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Die Höherzüchter

Die Höherzüchter

Transhumanisten planen eine genetisch begründete Zweiklassengesellschaft, die einen Großteil der Menschheit zu entrechten sucht.

Dieser Artikel gibt im ersten Teil einen Vortrag des Historikers Yuval Harari wieder, den dieser 2018 auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos gehalten hat, und geht dann der Frage nach, warum sich die Akteure des WEF für Hararis Denken interessieren. Im zweiten Teil wird über Konsequenzen eines eugenischen Transhumanismus für die Menschheit und die Menschlichkeit reflektiert. Im kurzen dritten Teil wird das Hume’s Paradoxon erläutert. Der vierte Teil gibt Hoffnung und zeigt auf, dass evolutionäre Mechanismen auch in der Medienlandschaft wirken. Die den Supermächtigen dienenden, etablierten, zentralistisch agierenden Medien werden durch dezentrale, bürgernahe und unabhängige Medien, die der Menschlichkeit dienen, verdrängt.

Der Artikel ist mit kleinen Änderungen dem Buch und Online-Text „Evolution, Eugenik und Transhumanismus“ entnommen.

Davos und Transhumanismus

Der in diesem Buch (1) schon mehrfach erwähnte Historiker Yuval Harari war im Jahr 2018 zum Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen, wo er einen an sein Buch „Homo Deus“ angelehnten Vortrag (2) hielt, der hier aus dem Originalenglisch übersetzt wurde:

„Ich möchte heute zu Ihnen über die Zukunft unserer Art reden und tatsächlich über die Zukunft des Lebens. Wir sind wahrscheinlich eine der letzten Homo-sapiens-Generationen. Innerhalb eines oder zwei Jahrhunderten wird die Erde von Wesen bevölkert sein, die sich stärker von uns unterscheiden, als wir uns von Neandertalern oder Schimpansen unterscheiden. Denn in den kommenden Generationen werden wir lernen, Körper und Gehirne und Geist zu erschaffen.

Diese werden die Hauptprodukte der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts werden. Nicht Textilien, Fahrzeuge und Waffen, sondern Körper, Gehirne und Geist. Aber wie genau werden die zukünftigen Herrscher des Planeten aussehen? Dies wird von den Menschen, die die Daten besitzen, entschieden werden. Die, welche die Daten kontrollieren, werden nicht nur die Zukunft der Menschheit kontrollieren, sondern die Zukunft selbst.“

„Heutzutage sind Daten das wichtigste Vermögen der Welt. In früheren Zeiten war Land das wichtigste Vermögen. Zu viel Land war in zu wenigen Händen konzentriert. Die Menschheit spaltete sich in Aristokraten und Gemeine auf. Dann in der Moderne, in den letzten zwei Jahrhunderten, ersetzten Maschinen das Land als das wichtigste Vermögen. Und wenn zu viele Maschinen in zu wenigen Händen konzentriert waren, spaltete sich die Menschheit in Klassen, in Kapitalisten und Proletarier. Jetzt ersetzen Daten die Maschinen als die wichtigsten Vermögen. Und wenn sich zu viele der Daten in zu wenigen Händen konzentrieren, wird die Menschheit sich spalten, nicht in Klassen, sondern in Arten.“

„Nun, warum sind Daten so wichtig? Sie sind wichtig, da wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir nicht nur Computer hacken können, sondern Menschen und andere Organismen. (…). So, was braucht man, um einen Menschen zu hacken? Man braucht viele Daten und viel Computerrechenleistung. Tatsächlich braucht man biometrische Daten, also nicht Daten darüber, was ich kaufe oder wohin ich gehe, sondern Daten darüber, was innerhalb meines Körpers und innerhalb meines Gehirns passiert.“

„Tatsächlich kann man 150 Jahre biologischer Forschung seit Charles Darwin in drei Worten zusammenfassen: ‚Organismen sind Algorithmen‘ (…) und wir lernen, diese Algorithmen zu entschlüsseln. Jetzt, da die beiden Evolutionen verschmelzen, da die Infotechnologie mit der Biotechnologie verschmilzt, was entsteht ist die Fähigkeit, Menschen zu hacken. (…). Wenn wir erst einmal Algorithmen haben, die mich besser verstehen, als ich mich verstehe, können diese meine Begehren vorhersagen, meine Gefühle manipulieren und sogar an meiner Stelle Entscheidungen treffen. Und wenn wir nicht vorsichtig sind, könnte das Aufkommen digitaler Diktaturen das Ergebnis sein.“

