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Die Impfapartheid

Die Impfapartheid

Israel und Großbritannien sind schon weitgehend durchgeimpft — dort können wir studieren, was uns in naher Zukunft blüht.

von Jonathan Cook

In den beiden Staaten, in denen die Impfung am weitesten fortgeschritten ist, Israel und Großbritannien, entwickelt sich eine völlig absehbare, aber unheilvolle politische Atmosphäre. Derzeit lebe ich in dem einen, Israel, bin jedoch in dem anderen geboren und habe dort den Großteil meines Lebens verbracht.

Während jedes Land sich dem Ziel nähert, die Mehrheit seiner Bevölkerung zu impfen, drehen sich die gesellschaftspolitischen Diskussionen zunehmend um die Frage, was mit denjenigen geschehen soll, die noch nicht geimpft wurden oder sich weigern, sich impfen zu lassen.

Israel hat bereits im Eiltempo einen sogenannten „Grünen Pass“ eingeführt — seine Version des „Immunitätspasses“. Zum Teil ist es ein zynischer Schachzug von Premierminister Benjamin Netanjahu, um seine Aussichten bei den Parlamentswahlen in diesem Monat zu verbessern, indem er einen Vorwand findet, um die Wirtschaft schnell wieder anzukurbeln und der israelischen Öffentlichkeit das Gefühl zu geben, dass die Dinge „zur Normalität zurückkehren“.

Israel ist dabei, die Impfung als Voraussetzung für Aktivitäten wie einem Kinobesuch, ein Essen im Restaurant, ein Training im Fitnessstudio oder einen Hotelaufenthalt zu machen. Die Debatte weitet sich auch schnell dahingehend aus, dass einige Jobs von einer Impfung abhängig gemacht werden sollten.

Der „Nanny-Staat“

Nichts von alledem ist überraschend. Israel ist eine weitgehend konformistische Gesellschaft, in der man sich gegen vermeintliche Feinde immer auf ein solidarisches Gemeinschaftsgefühl verlassen kann — sei es der traditionelle, generische „Araber“ oder ein neuerer Eindringling wie ein bedrohlicher Virus.

In jenen Teilen der israelischen Gesellschaft, in denen das Vertrauen in die staatlichen Behörden am geringsten ist, hat die Impfkampagne Mühe, Fuß zu fassen: bei Israels großer Minderheit palästinensischer Bürger — die Palästinenser in der Besatzungszone haben übrigens keinerlei Einfluss, da ihnen die Impfung von Israel verweigert wird — und bei Israels religiöser ultra-orthodoxer Gemeinschaft, die auf Gott und nicht auf säkulare Vertreter vertrauen.

Vielleicht ist es doch etwas überraschender, dass die britische Regierung in Erwägung zieht, dem Beispiel Israels zu folgen, obwohl sich die Konservative Partei seit jeher die „Freiheiten des Engländers“ auf die Fahnen geschrieben hat und traditionell gegen einen sich einmischenden „Nanny-Staat“ ist. — Dieser Widerstand gilt natürlich nur, wenn sich die Forderungen an den Staat darauf beziehen, den Armen und Ausgegrenzten zu helfen und nicht etwa den Großkapital.

Boris Johnson, der Populist schlechthin, will die britische Öffentlichkeit bei der Stange halten, die gerne wieder in den Pub zurück möchte, während die Tory-Partei im Allgemeinen die Wiederankurbelung der Wirtschaft und die Beschwichtigung ihrer Firmensponsoren braucht, wenn ihr Anspruch, die Partei des privaten Unternehmertums und des Wirtschaftswachstums zu sein, weiterhin plausibel klingen soll.

Impfapartheid

Die Ethik von Immunitätspässen wird auch auf den Seiten meiner alten Zeitung, dem liberalen Guardian heiß diskutiert — wenn auch in etwas ernsthafterer Hinsicht.

Nick Cohen, ein Kolumnist, den zu zitieren ich unter normalen Umständen peinlichst vermeiden würde, schreibt von einer drohenden „Impfapartheid“ und merkt an — in vage zustimmenden Worten — dass „es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir uns gegen die Ungeimpften wenden“. Was wir brauchen, so argumentiert er, ist ein noch härteres Durchgreifen gegen die freie Meinungsäußerung, gegen „Fake News“, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung zu stärken und die Impfbereitschaft zu erhöhen.

