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Die Höllenfahrt

Die Höllenfahrt

So lange das Wirtschaftswachstum unser Gott ist, sind die globalen Probleme nicht zu lösen. Exklusivabdruck aus „Die Resonanz-Strategie“.

Die Stadt Dschagannath war in der indischen Mythologie das Zentrum der Verehrung des Hindugottes Krischna (1). Dort, so erzählt man sich, soll jeden Sommer ein 14 Meter hoher, hölzerner Wagen mit 16 Rädern und einem Bild Krischnas von Tausenden von Menschen rund einen Tag lang durch die Straßen gezogen worden sein. Er sei voll bepackt mit Menschen gewesen und habe im Laufe der Fahrt, besonders wenn es bergab ging, enorm an Tempo zugelegt, sodass es regelmäßig zu tödlichen Unfällen gekommen sei. Manche Gläubige sollen sich im Rausch dieses Festes sogar ganz bewusst vor den Wagen geworfen haben.

Für den englischen Soziologen Anthony Giddens ist die Geschichte vom Dschagannath-Wagen ein Sinnbild für das Wesen der Moderne, für die Risiken ihres Fortschrittsbegriffs (2). Auch die Moderne sei eine mit ungeheurer Energie angetriebene Riesenmaschine, die der Kontrolle des Menschen zu entgleiten drohe. Entscheidend sei, so Giddens, dass es bei all dieser Bewegungsenergie immer schwieriger werde zu klären, wer eigentlich dafür verantwortlich ist, wenn Menschen unter die Räder kommen (sozialer Aspekt) oder der ganze Wagen in den Abgrund rast (ökologischer Aspekt).

Wenn sich heute der Eindruck verdichtet, die Welt sei aus den Fugen geraten, so lässt sich auch dieses Bild unschwer in die Geschichte von der „Höllenfahrt“ integrieren: Man stelle sich nur vor, der hölzerne Wagen wird aus Altersschwäche wacklig und brüchig, seine Räder lösen sich von den Achsen, und der Wagen fällt schließlich auseinander.

In der indischen Mythologie war es die Gottheit, der die Menschen geopfert wurden oder der sie sich selbst opferten. In der modernen Realität sind es die ständig beschworenen „Sach“zwänge, denen wir unterworfen sind oder denen wir uns selbst unterwerfen: allen voran der Zwang des Wirtschaftswachstums. Dabei handelt es sich in Wahrheit um einen Zwang, der vom Menschen — nicht von der Sache — ausgeht, also von einem Naturzwang klar abgegrenzt werden muss. Genau dieser menschengemachte Zwang des Wirtschaftswachstums ist es, dem wir das Mantra des „Schneller, höher, weiter“ zu verdanken haben.

Kontrollverlust, organisierte Unverantwortlichkeit, Doppelmoral

Ein aktuelles Beispiel für diesen Wachstumszwang findet sich in der Frage, womit wir unsere Autos antreiben sollen. Lange Zeit hieß es, der Dieselmotor sei dem Benzinmotor vorzuziehen. Ein Argument war, dass bei der Verbrennung von Diesel weniger Kohlendioxid entstehe und Dieselmotoren deshalb das Klima nicht so stark belasten würden. Heute wissen wir, dass Dieselmotoren stattdessen solche Mengen an Stickoxiden in die Luft blasen, dass in vielen Großstädten an zahlreichen Kreuzungen und Straßen die Grenzwerte um ein Vielfaches überschritten werden und diese Motoren für Zehntausende von Todesfällen zumindest mitverantwortlich sind.

Offensichtlich haben wir innerhalb einer zwanghaft wachsenden Wirtschaft nur die Wahl zwischen der Pest der Klimazerstörung und der Cholera der Atemwegserkrankungen.

Die Forderung nach räumlich oder zeitlich begrenzten Fahrverboten stößt auf heftigsten Widerstand, der Entzug der Zulassung für Autos mit einem besonders hohen Schadstoffausstoß wird so lange wie möglich hinausgeschoben. Stattdessen machte ein schwäbischer Unternehmer ernsthaft den Vorschlag, spezielle Luftreinigungsanlagen zu bauen und an allen belasteten Orten aufzustellen (3), und die Verantwortlichen diskutieren lieber über die Entschärfung der Grenzwerte. Mittelfristig setzt man auf die Elektrifizierung der weltweiten Autoflotte, ohne zu wissen, woher all die Batterien, der Strom und vor allem die gigantische Menge an Metallen, die für diese Antriebstechnologie erforderlich sind, kommen sollen.

