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Die ignorierte Katastrophe

Die ignorierte Katastrophe

Obwohl der Mensch weiß, dass der Niedergang des Planeten auch seinen eigenen bedeutet, kommt er nicht zur Besinnung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

1,3 Grad Celsius trennen die Erde noch von der Klimakatastrophe. Der wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung rechnet damit, dass die globale Durchschnittstemperatur in spätestens 15 Jahren von jetzt 15,3 auf die kritische Marge von 16,6 Grad angestiegen sein wird. Dann stünde das Urteil für uns armen Sünder endgültig fest: lebenslänglich Treibhaus.

Entschuldigen Sie, dass ich gleich mit der Tür ins Haus falle. Es hängt wohl mit meinem Gefühl zusammen, dass wir so schnell wie möglich zur Sache kommen sollten, wenn wir uns noch retten wollen. Doch bevor ich Ihnen erkläre, warum wir mit dem sich verändernden Wetter auch ein anderes gesellschaftliches Klima in Kauf zu nehmen haben, möchte ich dem Senatsarbeitskreis Wissenschaft und Verantwortlichkeit an der Universität Innsbruck ganz herzlich für die Einladung danken. Auf diese Weise können wir uns zwischen den alltäglichen Verpflichtungen kurzfristig einem Thema stellen, das uns alle in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mehr beschäftigen wird, als uns lieb sein kann. Ich sage dies, obwohl mir bewusst ist, dass die weltweite Mediengesellschaft, auf die wir gerade zusteuern, nicht gerade von Aufklärung durchdrungen sein wird.

Unser Leben wird sich dramatisch ändern. Und zwar auf den unterschiedlichsten Ebenen: im politischen, im sozialen, im medizinischen Bereich ebenso wie im kulturellen Leben. Die Phänomene der Endzeit werden unseren Alltag sozusagen auf natürliche Weise durchdringen, auch wenn das Wort natürlich in diesem Kontext aberwitzig anmutet. Aber es ist nun einmal ein Naturgesetz, dass auch einstürzende Systeme ihre Dynamik besitzen.

Der von den Menschen längst eingeleitete Ökokollaps geht an den Nerv allen Lebens. Nichts wird mehr so sein, wie wir es heute vorfinden. Wir sehen also: man muss gar nicht radikal denken und handeln, um es mit radikalen Ergebnissen zu tun zu bekommen. Für gewöhnlich reicht die pure Ignoranz einer Gefahr, um sich ihr unversehens gegenüberzusehen.

Versuchen Sie also, die bittere Pille, die ich Ihnen verabreichen möchte, so gelassen wie möglich zu schlucken. Denn wenn wir nicht lernen, vorhandene Fakten anzuerkennen, haben wir überhaupt keine Chance, auf Dinge Einfluss zu nehmen, die uns gerade aus dem Ruder laufen. Dann sollten wir jedenfalls so ehrlich sein, unser globales Zerstörungswerk mit Verve zu Ende zu führen und uns nicht mit lächerlichen Reparaturarbeiten begnügen, die sich früher oder später doch nur als Selbstbetrug herausstellen werden.

Tatsache ist, dass wir Menschen dabei sind, jegliches Leben auf diesem Planeten auszulöschen — wissentlich. Das ist vorsätzliche Tötung. Wir befinden uns inmitten einer hausgemachten ökologischen Explosion. Es bedarf wenig Phantasie, um sich vorzustellen, dass wir es mit Verhältnissen zu tun bekommen, die man getrost als diktatorisch bezeichnen darf. Auf der Strecke blieben sämtliche demokratischen und humanistischen Prinzipien, derer wir uns so selbstgefällig rühmen. Diesen Preis haben nicht wir als die Schuldigen, sondern unsere Nachkommen zu bezahlen.

Eine Ökodiktatur, wie ich sie notgedrungen kommen sehe, ist nicht mit herkömmlichen moralischen Maßstäben zu messen. Moral taugt nichts angesichts des kollektiven Untergangs.

An dieser Stelle wird Politik zum Notwehrreflex. Die freie Gesellschaft hat demnächst ausgedient. Unsere Kinder drohen zu Überlebensmonstern zu mutieren, die es durch straffe Herrschaftsstrukturen unter Kontrolle zu halten gilt. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Club of Rome bediente sich 1972 in seiner Analyse „Die Grenzen des Wachstums“ einer alten chinesischen Parabel, um auf den allgegenwärtigen Wahnsinn aufmerksam zu machen, mit dem sich die Menschheit wider alle Vernunft ihre Lebensgrundlagen zerstört: In einem Teich wächst eine Seerose, die sich täglich um die doppelte Größe ausbreitet und bald das ganze Gewässer bedecken wird, in dem sie dann jedes Leben unter sich erstickt. Aber selbst am vorletzten Tag denkt niemand daran, die Wucherungen zu beschneiden, denn noch ist ja die Hälfte des Teiches frei. Aber bereits morgen wird die Wasseroberfläche vollständig bedeckt sein.

Die Mathematik nennt dieses Verdoppelungsphänomen „exponenzielles Wachstum“. Um zu begreifen, dass wir selbst die Wucherung sind, unter der die Erde zu ersticken droht, lassen Sie uns im Geiste eine jener so beliebten Computersimulationen anwenden: Wir jagen die letzten 100 Jahre, also die Zeit, in der das Industriezeitalter ökologisch voll zu Buche schlug, durch den Zeitraffer, verdichten sie auf eine Stunde.

Angenommen, wir starteten 1895 vor der amerikanischen Westküste in eine Umlaufbahn um die Erde. Pusteln bildeten sich entlang der Pazifikküste, die an der Ostküste bereits zu bedenklichem Ausschlag herangewachsen wären. Nach der Atlantiküberquerung stellten wir fest, dass ganz Europa befallen ist. Es sind die Städte, die wie Metastasen ins Land greifen.

Schmutzige Schlieren ergössen sich in Flüsse und Meere. Unterdessen schrumpften die gigantischen Waldflächen in sich zusammen und machten braunen Wüsten Platz. Ein immer dichter werdendes Netz von Straßen und Schienen legte sich um den Globus, ganze Kontinente verschwänden unter einem diffusen Grauschleier. Endlich an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, stellten wir fest, dass die Erde zu einer Geschwulst verfault ist, die von den Rauchschwaden unserer Brandschätzerei vielerorts gnädig verdeckt wird.

Der Astronaut John Glenn zählte allein im Amazonasgebiet 800 solcher Brandherde. In der Zeit, da ich hier zu Ihnen spreche, verschwinden durch Brandrodung oder industrielles Clearcutting Urwälder für immer von der Bildfläche, welche ein Gebiet so groß wie München bedeckt hielten. So geht es weiter, Tag für Tag, ad finitum. Wenn man, wie die alten Naturvölker, davon ausgeht, dass die Erde ein lebendiger Organismus ist — und was spricht dagegen: denn nur was lebt, kann Leben spenden —, kommt man logischerweise zu dem Schluss, dass die Menschheit eine Art Krebsgeschwür für diesen Planeten ist. Anders, als durch einschneidende Maßnahmen, wird man ihrer nicht mehr Herr.

Dabei bräuchten wir diese Parasitenrolle nicht notwendigerweise zu erfüllen. Die Krebszelle im menschlichen Körper entwickelt kein Schuldbewusstsein dabei, sich auf Kosten eines übergeordneten Organismus am Leben zu halten. Sie kennt den Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Ende und dem ihres Wirts nicht. Der Mensch hingegen weiß sehr wohl, dass der Tod der Erde auch seinen Tod bedeutet.

Umso verwunderlicher ist es, dass er sich nicht dazu aufraffen kann, aus freien Stücken zur Besinnung zu kommen.