Cohens einzige Sorge ist, dass die schwarzen und asiatischen Bevölkerungsgruppen, da sie dem britischen Staat am wenigsten vertrauen und sich impfen lassen, dann die Hauptleidtragenden jeglicher Reaktion der Öffentlichkeit gegen die Nichtgeimpften sein würden. Das, so fürchtet er, werde das Gewissen von identitätsbewussten Liberalen wie ihn auf die Probe stellen.

Ein anderer Kommentator des Guardian zitiert unverfroren den Philosophen John Stuart Mill, um zu argumentieren, dass der Entzug von Grundrechten für Ungeimpfte — also wieder Impfapartheid — salonfähiger gemacht werden kann, wenn er positiv als „Anreiz“ und nicht negativ als Bestrafung dargestellt werde. Hilfreich ist, dass uns gesagt wird: „Das Ziel mag dasselbe sein, aber die moralische Rechtfertigung ist eine völlig andere.“ Was für eine Erleichterung!

Auch hier regt sich das Gewissen des Autors nur in der Befürchtung, dass schwarze und asiatische Bevölkerungsgruppen als Kollateralschäden dieser Zwangs- oder Ausgrenzungsmaßnahmen enden könnten.

Eine Zukunft als „Schnipfen“

All diese Bedenken werden unter dem Strich von den Lesern des Guardian untermauert, die ihre eigenen Versionen des „gesunden Menschenverstands“ anbieten. Beliebte Beispiele sind die Entlassung von Ungeimpften aus ihren Jobs, um andere zu schützen, und die Verweigerung von medizinischer Behandlung in einem überlasteten Gesundheitssystem — anscheinend sogar, wenn sie ein Leben lang ihre Beiträge gezahlt haben.

Die Zukunft, zumindest die, die sich diese Liberalen ausmalen, erinnert an die Geschichte von Dr. Seuss über die Verachtung der blankbäuchigen Schnipfen durch die hochnäsigen Schnipfen mit dem Sternchen auf dem Bauch (1):

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Hatten die sternbäuchigen Schnipfen Frankfurter Braten, oder Picknicks oder Partys oder Marshmallow-Toasts, luden sie die blankbäuchigen Schnipfen nie ein. Sie ließen sie kalt außen vor, in der Dunkelheit der Strände. Sie hielten sie fern. Sie ließen sie niemals in ihre Nähe kommen. Und so haben sie sie Jahr für Jahr behandelt (2).


Das Pandemiedrama

Lassen Sie uns für einen Moment innehalten; Dies ist kein Beitrag für oder gegen die Impfung. Das überlasse ich anderen, nicht zuletzt deshalb, weil die Polarisierung dieser Diskussion völlig ablenkt und von dem wegführt, was ich für tiefer gehende Zusammenhänge in Bezug auf das Vertrauen in die Covid-Impfstoffe halte, die wiederum allgemeinere Probleme des Vertrauens in unsere staatlichen Institutionen und die von ihnen vertretenen Werte, widerspiegeln.

Ich möchte diesen Raum wie schon zuvor nutzen, um unsere Aufmerksamkeit, wenn auch nur kurz, von der Debatte, die jeder führt, auf eine Debatte zu lenken, die fast niemand führt.

In der Tat möchte ich die Debatte komplett auseinandernehmen und sie neu strukturieren. Sind Sie stark in die Argumente der Impfbefürworter und Impfgegner eingebunden — oder in die oft übersehenen Bedenken der Impfverweigerer —, ist dieser Artikel vielleicht nicht das, was Sie sich erhofft haben.

Stattdessen ist dies ein Aufruf, uns von dem Drama der Pandemie wegzubewegen, um das Virus im Gesamtzusammenhang zu betrachten, das uns — wenn wir zuhören würden — eine Warnung offeriert, dass wir falsch liegen könnten.

Eine Scheindebatte

Das Problem bei der Debatte darüber, ob wir Menschen zu einer Covid-Impfung zwingen können sollten, ist eigentlich, dass es gar keine Debatte ist. Es ist eine Scheindebatte, denn eine echte Debatte braucht zwei Seiten. Wie so oft bei diesen von den Medien inszenierten moralischen „Dilemmas“ ist es nur eine Seite der Debatte, die sich für beide Seiten ausgibt.