„Im 20. Jahrhundert war die Demokratie der Diktatur überlegen, da die Demokratie Daten besser verarbeiten und Entscheidungen treffen konnte. Wir haben uns daran gewöhnt, über Demokratie und Diktatur in ethischen oder politischen Begriffen zu reflektieren, aber tatsächlich sind sie zwei verschiedene Methoden der Datenverarbeitung. Demokratie verarbeitet Daten über verteilte Instanzen. Die Informationen und die Entscheidungsmacht werden über verschiedene Institutionen und Individuen verteilt. Diktaturen hingegen konzentrieren alle Informationen an einer Stelle.”

„Nun, unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts funktioniert die verteilte Datenverarbeitung besser als die zentralisierte, welches eine der Hauptgründe sein dürfte, warum die Demokratie der Diktatur überlegen war und die US-Wirtschaft die Sowjet-Wirtschaft übertrumpfte. Aber dies gilt nur unter den einmaligen technologischen Bedingungen des 20. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert könnten neue Technologien, besonders KI und Maschinenlernen, das Pendel in die andere Richtung schwingen. Sie könnten zentralisierte Datenverarbeitung weit effizienter machen als verteilte Datenverarbeitung. Wenn die Demokratie sich nicht an diese neuen Bedingungen anpassen kann, werden die Menschen unter der Macht einer digitalen Diktatur leben.“

„Aber die Kontrolle von Daten könnte menschliche Eliten zu etwas noch Radikalerem als dem Aufbau digitaler Diktaturen ermächtigen. Durch das Hacken von Organismen könnten Eliten die Macht gewinnen, das Leben selbst neu zu erschaffen. (…). Und wenn wir es tatsächlich schaffen, Leben zu hacken und neu zu erschaffen, wird dies nicht nur die größte Revolution der Menschheitsgeschichte sein. Dies wird die größte Revolution seit Beginn des Lebens vor 4 Milliarden Jahren sein. (…) Alles Lebende war bisher den Gesetzen der natürlichen Selektion und denen der Organischen Biochemie unterworfen. Aber das ändert sich gerade. Die Wissenschaft ersetzt die Evolution durch natürliche Selektion durch Evolution durch intelligentes Design.“

„Die Wissenschaft könnte es dem Leben ermöglichen, in das Reich des Anorganischen vorzudringen. Nach 4 Milliarden Jahren organischen Lebens, geformt durch natürliche Selektion, dringen wir in das Zeitalter des anorganischen Lebens, geformt durch intelligentes Design, ein. Deshalb ist der Datenbesitz so wichtig. Wenn wir diesen nicht regulieren, dürfte eine kleine Elite nicht nur dazu kommen, die künftigen menschlichen Gesellschaften zu kontrollieren, sondern die Beschaffenheit der Lebensformen in der Zukunft. (…) Wie kann man den Besitz von Daten regulieren? Die Zukunft, nicht nur der Menschheit, aber des Lebens selbst dürfte von der Antwort auf diese Frage abhängen.“

Warum interessiert sich das Weltwirtschaftsforum für den Philosophen Harari?

Harari selbst ist zweifellos einer der visionären Denker unserer Zeit und ich habe seine Bücher immer auch als Warnung vor einer dystopischen Zukunft verstanden. Auch die Rede vor dem Weltwirtschaftsforum hat er wahrscheinlich mit guten Absichten gehalten. Wahrscheinlich wollte er davor warnen, dass Datenmachtkonzentration in wenigen Händen zu unheimlich großen, noch nie dagewesenen Ungleichheiten führt, zu einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen zur vollkommen versklavten Klasse der Überflüssigen gehören werden.

Die maßgeblichen Akteure des Weltwirtschaftsforum haben sicherlich offene Ohren für Hararis Analysen, könnten aber anders gelagerte Intentionen haben. Hararis Intention möge darin liegen, vor entstehenden Ungleichheiten zu warnen. Die derzeitigen „Supermächtigen“ mögen aber eher daran interessiert sein, die von Harari dargelegten gesellschaftlichen Phänomene so zu steuern, dass eigene Macht und Privilegien erhalten bleiben.