Am 23. Mai 1977 gab der amerikanische Präsident Jimmy Carter Wissenschaftlern und Regierungsstellen den Auftrag, eine Studie zur Umweltproblematik zu erstellen. Der Bericht sollte auf der Basis von absehbaren Entwicklungstrends die politische Planungsgrundlage für eine ökologisch orientiertere Politik liefern. Die Studie mit dem Titel „Global 2000“ kommt in ihrem Vorwort zu folgendem Ergebnis:

„Die Schlussfolgerungen deuten für die Zeit bis zum Jahre 2000 auf ein Potenzial globaler Probleme von alarmierendem Ausmaß. Wenn die Trends verändert und die Probleme verringert werden sollen, werden weltweit mutige und entschlossene neue Initiativen erforderlich sein. Die Fähigkeit der Erde, Leben zu ermöglichen, muss geschützt und wiederhergestellt werden. Grundlegende natürliche Ressourcen — Agrarland, Fischgründe, Wälder, mineralische Rohstoffe, Energie, Luft und Wasser — müssen erhalten und der Umgang mit ihnen verbessert werden. Eine weltweite Veränderung der Politik ist erforderlich, bevor die Möglichkeiten für wirkungsvolles Handeln immer stärker eingeschränkt werden. Angesichts der Dringlichkeit, Reichweite und Komplexität der vor uns liegenden Herausforderungen bleiben die jetzt auf der ganzen Welt in Gang gekommenen Anstrengungen allerdings weit hinter dem zurück, was erforderlich ist. Es muss eine neue Ära der globalen Zusammenarbeit und der gegenseitigen Verpflichtung beginnen, wie sie in der Geschichte ohne Beispiel ist.“

Heute schreiben wir das Jahr 1993, heute konstatiert das World Watch Institute lakonisch: „Die Welt riskiert den ökologischen Kollaps.“ Die globale Zusammenarbeit, welche in dem Bericht an den Präsidenten so vehement gefordert wurde, lässt weiter auf sich warten. Die Vorstellung, die westlichen Industrienationen — übrigens allesamt Demokratien — als die Hauptverursacher der Ökokatastrophe, würden alles tun, um sich in diesem Sinne zu renovieren, ist absurd. Gerade hat man den ostasiatischen Raum als letztes Wachstumsreservoir entdeckt. Die ohnehin schon weltweiten Warenströme sind durch das GATT-Abkommen noch flüssiger geworden. Vom Umweltschutz war in dem Vertragswerk überhaupt keine Rede.

Dr. Klaus Steilmann, ein bedeutender deutscher Textilunternehmer, Mitglied des Club of Rome und Berater der chinesischen Regierung in Umweltfragen, sagte mir auf der Jubiläumstagung des Clubs in Hannover: „Wenn in China erst einmal weitere 400 Millionen Autos unterwegs sind, können wir das Weltklima vergessen.“ Er ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass die großen Autofirmen, inklusive der deutschen, diesen Markt mit allen Mitteln zügig erschließen werden. Schon jetzt ist VW Pekings wichtigster Partner in der Automobilproduktion. Auch „Porsche gibt Gas in China!“, so der Text einer Anzeigenkampagne des Sportwagenherstellers.

Am Beispiel Auto lässt sich Wucht und Wahnsinn unserer Vernichtungsgesellschaft am deutlichsten darstellen. Die Produktion eines einzigen Autos verschlingt 20 Tonnen Wasser und produziert durchschnittlich 25 Tonnen Müll, der zudem als Sondermüll zu behandeln ist. Das Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut (UPI) hat die internationalen Folgen des Mobilitätswahns auf das Jahr 2030 hochgerechnet.

Bis dahin werden 600 Millionen Kubikkilometer Luft mit den Schadstoffen aus dem Autoverkehr bis an die Grenzwerte belastet sein. Ein vergiftetes Luftpaket von einem Kilometer Höhe wird die Erde umhüllen. Das entspricht einem Zwölftel unseres gesamten Luftvolumens. Da die Abgase nebenbei auch ein gigantischer Pflanzenkiller sind, ist die Regenerationsfähigkeit der Luft gleich null.

Bitten Sie irgendeinen Autofahrer der Welt, sich bei laufendem Motor fünf Minuten in eine geschlossene Garage zu stellen, er wird ihnen den Vogel zeigen. Warum? Weil er ganz genau weiß, was aus dem Auspuff kommt: tödliches Gift. Trotzdem funktioniert die weltgrößte Vergasungsaktion mit unser aller Billigung. Wir müssen verrückt sein, zumindest süchtig, also krank.

Kommen wir auf die Wachstumsregion Ostasien zurück. Nach Pekinger Plänen soll bis zum Jahre 2030 jede chinesische Familie ihr eigenes Auto fahren. Das wären immerhin 300 Millionen Stück, die Hälfte des gegenwärtigen weltweiten PKW-Bestandes. Für die Autohersteller, deren Märkte weitgehend gesättigt sind, schlummert dort und in den angrenzenden Schwellenländern ein enormes Potenzial. In den nächsten 35 Jahren werden allein durch den PKW-Verkehr 42 Milliarden Tonnen Erdöl verbraucht — rund 30 Prozent der bekannten Welterdölreserven!

Die CO2-Emissionen durch den Autoverkehr dürften von derzeit 3 Milliarden auf 7,5 Milliarden Tonnen im Jahr 2030 ansteigen. Eine ähnliche Entwicklung erwarten die UPI-Experten bei der Belastung der Luft durch Stickoxyde, die sich durch Niederschläge in Salpetersäure wandeln, in den sogenannten sauren Regen. Bedenkt man, dass der weltweite Flugverkehr nach den Prognosen von Airbus-Industrie im gleichen Zeitraum um das Vierfache steigen wird, dann kann man sich leicht ausrechnen, dass wir demnächst im Treibhaus zu ersticken drohen.

Wie geht man mit einer Spezies um, die sich derart blind in den kollektiven Untergang wühlt und dabei alles andere Leben aus dem Gleichgewicht reißt? Lässt man sie gewähren oder versucht man, sie mit Gewalt daran zu hindern, ihren tödlichen Wahn auszuleben? Die Ökodiktatur wäre so ein Versuch. Man möchte sie sich fast wünschen.

Denn auf demokratischem Wege läuft es in der Regel so: Als Berlin einen Standort für seinen neuen Großflughafen suchte, kam die südliche Region um Sperenberg in die engere Wahl. Dort sollen 3.300 Hektar märkisches Land unter Betonpisten, Frachtzentren und Terminals verschwinden. Zuvor müssten allerdings 22 Millionen Bäume gefällt werden — das wäre die größte Waldzerstörung in der Geschichte der Bundesrepublik. Kommentar der Berliner Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (SPD):

„Für uns hat der Schutz von Menschen Vorrang vor Bäumen.“

Das, meine Damen und Herren, ist das politische Bewusstsein der Fortschrittlicheren in diesem Land und anderswo. Wie verträgt sich dies mit einer Situation, in der sich die schützende Ozonschicht in den dicht besiedelten Breiten der nördlichen Hemisphäre doppelt so schnell verdünnt, wie es Wissenschaftler noch vor wenigen Jahren vorausgesagt haben, in der jeden Tag 140 Tier- und Pflanzenarten aussterben, in der stündlich 685 Hektar fruchtbaren Landes versteppen oder versiegelt werden.

Im gleichen Zeitraum krepieren 1.800 Kinder an Unterernährung, während alle 60 Minuten 120 Millionen Dollar für militärische Zwecke verschleudert werden. Jeden Tag sterben 25.000 Menschen an Wasserknappheit, produzieren wir 10 Tonnen Atommüll, fallen 250.000 Tonnen Schwefelsäure als saurer Regen herab. Eine ungeheure Vernichtungsarbeit. Sie wird nicht kleiner, wenn man bedenkt, dass die Erdbevölkerung pro Woche um 2 Millionen Menschen wächst. Netto, also Geburten- minus Sterbefälle.

Demnächst haben wir ein weltumspannendes Elend von unvorstellbaren Ausmaßen zu konfrontieren. In fünfzig Jahren wird die ultraviolette Strahlung derart intensiv sein, dass kaum noch Pflanzen wachsen. Das betrifft auch die Grundnahrungsmittel wie Gerste und Reis. Biologisch gesprochen sind wir dabei, aus der Zeit der Bäume in die Zeit des Gestrüpps zu wechseln.

