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Die Hass-Rhetorik

Die Hass-Rhetorik

Menschenverachtende Debatten sind wieder salonfähig geworden.

Noch vor wenigen Monaten hätte sich niemand getraut, auch nur so zu denken. Zum neuen Trend zählen die lauten Überlegungen, ob man in Seenot geratene Flüchtlinge retten oder ob man es lieber sein lassen soll (2), ob man Unter-50-Jährigen das Arbeitslosengeld streichen soll (3) und ob Deutschland eine Atombombe brauche (4). Die neueste Frage in dieser Kette stellte (5) der religiöse Fanatiker (6) Daniel Böcking, seines Zeichens BILD-Redakteur: Ob man sich darüber freuen dürfe, dass die Frau des Super-Diktators Baschar al-Assad an Krebs erkrankt ist?

Menschenverachtende Gedankengänge liegen somit voll im Trend! Wir Hipster von der Satire-Quickie-Jugendredaktion wollen diesen Hype keinesfalls verpassen, springen hiermit direkt auf diesen Zug auf und werfen selber mal vergleichbare Fragen in den Raum. Ich hole mir noch kurz eine Avocado und dann geht es auch gleich los!

Darf man südamerikanischen Bauern Wasser für den Avocado-Anbau rauben?

Avocado ist ein gutes Stichwort! Ich stärke mich vor dem Schreiben eines jeden Satire-Quickies mit einer Avocado, um den kreativen Flow zu beschleunigen. Da fällt mir ein, dass Avocados bis zu ihrer Reife ja doch relativ viel Wasser benötigen. Dieses Wasser müssen sich dann die Anbauer sehr häufig von anderen Bauern borgen. Naja. Eigentlich bekommen die das Wasser auch nicht mehr zurück. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist das laut Definition Raub.

Aber ist das legitim? Ich denke schon! Der freie Markt verlangt nach Avocados. In den Yuppie-Vierteln der europäischen Metropolen gibt es für diese Frucht einen hohen Absatzmarkt und so traurig das auch sein mag, aber die Globalisierung verursacht eben immer auch Verlierer. Das mag natürlich auch damit zusammenhängen, dass Südamerika generell eine sehr leidige Angelegenheit ist, da der halbe Kontinent noch irgendwie im Sozialismus verhaftet ist, anstatt endlich zu den natürlichen Kräften des freien Marktes überzugehen.

Haben Fahrgäste mit ÖPV-Sozialticket ein Anrecht auf einen Sitzplatz?

Eine längst überfällige Frage! Wie oft kam es schon vor, dass ich in der U-Bahn, Tram oder im Bus stehen musste, während dieses faule Hartz-IV-Gesocks sich gemütlich auf die Sitzpolster fläzte? Und kann mir mal bitte jemand erklären, mit welcher Hand ich meine Hornbrille wieder hochdrücken soll, die mir in der schweißtreibenden Enge der öffentlichen Verkehrsmittel immer die Nase runterrutscht, wenn ich bereits mit der Rechten mein Smartphone bedienen und mit der Linken meinen veganen Chai-Latte in einem Coffee2Go-Becher halten muss? Ich hab ja schließlich nur zwei Hände! The struggle is real!

Ich als hart arbeitender Hipster-Redakteur sollte stets einen Anspruch auf einen Sitzplatz in den Öffentlichen haben! Wenn die Hartzer wohlverdient sitzen möchten, sollen die doch bitte mehr Verantwortung für ihr Leben übernehmen und sich ordentlich auf dem Arbeitsmarkt vermarkten. Dann können die gerne auch in den Genuss eines Sitzplatzes kommen.

Darf man russische Arbeitskollegen mobben?

Das westliche Bündnis schickt seine Truppen bereits gen Osten. Aber wir dürfen diese Aufgabe nicht einzig und allein unseren Soldaten aufbürden! Das Feindbild des Russen muss auch in die Betriebe gebracht werden und darf nicht vor den Werkstoren halt machen. Am Ende entsteht da womöglich noch Kollegialität zwischen uns und diesen Russen. Unsere Jungs an der Ostfront wären sicherlich dankbar, wenn sie wüssten, dass wir den Kampf gegen den Kreml auch an der Heimatfront führen.