„Supermächtige“ sind in der Regel superreiche Individuen, die über multinationale Organisationen wie Firmen oder Stiftungen organisiert sind und durch Erbe und die Mechanismen des „The winner takes it all capitalism“ zu ihrer Stellung gekommen sind. Als Durchsetzungsorganisationen dienen Think Tanks, Stiftungen, internationale Organisationen, Politiker, Lobbyisten, Lehr- und Bildungssysteme, Finanzorganisationen und Geld. Selbst wenn diese supermächtigen Individuen mehr gute als schlechte Absichten haben sollten, werden sich die Absichten durchsetzen, die den wirtschaftsdarwinistischen Mechanismen folgen.

Dass Harari beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos sprechen durfte, ist sicherlich kein Zufall. Das WEF wird von uns als Veranstalter von Konferenzen, vor allem dem Jahrestreffen der Reichen und Mächtigen in Davos wahrgenommen, dabei dürfte diese als Stiftung organisierte Organisation weit mehr sein, als ein Konferenzveranstalter. Das selbsterklärte Ziel des WEF lautet, „den Zustand der Welt zu verbessern“, woraus sich der Anspruch, die Welt aktiv zu gestalten, ablesen lässt.

Diese aktive Gestaltung der Welt versucht das WEF derzeit durch die „Great Reset“-Initiative, deren Ziel die Transformation der gesamten Weltwirtschaft ist, durchzusetzen. Die „Great Reset“-Initiative soll eine 4. Industrielle Revolution zu einer digital-pharmazeutisch dominierten Ökonomie bewirken. Die erklärten Ziele des WWF enthalten fairere Märkte und mehr Gleichheit und Nachhaltigkeit in einer „stakeholder economy“. Auf der Eingangsseite der „Great Reset“-Initiative steht Covid-19 im Zentrum. Die „Great Reset“-Initiative will demnach die globalen „stakeholder“ dazu aufrufen, den Konsequenzen von Covid-19 mit der „Great Reset“-Initiative zu begegnen, um die Welt zu verbessern (3).

De facto ist es durch die Covid-19-Maßnahmen zu einem drastischen Einbruch der Weltwirtschaft gekommen, wobei insbesondere kleinere Unternehmen und Selbstständige leiden, während die großen Digitalkonzerne und auch die pharmazeutische Industrie große Gewinne verbuchen.

Hinsichtlich der Lieferwege kommt es zur Zerstörung der kleinen Geschäfte und einem Ausbau einiger weniger Firmen, allen voran Amazon, welche die weltweiten Vertriebsketten monopolisieren — eine Amazonisierung der Weltwirtschaft.

Die Ziele, die der WEF nach eigenem Bekunden mit dem „Great Reset“ befolgt, sind durchaus wohlmeinende. Sie strukturieren sich um die „Sustainable Development Goals“ — die nachhaltigen Entwicklungsziele — der Vereinten Nationen. Diese sind

  1. Armut beenden,
  2. Ernährung sichern,
  3. gesundes Leben,
  4. Bildung für alle,
  5. Gleichstellung der Geschlechter,
  6. Wasser und Sanitärversorgung,
  7. nachhaltige und moderne Energie,
  8. nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung,
  9. widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung,
  10. Ungleichheit verringern,
  11. nachhaltige Städte und Siedlungen,
  12. verantwortungsvoller Konsum,
  13. Klimawandel bekämpfen,
  14. Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane,
  15. Landökosysteme schützen,
  16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen,
  17. Umsetzungsmittel und globale Partnerschaft stärken.

Diese Ziele sind alle sehr wohlklingend. Kritiker sagen, dass 17 Unterpunkte zu viel sind, als dass ein Mensch sie überblicken könnte. Befürworter argumentieren, dass eine komplexe Welt sich nur durch komplexe Konzepte erfassen lässt. Wenn also die Vereinten Nationen und die sie steuernden Organisationen und Lobbygruppen versuchen, ein derart umfassendes, möglichst vollständiges Bild der Ziele abzugeben, sollte man mal genauer hinsehen, welche Werte explizit nicht erwähnt sind.