Hauptsache, die Wirtschaft wächst weiter. Wie der „Sach“zwang des Wirtschaftswachstums zum Kontrollverlust über unsere Art des Wirtschaftens und Lebens führt, zeigt sich besonders deutlich in den vielfältigen Rückkoppelungseffekten unseres Verhaltens.

Solche Rückkoppelungen, die in der Sozialwissenschaft „Rebound-Effekte“ genannt werden, gelten als Hauptproblem, wenn es darum geht, das Ziel der Energieeinsparung über eine Effizienzstrategie (meist als Steigerung der Energieeffizienz bei technischen Geräten) erreichen zu wollen. Wenn Licht und Verkehr weniger Energie kosten, wird eben das Lichtdesign großzügiger ausgelegt (mehr Lichtquellen, längere Beleuchtung) oder der motorisierte Individualverkehr attraktiver (mehr Autoverkehr, längere Strecken, höhere Geschwindigkeiten).

Rückkoppelungseffekte, die zum Kontrollverlust führen, begegnen uns im privaten Alltag genauso wie in der großen Politik. Im reichen Norden der Welt reagieren beispielsweise viele Menschen auf Belastungen am Arbeitsplatz nicht nur, indem sie ihre Gesundheit, ihre Familien und ihre sozialen Beziehungen vernachlässigen, sondern auch mit einem besonders aufwendigen, also kompensatorischen Konsumverhalten. „Work hard, play hard“ (4), heißt dann die Devise. Solche Kompensationsstrategien bauen die Belastungen selten ab, sie vergrößern sie eher. Das gilt vor allem für den ökologischen Fußabdruck, den sie dabei hinterlassen.

Im ärmeren Süden der Welt werden immer noch Kinder als Sozialversicherung gezeugt, was in aller Regel die Armut noch vergrößert. Weitere Beispiele für Rückkoppelungen mit Kontrollverlust ließen sich fast beliebig aufzählen: Der Süden wie der Norden der Welt nimmt regelmäßig die Senkung des Grundwasserspiegels in Kauf, sobald die Wasservorräte knapp werden und das Wasser aus immer tieferen Schichten heraufgepumpt wird. Oder: Weltweit sehen sich Kommunen aufgrund des Mangels an bezahlbarem Wohnraum dazu gezwungen, neues Bauland auszuweisen und die Sozial- und Umweltstandards beim Bauen abzusenken.

Rückkoppelungen, die uns die Kontrolle rauben, ergeben sich auch dort, wo Wohnungen und Gewerbegebiete auf die grüne Wiese gesetzt werden und die Verantwortlichen alsbald auch für entsprechende Straßen sorgen müssen, die wiederum Verkehr anziehen und weitere Straßen nötig machen. Um Rückkoppelungen handelt es sich auch, wenn ökonomische Entwicklungen nach dem sogenannten Matthäus-Prinzip voranschreiten: Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, dem wird auch der kleine Rest noch aus der Tasche gezogen. Dieses Prinzip findet sich in vertikaler wie horizontaler Hinsicht: Reiche und Mächtige werden reicher und mächtiger, Metropolen, ihre Speckgürtel, die Zentren der Weltwirtschaft wachsen, das Land, die Peripherien dümpeln vor sich hin, werden abgehängt und vergessen.

Das kann schnell gefährlich werden.

Wo soziale Ungleichheit durch Wirtschaftswachstum bekämpft wird, nimmt man in Kauf, dass mit wachsendem materiellen Wohlstand weder die sozialen Unterschiede verschwinden noch Menschen dadurch wirklich dauerhaft zufriedener und Gesellschaften friedlicher werden.

Nationalstaaten sind vielmehr darum bemüht, soziale Spannungen durch Steigerung des Wirtschaftswachstums auszugleichen, um so die im Wettbewerb zu kurz gekommenen Menschen ruhigzustellen, ohne dass den Gewinnern etwas weggenommen werden muss — immer auch mit entsprechenden Konsequenzen für den ökologischen Fußabdruck.