Die immer drastischer werdende Erderwärmung beginnt bereits die Windrichtungen zu ändern. Je mehr Energie in die Atmosphäre gepumpt wird, desto hochtouriger läuft die planetarische Windmaschine. Die Stürme der Zukunft haben eine bis zu 70 Prozent größere Vernichtungskraft. Versicherungsmeteorologen halten es nur noch für eine Frage der Zeit, wann die „Größtkatastrophe“ einsetzt. Super-Zyklons mit Geschwindigkeiten von 360 km/h könnten die Innenstädte von New York oder Tokio mit einem Schlag zerschmettern.

Ein derartiger Wirbelsturm würde sämtliche für Naturkatastrophen zurückgelegten Reserven der Rückversicherer — weltweit etwa 160 Milliarden Dollar — mit einem Schlag aufzehren und die internationalen Finanzmärkte erschüttern.

Auch in Europa werden Hurrikane toben, wie wir sie uns nicht auszumalen vermögen. Sie werden unsere Mülldeponien ausschwemmen und den Feinstaub aus 300 Millionen Jahrestonnen chemischer Abfälle als giftigen Schleier übers Land legen.

Wir werden mit Überschwemmungen in Gegenden zu rechnen haben, die darauf nicht eingestellt sind. Millionen Menschen werden Seuchen und Hungersnöten zum Opfer fallen. Experten haben errechnet, dass die mit Abfallstoffen beladenen Fluten 10 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen auf diesem Planeten vernichten werden.

Millionen Tonnen des vorübergehend in den Ozeanen gespeicherten Klimagases Kohlendioxid steigen in den nächsten Jahren in die Atmosphäre auf, selbst wenn kein einziges Auto mehr fahren sollte.

Wir wissen dies alles, doch unternehmen wir etwas dagegen? Oh nein, nicht das Geringste. Der 1992 auf dem Erdgipfel von Rio unterzeichnete Vertrag zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen sei ein „internationaler Witz“, schreibt „World Watch“. Vor allem in den Entwicklungsländern steigt der Ausstoß an Gasen extrem an, fünfmal schneller als in den Industriestaaten. China hat die USA im letzten Jahr fast eingeholt.

Dabei leiden schon heute über die Hälfte der Menschen in den zwanzig größten Städten der Welt an Atemwegserkrankungen. Die Medizin registriert verblüfft eine Rückkehr von Seuchen, die längst beherrscht schienen.

In Zukunft steigen die degenerativen Nervenkrankheiten in einem Maße an, dass wir uns in einer Welt von Zombies wähnen werden. In der ZEIT vom 11. November 1994 findet sich der Hinweis, dass in großen Teilen Russlands das Trinkwasser 320-mal höher mit Giften belastet ist, als es der deutsche Grenzwert zulässt.

Seit 1961 sank die Lebenserwartung in Russland um sechzehn Jahre. Das große Sterben hat bereits eingesetzt. Ohne radikale Kontrolle über die Machenschaften des Menschen streicht die Evolution auch die letzten der uns bekannten Lebensformen aus den Annalen der Schöpfungsgeschichte.

Ich könnte Ihnen die aktuelle Schreckensbilanz bis zum Erbrechen zitieren, tagelang, wochenlang. Sämtliche Fakten sind nachlesbar, man kommt gar nicht so schnell nach, wie sich die Hiobsbotschaften summieren.

Der einzige Effekt, der sich jedoch bei einem derartigen Report einstellen würde: Sie wären meiner Aufzählung schnell müde, Ihre Aufnahmefähigkeit und Ihr Empörungspotenzial wären schneller erschöpft, als es der Sache dienlich ist. Die Wahrheit ist den Menschen eben nicht mehr zumutbar, wie die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann noch meinte.

Wir alle sind in individuellen Geschichten verstrickt, und es ist nicht einfach, sich dort herauszunehmen. Selbst wenn dies gelänge, wären wir doch nur mit unserer persönlichen Ohnmacht konfrontiert. So nimmt es nicht Wunder, dass wir, die 23 Prozent wohlhabenden Konsumenten, welche 85 Prozent des Welteinkommens einstreichen, auch Weltmeister im Verdrängen geworden sind.

Die Psychologie wird das Schicksal der Erde in Zukunft aber ebenso mitbestimmen, wie Wissenschaft und Politik. Als erstes gilt es daher, die Verleugnung der Ökokatastrophe zu überwinden, die sich in unseren Köpfen festgesetzt hat.

Dies betrifft jeden Einzelnen von uns. Besonders jedoch jene politischen und unternehmerischen Führungskräfte, die mit ihrer Macht die globale Tagesordnung bestimmen und die ein Interesse an der Erhaltung des Status Quo haben.

Das World Watch Institute schreibt in seinem Bericht „Zur Lage der Welt“ dazu folgendes:

„Diese Art der Verleugnung kann für die Gesellschaft und die natürliche Umwelt so gefährlich sein wie die Verleugnung eines Alkoholikers für die eigene Gesundheit und der seiner Familie. Weil sie sich weigern, ihre Abhängigkeit als Hauptgefahr ihres Wohlergehens anzuerkennen, zerstören viele Süchtige ihr Leben. Statt sich der Wahrheit zu stellen, wählen sie den langsamen Selbstmord. Auf ähnliche Weise opfern wir langfristig unsere Gesundheit und unser Wohlergehen zugunsten augenblicklicher Befriedigung, in dem wir Lebensstile und wirtschaftliche Ziele anstreben, die die Umwelt zerrütten — ein Handel, der kein glückliches Ende nehmen kann.“

Nun sollte man meinen, dass angesichts der verheerenden und einzusehenden Faktenlage zumindest ein Konsens über deren Bedeutung herzustellen sei. Weit gefehlt. Stattdessen erleben wir eine Tendenz zur Schönfärberei, als bräuchten wir zuallererst ein ruhiges Gewissen.

Ein ruhiges Gewissen aber schafft man nicht durch Lebenslügen, sondern durch die Beseitigung des Schuldübels. Wir ahnen wohl sehr genau, dass diese Aufgabe zu mächtig geworden ist. Es würde ja bedeuten, dass wir unser gesamtes bisheriges Wertesystem auf den Kopf stellen müssten. So urinieren wir munter weiter in unser Wohnzimmer. Aber anstatt unsere Lebensweise in Frage zu stellen, ziehen wir es vor, in aller Wissenschaftlichkeit über die Saugfähigkeit des Teppichs zu streiten.

Eine deutsche Wochenzeitung veröffentlichte vor Kurzem eine Weltgrafik, in der 108 aktuelle Kriege verzeichnet waren. Ein begleitendes Schaubild informierte über den Verlust landwirtschaftlicher und bewaldeter Flächen bis zum Jahre 2010. Gleichzeitig erfuhren wir, dass uns die Bevölkerungsexplosion bis dahin sieben Milliarden Erdenbürger bescheren wird.

Die Menschheit ist mit sich selbst beschäftigt, meine Damen und Herren, und sie wird es unter härter werdenden Bedingungen erst recht bleiben. Wir werden mit unserem Weltkrieg gegen die Natur nicht freiwillig aufhören, soviel steht fest.

Wenn der Club of Rome davon spricht, dass die Demokratien in ihrer heutigen Form kaum geeignet sind, um den anstehenden Herausforderungen gerecht zu werden, hat er sicher auch folgendes gemeint: Trotz des erreichten einzigartigen Wohlstands in den Industrieländern ist das Heer der Besitzlosen auf diesem Planeten heute zahlenmäßig größer, als die gesamte Weltbevölkerung vor hundert Jahren.

Mit allem was wir angefangen haben, sind wir in die Absurdität des Gegenteils geraten. Mit dem Versuch, die Äcker fruchtbarer zu machen, haben wir sie zu Tode gefoltert. Mit dem Versuch, uns vor Feinden zu schützen, sind wir so nahe wie möglich an den großen Weltbrand geraten. Selbst der Versuch zu heilen und zu helfen, geriet immer mehr an die Grenzen der Unmenschlichkeit. Die Seele unserer Kultur hat uns endgültig satt, wie es Oswald Spengler in weiser Voraussicht formulierte.