Hierbei fällt auf, dass Freiheitsrechte und demokratische Mitbestimmung mit Selbstbestimmung der Völker und Individuen nicht im Vordergrund stehen. Auch könnte man beim dritten Ziel „Gesundes Leben“ nach mehr als einem Jahr Pandemieerfahrung anmerken, dass dieses Ziel auch eine Abwertung kranker Menschen implizieren könnte — man denke nur an den „Bleiben Sie gesund!“-Imperativ, der im Frühjahr 2020 verbreitet wurde.

Eugenischer Transhumanismus als gerechtes Menschheitsprojekt?

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen gezielt in die Evolution der eigenen Art eingreifen werden wollen. Diese Eingriffe einfach geschehen zu lassen, könnte aber zu schweren gesellschaftlichen Verwerfungen führen, wenn biologisch unterlegene Menschenarten mit biologisch überlegenen Menschenarten zusammenleben müssen. Aldous Huxley hat in seinem utopischen Roman „Brave New World“ eine fiktive Gesellschaft, die durch genetische Klassen strukturiert ist, beschrieben, wobei die Zufriedenheit mit der eigenen Klassenzugehörigkeit genetisch mitverankert ist, so dass die Menschen zwar unfrei, aber zufrieden sind.

Entscheidend ist auch, ob genetische Modifikationen im Wesentlichen über die Keimbahn erfolgen werden — „Designerbabys“ — oder ob ein lebender Homo sapiens „verbessert“ werden kann — kann ich mich durch Genmodifikation zu Lebzeiten intelligenter machen, den Alterungsprozess aufhalten und unsterblich werden? Der Weg über die Keimbahn erfordert eine altruistische Elterngeneration, die den Kindern einen Vorteil verschaffen möchte. Theoretisch wäre die allmähliche Verbesserung der gesamten Menschheit von Generation zu Generation möglich, sozusagen als gemeinsames Menschheitsprojekt.

Die Unterdrückung und Ausbeutung der jeweilig lebenden „unterlegenen Art“ durch die zeitgleich lebende „überlegene Art“ könnte so auch verhindert werden, da es sich bei der unterlegenen Art um die Eltern oder Großeltern der überlegenen Art handelte. Durch diese von Generation zu Generation erfolgende Optimierung könnte man sich die Höherzüchtung des Menschen sogar als einigermaßen harmonisch ablaufende Utopie jenseits der grauenhaften, faschistoiden Szenarien, die einem sonst bei diesem Begriff in den Sinn kommen, vorstellen. Voraussetzung wäre aber ein weltweit koordiniertes Vorgehen.

Und hier wird es dann eben doch wieder totalitär anmutend, da die freie Entscheidung des Individuums über den eigenen Körper, beziehungsweise stellvertretend über die Genetik der eigenen Kinder, mit einem weltweit abgestimmten Vorgehen schwer vereinbar ist. Wer entscheidet, wie und wann Genommodifikationen für die nächste Generation auszusehen beziehungsweise zu erfolgen haben?

Welche Bedeutung haben Individualität und Elternschaft noch, wenn der Nachwuchs sowieso genetisch angeglichen wird? Und wie kann sichergestellt werden, dass die Genommodifikationen der Folgegeneration dann auch weltweit einheitlich durchgesetzt werden und nicht allerorten eigene, kompetitiv vorteilhafte Modifikationen eingebracht werden? Und was ist mit den sicherlich zahlreichen Menschen, die sich weigern, sich oder ihre Kinder genetisch modifizieren zu lassen?

Wenn wir aber den sich abzeichnenden eugenischen Transhumanismus den „Kräften des Marktes“ überlassen, wird die Höherzüchtung des Menschen zu einem reinen Elitenprojekt werden.

Genetische Optimierungen werden nur von reichen Menschen der globalen Oberschichten wahrgenommen werden können. Die der Erklärung der Menschenrechte zugrunde liegende Annahme, dass alle Menschen frei und wertgleich sind, würde hinfällig werden. Wahrscheinlich wäre es tatsächlich das Beste, den eugenischen Transhumanismus zu verhindern, allerdings bezweifle ich, dass das noch möglich ist. Schließlich ist dieses Übel bereits aus der Büchse der Pandora entwichen (4).