Das heißt: Alle fiesen, ekligen Mobbing-Methoden, die man noch aus der Schulzeit kennt, auspacken und gegen unsere russischen „Kollegen“ in Stellung bringen. Bürostühle kurz vor dem Hinsetzen wegziehen, Kaugummi ins Haar, Abführmittel in den Kaffee und so weiter. Kaffee ist hierbei ein wichtiges Stichwort: Wir müssen die Russen so schnell wie möglich aus unseren Betrieben rausekeln, ehe sie zum Beispiel den Kaffeeautomaten annektieren oder sogar noch Schlimmeres.

Ich danke dem Herrgott und der menschlichen Vernunft, dass wir in der Firma, in der ich hauptberuflich arbeite – meine journalistische Tätigkeit beim Satire-Quickie wirft leider nicht genug Geld ab – mittlerweile RFID-gechipt sind. Also muss ich die Türen nicht mehr mit bloßer Hand, also per Berührung der Türklinke, öffnen und mir bleibt ein Schicksal wie das der Skripals erspart. (Russen, die sich öffentlich gegen Putin äußern, sind übrigens völlig okay! Anm. d. Red.)

Und auch auf das Alter dürfen wir keine Rücksicht nehmen! Also schauen Sie den russischen Azubis ganz genau auf die Finger. Wer weiß, wem die das Berichtsheft noch so zeigen? Sicherlich nicht nur dem Ausbilder und der IHK. Ich bin mir sicher, dass manche dieser fiesen russischen Stifte ihr Berichtsheft auch dem Kreml senden. Weiß der Teufel, was die russischen Geheimdienste mit diesen Informationen alles anzufangen vermögen.

Am Ende hacken die sich noch in den Zeitstempel-Server! So fragte mich kürzlich mein Chef, wie es denn sein könne, dass ich bereits 50 Minusstunden habe? Ein Glück, dass ich überzeugend nachweisen konnte, dass ich unschuldig bin und stattdessen russische Hacker meine Arbeitszeit-Daten manipuliert haben.

Müssen Schüler, die an Verschwörungstheorien glauben, in ein Umerziehungslager gesteckt werden?

Ein solches Vorgehen sollte natürlich nur die letzte Instanz sein! Inzwischen wird ja umfassend dafür gesorgt, dass die Heranwachsenden das denken, was sie denken sollen. Studenten geben Seminare an Schulen, in denen sie die Schüler für Verschwörungstheorien sensibilisieren. Die Antonio-Amadeus-Stiftung leistet da Großartiges, um Schüler zu marktkonformen Bürgern zu formen. Natürlich gibt es immer unbelehrbare Ausreißer, die sich krude Inhalte im Internet zu Gemüte führen. In solchen Fällen helfen dann wirklich nur noch sechswöchige Erziehungscamps in den Sommerferien, wo diesen Besserwissern ihr verschwurbeltes Weltbild ausgetrieben wird.

Sollte das ebenfalls nicht fruchten, verweise ich auf den vorherigen Absatz. Hier sei noch eine kleine Ergänzung angebracht: In Aluhüten haben noch mehr Kaugummis Platz.

Lebenslänglich für Israel-Kritik?

Lebenslange Haft scheint wohl das einzige Mittel gegen den grassierenden Antisemitismus zu sein. Der Antisemitismus hat dieser Tage ja ein ganz neue Dimension der Dreistigkeit erreicht. Nicht nur, dass Menschen es wagen, Israel – die einzige Demokratie im Nahen Osten – unter dem Deckmantel der Kritik anzugreifen; dann behaupten die auch noch, das sei gar kein Antisemitismus. Dabei ist die Sachlage eigentlich ganz eindeutig: Wer schlecht über Israel redet, ist ein Antisemit! Wer Palästina verteidigt, ist ein Hamas-Sympathisant! Und wer eines oder beides als Jude tut, ist ein selbst-hassender Jude! Punkt! Aus! Fertig!