Die ethischen Aspekte von Immunitätspässen oder Impfstoffapartheid hängen von einer breiteren Debatte darüber ab, was unsere Gesellschaften meinen — und was sie verschleiern — wenn sie Fragen des Vertrauens, des öffentlichen Wohls und der sozialen Solidarität diskutieren. Eine echte Diskussion dieser Themen, nicht die verlogene von Politikern und Guardian-Autoren vorgetragene, sollte im Mittelpunkt stehen, wenn es darum geht, wie wir Bedenken hinsichtlich Privatsphäre, persönlicher Entscheidungen, sozialem Druck und Mob-Tyrannei behandeln.

Wenn Kolumnisten, Politiker und liberale Zeitungsleser argumentieren, dass wir uns alle bei der Teilnahme an der Impfung am Gemeinwohl orientieren sollten, legen sie plötzlich einen ethischen Maßstab an, den sie bei der Abwägung anderer Fragen nur selten zugrunde legen. Die plötzliche Sorge um das Wohl der Gesamtbevölkerung klingt hohl und eigennützig, wenn sie von denen geäußert wird, die normalerweise nur das oberflächlichste Interesse am Gemeinwohl und an sozialer Solidarität bekunden.

Hinter der Clownsmaske

Die Realität ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die seit mindestens vier Jahrzehnten ausschließlich im Interesse einer winzigen Konzernelite geführt werden. Diese Unternehmerklasse — die alle unsere großen Medien besitzt und betreibt und unseren gekauften Politiker eine Drehtür bietet — ist nicht nur darauf aus, Geld zu verdienen. Konzerne sind Wirtschaftsunternehmen, die von einer psychopathischen Besessenheit angetrieben sind, Gewinne zu maximieren und Kosten zu externalisieren — das heißt, das schmutzige Erbe ihrer Geschäftsmodelle auf diejenigen abzuwälzen, die außer Sichtweite sind: die Armen im Inland, die Armen im Ausland und die zukünftigen Generationen.

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Mein aktueller Beitrag: Die zunehmend verzweifelte Aufgabe der Wahrnehmungsmanager des Kapitalismus ist es, unser Wirtschaftssystem von der sich abzeichnenden Umweltkrise zu distanzieren — um unser Verständnis für den kausalen Zusammenhang zu brechen: https://t.co/S4Aby314FX — Jonathan Cook, 25. Oktober 2020.



In unserer Gesellschaft gibt es Menschen, viele, die das anscheinend nicht verstehen. Nach einer Kindheit mit Werbung für Ronald McDonald fällt es ihnen schwer, hinter die Clownsmaske zu schauen, zu den verlorenen Wäldern, die einst die Lungen des Planeten waren und jetzt riesige Verarbeitungsanlagen sind, in denen viele Millionen eingesperrter Rinder mit Maisabfällen statt mit Gras zwangsgefüttert werden und diese armen Tiere dann mit Medikamenten versorgt werden müssen, um sie mit ihrer unnatürlichen Ernährung am Leben zu erhalten. Das ist es, was zur Herstellung eines High-Street-Cheeseburgers wirklich nötig ist.

Die sichtbaren Milliardäre, Leute wie Rupert Murdoch, Jeff Bezos und die Koch-Brüder, sind nicht besser als die gesichtslosen Konzerne, mit denen sie konkurrieren. Sie haben enormen Reichtum angehäuft, nicht weil sie außergewöhnliche Geschäftsvisionäre wären, sondern weil sie begabte Narzissten und Psychopathen sind, deren extreme Gier und rücksichtsloses Streben nach Eigennutz sie an die Spitze gebracht hat. Und weil sie an der Spitze unserer sozialen Hierarchien stehen, können sie sowohl die politischen als auch wirtschaftlichen Ideologien rationalisieren, die diese Hierarchien aufrechterhalten, als auch die sozialen Werte formen, nach denen der Rest von uns leben muss.