Insbesondere Eingriffe, die zur deutlichen Verlängerung des Lebens führen bis hin zum Konzept prinzipieller Unsterblichkeit, werfen neue existentielle Fragen für Gesellschaften und die ganze Menschheit auf: Wie könnte die Menschheit einem Überbevölkerungskollaps in wenigen Generationen entgehen, wenn plötzlich alle Menschen viele Hundert Jahre lebten und sich weiterhin fortpflanzten? Lebenszeit und Fortpflanzungsrechte würden dann zu einer zu verteilenden Ressource werden.

Durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine können sich transhumanistische Kasten bilden mit länger lebenden, privilegierten Schichten, die weitergehende Zugangsrechte im Internet haben und bessere Implantate tragen, deren Interaktion sie selbst stärker steuern können als Menschen niederer Sklavenkasten, bestehend aus dem Großteil der Menschheit. Ein „Offline“-Privileg, dass nur die obersten Kasten haben, ist zum Beispiel denkbar, während der Masse der niederen Kasten dieses Privileg nicht zugestanden wird und diese auch kaum Steuerungsmöglichkeiten und somit keinerlei Privatsphäre mehr haben wird. Zugänge zu Macht und Einfluss lassen sich auch im virtuellen Raum über Zugangsrestriktionen streng regulieren.

Gleichzeitig muss natürlich dafür gesorgt werden, dass die Menschen dennoch zufrieden, also zumindest materiell versorgt sind und Zugang zu fesselnd unterhaltsamen und angenehmen virtuellen Welten erhalten. Im Grunde kann man ja jedem Individuum eine virtuelle Welt zugestehen, die dem Individuum gehört und in der das Individuum Macht und Einfluss, Wohlstand und Zufriedenheit, Erfüllung und Befriedigung erfährt. Dann ist die höchste — oder niederste? — nur vorstellbare Ebene der Sklaverei erreicht, nämlich die Situation, in der sich die Sklaven gegen ihre eigene Versklavung nicht mehr erheben, sondern sich stattdessen mit ihr identifizieren. Würden Transhumanismus und Eugenik so ihre Vollendung finden?

Das Hume‘s Paradox: Warum können so wenige so viele unterwerfen?

Noam Chomsky wies in seinen Reden immer wieder auf die Tatsache hin, dass autoritäre Machtsysteme stärker und mächtiger wirken, als sie eigentlich sind. Die De-facto-Macht läge eigentlich in der Hand der „Vielen“, die der Macht „Weniger“ unterworfen sind. Dieses Phänomen nannte Chomsky „Hume‘s Paradoxon“ nach dem schottischen Aufklärungsphilosophen David Hume (1711 bis 1776).

Insbesondere in Staaten und Machtsystemen, die äußerlich Meinungsfreiheit gewähren, sei deshalb die Medien- und Meinungsindustrie von außerordentlicher Wichtigkeit: Wenn man den der Macht Unterworfenen zugesteht, frei ihre Meinung zu äußern, muss man dafür sorgen, dass das im Volk entstehende Meinungsspektrum im Interesse der Machthaber liegt (5). Die Aufgabe des Medienapparates liegt also darin, die „öffentliche Meinung“ so zu steuern, dass die „Mehrheitsmeinung“ zu Disziplinierungsmechanismen führt, so dass Abweichler durch andere Menschen aus dem Volk bestraft werden, zum Beispiel durch Diffamierung und soziale Ächtung (6).

Hoffnung — Wir sind die Vielen

Hararis‘ „Wer die Daten hat, der hat die Macht“ enthält im Kern die altbekannte Weisheit „Wissen ist Macht“. Harari warnt zu Recht vor einer Konzentration der Daten bei den wenigen Superreichen und Mächtigen der Welt. Die Netzwerke dieser Mächtigen operierten bisher meist im Verborgenen und auch heute noch dürften viele der mächtigsten Akteure weitgehend unbekannt sein.

Allerdings ist diese Macht der Wenigen über die Vielen — Humes‘ Paradoxon — derzeit bedroht. Das Internet ermöglicht es nämlich den vielen sich zu vernetzen und Informationen ans Licht zu zerren und auszutauschen.