Was kann, was muss geschehen, damit der selbstmörderische Mechanismus der Gier gestoppt wird? Ist er überhaupt zu stoppen? Nicht einmal die Medien mögen sich für die Wahrheit ins Feuer legen. Das Mediengeschäft ist eben in erster Linie ein Geschäft, es hat wie jedes andere mit Marktgesetzen zu tun. Und der Markt braucht nichts dringlicher als die Illusion, dass sich alles schon irgendwie richten wird.

Ich sage nicht, dass die Medien die Katastrophe verschweigen, aber da die Umstände nach Konsequenzen verlangen, die wir nicht bereit sind zu leisten, gerät die Horrormeldung zur Marginalie, wird dem Tod der Erde weniger Beachtung geschenkt als überzogenen Ministergehältern oder der Familienangelegenheit eines Tennisspielers. Im knallharten Konkurrenzkampf um Marktanteile sind die Medien zu einem Bestandteil der Unterhaltungsindustrie mutiert, ein gesellschaftliches Korrektiv sind sie schon lange nicht mehr.

Neulich sah ich im Hamburger Abendblatt ein halbseitiges Foto von einem Wal, von dessen gigantischer Schwanzflosse das Wasser perlte. Natürlich dachte ich zunächst, es handele sich um einen Bericht über die Ausrottung der Meeressäuger. Unter dem Bild stand jedoch die Überschrift: „Wal griff Urlauber an!“ Sehen Sie, das ist die Proportionsverschiebung, die ich meine.

Es gibt mehr Fernseher auf der Welt als Wasserklosetts und weit mehr Druckerzeugnisse, als unsere Wälder verkraften. Die entscheidenden Informationen schlagen trotzdem nicht durch. Wohin die Auswüchse unserer Mediengesellschaft führen, haben Aldous Huxley in die „Schöne neue Welt“ und Raymond Bradbury in „Fahrenheit 451“ trefflich beschrieben.

Schon heute gleichen viele Menschen entkernten, amöbenhaften Wesen. Dabei stehen wir erst am Anfang der Medienrevolution. Im Cyberspace der nächsten zwanzig Jahre werden wir endgültig vergessen haben, welche Kriege der Unterhaltung dienen und welche nicht. Die Medien haben sich wie ein Filter vor die Außenwelt geschoben. Wir lernen nicht mehr aus persönlicher Erfahrung, sondern aus den von der Wirklichkeit abgezogenen Bildern.

Soziologische Studien aus Amerika beweisen, dass die Kinder der digitalen Epoche inzwischen außerstande sind, miteinander zu kommunizieren. Sie kopieren die von der Unterhaltungsindustrie vorgegebenen Verhaltensmuster in ihr Leben.

Im Fernsehen lernen sie, wie man Hass und Liebe formuliert, wie man stillen Zorn, ernsthaftes Nachdenken und vorsichtiges Zögern ausdrückt. In der virtuellen Welt der Zukunft wird ihr Wissen aus fremden Meinungen und willkürlichen optischen Eindrücken bestehen. Sie erliegen ganz einfach dem Info-Overkill.

Im dauerhaften Informationsgewitter verliert die einzelne Nachricht sofort an Wert, weil sie der nächsten Platz machen muss. Die elektronische Revolution ist dabei, uns vollends zu entwurzeln. Sie bricht mit solcher Geschwindigkeit über uns herein, dass sich die Gesellschaft bereits in zwei Lager zu spalten beginnt:

Auf der einen Seite die kleine Kaste der Informations- und Unterhaltungsmanager, auf der anderen Seite das unübersehbare weltweite Proletariat derjenigen, das passiv dem Orientierungsdruck der Medien ausgesetzt ist.

Der eigentliche Irrtum besteht darin, dass wir die Anhäufung von Daten mit Wissen verwechseln. Je mehr wir aber in Erfahrung bringen, desto weniger sind die Ergebnisse wert. Unsere Datenbanken blähen sich ins Ungeheuerliche. Alle fünf Jahre verdoppelt sich das Weltwissen.

800 Billiarden Wörter feuert die Medienmaschine aus Fernsehen, Radio, Zeitungen, Computernetzwerken und Werbung jährlich auf den durchschnittlichen Konsumenten ab. Rund um die Erde spannt sich ein Netz aus Sendern, Kabeln und Satelliten. Dieses Trommelfeuer macht unsere Köpfe und Herzen taub. Die Informationsflut führt also nicht zu mehr Aufklärung, sondern zu mehr Zynismus und Gleichgültigkeit.

Unser Planet wird in den nächsten Jahren zu einem globalen Dorf schrumpfen, in dem die Menschen jeder Mitverantwortung enthoben auf ein reines Konsumentendasein reduziert sein werden. Ein manipuliertes Milliardenheer wird sein Leben im Scheinpluralismus weniger Konzerne fristen. Dies, so scheint es, wäre dann der Gipfel unseres Demokratie-Verständnisses...

Natürlich haben die unablässig fließenden Informationen auch etwas Gutes. Der Umweltschutzgedanke hat, zumindest in Europa, erheblich an Terrain gewonnen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im selben Zeitraum eine Automobilmachung um das Doppelte erleben mussten, dass sich die größtmöglichen Unfälle aus der Nuklear- und Chemieindustrie aneinander reihen wie Perlen auf einer Kette ohne Ende, dass wir im Abfall zu ersticken drohen, dass Böden und Meere nahezu gesättigt sind von Giften, dass durch rege Bautätigkeit das vernetzte Ökosystem weltweit am seidenen Faden hängt, wobei die Landnahme überhaupt noch nicht diskutiert wird, dass wir ein unlösbares Atommüllproblem vor uns herschieben, dass Wissenschaft und Forschung als die vermeintlichen Retter einen Freifahrtschein für Genmanipulationen erhalten haben — all dies widerspricht der These, wir seien mit aufklärerischen Mitteln in der Lage, auf demokratischem Wege Mehrheitsverhältnisse zu schaffen, die auch nur das Schlimmste verhüten mögen.

Ein Blick auf die Vereinigten Staaten genügt, um zu erkennen, wie effektiv die Umweltbewegungen in Wirklichkeit sind. Seitdem die konservativen Republikaner erstmals seit vierzig Jahren die Mehrheit im Kongress erobert haben, machen die neuen Herren gegen Umweltschutzauflagen ganz offen Front.

Sie diskutieren lieber über die Privatisierung von Staatsforsten oder die Öffnung von Naturschutzgebieten in Alaska für Ölbohrungen. Der Vorsitzende des Ressourcen-Ausschusses im Repräsentantenhaus, Don Young, bezeichnet die Umweltschützer als einen „intellektuellen Haufen von Idioten“. Die Mitgliedschaft in den fünf größten US-Umweltgruppen ist seit 1990 um 300.000 auf 2,1 Millionen gesunken.

Die Krise der grünen Bewegung hat mehrere Gründe. In den USA wie auch in anderen Ländern ist eine gewisse „Umweltmüdigkeit“ festzustellen. Das große Thema der Ökologie beginnt ein Buhmann-Thema zu werden. Die Menschen scheinen dem Druck der niederschmetternden Sachinformationen nicht mehr gewachsen. Umweltpolitik spielte bei den letzten Kongresswahlen so gut wie keine Rolle mehr, obwohl sich 83 Prozent der US-Wähler nach eigenem Selbstverständnis als „Umweltschützer“ bezeichnen.

Die Industrie nutzt diesen Widerspruch, um beim Gesetzgeber eine „Umweltpause“ anzumahnen. Zugleich mehren sich in Politik und Medien die Stimmen, die Studien zum Thema Ozonloch oder zur globalen Erwärmung als Untergangsprophetien verunglimpfen.

