prozent der Befragten glauben, dass das Land lernen müsse, sich selbst zu versorgen und NICHT den Handel mit dem Ausland intensivieren sollte. So hoch war die Bereitschaft noch nie, auch wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen, dafür aber unabhängig zu bleiben.

Raketenentwicklung

Präsident Trump hatte den europäischen Vertragspartnern des Atom-Deals mit dem Iran eine Frist bis zum 12. Mai 2018 gesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten sie den Iran dazu gebracht haben, nicht nur die Atomforschung, sondern auch die Raketenentwicklung einzuschränken. Sollten die Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien und Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt keine Zusage des Irans haben, würde Präsident Trump einen unbeschränkten Wirtschaftskrieg gegen den Iran einleiten. Interessant war die Meinung der Iraner zu diesem Thema:

94,9 Prozent halten es für wichtig, eigene Raketen herzustellen, 73,8 Prozent für SEHR wichtig. 85,2 Prozent sagen, dass die Entwicklung von Raketen weiter betrieben werden muss, trotz der Sanktionsandrohungen der USA und einiger europäischer Länder. Auch hinsichtlich der Finanzen zeigten sich 64,9 Prozent als zufrieden mit den Investitionen und wollten nicht, dass sie reduziert werden. Wie groß das Misstrauen gegenüber den Großmächten ist, zeigt die Tatsache, dass nur 24 Prozent der Meinung sind, die Entwicklung fortschrittlicher Raketen sei zu beenden, falls die USA mehr Sanktionen aufheben würde.

Aufgrund des aus iranischer Sicht gelösten Atomkonfliktes und Vertragsabschlusses sind weniger als früher, nur noch 85,8 Prozent der Iraner, der Meinung, dass ein Nuklearprogramm wichtig ist. Aber nur 26 Prozent votierten dafür aus militärischen Gründen. Die Bevölkerung und die Regierung wurden durch die Giftgasangriffe des Iraks, die das Land nur mit Hilfe der USA durchführen konnte, geprägt und zeigen deutlich, dass sie eine Abschreckungspolitik des Staates befürworten. Daraus abzuleiten, der Iran wäre aggressiv, geht jedoch vollkommen an den Tatsachen vorbei. Seit über 200 Jahren hatte der Iran kein Land mehr angegriffen, und es gibt einen breiten Konsens in der Bevölkerung, auch zukünftig keine Angriffs-Kriege auszulösen. (Was auch durch CIA-Analysen bestätigt wird (25).)

Zuverlässigkeit von Umfragen

Immer wieder wird im Westen eingewandt, dass Umfragen, die nicht dem Narrativ der Großmächte entsprechen, nicht repräsentativ wären. Dem widerspricht der selbst im Iran inhaftiert gewesene Soziologe Dr. Hosein Ghazian, und Dr. Ebrahim Mohseni von der Universität Maryland erklärt, wie authentische Antworten sichergestellt werden können. (26) Auch Charlotte Wiedemann schildert in ihrem Buch (27), wie offen Politik in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Fazit