Im Jahr 2020 tobte der Kampf der Mächtigen um den Erhalt ihrer Macht und untereinander um die Macht besonders heftig. Solche Machtkämpfe dürften nichts Neues sein, jedoch sind diese Kämpfe im Jahr 2020 plötzlich auch für die Vielen, der Macht Unterworfenen, spürbar geworden. Natürlich sind nicht alle Reichen und Mächtigen „böse“. Es ist sogar davon auszugehen, dass die „Vielen“, der Macht Unterworfenen, auch mächtige Unterstützer unter den Reichen haben, die Frieden und Freiheit aller Menschen fördern. Ohne solch mächtige Unterstützung ist eine „Befreiung“ der Menschen schwerlich denkbar. Allerdings besteht auch wieder die Gefahr, dass die „Vielen“ passiv bleiben und auf einen „Erlöser“ hoffen.

Voraussetzung ist aber, dass genügend Menschen sich selbst „innerlich befreien“, also ihr Handeln weniger von externen Einflüssen leiten lassen. Natürlich kann ein Mensch in einer komplexen Gesellschaft nicht vollkommen frei sein.

Alltagsfreiheiten waren jedoch vor 2020 weltweit so ausgeprägt, dass die meisten Menschen die existierenden (Schein-?)Freiheiten als zufriedenstellend empfanden. Erst die enormen globalen Freiheitseinschränkungen des Jahres 2020 haben dazu geführt, dass viele Menschen sich externer Unterdrückung- und Freiheitseinschränkungen erst bewusst geworden sind.

Für viele der „Vielen“ hat geradezu ein Prozess des Erwachens eingesetzt.

Viele der „Vielen“ dürften auch zum ersten Mal gespürt haben, dass sie de facto eben nicht frei sind. Auch spürt man eine massive Erschütterung des Vertrauens in die „Regierenden“. Ich schreibe absichtlich „spürt“, da dieser Vertrauensverlust vielen gar nicht bewusst ist oder geradezu geleugnet wird.

Man möchte sich nicht eingestehen, dass man sich im Grunde eben nicht den Herrschenden anvertrauen kann. Dies erschüttert jedoch ein tiefes Urvertrauen, das in der menschlichen Evolution entstanden ist. Der Mensch durchlebt eine jahrelange Abhängigkeitsphase, die Kindheit, in der das Vertrauen auf die elterliche Macht ein Überlebensvorteil ist. Ohne Autoritäten, denen wir vertrauen können wollen, fühlen wir uns einsamer und verlorener.

Vertrauen kann aber leider missbraucht werden. Das weltweite Ausmaß von Machtmissbrauch wird heutzutage dank unabhängiger Jedermann-Medienportale ausgeleuchtet. Der Machtmissbrauch ist im Grunde leicht zu sehen. Der schwierigste Schritt scheint der vom „Sehen“ zum „Einsehen“ zu sein, das heißt unterbewusstes Leugnen des Gesehenen zu überwinden.

Dieses Leugnen wird massiv von systemtreuen Medien gestützt. Die Medien sind entscheidend, wenn es darum geht, demokratische Elemente in der Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Mehrheit und Wahrheit sind immerhin zwei verschiedene Stiefel. Mehrheitsentscheidungen können Wahrheiten schaffen und idealerweise fördern demokratische (Mehrheits-) Entscheidungen im Durchschnitt das Gemeinwohl.

Dies setzt jedoch voraus, dass die individuelle Meinungsbildung durch unabhängige Informationen zustande kommt. Die „Systemmedien“ und die wenigen internationalen Nachrichtenagenturen liegen jedoch sehr stark konzentriert in den Händen weniger Medienkonzerne. Dadurch war es diesen globalen Kartellen in den letzten Jahrzehnten möglich, die Meinung zu steuern. Formell galt in den westlichen Ländern Meinungsfreiheit. Wenn die Menschen ihre Meinung frei äußern dürfen, ist es für die Machtausübenden wichtig sicherzustellen, dass die Mehrheitsmeinung deren Macht stützt. Durch die Freiheiten des Internets wird dieses Meinungsbildungskartell und damit die bestehende Macht angegriffen.