Mangel an Vertrauen

Seit Jahrzehnten betet unsere Gesellschaft einen einzigen Wert mit zwei Seiten angebetet: Geld und Macht. Aber plötzlich wird uns von genau den Leuten gesagt, die unsere Gemeinschaften atomisiert haben, die ein gnadenloses Wirtschaftssystem geschaffen haben, die den Planeten mit ihrer Gier zerstört haben — diesen Leuten, die aus der neoliberalen Orthodoxie eine Religion gemacht haben —, dass wir darauf vertrauen müssen, dass sie während der Pandemie unsere besten Interessen im Sinn haben.

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Der neue BBC-Chef Richard Sharp ist nicht nur ein Großspender der konservativen Partei, sondern er hat auch geholfen, eine Firma zu finanzieren, die der „Menschenlagerhaltung“ bezichtigt wird, weil sie Sozialhilfeempfänger in „Kaninchenstall-Wohnungen“ stopft, um von einem Programm der konservativen Regierung zu profitieren: https://t.co/nR4wOeZozv — Jonathan Cook, 26. Februar 2021.



Bis dato kümmerten sie sich keinen Deut um das Gemeinwohl. Doch plötzlich, nach vielen Monaten wirtschaftlicher Kontraktion, wenn die Konzerne endlich wieder die Chance haben, schnelles Geld zu verdienen — entweder durch die Produktion und den Verkauf von Impfstoffen an verzweifelte Regierungen und deren Bevölkerungen oder durch die Forderung nach einer eiligen Rückkehr zum „business as usual“ durch erzwungene Impfprogramme —, sind die Konzerne und ihre pflichtbewussten Diener in den Medien und der politischen Klasse schockiert, dass ein Teil der Öffentlichkeit, die am meisten betrogen wurde, einen Mangel an „Vertrauen“ signalisiert.

Nick Cohen liefert ein interessantes Umfrageergebnis: In Birmingham — der einzigen Stadt, für die detaillierte Statistiken erstellt wurden — akzeptierten nur 60 Prozent der über 80-Jährigen den Impfstoff in Alum Rock, einem benachteiligten und rassisch gemischten Viertel der Innenstadt, während es in Sutton Four Oaks, einem überwiegend weißen Pendlervorort, 95 Prozent waren.

Warum sollte das so sein? Warum sollten wohlhabende weiße Menschen, die das System immer begünstigt hat, einem System, das sich um sie kümmert, schneller vertrauen als die Armen und ethnischen Minderheiten, die von diesem System immer mit Verachtung behandelt wurden?

Die Frage zu stellen, bedeutet sie zu beantworten. Wohlhabende Liberale wie Cohen verstehen das auch. Deshalb hoffen sie, gesellschaftliche Überwachungsmechanismen zu reaktivieren, die Informationen, die ihren Vorstellungen nicht entsprechen, streng kontrollieren oder zensieren, sodass sie wieder das alleinige Recht haben, den Armen und Ausgegrenzten zu diktieren, was die Wahrheit ist, um für sie zu bestimmen, was in ihrem Interesse ist.

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Fünf Treffer und du bist raus: Twitter geht gegen Covid-Impfstoff-Fehlinformationen vor: https://t.co/4V0jpEfhH5 — Jonathan Cook, 2. März 2021.


Hüter der Gesundheit?

Ein Außerirdischer, der die westliche Gesellschaft im vergangenen halben Jahrhunderts aus dem All beobachtet hat, könnte das Problem besser erklären als Cohen. Die Menschen werden geradezu aufgefordert, der Pharmaindustrie, den Konzernmedien und den Politikern zu vertrauen, die vom Wohlwollen profitbesessener Konzerne abhängig sind, dass sie entscheiden, was das Beste für uns ist, und zu glauben, dass die Konzernelite dieses Mal keine Abstriche machen wird, dass sie keine Informationen verheimlichen wird, dass sie keinen Schaden anrichten wird, dass sie die Kosten nicht auf uns, die Öffentlichkeit, abwälzen wird, — dass es dieses Mal anders sein wird.

Das sind genau dieselben Konzerne und ihre Funktionsträger, die in der Vergangenheit die verarbeitende Industrie zerstört haben, die das Rückgrat der jetzt dezimierten Gemeinden war; die die verstärkte Militarisierung der institutionell rassistischen und korrupten Polizeikräfte gebilligt und sie in innerstaatliche Armeen verwandelt haben; und die an der Plünderung und Zerstörung des Planeten beteiligt sind, von dem wir alle abhängen.

