Zum Inhalt:
Die instrumentalisierte Trauer

Die instrumentalisierte Trauer

Die Politik missbraucht das Totengedenken für die an COVID-19 Verstorbenen, um „Corona-Verharmloser“ ins Unrecht zu setzen.

Die Kamera im Herrschaftsmodus, in himmlischer Höhe, positioniert auf den obersten Rängen des Konzertsaals. Zwei gewaltige Kronleuchter drängen von der Seite ins Bild, in ihrer Wucht daran gemahnend, dass aller Segen, aber auch aller Fluch von oben kommt. Die Regie richtet den Fokus nach unten, auf einen hufeisenförmigen Raum, der vor allem mit seiner Bodengestaltung besticht.

Fliesenförmig kariert angelegt, ist er in ein Gold getaucht, das von einem ausfasernden Halbdunkel umrandet wird, welches sich wiederum effektvoll abgrenzt von den umarmenden Emporen, auf denen schon lange keine Zuschauer mehr Platz genommen haben. Auf dem Boden sorgt eine Anordnung von zunächst nicht bestimmbaren schwarzen Rechtecken mit jeweils einem Lichtpunkt für eine weitere Umgrenzung. Sie stehen im Abstand von einigen Metern zueinander — was eine erste Ahnung aufkommen lässt: Hier ist etwas genau in dieser Zeit zutiefst gewollt und entsprechend gestaltet.

Die Regie lässt zunächst die Szenerie als stilles Bild ihre Wirkung entfalten. Dann jedoch entsteht eine Bewegung. Kleine schwarze Punkte, ameisengleich, durchkreuzen nacheinander den Saal, wie auf einem Miniatur-Damebrett streben sie gemäß einer inneren Logik auf die Rechtecke zu. Dem Zuschauer wird nach kurzer Irritation klar, dass es sich bei den bewegten Punkten um Menschen handelt, die ihren Platz suchen und dabei eine Geometrie des Kreuz und Quer bilden — eines Abbilds womöglich des Weltenlaufs oder der Irrungen und Wirrungen der menschlichen Existenz darin. Oder agiert hier der „unbewegte Beweger“, wie man einst Gott nannte?

In der Mitte des Raumes erheben sich ein gewaltiges Blumenbouquet und zahlreiche Kerzen auf Untersätzen. Dies bewirkt eine Zentrierung im Raum, flankiert von den schwarzen Rechtecken, die sich durch Kamerazoom endlich als Stühle erweisen, auf denen sich nun erkennbar Personen niederlassen. Das Bild erinnert an eine erweiterte Artusrunde, eine mythologische Anmutung, die noch vergrößert wird durch die Vorstellung, sich in einem antiken Pantheon zu befinden.

Hier — so lassen die Regie und der Blick der Kamera keinen Zweifel aufkommen —, hier wird etwas versucht, ja beschworen, was sich dieses Land Deutschland im Verlauf seiner Nachkriegsgeschichte schon lange nicht mehr getraut hatte: nämlich eine Totengedächtnisfeier so schicksalsmächtig zu inszenieren, dass der Eindruck einer Peinlichkeit oder platten Performance erst gar nicht entstehen soll. Gleichwohl erinnert das künstlich erzeugte Arrangement mitten in Berlin an Leni Riefenstahls cinematografische Arbeit am Mythos, dieser Mixtur aus entfesseltem Narzissmus und ästhetisierendem Faschismus. Durchaus wirkungsvoll und — schauderhaft.

Die Frage, die sich hier schon stellt: Wird dieses hoch geframte Ambiente dem Anlass gerecht — einer Gedenkfeier für die Toten des Coronajahrs? Wer führt hier Regie, und warum bedient sie sich dieser Raumgestaltung und Ästhetik?