Überall formiert sich Widerstand gegen die Mahner. Initiativen mit harmlosen Namen wie „Bürger für eine gesunde Wirtschaft“ kaufen teure Sendezeiten im Fernsehen, um eine Gegenpropaganda in Szene zu setzen, die jeglichen Protest gegen das wirtschaftliche Wachstum zu kriminalisieren droht. Dass sich hinter diesen Initiativen zumeist mächtige wirtschaftliche Interessengruppen verbergen, stört niemanden.

Solange wir nach dem Motto verfahren: „Mein Kind schielt nicht, es soll so gucken“, solange wir die Tatsachen leugnen, anstatt eine radikale Problemlösung zu suchen, können wir bei künftigen Generationen kaum auf Verständnis hoffen. Sie werden uns als Verbrecher outen, ihre Ökodiktatur brocken wir ihnen gerade ein.

Je eher wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass es zwingend notwendig geworden ist, die heiligen Kühe unserer auf Gewinnmaximierung bedachten Unkultur zu schlachten, desto größer ist die Chance, den Frieden zwischen den Generationen einigermaßen zu retten. Die Freiheit des Einzelnen, die wir ja ohnehin nur noch als Konsumfreiheit definieren, darf es in dieser Form in Zukunft nicht mehr geben.

Wenn der Soziologe Ulrich Beck also fordert, dass die Umweltschutzbewegung ein Stück Machiavellismus braucht, so meint er im Grunde nichts anderes, als dass demokratische Entscheidungsfindung, die heute über das Diktat der Unaufgeklärten und Manipulierten zustande kommt, durch das Diktat der Vernunft ersetzt werden muss.

Unsere Demokratien sind zu Organismen verkommen, die allein durch wirtschaftliches Wachstum überleben. Bleibt dieses aus, und erste Anzeichen erleben wir gerade, macht sich sofort ein rechtes Protestpotenzial bemerkbar, das direkt in den verschleierten Faschismus führt.

Italien ist das jüngste Beispiel, Russland steht auf der Kippe, in den USA, England, Spanien, Frankreich und deutlich auch bei uns ist das Phänomen ebenfalls zu spüren. Die Umweltschutzbewegung in Deutschland hat es nach zwanzig Jahren gerade mal auf 7 Prozent der Wählerstimmen gebracht. Die steigenden Arbeitslosenzahlen der letzten 5 Jahre aber haben dazu geführt, dass die Neonazis mit weit größerem Stimmenanteil europaweit in die Parlamente gespült werden. Ist es das, was wir zur Problemlösung brauchen?

Die demokratisch-ökologische Wende wird auf sich warten lassen. Also lassen Sie uns über den Begriff Diktatur reden. Mir ist bewusst, dass das Wort negativ besetzt ist. Nach den Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Kommunismus gibt es berechtigterweise enorme Berührungsängste. Vergessen Sie es.

Die Ökodiktatur wird nicht als Ideologie daherkommen, die genügend Ressentiments bedient, um eine Volksbewegung zu werden. Sie wird nicht durch eine Revolution über uns kommen, sondern scheibchenweise installiert. Ihre Machtergreifung wird durch die schlechter werdenden Bedingungen diktiert, unter der die herkömmlichen Volkswirtschaften zusammenzubrechen drohen.

Je länger wir darauf verzichten, im Vorgriff umzusteuern, desto wahrscheinlicher und grausamer wird die Ökodiktatur. Sie wird wenig zu tun haben mit grünen Idealen, sie wird sich als Entseuchungskommando in einer ganz und gar kaputten Welt verstehen. Das ist nur logisch. An dieser Stelle hätten wir eben keine Wahl mehr.

Deshalb ist es müßig, sich darüber zu empören. Zumal eine derartige Empörung in Verdacht stehen muss, vor ernsthafter Auseinandersetzung schützen zu sollen. Fast scheint es, als würden wir uns durch die Ablehnung der Ökodiktatur moralische Absolution erteilen. Wir schleudern der Geschichte ein „Bis hierhin und nicht weiter!“ entgegen.

Wozu? Wir haben die Erde schwer verwundet, das beginnt sich zu rächen. Die Ökodiktatur wird zur historischen Wahrheit, damit ist sie per se gerecht. Dass es ein Schweinesystem wird, ist doch klar. Auch auf dem Gebiet der Staatskunst will uns nämlich schon lange nichts Erhebendes mehr gelingen ...

Wäre dies so, hätten wir eventuell eine Chance. Wir würden uns gemeinsam kümmern, geballter persönlicher Verzicht würde zu neuer Erfahrung auch im Miteinander führen, wir erlebten die Gnade, gemeinsam Reue zu zeigen. Halten Sie eine solche Gesellschaft für möglich? Dies wäre in der Tat eine demokratische Gesellschaft, aus ihr käme entschieden mehr Power, als aus jeder erzwungenen Kehrtwendung.

Das ökologische Diktat — nennen wir es die ökologische Gesetzgebung — demokratisch abzusegnen, bleibt ein Traum. Die meisten von uns haben Angst vor ihm. Sie sind verantwortlich, wenn die nächsten Generationen in Geiselhaft des Staates genommen werden müssen, weil man sie davon abhalten muss, ihr Zerstörungswerk zu vollenden.

Die ökologischen Fakten existieren auch ohne Diskussion. Es interessiert die Erde nicht, ob wir über ihren Zustand verschiedener Meinung sind. Im planetarischen Jahreskalender ist die durch den Menschen verursachte Umweltkatastrophe gerade eine Minute alt. Aber auch diese Minute ist so gut wie verstrichen.

Wir befinden uns heute in der allerletzten Sekunde. Entweder brechen wir so radikal mit der Wachstumsdynamik, dass wieder Energie- und Stoffkreisläufe entstehen, oder wir bleiben bei unserer Lebensweise, dann werden wir untergehen. Welche Diskussion glauben wir uns vor diesem Hintergrund eigentlich noch leisten zu können?

So seltsam es klingt: wir sind nicht durch unsere Grausamkeit gegenüber allem Leben gefährdet, sondern durch unseren Normalverbrauch, multipliziert mit der Kopfzahl der Menschen. Erhard Epler hat gesagt, es sei höchst zweifelhaft, ob unsere Vorfahren ein besonders ersprießliches Verhältnis zur Natur hatten — es „fehlte dem Menschen ganz einfach die Macht, Natur in solchem Umfang zu zerstören, dass er damit sich selbst hätte gefährden können. Er hatte keine Motorsägen...“

Und Stanislav Lem schreibt:

„Die Zivilisation ist ein Schiff, das ohne Pläne gebaut wurde und führerlos dahin schlingert. Es fehlt ihr an spiritueller Verbundenheit, mit deren Hilfe sie bewusst einen Kurs hätte wählen können, der eben nicht in die Katastrophe mündet. Stattdessen lässt man sich von den Strömungen zufälliger Entdeckungen treiben und vertraut blindlings den Angeboten, die kurzfristig größtmöglichen Profit versprechen. Wir haben uns auf ein Spiel mit der Natur eingelassen und dabei eine Partie nach der anderen gewonnen. Aber wir lassen uns derart in die Konsequenzen unserer Siege verwickeln, dass statt einer vernünftigen Strategie nur vordergründige Taktik betrieben wird.“

Kaum eine Fiktion hat mehr dazu beigetragen, die wahre Natur der Zivilisation zu verschleiern, als der eifrig propagierte Irrglaube, bei der modernen Technologie handele es sich um ein bloßes Hilfsmittel der Menschheit. Am Beispiel der Atomwirtschaft, die trotz des Schocks von Tschernobyl weltweit einen gewaltigen Auftrieb erlebt, wird diese Schizophrenie besonders deutlich. Die atomaren Abfälle werden auf Jahrtausende hinaus eine nicht abzutragende Hypothek bilden.

Der Begriff radioaktive Abfälle schließt alles ein, von abgebrannten Brennelementen bis zu mäßig radioaktiv verseuchter Arbeitskleidung. Jede Abfallart enthält eine Mischung aus Radioisotopen, deren Halbwertszeiten bis zu einer Million Jahre betragen. Unter Halbwertszeit verstehen wir die Zeit bis zum Zerfall von 50 Prozent der ursprünglichen Aktivität.

