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Die Hydra des Kapitalismus

Die Hydra des Kapitalismus

Ein System ist dem Untergang geweiht, sobald man dem „Monster“ nie so viele Köpfe abschlagen kann wie ihm umgehend nachwachsen.

Das Monster Hydra

„Sollte es eine griechische Erzählung darstellen?“, dachte ich mir, als ich neulich das Theaterstück Die Hydra (1) in den Kammerspielen (Bochum) sah. Wenn der Text des Dramatikers Heiner Müller einen Prozess erörtert, indem die Herakles‘ Suche nach dem Monster Hydra tatsächlich einen Weg zu sich selbst — nämlich zu seinem Verhältnis zur Welt darstellt — ist das Prosastück in seiner modernen Inszenierung durchaus treu der griechischen Auffassung geblieben. Dennoch ging sie weit über das klassische Verständnis hinaus, weil der Weg zu sich selbst beziehungsweise das Verhältnis zur Welt in der Gegenwart ein eigentümliches Verhältnis ist. Dies ist keine idealistische, subjektive, ahistorische, kontextlose Erkenntnis der Welt, sondern die konkrete Gegebenheit der immanenten, faktischen Objektivität.

György Lukács beschreibt die ontologische Priorität des Seins über das Bewusstsein wie folgt:

„Die Autos auf der Straße können erkenntnistheoretisch sehr leicht als bloße Sinneseindrücke, Vorstellungen et cetera erklärt werden. Trotzdem: Wenn ich von einem Auto überfahren werde, so entsteht doch nicht ein Zusammenstoß zwischen meiner Vorstellung über das Auto und meiner Vorstellung über mich selbst, sondern mein Sein als lebender Mensch wird von einem seienden Auto seinsmäßig gefährdet“ (2).

Das Theaterstück verweist einerseits auf das Anhäufen der Sachen, der Waren, des Besitztums. Andererseits entsteht eine soziale Disruption durch die Entgesellschaftung, die Atomisierung und das Verfallen in der Nichtigkeit des Einzelnen — aber keineswegs des Individuums, das nur durch die und innerhalb der Gesellschaft existieren kann — und Stummheit. Das Gespräch wird zum Monolog. Die Gemeinde erscheint als die Summe vereinsamter Wesen, ein Purgatorium — ein Fegefeuer — seelenloser Seelen.

Joker, der Anarcho-Clown

Dann fiel es mir ein: Fünf Tage zuvor hatte ich den Film Joker (3) gesehen. Das, was wahrscheinlich viele Zuschauer als eine Art Fiktion betrachten, ist stattdessen unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen fast eine Dokumentation der gegenwärtig bürgerlichen Gesellschaft: Die vollkommene Negation der Politik durch die vollendende Gestalt des Kapitalismus als ein Ungeheuer, einem Krebsgeschwür gleich, dessen einzige Moral es ist, an sich und in sich unaufhörlich, hemmungslos zur Unendlichkeit zu wachsen, aber nicht für sich — es hat keinen Willen, bewegt sich wie ein Automat.

Kapitalistische Anarchie der Linken und der Rechten

Der klassisch politische Links-Rechts-Unterschied existiert nicht mehr, sondern bloß ein Anarcho-Medaillon: Auf der einen Seite lehnt die kapitalistische Klasse als Besitzer der Produktionsmittel alles Politische ab mit ihrer neoliberalen Lehre der individuellen Geschichte (4) — nicht bloß ein Paradox, sondern eine ontologische Unmöglichkeit — und der ständigen Negation des Gesellschaftlichen, wo alles sich durch den Zufall — des sogenannten freien Markts — selbst organisiert und ergibt, wo die belobte Individualität in der Praxis verschwindet wie bei dem Heideggerischen „Man“ (5) — ein leeres, durchschnittliches, amorphisches Sein, die perfekte Negation des Politischen.

Auf der anderen Seite erfolgt die restlose Zerstücklung der Nicht-Eigentümer der Produktionsmittel sowie die Umwandlung ihrer gemeinsamen Interessen in angebliche Privatinteressen, sowohl durch die Konsumpolitik — wegen des ständigen Einhämmerns des Neoliberalismus ins menschliche Hirn — als auch durch die Identitätspolitik — der von mir genannte „soziale Neoliberalismus“ —, wo das subjektive Interesse hypostasierend eine Gesamtheit darstellt, als ob die Summe der Teile eine Gesamtheit — im Sinne einer Gesellschaft — bilden könnte.

Es ist so abstrus wie der Gedanke, dass das Hirn wichtiger als das Herz sei, das Herz als die Lungen, die Lungen als das Blut, das Blut als die Leber et cetera et cetera: Der Körper ist eine Gesamtheit verschiedener Elemente, die als einzelne Teile nur eine Relevanz besitzen können, wenn sie von vornherein im Zusammenhang mit der Gesamtheit stehen. Wie der Körper ein Ökosystem ist, so ist es die Gesellschaft.