Am 18. April 2021 fand im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin eine Gedenkfeier statt, an der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine kleine Schar von Betroffenen und Angehörigen der Verstorbenen teilnahmen. Die Trauerfeier galt — wie Steinmeier im Brustton der Unwiderlegbarkeit feststellte — den 80.000 Coronatoten. Seine eher kurz gehaltene Rede, deren Inhalt in ihrer floskenhaft gediegenen Tragik nicht weiter erwähnenswert ist, zielte ungeniert auf die Einzigartigkeit der Ereignisse des letzten Jahres, die er eindringlich dem ganzen deutschen Volk ans Herz legen wollte.

Inwieweit er an Ortsauswahl, Dramaturgie und Inszenierung der Feier beteiligt war, möchte ich offenlassen, aber der Fokus dieser Gedenkfeier ist unbezweifelbar auf eins aus: auf Beeindruckung der TV-Zuschauer, auf Widerspruchsverbot und Akzeptanz. „Die Pandemie ist über uns hereingebrochen“; so soll wenigstens ein Satz aus der Rede Steinmeiers zitiert werden, der alles in sich birgt, was der Sache dient. Demnach hat ein Virus uns geschlagen, und wir können nur eins: im Leid zusammenstehen, für einander einstehen, vor allem aber Solidarität und Betroffenheit zeigen.

Im Verlauf der Feier wird dann den Anverwandten die Möglichkeit gegeben, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Sie gilt dem verstorbenen Arzt, dem Ehemann, dem Vater. Fotos der Verstorbenen werden während der Reden auf drei großen Leinwänden, die schräg in den Raum hineinragen, gezeigt.

Wer sollte gegen dieses Zeremoniell etwas einzuwenden haben? Gab es nicht schon viele davon? Aber hier passiert mehr als routinierte Trauerarbeit: Mit der Angabe von 80.000 Coronatoten glaubt unser Staatsoberhaupt, den Fakten und Notwendigkeiten, also der Wahrheit der Geschehnisse, Genüge getan zu haben. Allerdings käme es nun für den Redner darauf an, die Flügel der Erkenntnis zu öffnen für zeitgemäße Einsichten, dabei jenen Engel der Geschichte anzurufen, den Walther Benjamin „Angelus Novus“ genannt hat.

Als schicksalhaftes Bild für moderne Subjektivität rast dieser Engel mit dem Rücken in die Zukunft, den Blick dabei aber auf die Vergangenheit, auf die Toten gerichtet. Der Engel — so Benjamin weiter — möchte diese Toten nicht loslassen, aber ein Sturm reißt ihn fort in ein unaufhaltsames „Weitermachen“. Eigentlich eine schöne, zugleich schmerzliche Allegorie, in der auch die Toten des Coronajahres Würdigung erfahren könnten.

Aber was wir hier in einem künstlich belichteten Raum unter einer rigiden Regie erleben, ist nackte Ideologie.

Die Nation und die Trauer

Gedenkfeiern fanden in den Tagen um den 18. April übrigens in vielen Orten Deutschlands statt. Darauf legte die staatliche Regie Wert. Es ging um das Ganze — und dieses Ganze sollte endlich auch das Wahre sein. Uneingeschränkt. Ganz Deutschland also in Trauer, lautete das Postulat. Wer erinnert sich da nicht an Alexander Mitscherlichs Schrift „Von der Unfähigkeit zu trauern“, in der er den Nachkriegszustand der Deutschen recht treffend beschrieb. In kurzer Sentenz zusammengefasst:

Die Deutschen, nach dem Zusammenbruch, nach der Niederlage ihres einstigen Übervaters und Führers Adolf Hitler und nach Auschwitz verunsichert, auch gereizt, geben der Verlusterfahrung keinen Raum und schon gar nicht der Trauer und der Reue, sondern sie starten direkt durch, hin zum Homo oeconomicus. Arbeitseifer wird, mehr noch als ein Johannes Calvin sich dieses Gottesgnadengeschenk je hätte ausdenken können, Ersatz für die Unfähigkeit, die gerade erst zu Ende gegangene Geschichte aufzuarbeiten. In einer abweisenden Starrheit, die fieberhafte Beschleunigung miteinbezieht — ein sehr deutsches Phänomen —, vollzieht sich dieser kollektivpsychologische Turnaround, unterbrochen wohl nur durch die Studentenbewegung Ende der 1960er-Jahre. Aber auch die verfehlte — neben berechtigtem Protest gegen die Vätergeneration — diese Angelus-Novus-Trauer.