Ein Aspekt dieses Fußabdrucks ist bekanntlich der Klimawandel, der positive Rückkoppelungen besonders anschaulich demonstriert, wenn wir etwa an die sich systematisch verstärkende Emission von Treibhausgasen denken, die mit dem Auftauen der Permafrostböden einhergeht. Und wo natürliche Ressourcen in Polizei, Militär, Rüstung und Krieg investiert werden, um die sozialen Konflikte auf einer enger werdenden Welt unter Kontrolle zu halten, kann es nicht verwundern, dass dies zur weiteren Verknappung genau dieser Ressourcen beiträgt. Genau dadurch entstehen aber neue Unsicherheiten, die wiederum verstärkte militärische Anstrengungen als unabwendbar erscheinen lassen (Krieg um Öl, Wasser, Metallvorkommen).

All diese sogenannten positiven Rückkoppelungen haben natürlich nichts Positives an sich: In der Umgangssprache heißen sie treffend „Teufelskreise“. Sie sind besonders gefährlich, da sie immer wieder zu Kipppunkten führen, an denen der über längere Zeit zunehmende Kontrollverlust regelmäßig in eine Katastrophe mündet: wenn sich etwa der Deich doch als zu niedrig erweist oder aus den sich stetig verschärfenden Spannungen plötzlich ein Krieg wird.

Insgesamt bilden diese sich selbst verstärkenden Dynamiken die Fundamente für jenen Zustand, den der Soziologe Ulrich Beck treffend als „organisierte Unverantwortlichkeit“ bezeichnet hat (5). Sie erschüttert nicht nur das Vertrauen in die Verantwortlichen, die immer weniger zu identifizieren sind, sondern erzeugt zudem Opfer, die gleich unter einer doppelten Ungerechtigkeit leiden: Die am wenigsten Schuldigen werden erstens am härtesten bestraft, und die so Bestraften haben zweitens auch die geringsten Mittel, sich gegen das, was ihnen zustößt, zur Wehr zu setzen.

Der Klimawandel ist hierfür nur ein Beispiel unter vielen.

Wo Verantwortliche immer schwerer zu finden sind oder, als Getriebene und Ratlose, nicht ohne Grund selbst Mitleid auf sich ziehen, wird besonders gern an die Moral appelliert. Die konzentrierte Sorge um die Moralität der Menschen gilt vielen als Allheilmittel, als letzte Zuflucht auf der Suche nach Kontrolle.

Daran knüpft sich die Hoffnung, dass durch eine in Familien, Schulen und Medien stattfindende Werteerziehung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen das Verhalten von Konsumenten und Produzenten, von Wählern und letztlich auch von gewählten Politikern so beeinflusst werden könnte, dass die prognostizierten Fehlentwicklungen und Katastrophen doch noch abzuwenden seien.

Im merkwürdigen Kontrast zu diesem Versuch der moralischen Aufrüstung steht allerdings die allgegenwärtige Doppelmoral vieler Verantwortlicher. Doppelmoral und Entleerung des Moralbegriffs zeigen sich derzeit in keinem Politikfeld so deutlich wie beim Thema Migration und Flucht. Sobald man zur Kenntnis nimmt, dass der Großteil der Fluchtursachen durch den globalen Norden selbst geschaffen worden ist — durch perspektivlose Interventionskriege, durch Paktieren mit und Aufrüsten von zwielichtigen Bündnispartnern, durch jahrhundertelange Ausbeutung ganzer Erdteile und zuletzt durch systematische Destabilisierung des Weltklimas und andere Formen der Zerstörung von Lebensgrundlagen —, verliert die herrschende Migrations- und Asylpolitik jede Glaubwürdigkeit.

Der globale Norden verhält sich wie ein Hausbesitzer, der, nachdem er sich im Garten seines Nachbarn reichlich bedient und dessen Gemüsebeete und Beerensträucher ziemlich verwüstet hinterlassen hat, den Zaun um sein eigenes Anwesen zu einer unüberwindlichen Hürde ausbaut und dem Nachbarn, wenn er anklopft und um Hilfe bittet, nur unter strengsten Auflagen (restriktive Kriterien im Asyl- und Einwanderungsrecht) die Tür öffnet (6).


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Quellen und Anmerkungen:

Die Anmerkungen und Quellen zu diesem Text finden Sie im Buch.

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