Entmonopolisierung des staatlichen Gewaltmonopols

Der Joker ist die Verwirklichung des American Psycho (6): Wo der Letztere bloß von Ermordung träumte, um seinem dissonanten Alltag zu entkommen, vollzieht der Erstere den billigen Mord, die bedenkenlose Gewalt, um sich rücksichtlos von dem massiven Druck einer oppressiven Gesellschaft zu „befreien“ — eher im Sinne einer Katharsis, nicht einer Aufhebung seiner Unterdrückungsquelle. Das Mittel, die Strategie und dementsprechend auch die Taktik, den Kontext, die Anderen et cetera berücksichtigt der Täter nicht, weil er selbst eine karikierte Form des Opfers ist und weder Verantwortung für sich beziehungsweise für seine eigenen Handlungen noch für seine Verhältnisse und Beziehungen übernimmt.

Die Entstehung von Batman, dessen Milliardärseltern infolge anarchistischer Umwälzungen ermordet worden waren, erscheint als die Reaktion des Reichen in demselben Kontext. Batman sieht sich als der Gerechtigkeitskämpfer, handelt aber so willkürlich wie diejenigen, gegen die er als Judge, Jury, Executionar kämpft. Obwohl im Diskurs die bürgerliche Gesellschaft auf dem Rechtsstaat (Rule of law) beruht, erreichen und bewahren diejenigen den kapitalistischen Erfolg, die den Rechtsstaat nicht berücksichtigen. Man braucht sich bloß in der Wirklichkeit die meisten großen Unternehmen und Unternehmer ansehen, um dies nachzuweisen.

Doch auch in den fiktiven Geschichten künstlerischer Ausarbeitungen kehrt das Motiv immer wieder. So zum Beispiel im Film Nightcrawler (7). Dort verstößt Louis Bloom, um seine Karriere aufzublasen, gegen jedes journalistische Prinzip, gegen die bürgerlichen Gesetze und begeht selbst verschiedene Verbrechen, um Nachrichten großartiger zu machen, um sich selbst als einen ausgezeichneten Journalisten zu vermarkten: Wesentlich ist ihm sein Karriereaufstieg.

Jeder, der eine minimale Ahnung von Geopolitik hat, weiß, dass Journalisten — Journalisten im Allgemeinen, das heißt nicht jeder Journalist als Einzelner — dieser Praxis täglich frönen, um illegale Kriege als Gerechtigkeitskampf zu begründen, um einen kommerziellen Gegner als einen kriegerischen Feind zu bezeichnen, um Müll als notwendige Produkte fürs menschliche Leben zu verkaufen und so weiter und so fort.

Altgriechische Tragödie der Gegenwart

Gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst trägt das Theaterstück Die Hydra eine kraftvolle Botschaft gegen die kapitalistische Gesellschaft. Ähnlich wie Goethes Faust (8), wo sein wissbegieriger Impetus keine Grenze findet; wo seine Vollendung auch seine Negation darstellt, indem er in seiner Endlichkeit nach dem Unendlichen zielt; wo er den Versuch macht, die immanente Beweglichkeit des Wissens in Stillstand zu bringen. Es ist nicht übertrieben, die Parallele mit der Marx‘ Kritik zu ziehen.

Subjektive und objektive Verkehrung der bürgerlichen Gesellschaft

Karl Marx betont sowohl die subjektiven Aspekte dieses Prozesses — die Entfremdung, als die Negation des Selbst, der eigenen Praxis (Arbeit), des Produkts dieser Praxis und der Gesellschaft, indem der Nexus zwischen Individuum und Gesellschaft aufgehoben worden ist — und den Fetischismus als die Verzauberung, die metaphysischen Eigenschaften der Sachen, als ob sie eine eigene Subjektivität besäßen und dadurch eine Selbstständigkeit hätten (9).

Im Kapital bestehen diese psychologischen Widersprüche darin, dass sie durch eine reelle Basis ermöglicht werden, deswegen weist Marx auch auf die objektiven Aspekte hin. Das Kapital — ein gesellschaftliches Verhältnis — ist nichts anderes als die praktische Negation des Selbst durch seine Preisgabe und dementsprechend Aneignung von einem anderen — wegen der subjektiven und objektiven Not, wegen des Imperativs der gesellschaftlich vorhandenen Machtverhältnisse.

Es ist ein ausbeuterisches Verhältnis, in dem sich der eine das nicht-bezahlte Produkt eines anderen aneignet — und aneignen muss, um Kapitalist zu sein —, akkumuliert und wieder überschießt, um diesen Prozess zu wiederholen. Daher stellt das Kapital eine anscheinend ewige unersättliche Kette der Ausbeutung dar, bei der auf der einen Seite die Arbeit die Quelle des Werts und daher des Mehrwerts ist, aber auf der anderen Seite die Natur der Quelle der Arbeitsbedingungen entspricht (10).