Wie es dann historisch weiterging mit dem Eingedenksein der Toten, zeigte sich 1977 bei der Trauerfeier nach der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch blindwütige Terroristen. Im Fernsehen wurde damals gezeigt, wie in einer Kirche die Trauergäste in den ersten Bänken in einer Art Lähmung verharrten, während vorne ein Bischof — oder waren es zwei? — das übliche Zeremoniell einer Totengedenkfeier praktizierte. Ein emotionales Gift staute sich damals im Kirchenraum, ablesbar am verbitterten Schweigen der Anverwandten, die wussten, dass sie und der Getötete dem staatlichen Rigorismus einer Staatsräson zum Opfer gefallen waren: Niemals verhandeln mit Terroristen!

Das Drama des Deutschen Herbstes brachte Politik und moralische Prinzipien in einen spürbaren Gegensatz. Beide waren nicht mehr auf einen Nenner zu bringen. Selbst der Hardcore-Politiker Helmut Schmidt sieht später in seiner Entscheidung für die Staatsräson ein kaum zu bewältigendes Drama zwischen politischem Handeln und menschlicher Schuld. Immerhin: Diesen Hiatus, der unterschiedliche Perspektiven durchaus zuließ, gab es in jenen Tagen noch. Solche unterschiedlichen Bewertungen werden heute nicht mehr zugelassen — und schon gar nicht da, wo es um die Toten geht.

Die Gedenkfeier vor mehr als vierzig Jahren fügte sich allerdings noch ein in das Gedenkfeier-Ritual, das für viele Menschen an Gräbern und in Kirchen vonstatten ging. Trauer schien noch gemeinschaftlich domestizierbar. Nach der grausigen Gedenkultur im Nationalsozialismus, die dem Hegel'schen Prinzip „Das Individuum muss dem Fortgang der Weltgeschichte geopfert werden” verpflichtet schien, bremste man die einst übermächtigen Totenkulte ab.

Volkstrauertage kühlten dann ab zu arbeitsfreien Tage mit einem gewissen Andachtscharakter, der das Nibelungenhaft-Schaurige beim Gedenken der Toten seit 1871 schleifte.

Genau dieser Abbremseffekt fällt bei der Gedenkfeier für die Coronatoten im Berliner Konzertsaal aus. In voller Wucht drängt sich die präsidial gelenkte Instrumentalisierung des Todes in den Vordergrund. Sehen wir von den Anverwandten ab, die natürlich ihr Recht wahrnehmen, ihrer Lieben zu gedenken, so hat diese Feier einen beklemmend verengenden und fordernd appellativen Charakter.

Zurück zur Gedenkfeier

Nach der ersten Rede durch Steinmeier und einer weiteren durch eine Ärztin kommt es zu einem überraschenden Programmpunkt. Auf den genannten drei großen Bildschirmen, die das Halbrund des Saales überdachen, sehen wir eine größere Anzahl von Schauspielern, die statuarisch einen lichten Raum bevölkern und schließlich durchschreiten in einem geradezu getragenen Rhythmus.

Sie gehen, bemüht schlicht gewandet, hintereinander her, kreuzen sich; im Gesang verbinden sie sich gar zu einem Chor, der dem Chorus in einem antiken Stück von Sophokles ähnelt. Es wabert vor Schicksal. Auch wenn man als Zuschauer den Inhalt des Gesangs nicht versteht, wird doch jedem klar, dass hier aus göttlicher Distanz das Geschehen um die Coronaopfer reflektiert und beurteilt werden soll. Es ist, als werde dergestalt der Anlass zu dieser Feier und der Trauerinszenierung auf ein höheres metaphysisches Niveau gehoben.