Das bedeutet, dass zum Beispiel waffenfähiges Plutonium-239 zwölftausend Menschengenerationen unter Kontrolle gehalten werden muss. Zwölftausend nachfolgende Generation sind durch uns gezwungen, eine atomare Priesterschaft zur Bewachung einer tödlichen Hinterlassenschaft heranzubilden, mit der sie nie praktischen Umgang pflegten.

Wie soll das funktionieren? Man braucht sich doch nur vor Augen zu führen, was allein unser Jahrhundert an Imponderabilien zu bieten hatte. Und vergessen wir nicht, dass bereits jetzt, nach knapp fünfzig Jahren Atomwirtschaft, die internationale Mafia ungehinderten Zugang zu dem Material besitzt.

In diesem Zusammenhang muss man sich die bereits vorhandenen Mengen vor Augen führen. Die 420 kommerziellen Kernkraftwerke, die nur etwa 5 Prozent der Weltenergie erzeugen, produzieren pro Jahr 12.000 Tonnen abgebrannten Brennstoffs. Die angehäufte Menge beträgt inzwischen 95.000 Tonnen — doppelt so viel wie noch 1985. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird die globale Ziffer auf 200.000 Tonnen anwachsen.

Der gesamte Abfall aller Atomkraftwerke, die heute schon in Betrieb oder noch in Bau sind, wird nach Schätzung der Internationalen Atomenergie-Organisation — bis sie günstigstenfalls Mitte des nächsten Jahrhunderts stillgelegt worden sind — 450.000 Tonnen betragen. Der Abbau dieser Anlagen aber könnte noch einmal ein größeres Abfallvolumen erzeugen als ihr Betrieb. Ein kommerzieller Reaktor produziert in einer Lebenszeit von 40 Jahren 6.200 Kubikmeter radioaktiven Müll. Sein Abriss verursacht aber zusätzlich 15.500 Kubikmeter dieses bereits in Milligramm tödlichen Stoffes.

Dabei ist die Entsorgungsfrage bis auf den heutigen Tag ungelöst. Die auch in Deutschland angestrebte geologische Endlagerung ist trotz aller gegenteiliger Behauptungen nichts anderes als ein kalkuliertes Risiko. 1990 entdeckten amerikanische Wissenschaftler, dass ein zwanzig Kilometer von der Endlagerstätte Yucca Mountain entfernter Vulkan nicht, wie ursprünglich angenommen, vor 270.000 Jahren explodiert war, sondern erst vor 20.000 Jahren.

Vielleicht hilft es, den Unsinn einer Entsorgungsstrategie zu begreifen, wenn wir uns bewusst machen, dass in Frankreich vor weniger als 10.000 Jahren Vulkane aktiv waren. Vor dem Hintergrund der atomaren Gefahr, die unsere Generation der Erde schon jetzt dauerhaft beschert hat, ist das eine lächerliche Zeitspanne.

Wie reagiert die Politik auf diese Herausforderung? Sie geht, wie im kapitalistischen System nicht anders zu erwarten, vor der Energielobby in die Knie. Gerade hat Deutschlands Umweltministerin Angela Merkel allen Ernstes angeregt, die Endlager zu privatisieren. Das, so die Ministerin, sei zulässig und sachgerecht. Mit anderen Worten: Der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung und überlässt sie jenen, die das Langzeitdesaster angerichtet haben und daran noch kräftig verdienen.

Ein solch fahrlässiger Umgang mit den dringendsten Problemen der Zeit wird nicht ohne Folgen bleiben. Die Zahl der Menschen, die sich vor dem Hintergrund eines ungezügelten Wirtschaftswachstums und kollabierender Naturhaushalte zum Widerstand bereit finden, wächst.

Wir werden in den nächsten Jahren einen Quantensprung der Gewalt erleben. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Die amerikanische Umweltgruppe „Earth First“ findet auch in Europa immer mehr Anhänger. Diese „Öko-Krieger“ glauben nicht mehr daran, dass sich auf demokratischem Wege eine Wende zum Besseren erzielen ließe. Sie führen eine Art Guerillakrieg gegen die Gesellschaft. Ihr Motto lautet: „Erst die Erde, dann der Mensch.“ Es ist ein Glaubenskrieg und diejenigen, die ihn führen, sind moralisch hoch gerüstet.

Schon heute fällen Atomkraftgegner Strommasten und legen Eisenbahnstrecken lahm, auf denen radioaktiver Müll transportiert werden soll. In den USA treiben Umweltschützer riesige Nägel in die Bäume, damit sich die Sägewerke daran die Zähne ausbeißen. In Deutschland stürmen radikale Tierschützer die Versuchslabore, in England fackeln „Straßen-Banditen“ über Nacht frisch asphaltierte Teerdecken ab und in Holland ziehen „Car-Pirats“ durch die Städte, um Autos zu demolieren.

Eine „Naturbefreiungsarmee“ warb im Lüneburger Raum per Kleinanzeige um interessierten Nachwuchs. Am Frankfurter Flughafen sägte eine bisher unbekannte Gruppe mit dem Namen „Keine Verbindung e.V.“ Glasfaserleitungen der Telekom durch. Im Terminal 2 brachen die Buchungs-Computer zusammen, 13.000 Telefonanschlüsse waren mit einem Schlag stumm.

Die Terroristen trafen die High-Tech-Gesellschaft dort, wo sie am verwundbarsten ist. Fachkundige Attentäter, warnte der Darmstädter Staatsrechtler Alexander Roßnagel, könnten „Katastrophen nationalen Ausmaßes“ auslösen.

Nach dem Anschlag von Frankfurt müsse man davon ausgehen, dass ganze Wirtschaftszweige ins Chaos gestürzt werden können. Eine nicht unbegründete Befürchtung, denn die gigantischen Datenmengen der Wirtschaft laufen in Deutschland durch insgesamt 1,86 Millionen Kilometer verbuddelter Stränge. Kraftwerke, Chemiefabriken, Militär, Polizei, Nachrichtendienste, Banken, Versicherungen, Krankenhäuser, Verwaltungen — die Welt hängt am Draht, und der ist verwundbar.

Die Öko-Krieger verstehen sich als die Robin Hoods der Neuzeit. Nach ihrem Verständnis sind die Aktionen Notwehrmaßnahmen gegen eine blindwütige Konsumgesellschaft, die nichts als verbrannte Erde hinterlässt.

Einer ihrer Helden ist Paul Watson, ehemaliges Gründungsmitglied von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation aber war ihm zu lau, zu kompromissbereit. Seit einigen Jahren schippert er mit seiner „Sea Shephard“ über die Meere und rammt Walfangschiffe. Watson:

„Ich vertrete die Menschen, die noch nicht geboren sind, und die mit Verachtung auf unsere Generation zurückblicken werden.“

In einer Zeit, in der die Erde eher einem Industrie- und Verkehrspark als einem göttlichen Lebensraum gleicht, können solche Botschaften zu Initialzündungen werden. Seit Jahren haben wir uns mit immer neuen Parolen rüsten müssen: Rettet den Regenwald, rettet die Nordsee, rettet das Nashorn, rettet den, die, das...

Wir haben ein Rückzugsgefecht nach dem anderen austragen müssen. Herausgekommen ist nichts. Selbst wenn der Südpol über Nacht auf zwanzig Quadratmeter schrumpfen und das letzte Dutzend Pinguine sich auf dem Kopf stehend mit den Fächerfüßen gegen die stechende Sonne zur Wehr setzen würde — das Gros der Menschen bliebe davon gänzlich unbeeindruckt. Wen wundert es da, dass die Gewaltbereitschaft unter denjenigen zunimmt, die den motorischen Wahnsinn durchschaut haben?