Viele Menschen sehen die Verwüstung, die wir als Spezies dem Planeten zugefügt haben, auf dem wir wohnen, und bezweifeln, dass denselben Psychopathen zugetraut werden kann, dass sie sich um das besser kümmern, was in unseren Körpern vorgeht, als sie in der Welt außerhalb von uns getan haben. Diese beiden Welten — die innere und die äußere — sind schließlich eng miteinander verbunden. Kann man denjenigen, die in ihrem Job als Hüter des Planeten versagt haben, wirklich zutrauen, als Hüter unserer Gesundheit zu dienen?

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Mein Aktuelles: Die Kampagne zur Diskreditierung der Vitamin-D-Forschung ist völlig losgelöst von der evidenzbasierten Medizin. Es ist „Innungs“politik in ihrer schlimmsten Form. Medizinischer Protektionismus. Diese Angriffe haben nichts mit der öffentlichen Gesundheit, der Bekämpfung von Covid oder der Rettung von Leben zu tun: https://t.co/YK7OplO5nc — Jonathan Cook, 22. Februar 2021.


Dschungel für die „Stärksten“

Umgekehrt wurden diejenigen, die sich eine weniger egoistische Gesellschaft wünschten — Orte, an denen soziale Solidarität und das Gemeinwohl die Schwächsten und Verletzlichsten wirklich schützen würden —, ignoriert, herabgesetzt und verleumdet. Ja, wir haben nicht vergessen, was der Guardian und andere Liberale mit Jeremy Corbyn und seinen Anhängern gemacht haben.

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Mein Aktuelles: Der Guardian posiert immer noch als hilfloser Zuschauer in den erbitterten Fehden, die die Labour-Partei spalten, während er in Wirklichkeit ein aktiver Teilnehmer bei der Sabotage von Corbyns Bemühungen war, die britische Politik ehrlicher und rechenschaftspflichtiger zu machen: https://t.co/CLCxPzERO9 — Jonathan Cook, 10. August 2020.



Diejenigen, die wollten, dass sich unsere Gesellschaft wie eine Gemeinschaft verhält, anstatt als Dschungel zu fungieren, in dem nur die „Stärksten“ gedeihen dürfen, waren nicht einmal eine Minderheit. Sie waren die Mehrheit. Aber sie hatten und haben immer noch keine Macht, Einfluss zu nehmen.

Sie sind nicht die Milliardäre, denen die Zeitungen gehören, die die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Maßstäbe für Gut und Böse diktieren. Sie sind nicht die Milliardäre mit Stiftungen und Denkfabriken, die in der Lage sind, sich in das Herz der Regierung einzuschleichen und heimlich die politische Agenda zu verzerren und zu korrumpieren. Sie sind nicht die Milliardäre, die drohen, das ganze System zum Absturz zu bringen, es sei denn, sie werden jedes Mal mit öffentlichen Geldern gerettet, wenn ihre eigene Gier die Wirtschaft ruiniert.

Nach Jahrzehnten dieses psychopathischen Egoismus, der durch die Adern unserer Gesellschaften fließt, will plötzlich eine liberale Elite über soziale Verantwortung sprechen. Sie wollen, dass wir eben jenen Konzerninteressen vertrauen, die alles zerstört haben, was uns lieb und teuer ist. Zu zweifeln, zu zögern, aufgrund langer Erfahrung ängstlich zu sein, ist nur ein Beweis dafür, dass man ein Spinner ist, ein Verschwörungstheoretiker, Wissenschaftgegner, ein Trump‘scher Populist.

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Hmm. Eine neue Umfrage stuft eine große Anzahl von Briten (und Europäern) als „Verschwörungstheoretiker“ ein, weil sie glauben, dass ihre Regierung Covid ausnutzt, um die Überwachung zu verstärken — während Großbritannien sich darauf vorbereitet, trotz Datenschutz- und ethischer Bedenken Impfzertifikate einzuführen: https://t.co/lS4CgMX4s4

— Jonathan Cook, 23. Februar 2021.