Ich frage mich an dieser Stelle indes, welcher Dramaturg sich zu so einer „Andacht“ hinreißen ließ — und welche SchauspielerInnen und SängerInnen dieser Aufforderung nachkamen? Denn eines beweist dieser Auftritt: Man möchte dergestalt das Leid des Todes mit einer politischen Botschaft verbinden — einer Botschaft, die vor allem an die gerichtet wird, die diesem Treiben eher fassungslos gegenüberstehen.

Alle Aktionen der präsidialen Runde drängen auf ein vernichtendes Dekret an die Gegner: Ihr Corona-Leugner, schließt euch endlich auch unserer Wertegemeinschaft an, und tut dies den Toten zuliebe.

Natürlich könnte es Zufall sein. Aber zu erwähnen sei hier noch, dass der 1977 entstandene Film „Deutschland im Herbst“, der sich aus verschiedenen Episoden von namhaften Regisseuren zusammensetzt, eine längere Sequenz von Volker Schlöndorff beinhaltet, in der Dialoge aus der „Antigone“ von Sophokles zitiert werden, um das Geschehen auf eine so emotionale wie reflektierende Ebene zu heben. Tendenziell gelang das damals auch. Und jetzt und hier?

In einigen Pausen zwischen den Reden tritt noch ein zwölfköpfiges Streicher-Ensemble auf, das einige Gassenhauer aus dem klassischem Repertoire darbietet, und — ja wirklich — am Ende wird gar noch der schöne Götterfunken von Beethoven zu Gehör gebracht. Man lässt wirklich nichts aus! Was hat denn der hier zu suchen, wo es um Coronatote geht? Offensichtlich möchte man bei der ideologischen Überwölbung des Ereignisses nicht auf die Anrufung der Wertegemeinschaft Europa verzichten, der ja diese Hymne gewidmet ist.

Um dem Ganzen — nach Adorno ja dem „Unwahren” — noch die Corona-Krone aufzusetzen, kommt es in einigen weiteren Pausen zu diesem rituellen Akt:

Jeweils ein Offizieller und ein betroffener Anverwandter tragen, aus verschiedenen Richtungen kommend, Kerzen zum Blumenbouquet in der Mitte; und bei dieser Gelegenheit werden wir auch vertraut gemacht mit dem Gesicht der Kanzlerin, die sich als eine der Kerzenträgerinnen zu erkennen gibt. Welche Versteinerung! Welch unergründliches Auf-der-Hut-Sein, welches — nach Heidegger — „verborgene Sich-Entbergen“! Wer Augen hat zu sehen, der sehe.

Totengedächtnis — einmal anders

Es gibt in James Joyces schon früh veröffentlichtem Erzählband „The Dubliners“ unter dem Titel „The Dead“ einen wunderschönen Prosatext, in dem der Erzähler im Bewusstsein eines Verlusts — des Todes seiner Geliebten — allgemein der Toten gedenkt: Wer sind sie? Wo sind sie? Was machen wir mit ihnen, wenn wir trauern?

„Seine Seele hatte sich jener Region genähert, wo die unermesslichen Heerscharen der Toten ihre Wohnung haben. Er war sich ihrer unsteten und flackernden Existenz bewusst. Aber er konnte sie nicht fassen. Seine eigene Identität entschwand in eine graue ungreifbare Welt: Die kompakte Welt selbst, die sich diese Toten einstmals erbaut und in der sie gelebt hatten, löste sich auf und verging.“

Angesichts der Menschheitsgeschichte, in deren Verlauf es zu so vielen frühzeitig durch Krieg, Gewalt und Pandemien Verstorbenen kommt, wird der französische Historiker Michelet zu einem ebenfalls eindrucksvollen Chronisten und Prosaisten:

„Oft sieht der Historiker in seinen Träumen eine Menge, die weint und klagt, die Menge derer, die nicht genug gelebt haben, die noch einmal leben möchten. Nicht nur eine Urne und Tränen erbitten diese Toten. Es genügt ihnen nicht, dass man ihre Seufzer wieder aufnimmt. Sie bedürfen eines Ödipus, der ihnen ihre eigenen Rätsel erklärt. Deren Sinn sie nicht erfasst haben, der sie lehrt, was ihre Worte, ihre Handlungen, die sie nicht verstanden haben, sagen wollten. Sie bedürfen eines Prometheus, und im Feuer, das er geraubt hat, erheben sich die Stimmen, die erstarrt in den Lüften schweben, geben einen Ton von sich und beginnen wieder zu sprechen.

Mehr noch, man muss die Worte vernehmen, die niemals ausgesprochen, die im Innern ihres Herzen geblieben sind; man muss diese Augenblicke der geschichtlichen Stille zum Sprechen bringen, diese schrecklichen Fermaten, wo sie nichts mehr sagt und die gerade ihre tragischsten Akzente sind. Nur dann werden die Toten mit dem Grab sich abfinden.“

Man mag darüber grübeln, was die im letzten Jahr mit und an Corona Verstorbenen uns Lebenden aus ihrem Reich der Schatten zu sagen hätten — aber eins sicher nicht: dass sie sich einspannen lassen würden für eine Ideologie, wie sie heute massiv in unsere Hirne getrieben wird, im wahnhaften Streben nach Ganzheit und Selektion. Warum nur von medialer und politischer Seite gegenwärtig dieser ausschließende Tunnelblick, den man sich bei der „Totenauswahl” angeeignet hat? Was zeichnet etwa die Coronatoten gegenüber denen aus, die den Coronamaßnahmen zum Opfer fielen? Bitte was?

Regie: durch die WELT, das ZDF oder die ARD?

Zurück auf die oberste Empore, wo die Kamera platziert ist.

Noch einmal die Frage: Wer führt hier Regie — und welche Autonomie kann sie für sich in Anspruch nehmen? Ist es die WELT, die in diesem Fall den etwa anderthalbstündigen Festakt ins Netz gestellt, gedreht hat — in eigener Regie womöglich? Die Zeitung zeichnet sich, wie die letzten Monate bewiesen haben, durch eine wirkungsvolle Schaukelpolitik aus, in der manchmal auch kritische Stimmen zu den Coronamaßnahmen zu Wort kommen dürfen, letztlich aber nur als Vorlage für eine weitere Zementierung des ehernen Narrativs: Ein Virus kam in die Welt — und die Welt wurde eine andere. So müssen auch wir andere werden. Folgt also unseren Anweisungen! In diesem Geiste scheint die Gedenkfeier auf eine neue Normalität zu zielen, die mit den Toten nichts, aber auch gar nichts gemein hat.

Stark dürfte zudem die Einflussnahme auf die Regiegestaltung durch die ARD gewesen sein. Hier sei daran erinnert, wie kurz vor dem Coronajahr der öffentlich-rechtliche Sender für sich warb. In ähnlicher Dramaturgie wie auf den drei Riesenleinwänden wurde in dieser Werbung gezeigt, wie Menschen sich in einem großen Sendesaal versammeln, um dann ein Lied zu singen, in dem es um Gemeinsamkeit geht, ohne dass der Zuschauer erfuhr, wohin dieses intonierte „Wir-Gefühl“ ihn führen sollte. Offensichtlich sollte er mal wieder „abgeholt“ und „mitgenommen“ werden, wie es das Framing und gewisse Interessengruppen heute vorgeben. Warum habe ich das komische Gefühl, dass sich nun allmählich erschließt, wohin uns das kommende Coronajahr führen soll?