Schluss mit diesem „Rumgeeier“, wie Antisemitismus heute zu definieren sei! Wir haben noch nicht ansatzweise genug U-Boote zur einzigen Demokratie im Nahen Osten geschickt, um unsere Schuld auch nur ansatzweise zu tilgen. Und bis das passiert ist, müssen wir alle Antisemiten lebenslänglich wegsperren!

Dürfen Bücher wieder verbrannt werden?

Ja, da mögen Sie, lieber Leser, erstmals schreckhaft zusammenzucken! Böse Erinnerungen kommen da hoch. Verständlich! Aber angesichts vieler Werke, die unseren gewünschten Diskurs gefährden, den Raum des Sagbaren in unerwünschte Dimensionen ausdehnen, müssen wir laut über eine erneute Bücherverbrennung nachdenken. Oder wollen Sie etwa, dass Werke – weder vom Springer- noch vom Bertelsmann-Verlag abgesegnet – zu den Themen Geopolitik, Tiefer Staat, Fassadendemokratie, Geldsystem oder menschengemachte Umweltsünden die Massen zum Nachdenken bringen? Das wollen Sie bestimmt nicht! Deswegen: „Ja“ zur Bücherverbrennung 2.0!

So eine Bücherverbrennung muss ja nicht zwingend mit so negativen Vibes verbunden sein wie damals in den 1930ern. Man kann das ja auch ganz romantisch gestalten. Aus der Bücherverbrennung, die man am besten in einem hippen Viertel abhält, macht man einfach eine Art multifunktionales Lagerfeuer, zu dem man sich zusammen mit Freunden, eine Bionade in der Hand, dazugesellt. Man kann sich wärmen und gleichzeitig unerwünschter Denkweisen entledigen. Vielleicht findet sich ja noch jemand mit einer Gitarre, zu deren sanften Klängen man antideutsche Lieder darüber singt, wie blöd Deutschland ist.

Immer noch nicht überzeugt? Vielleicht kann ich Sie, lieber Leser, damit vertrösten, dass es in den Buchhandlungen dann noch mehr Platz für noch blutrünstigere Schweden-Krimis gäbe, die die Psyche noch mehr in Erregung bringen und das gewünschte Maß an Spannung und Angst in der Gesellschaft aufrechterhalten.

Soll ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen eingeführt werden?

Was spricht dafür, dass wir auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit einführen? Halt; jetzt, wo ich dies schreibe, beschleicht mich das Gefühl, dass ich mit dieser Frage nun doch etwas zu weit gehe und den Bogen des neuen Geschmacklosigkeit-Trends überspanne. Wenn ich darüber nachdenke, was für eine heilige Kuh die Autobahnabschnitte ohne Tempolimit für den deutschen Autofahrer sind, fürchte ich, wenn ich diese Frage noch weiter ausführe – ehrlich gesagt – um mein Leben!

Ich möchte mit meinen Fragestellungen deshalb hiermit zum Ende kommen.

Mal sehen, wo dieser Artikel veröffentlicht wird. Wenn es überall Ablehnungen hagelt, bewerbe ich mich damit beim Springer-Verlag. Im Hinblick auf die Schlagzeilen der BILD-Zeitung oder anderer Springer-Printmedien der letzten Jahre und Jahrzehnte bin ich bester Dinge, dass ich mit so einer boshaften und menschenverachtenden Scheiße, die ich hier soeben verfasst habe, dort auf jeden Fall eine Stelle bekommen werde!


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Vong_%28Sprache%29
(2) https://www.zeit.de/2018/29/seenotrettung-fluechtlinge-privat-mittelmeer-pro-contra
(3) https://www.welt.de/politik/deutschland/video175866448/CDU-Forderung-Menschen-unter-50-koennten-bald-kein-Hartz-IV-mehr-bekommen.html
(4) https://www.n-tv.de/politik/Professor-fordert-deutsche-Atombombe-article20550152.html
(5) https://www.bild.de/politik/ausland/politik-inland/syrien-brustkrebs-bei-frau-von-assad-darf-ich-mich-darueber-freuen-56596392.bild.html
(6) https://www.bild.de/politik/ausland/politik-inland/syrien-brustkrebs-bei-frau-von-assad-darf-ich-mich-darueber-freuen-56596392.bild.html##wt_ref=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F&wt_t=1535536340891

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