Der Mai 2018 wird entscheidend sein, nicht nur für die Zukunft des Iran, sondern auch für die Beziehungen zwischen der EU und den USA. Wie Obama es einmal formulierte, müsse man die „Arme von jenen auch schon mal verdrehen“, die nicht so wollen wie die USA. Eine nette Umschreibung von Regime-Change, Sanktionen und Angriffskriegen. Und wenn Präsident Trump die europäischen Länder nicht nur erpresst, auf günstige Gasversorgung aus Russland zugunsten teurerem US-amerikanischen Flüssiggases zu verzichten, verdreht er nun die Arme seiner Verbündeten, um sie zu zwingen, auf ihre doch so wirtschaftlich erfolgversprechenden Beziehungen zu dem Iran zu verzichten und sich den Sanktionen der USA zu unterwerfen. Ob es Israel und Saudi-Arabien schaffen werden, die USA in einen Krieg gegen den Iran zu treiben, dürfte sich in der Folge ebenfalls entscheiden. Nicht nur der ehemalige Stabschef von Colin Powell warnt vor einem Weltkrieg, weil die USA in einen Krieg mit dem Iran „treiben“ (28). Deshalb sollten die Leser aufmerksam auf Nachrichten aus und über den Iran achten, seine Quellen und den Inhalt hinterfragen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Hammed Shahidian, Women in Iran, Emerging Voices in the Women’s Movement, Greenwood Press, London 2002.
(2) Wie vor, Seite 12
(3) E-Mail an den Autor.
(4) WikiLeaks, CIA report into shoring up Afghan war support in Western Europe, 2010, online: https://file.wikileaks.org/file/cia-afghanistan.pdf Seite zuletzt aufgerufen am 30.12.2017.
(5) Jens Wernicke, Geleaktes CIA-Dokument belegt Kriegspropaganda, 2015, online: https://www.heise.de/tp/features/Geleaktes-CIA-Dokument-belegt-Kriegspropaganda-3373777.html?seite=all Seite zuletzt aufgerufen am 30.12.2017.
(6) SkyNews, Iranian women no longer face being jailed for not covering their heads, 2017, online: https://news.sky.com/story/iranian-women-no-longer-face-being-jailed-for-not-covering-their-heads-11187657 Seite zuletzt aufgerufen am 28.12.2017.
(7) Wikipedia, Masih Alinejad, online: https://en.wikipedia.org/wiki/Masih_Alinejad Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018
(8) Laura Secor, Laura Secor: An Iranian Journalist Waits for Obama, New Yorker 2009, online: https://www.newyorker.com/news/news-desk/laura-secor-an-iranian-journalist-waits-for-obama Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(9) Nahid Siamdoust, ‚Jesus‘ vs. Ahmadinejad, Time.com 2008, online: https://content.time.com/time/world/article/0,8599,1738301,00.html Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(10) Masih Alinejad, Iranian journalist: ‚Every week they try to smear me, discredit me‘, The Guardian 2013, online: https://www.theguardian.com/world/2013/jan/24/iranian-journalist-masih-alinejad-smear-campaign Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(11) Sourcewatch.org, UN Watch, online: https://www.sourcewatch.org/index.php/UN_Watch Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(12) Nassim Hatam, Why Iranian women are waring white on Wednesdays, BBC News 2017, online: http://www.bbc.com/news/world-middle-east-40218711 Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(13) Sofia Lotto Persio, Women in Iran Wear White on Wednesdays to Challenge Compulsory Hijab, Newsweek, 2017.
(14) Facebook, Stealthy Freedom, 2017, online: https://www.facebook.com/StealthyFreedom/videos/1798180076862745/ Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(15) Heba Kanso, How a hashtag on Wednesdays is fighting Iran’s dress code for women, Reuters 2017, online: https://www.reuters.com/article/us-iran-women-hashtag/how-a-hashtag-on-wednesdays-is-fighting-irans-dress-code-for-women-idUSKBN19J0ED Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(16) Government-contracts, Masih Alinejad Government Contracts, online: http://government-contracts.insidegov.com/d/d/Masih-Alinejad Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018.
(17) Twitter Eskandar Sadeghi, Whatever one’s stance, it’s hard to avoid conclusion that resistances 2 mandatory hijab in #Iran are fetisheised (…), 2018, online: https://twitter.com/ESBoroujerdi/status/958272816859746304 Seite zuletzt aufgerufen am 31.01.2018. Zum Autor siehe auch: https://www.orinst.ox.ac.uk/people/eskandar-sadeghi-boroujerdi Seite zuletzt aufgerufen am 13.03.2018.
(18) Nancy Gallagher, Ebrahim Mohseni, Clay Ramsy, University of Maryland, Center for International & Security Studies at Maryland, Iranian Public Opinion after the Protests, 2018, online: http://www.cissm.umd.edu/publications/iranian-public-opinion-after-protests Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(19) Shayan Arikian, Das Thema representative US-Umfragen in Iran und die letzte Enthüllung: Wie ist die Stimmung nach den Protesten? 2018, online: http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/35.html Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(20) Djavad Salehi-Isfahani, Could the Iranian economy swink Rouhani?, 2017, online: https://www.mmtimes.com/opinion/26023-could-the-iranian-economy-sink-rouhani.html Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(21) Djavad Salehi-Isfahani, Tyranny of numbers, Poverty and living standards in Iran after the nuclear deal, 2018, online: https://djavadsalehi.com/2018/01/03/poverty-and-living-standards-of-iranians-since-the-nuclear-deal/ Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(22) Djavad Salehi-Isfahani, Tyranny of numbers, Trends in poverty and income inequality and Iran election debate, 2014, online: https://djavadsalehi.com/2017/05/17/trends-in-poverty-and-income-inequality-and-the-iran-election-debate/ Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(23) Ben Dowell, BBC World Service to sign funding deal with US state department, 2011, online: https://www.theguardian.com/media/2011/mar/20/bbc-world-service-us-funding Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(24) BBC (Farsi Service), Irans wirtschaftliche Situation hat sich in den letzten zehn Jahren um 15% verschlechtert, 2017, online: http://www.bbc.com/persian/business-41997152 Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018..
(25) Caitlin Talmadge, “The Dictators Army, Battlefield, Effectiveness in Authoritarian Regimes”, Cornell University Press, London, 2015, Seite 205.
(26) Youtube, AtlanticCouncil, Dr. Ebrahim Mohseni, Iranian Public Opinion after Protests, 2018, online: https://www.youtube.com/watch?v=NwXa6OHIdXA&feature=youtu.be&t=55m26s Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.3018.
(27) Charlotte Wiedemann, Der neue Iran: Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017, online: https://books.google.de/books?id=pRTEDQAAQBAJ&dq=charlotte+wiedemann&hl=de&source=gbs_navlinks_s Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.
(28) RT_deutsch, Colin Powells Ex-Stabschef warnt vor Weltkrieg: „Israel treibt USA in Krieg mit Iran“ 2018, online: https://deutsch.rt.com/international/66267-colin-powells-ex-staabschef-warnt-vor-weltkrieg-israel-saugt-usa-in-einen-krieg-mit-iran/ Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018. Originalartikel in New York Times: Lawrence Wilkerson, I Helped Sell the False Choice of War Once. It’s Happening Again, 2018, online: https://www.nytimes.com/2018/02/05/opinion/trump-iran-war.html Seite zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.

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