Damit hätte die Politik exakt jenes Problem am Hals, das Robert Jungk bereits im „Atomstaat“ beschworen hat. Seit Dezember 1994 liegt der deutschen Bundesregierung eine interne Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Titel „Nuklearterrorismus: Fakten und Fiktionen“ vor. In ihr heißt es:

„Die Kooperation mit den Nachrichtendiensten im europäischen oder transatlantischen Rahmen muss ausgebaut werden. Außerdem müssen die rechtlichen Kompetenzen der Nachrichtendienste und Ermittlungsbehörden neu überdacht werden.“

Um die wirtschaftlichen Interessen zu schützen, werden die Regierungen logischerweise dazu übergehen, die letzten demokratischen Grundrechte zu beschneiden — der gewaltsame Widerstand fanatischer Öko-Krieger wird also den totalen Überwachungsstaat nach sich ziehen.

In den nächsten Jahren werden unsere Demokratien schrittweise zu inhaltsleeren Gebilden verkommen, hinter denen sich autoritäre Strukturen verbergen, wie sie so bisher nur in Diktaturen möglich schienen.

An dieser Stelle muss man sich die Frage stellen, was denn besser sei: Eine Diktatur zur Ausbeutung der Erde oder eine zu ihrem Schutz? So deprimierend unsere Zukunftsaussichten auch sein mögen, sie dürfen uns natürlich nicht daran hindern, das dringend Notwendige schon jetzt in Angriff zu nehmen. Die Idee des amerikanischen Vize-Präsidenten Al Gore, einen ökologischen Marschallplan zu erstellen, ist im Ansatz richtig.

Die Frage ist nur, wie man ihn in unserem demokratischen System in Szene setzen will, wenn bereits die Androhung einer Benzinpreiserhöhung eine Partei von der Macht fernhalten kann. Ökologisches Bewusstsein fällt nicht vom Himmel. Ohne staatlichen Zwang wird sich die Menschheit in ihrer bodenlosen Dummheit bis an die Schmerzgrenze quälen.

In meinem Buch „GO! — Die Ökodiktatur“ (GO steht für Global Observer) habe ich die Ökodiktatur durch einen elektronischen Staatsstreich internationaler Wissenschaftler ins Leben gerufen. Durch ausgeklügelte Virusattacken auf Datenbanken und Computersysteme von Regierungen und Großunternehmen wurde der gesamten Infrastruktur einer hoch technisierten und vernetzten Welt der Boden entzogen.

So etwas kann man machen in einem Roman. Aber die Logik utopistischer Entwürfe ist leicht auszuhebeln. Die Wirklichkeit sieht vermutlich ganz anders aus. In Zukunft geht es um die Verteidigung von Besitzständen und die Verteilung der letzten Ressourcen.

Dabei wird das Gewalttabu auf staatlicher wie auf privater Ebene gänzlich aufgelöst. Mitte des nächsten Jahrhunderts werden die Industrieländer nicht einmal 20 Prozent der Weltbevölkerung stellen. Sie werden sich einer Flut von Umwelt- und Armutsflüchtlingen gegenübersehen, die man sich nur mit rigiden, heute kaum vorstellbaren Maßnahmen vom Halse halten kann. Eine solche Gesellschaft wird auch ohne Ökodiktatur kaum noch Demokratie und Menschenwürde bereithalten.

Im Übrigen ist „GO!“ alles andere als ein Schreckensszenario, als das es von der Kritik so gerne dargestellt wird. „GO!“ ist idealistisch nach vorne gedacht, es ist ein Buch, das die Alpträume der Zukunft in erkennbarem Maße abfedert, weil es eine Perspektive bietet. Angesichts der Dinge, die wir zu vergegenwärtigen haben, ist es ein beinahe harmloses Buch.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, was Rudolf Bahro mir nach der Lektüre schrieb:

„Ganz im Gegensatz zu Ihrer revolutionären Initialzündung sehe ich ja ein Öko-Notstandsregiment sich auf dem platten Wege der Normalität schrittweise ansammeln, ebenerdig schäublemäßig, bis dann der vielberufene Schmetterlingsflügelschlag genügt, damit das Klima umschlägt oder auch nur die neue Qualität sich enthüllt.“

Natürlich, so wird es kommen. Ich glaube nur nicht, dass das, was sich schäublemäßig entwickelt, auch nur im entferntesten mit dem Zusammenbruch der Naturhaushalte Schritt halten, geschweige denn, ihn abwenden kann. Dies wäre eben keine Präventivmaßnahme sondern reaktionäres Gehabe. Bahros Einschätzung ist daher nichts anderes, als das Eingeständnis unseres Scheiterns.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal das World Watch Institute zitieren, das gewiss nicht in Verdacht steht, ein Haufen alternativer Spinner oder Revoluzzer zu sein: „Unsere demokratischen Muster werden nicht ausreichen, um mit der ökologischen Herausforderung fertig zu werden.“ Punkt.

Und UN-Generalsekretär Butros-Ghali fand in einem kaum beachteten Dossier im August 1993 zu der Erkenntnis: „Globale Umweltaspekte könnten sogar wichtiger sein, als die Souveränität eines Landes.“ Grünhelme statt Blauhelme? Durchaus möglich, weil von oberster Stelle längst angedacht. Ein Notstandsprogramm, weil unsere auf Wachstum programmierte Gesellschaft das Blatt nicht wenden, sondern ausreizen wird.

Kommen wir noch einmal zurück auf das von mir propagierte „Ökologische Diktat“. Zum Verständnis des Begriffes sind einige Klarstellungen nötig. Wer die zahllosen Bücher zum Thema Ökologie überblickt, bekommt leicht den Eindruck, es handele sich hier um eine Art Geheimwissenschaft für Erleuchtete.

Sobald der enge Rahmen der klassisch naturwissenschaftlichen Ökologie verlassen wird und Begriffe wie ganzheitlich, evolutiv oder gar spirituell ins Spiel kommen, wird die Sache den meisten suspekt. Sie sind unserem wissenschaftlich geschulten Geist fremd. Nachvollziehbar wird Ökologie nur, wenn sie in den konkreten Zusammenhang von Wissenschaft und Politik gestellt ist.

Die ethischen Fragen bleiben bei dieser Betrachtungsweise außen vor. Es geht aber im Leben nicht nur um Sachwerte. Die Forderung, der natürlichen Mitwelt Respekt zu bezeugen, ihren Eigenwert anzuerkennen, ist das Kernstück einer Ethik, die zur Leitlinie gesellschaftlichen Handelns werden muss.

Ansätze einer solchen Entwicklung sind vorhanden. In verschiedenen Ländern und auf übernationaler Ebene gibt es inzwischen viele Initiativen, die den Paradigmenwechsel für sich vollzogen haben und in der Lage sind, den Charakter staatlicher Politik zu verändern.

Allerdings glaube ich nicht, dass uns genügend Zeit bleibt, dieser Entwicklung in ihrem jetzigen Tempo zu vertrauen. Aber ich erwähne dies, um nicht als Berufspessimist zu gelten, der in seinem Eifer die positiven Triebe in unserer Gesellschaft völlig negiert.

Wer von der ökologischen Apokalypse redet, gilt vielen ja noch immer als Schwarzmagier. Die Atombombe schien einer ganz anderen Kategorie anzugehören — hier war das Reich des Bösen ja ausgemacht und so konnte man sich so leichter über die eigene Aktie am Wettrüsten hinwegtäuschen.

Beim drohenden Ökozid tun wir so, als handele es sich um eine Art ideologischer Epidemie. Die Indizien, welche auf die totale Katastrophe hinweisen, werden keines Blickes gewürdigt, wenn es gilt, der angeblichen „Panikmache“ entgegen zu treten.

Kommen wir zum praktischen Teil. Was müsste nach den Versäumnissen der Vergangenheit politisch dringend umgesetzt werden, wenn wir unsere Welt einigermaßen lebenswert erhalten wollen?