Dieselben alten Muster

Als Covid-19 vor einem Jahr auftauchte, schrieb ich einen populären Beitrag über die Lehren, die wir aus dem Virus ziehen könnten. Traurigerweise scheinen wir nichts gelernt zu haben. Tatsächlich machen wir in den gleichen, vertrauten Mustern von Wettbewerb, Habgier und Verachtung für die natürliche Welt weiter. Die Impfstoff heilung wird uns nicht vor der wirklichen Krankheit retten, die uns ums Leben bringt.

In der Tat, während reiche Länder arme Länder übers Ohr hauen, um schneller an bessere Impfstoffe zu kommen; während Staaten das Virus ausnutzen, um die heimischen Überwachungsprogramme zu intensivieren, die schon lange vor Covid entwickelt wurden; während „Fake News“ über das Virus und die Impfstoffe zum Vorwand werden, um den Vorhang vor dem Fenster zu ziehen, durch das wir kurz einen Blick auf die reale Welt geworfen haben, in der wir leben, und nicht auf die mythische, die die Herrschaft der Plutokraten stützt, gehen wir zurück zur schlimmsten Art von Normalität: das „Normal" der Ignoranz, der Spaltung, des Kolonialismus.

Menschen dazu zu zwingen, den Covid-Impfstoff zu nehmen — sei es durch Anreize oder Bestrafungen — ist keine soziale Solidarität oder soziale Verantwortung. Es ist eine selbstgefällige liberale Anmaßung, die sich als solche maskiert.

Wollen wir wirklich einen sozialen Konsens, wollen wir wirklich das Gemeinwohl, wollen wir wirklich, dass jeder auf das Miteinander vertraut, dann müssen wir unsere Gesellschaften neu gestalten. Wir müssen uns entscheiden, die engstirnige, selbstsüchtige, nicht rechenschaftspflichtige Elite zu bekämpfen, die über uns herrscht. Wir müssen uns ein für alle Mal entscheiden, das Gemeinwesen, die Allmende, das öffentliche Wohl zu schätzen — und nicht am Altar des Profits und der Gier zu beten.

Niemand bezahlt Jonathan dafür, diese Blogbeiträge zu schreiben. Wenn Ihnen dieser oder einer der anderen von ihm gefallen hat, können Sie hier spenden.


Jonathan Cook ist ein preisgekrönter britischer Journalist, der seit 2001 als freiberuflicher Berichterstatter in Nazareth, Israel, lebt. Er hat einen Abschluss in Philosophie und Politik von der Southampton University sowie in Journalistik von der Cardiff University und absolvierte ein Masterstudium in Nahoststudien an der School of Oriental and African Studies University of London. Cook gewann den Martha Gellhorn Special Prize für Journalismus und ist Autor von drei Büchern über den israelisch-palästinensischen Konflikt.
Weitere Informationen finden Sie auf seiner Homepage.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien am 5. März 2021 unter dem Titel „Immunity passports: Does social solidarity only count when it gets us back to the pub?“. Er wurde von Sabine Amann aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzerteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratteam lektoriert.


Quellen und Anmerkungen:

(1) In seinem Bilderbuch „Die Schnipfen und andere Geschichten“
(Originaltitel: The Sneetches and others Stories) aus dem Jahr 1961 stellt der US-amerikanische
Kinderbuch-Autor und Cartoonzeichner Theodor Seuss Geisel, genannt Dr. Seuss, zwei Gruppen von Schnipfen vor: Die einen haben einen Stern auf ihrem Bauch, die anderen nicht. Die blankbäuchigen Schnipfen wollen unbedingt Sterne bekommen, da mit Tragen eines Sterns auf dem Bauch Privilegien verbunden sind. Aber nur der Mann, dessen Maschine „Sterne auf den Bauch“ macht, profitiert
davon ... In Europa ist Dr. Seuss vor allem bekannt als Erfinder des weihnachtshassenden Grinch.
(2) Originaltext:
When the Star-Belly Sneetches had frankfurter roasts
Or picnics or parties or marshmallow toasts,
They never invited the Plain-Belly Sneetches.
They left them out cold, in the dark of the beaches.
They kept them away. Never let them come near.
And that’s how they treated them year after year.

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