Wenn „Wer die Daten hat, hat die Macht“ zutrifft, dann müssen, wenn die Macht verteilt werden soll, auch die Daten verteilt werden. Dezentralisierung statt Zentralisierung! Bei den Informationsmedien haben sich inzwischen viele unabhängige Akteure herausgebildet. Diese werden zwar von den global-mächtigen Akteuren, die ihre über internationale Nachrichtenagenturen organisierte Propagandamacht herausgefordert sehen, bekämpft. Jedoch wird sich die Wahrheitsfindung der Vielen nicht dauerhaft unterdrücken lassen. Die unabhängige Medienlandschaft ist inzwischen so weit verbreitet, dass die Mächtigen diese auf lange Sicht nicht eindämmen werden können. Die Zahnpasta ist aus der Tube!

Die vielen unabhängigen Akteure sind, nach Kriterien der evolutionären Selektion betrachtet, aufgrund ihrer Vielfalt und dezentralen Organisation auch resilient beziehungsweise antifragil. Je mehr zensiert und unterdrückt wird, umso stärker entlarvt sich das Medienmachtmonster der mächtigen Reichen. Im Gegensatz zu großen Medienhäusern und Nachrichtenagenturen haben die „kleinen Unabhängigen“ auch viel mehr „Haut im Spiel“. Hierdurch ist das Mediensystem der vielen Kleinen als Ganzes antifragil — wenn auch der einzelne Akteur viel stärker bedroht ist als ein gut bezahlter, systemkonformer Redakteur in einem großen Medienhaus.

Das schädigende Prinzip der Mächtigen und der mächtigen Medienhäuser liegt darin, dass sie Macht ausüben, dabei jedoch nicht zur Verantwortung gezogen werden, wenn durch diese Macht Schaden entsteht. Diese Macht ohne Verantwortung wird durch die vielen kleinen Medienschaffenden immer deutlicher sichtbar gemacht (7, 8).

Die traumatisierenden Entwicklungen, die uns im Jahr 2020 aufgezwungen wurden, mögen zwar für jeden einzelnen schmerzhaft und traumatisierend sein, lassen aber hoffen, dass immer mehr Menschen „erwachen“, nach echter Selbstbestimmung streben, ihre Souveränität anstreben.

Wenn hier eine kritische Masse erreicht wird, kann das Volk wenigstens zum Teil die pro forma deklarierte Rolle als Souverän zurückholen, statt sich den Superreichen und internationalen Konzernen gänzlich zu unterwerfen.

Hinsichtlich der transhumanistischen Entwicklungen ist eine weltweite breite Diskussion notwendig, wie die Schnittstelle zwischen Menschen und Maschinenwelt zu gestalten und vor zu enger und irreversibler Verschmelzung zu schützen ist. Diese Schnittstellen sind derzeit unsere Sinne wie sehen, spüren, hören. Mit implantierten Schnittstellen, zum Beispiel Mikrochip unter der Haut oder im Muskelgewebe, würde die Schnittstelle der Eigenkontrolle entzogen. Wenn der Mensch frei bleiben will, darf die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine nicht inkorporiert werden. Wir sind die Vielen. Wir schaffen das.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Markhoff, Eric. Evolution, Eugenik und Transhumanismus. Tredition Verlag Hamburg 2021.
https://evolution-eugenik-transhumanismus.de
(2) Harari, Yuval. Will the Future be Human? Vortrag auf dem Weltwirtschaftsforum 2018 in Davos.
https://www.youtube.com/watch?v=hL9uk4hKyg4
(3) https://www.weforum.org/great-reset/
(4) Schwarz, Norbert Georg. Das Pandora Prinzip. Die zerstörerische Kraft der Schöpfung. ISBN 9783748158110. BoD, Books on Demand, Hamburg-Norderstedt. 2019.
(5) Herman ES, Chomsky N. Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media. Neudruck Auflage. Pantheon Books, New York 2002, ISBN 978-0-375-71449-8.
(6) Mausfeld, Rainer. Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Westend Verlag. 2019, S. 107.
(7) Taleb, Nassim Nicholas. Antifragile. Things that gain from disorder. London: Penguin Books; 2012.
(8) Taleb, Nassim Nicholas. Skin in the Game. Hidden Asymmetries in Daily Life. Penguin Random House UK. 2018.

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