  • Als erstes ein absolutes Verbot des Individualverkehrs;
  • dann ein Bau- und Reiseverbot;
  • rigide Geburtenkontrolle (Ein-Kind-Familie);
  • Umstrukturierung der Landwirtschaft;
  • Rationierung von Strom und Wasser;
  • sofortiger Ausstieg aus der Kernenergie;
  • Umstellung auf Sonnen-, Wind- und andere Energieträger;
  • Verbot von Genmanipulationen.

Alles Maßnahmen, die wir auf demokratischem Wege garantiert nicht zustande bringen. Also muss man sie per Gesetz beschließen. Und Gesetze sind Diktate. Sie sind nötig, um uns von unserem zivilisatorischen Suchtverhalten zu heilen.

Die Grundgesetze einer Ökodiktatur müssten aber auch moralische Leitlinien setzen. Es muss folgendes klar werden:

  1. Die Welt gehört keiner bestimmten Gattung, sie gehört sich selbst.
  2. In dieser Welt nimmt der Mensch als Art den ihm zukommenden Platz ein: Den Platz eines Raubtieres dritter oder vierter ökologischer Art.
  3. Die Fähigkeit des Menschen, in die ökologischen Kreisläufe einzugreifen, ändert an diesem Status nichts.
  4. Die Leitvorstellungen der politischen Ökonomie müssen den Leitvorstellungen der Ökologie untergeordnet werden. Es gilt, mit den Machtstrukturen zu brechen, die der ungezügelte Kapitalismus bis zur Selbstvernichtung aufrechterhalten wird.
  5. Diese Politik ist nicht inhuman, sondern sichert den einzigen noch möglichen Humanismus.

Eine solche Magna Charta der Ökologie unterschiede sich grundsätzlich von dem, was wir bisher unter Umweltschutz verstehen. Bisher reden wir ausschließlich von Beständen, wenn wir von der Natur sprechen. Wir machen in allem unsere Rechnung auf. Dieses Denken ist nicht dem Leben verpflichtet, sondern einer Haushaltsphilosophie.

In Kalifornien, wo man die zweitausendjährigen Sequoia-Bäume fast vollständig abgeholzt hat, fand ich an einer Straße, an der man einige dieser Riesen als Sichtblende gegen den Kahlschlag hatte stehen lassen, ein Schild mit der Aufschrift TREE-MUSEUM. So ist das: Wir weisen den Vögeln Flugschneisen, den Fischen Schutzzonen und den Pflanzen Freiflächen zu. Wir sind aus der Art geschlagen, denn man kann nur etwas beherrschen wollen, von dem man sich grundsätzlich getrennt weiß.

Immer wieder müssen wir erkennen, dass Lebewesen, die als nutzlos oder gar schädlich angesehen wurden, entscheidende Rollen in natürlichen Systemen spielen. Ausgerottete Raubtiere halten Nager- und Insektenpopulationen nicht mehr unter Kontrolle; durch Pestizide vernichtete Regenwürmer und Termiten belüften den Boden nicht mehr; als Brennholz gefällte Mangroven schützen die Küste nicht länger vor Erosionen. Vielfalt ist von fundamentaler Bedeutung, denn alles ist miteinander verwoben. Der stückweise Abbau der lebenserhaltenden Netzwerke birgt schwerwiegende Gefahren.

Vor einem halben Jahrhundert mahnte der amerikanische Wildbiologe Aldo Leopold bereits eindrucksvoll zur Besinnung:

„Wenn die Schöpfung im Laufe der Äonen etwas aufgebaut hat, wer anderes als ein Tor würde scheinbar nutzlose Teile wegwerfen? Jedes Zähnchen und Rädchen aufzubewahren ist die erste Vorsichtmaßnahme allen intelligenten Herumbastelns.“

Inzwischen glauben die Menschen, dass die Lösung ökologischer Probleme in erster Linie ein Fall für die Wissenschaft geworden ist. Ich sehe das genau umgekehrt: Die Wissenschaft ist das stärkste Hindernis für die Lösung dieser Probleme.

Solange Wissenschaft und Ethik zwei getrennte Begriffe sind, wird sich an der Talfahrt des Lebens nichts ändern. Der Hochmut der Gentechnologie macht dies auf krasse Weise deutlich. Früher gab es in Asien über 300 verschiedene Reissorten, heute teilen sich einige Großkonzerne den Markt mit wenigen genmanipulierten Pflanzen. Die Folge ist, dass die erzwungenen Monokulturen ganze Landstriche veröden lassen.

Man muss die Wissenschaft endlich von ihrer Selbsttäuschung befreien, dass sie nur von objektiven Fakten ausgehe. Anderseits muss Ethik von der Auffassung frei werden, sie handele nur von subjektiven Werten.

Die ökologische Krise ist die Quittung für eine Denkweise, die sich aus einer spezifischen Form der Wissenschaft — also nicht aus der Wissenschaft schlechthin — und einer spezifischen Form der Ethik — nicht der Ethik schlechthin — gespeist hat. Wenn sich Wissenschaft und Ethik nicht in wechselseitiger Beziehung begreifen, werden wir keine Lösungen finden.

Die Analyse der Umweltpolitik und des Umweltrechts eignet sich in ganz besonderer Weise, um den Misserfolg der herkömmlichen Denkweise zu belegen. Nirgendwo kommen gesellschaftlich verbindliche Normen und Werte so klar zum Ausdruck wie in den Programmen und Gesetzen staatlicher Umweltpolitik.

Und nirgendwo spielen die wissenschaftlichen Erkenntnisse politisch eine so wichtige Rolle wie dort. Unser gesamtes gesellschaftliches Verhalten wird durch Politik und Recht gesteuert. Wie dieses Steuerungssystem in Bezug auf den Umgang der Gesellschaft mit der Natur gestaltet ist, das heißt, wie es wissenschaftliche Daten und allgemeine Wertvorstellungen aufnimmt und verarbeitet, ist deshalb von schicksalhafter Bedeutung für uns alle.

Es sind die ideologischen Barrieren der bis zum heutigen Tage betriebenen Formen des Umweltschutzes, die erkannt und beiseite geräumt werden müssen. Es geht darum, die Brille des alten Umweltschutzes, der eigentlich nur Menschenschutz bedeutet, abzunehmen und durch die Brille der ganzheitlichen Ökologie zu ersetzen. Sie erst lässt uns erkennen, dass die Umwelt nichts ist, was außerhalb von uns existiert, sondern dass wir Teil einer einzigen und einzigartigen Welt sind.

Es ist schon ein erbärmliches Zeugnis, wenn man das den Menschen in Erinnerung bringen muss. Weit vor unserer angeblich so aufgeklärten Zeit haben ganze Kulturen in dem Bewusstsein gelebt, dass alles Seiende beseelt ist. Und wir streiten allen Ernstes darum, ob Tiere Schmerz empfinden oder nicht. Die Pueblo-Indianer hatten nicht einmal ein Wort für Religion. Das ganze Leben war Religion für sie. Sie glaubten, wer Tiere und Pflanzen nicht achtet, verliert auch die Achtung vor den Menschen. So ist es ja auch gekommen ...

Wenn ich also in meiner grenzenlosen Naivität einer Ökodiktatur das Wort rede, so deshalb, weil ich den Traum nicht aufgeben will, dass wir eines Tages zurückfinden werden zu einem Verständnis, das nicht nur uns selbst, sondern auch unserer Mitwelt nützt. Sein oder Nichtsein ist zur aktuellen Alternative der Menschheit geworden.

Gelingt es ihr nicht, innerhalb kürzester Zeit zur Besinnung zu kommen und radikal umzusteuern, ob freiwillig oder mit Gewalt, wird sie überhaupt keine Chance mehr haben, die Folgen ihres kurzfristigen Konsumrausches zu überleben. Die eigentliche Frage lautet daher: Kollektiver Selbstmord oder geistige Erneuerung?

Es wird wohl auf den kollektiven Selbstmord hinauslaufen. Also vergessen Sie meine Fiktion einer Ökodiktatur. Sie müssen schon von selbst darauf kommen, dass man die notwendige Operation auch wollen muss, wenn man am Leben hängt. Ich danke Ihnen.


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