Der Verfall des US-amerikanischen Imperiums

Die Störung in den Vereinigten Staaten — die wichtigste kapitalistische Gesellschaft der Welt — wird in dem herausragenden Buch von Chris Hedges America: The Farewell Tour festgehalten (11). Neben seinen krassen journalistischen Begegnungen mit US-Amerikanern legt Hedges die tiefsten Eingeweide einer verfallenenden Kultur frei. Das Buch enthüllt die politischen, wirtschaftlichen und psychologischen Tendenzen, nämlich die historische Bewegung/Verschiebung, die hinter diesen einzigartigen Ereignissen stehen:

  1. eine ewige Kriegswirtschaft;
  2. eine kapitalistische Gesellschaft, die am besten als Unternehmens(-staats-)sozialismus beschrieben werden kann: Kapitalismus für kleine Unternehmen sowie 99 Prozent aller Individuen und Staatssozialismus für die großen Unternehmen und die wohlhabenden Top-1-Prozent;
  3. Debords Spektakel, das Realität und Diskurs ablöst, (12) und
  4. ein totalitärer Unternehmensstaat.

Dies und mehr sind die Symptome einer zerfallenden Gesellschaft, die eine „kollektive Psychose“ (13) verewigt. Die Verzweiflung ist auf ein beispielloses Maß angewachsen: „Rund 44.193 Amerikaner begehen jedes Jahr Selbstmord und weitere 1,1 Millionen Amerikaner versuchen jährlich Selbstmord“ (14).

Entindividualisierung des Individuums und seine Nichtigkeit

Die aktuelle Suche nach dem Monster draußen verweist auf das Monster des Selbst: seine Leerheit beziehungsweise Inhaltslosigkeit, seine Verantwortungslosigkeit. Das sogenannte Individuum wird mit der Entfaltung kapitalistischer Verhältnisse anomisch, zum vollendeten „Man“ — das vollständige Nichts. Oder wie Émile Durkheim schrieb: „Eine Anomie ergibt sich tatsächlich aus dem Mangel an kollektiven Kräften an bestimmten Punkten in der Gesellschaft“ (15), und Lewis Coser kommentiert: „Durkheim war davon überzeugt, dass ohne stabile soziale Bindungen, ohne Soziale Solidarität, Individualismus zum Verfall der Gesellschaft führen würde“ (16).

Die Joker- und die Hydra-Darstellungen sind deshalb zugleich Ausdruck unserer gesellschaftlichen Desintegration.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Die Hydra: Adaption von Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe, Regisseur Tom Schneider, Musiker und Schauspieler Moritz Bossmann, Michael Graessner, Sandra Hüller und Sandro Tajouri, Bochum 2019.
(2) György Lukács, „Prolegomena zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“, in Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Band 1, Darmstadt, Neuwied: Luchterhand, 1984, Seite 11.
(3) Joker: Regisseur Todd Phillips, Drehbuch Todd Phillips, Scott Silver, Bob Kane, Bill Finger, Jerry Robinson, Hauptschauspieler Joaquin Phoenix, Canada und Vereinigte Staaten, 2019.
(4) Walter Eucken, Nationalökonomie wozu?, Düsseldorf und München: Verlag Helmut Küpper, 1961.
(5) Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1967.
(6) American Psycho: Regisseur Mary Harron, Buch Bret Easton Ellis, Drehbuch Mary Harron, Guinevere Turner, Hauptschauspieler Christian Bale, Canada und Vereinigte Staaten, 2000.
(7) Nightcrawler: Regisseur Dan Gilroy, Drehbuch Dan Gilroy, Hauptschauspieler Jake Gyllenhaal, Vereinigte Staaten, 2014.
(8) Johann Wolfgang von Goethe, Fausto: Uma Tragédia: Primeira Parte, 1a ed. (São Paulo: Editora 34, 2004); Johann Wolfgang von Goethe, Fausto: Uma Tragédia: Segunda Parte, 1a ed., São Paulo: Editora 34, 2007.
(9) Karl Marx, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 40, Berlin: Dietz Verlag Berlin, 1968.
(10) Karl Marx, MEW, Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1962.
(11) Chris Hedges, America: The Farewell Tour, New York, London, Toronto, Sydney, New Delhi: Simon & Schuster, 2018.
(12) Das Debordsche Spektakel ist meine eigene Deutung der Kritik Hedges. Guy Debord, La Société du Spectacle, Paris: Gallimard, 1992; Guy Debord, Commentaires sur la société du spectacle, Paris: Gallimard, 1992.
(13) Hedges, America: The Farewell Tour, Seite 54.
(14) Ebenda, Seiten 88 bis 89.
(15) Émile Durkheim, Suicide: A Study in Sociology, London, New York: Routledge, 1952, Seite 350.
(16) Lewis Coser, „Introduction“, in „Émile Durkheim, On the Division of Labor in Society“, Basingstoke, London: MacMillan, 1984, xiv.

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