Da das ZDF in seinem Framing ähnlich verfährt, verstärkt sich der Verdacht, dass schon vor den vielen Inszenierungen des letzten Jahres ein metaphysisch-politisches Interesse an sozialer Verdichtung und gleichzeitigem Ausschluss der anderen — derer, die nicht mitmachen — bestand. Politische Identität wird gewonnen durch Bestimmung eines Feindes, wie man hier einmal Carl Schmitt heranziehen könnte. Diese Grenzziehung — wir alle in der großen Mehrheit und die wenigen anderen in der Minderheit —, diese Selektion durchzieht Steinmeiers Rede unterschwellig.

Aber auch dieses Konzept erreicht erst da seine volle ideologische Wirkung, wo der Tod als gewichtiges Pfund der Argumentation ins Spiel gebracht, nein, in Anschlag gebracht wird. Natürlich nicht der Tod, der uns täglich seit Jahrtausenden begleitet, sondern der, der sich als exklusive Drohung in unsere Hirne bohrt. Einst hatten die Menschen Angst, nach ihrem Tod in die Hölle gestürzt zu werden.

Heute wird diese verloren gegangene Hölle ersetzt durch Todesdrohungen, mit denen man viel erreichen kann — vielleicht so viel wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Dass das Leben dabei Schaden nimmt, wenn es in diesem Drohszenario auf pure Selbsterhaltung zielt — auf diese Gefahr weist auch der österreichische Philosoph Peter Strasser mit folgendem treffenden Aperçu hin:

„Wir haben die Lust am Leben eingetauscht gegen die Gier, nicht sterben zu müssen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Resümee

Wie die Kritiker der Maßnahmen inzwischen leidvoll und frustriert erfahren mussten: Ein Jahr Corona hat die Diskussion um demokratische Rechte, Fakten und Wissen erlahmen lassen. Man hat sich aufseiten der Exekutive regelrecht verschanzt. Einige Prellböcke wurden in den Boden gerammt und decken das Wahrheitskriterium und immer neue Wellen der Panikmache ab. Aber bei all dem wird die Welt enger und enger.

Das Verhalten, das uns aufgezwungen wird, beschert uns ein unruhiges Jetzt, das auf ein drohendes Bald verweist. Diese Physik des Zeiterlebens enthemmt und blockiert zugleich alles Geschehen. Ihr etwas entgegenzusetzen, verlangt den langen Atem der Aufklärung — und der Gewissheit, was Leben heißt und wie es nach diesem Jahr wieder zurückzugewinnen wäre. Etwa durch neue Erzählungen?

Wir sehnen uns nach dem, dessen wir am meisten ermangeln, dem Sozialen, wie mir einmal ein Soziologe ins Mikro sprach. Nach Hans Blumenberg verspräche dies eine Welt, in welcher der Mythos noch eine Wirkkraft besäße. Aber genau das wäre gefährlich. Wir können uns nicht mehr wie unsere Vorfahren um ein Feuer setzen und uns mit der großen Erzählung über Ursprung, Sinn, Zukunft und den unhintergehbaren Tod ins Einvernehmen setzen. Ersatzhandlungen dazu, wie die Trauerfeier im Berliner Konzertsaal, gehen nicht nur fehl; sie schaffen eine Welt, die allein auf Drohung, Selektion und falschem Pathos beruht.

Spenden per SMS
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Rubikon10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.
Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Weiterlesen

Die Zeit in Coronazeiten
Thematisch verwandter Artikel

Die Zeit in Coronazeiten

Für manche fühlt sie sich „bleiern“ an, für andere vergeht sie im Fluge: Die Zeit der großen Viruserzählung scheint aus den Fugen geraten.

Der Kampfbegriff
Aus dem Archiv

Der Kampfbegriff

Eine Weile boten sie Schutz vor Gewaltherrschaft, dann jedoch verkamen die Menschenrechte zum kriegebegründenden Kampfbegriff. Exklusivabdruck aus „Menschenrechte“.