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Die Grenzen sprengen

Die Grenzen sprengen

Eine dogmatische Naturwissenschaft vermag nur einen Teil der Realität zu erfassen — erobern wir uns die Freiheit der Gedanken zurück!

Zugegeben, ich bin ein echtes Kind unserer modernen, technisierten Zeit. Als Leiter der IT in einem deutschen Konzern lebe ich in klaren logischen Strukturen, was meine Arbeitswelt betrifft. Naturwissenschaft in Reinkultur, moderne Technik. Für mich sind die Ergebnisse der Naturwissenschaften unglaublich wertvoll und ich denke gar nicht daran, an die Stelle der Naturwissenschaften ein spirituelles Weltbild zu setzen. Aber genauso überzeugt bin ich davon, dass unser naturwissenschaftliches Weltbild Erweiterungen und neue Wege dringend nötig hat. Warum bin ich davon so überzeugt?

Vielleicht fangen wir mit einem kleinen Beispiel aus meiner Schulzeit an. Wir hatten natürlich die naturwissenschaftlichen Fächer: Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und so weiter. Aber wir hatten auch Religionsunterricht. Selbstverständlich erkannten wir recht schnell ein gewisses Spannungsfeld zwischen Religion und Naturwissenschaften. Und wir ließen es uns nicht nehmen, unseren Religionslehrer mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft zu konfrontieren. In langen Jahren als Religionslehrer kampferprobt, wusste er natürlich sofort eine Antwort:

„Ja, da schaut euch nur am Sonntagvormittag in der Kirche um, dann wisst ihr, zu wem eure Lehrer gehen. Und wenn es ans Sterben geht, dann ist noch jeder froh gewesen, wenn er meinen Beistand hatte.“

Da gab es nichts zu rütteln. So war es nun mal. Also konfrontierten wir die Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer mit dieser Aussage. „Ja, das ändert doch nichts daran, dass wir Recht haben. Man kann glauben und trotzdem Naturwissenschaft lehren“, so die Antwort. Richtig befriedigen konnte uns das nicht. Es schien, dass die Naturwissenschaftler sich noch ein Hintertürchen offen ließen. Man spürte, dass sie sich nicht in allen Fragen auf die Naturwissenschaft verlassen wollten.

Den Ursprung im Materiellen suchen?

Betrachten wir dazu einmal das Gebiet der Naturwissenschaften. Während noch in früheren Zeiten nur die materielle, wägbare, physische Welt das Forschungsgebiet war, kamen später auch weniger greifbare Gebiete wie die Psychologie dazu. Tatsächlich gibt es zu viele Erscheinungen, die unser Leben entscheidend bestimmen, die nicht materieller Natur sind. Wissen, Erziehung, Werte, Vertrauen, Beziehungen — um nur einige wenige zu nennen. Das alles existiert, auch wenn es mit den herkömmlichen naturwissenschaftlichen Methoden nicht messbar ist.

Eine erste Öffnung hat also bereits stattgefunden. Aber noch immer gibt es so etwas wie Dogmen in der Naturwissenschaft. So wird einerseits versucht, für alle Erscheinungen materielle Ursachen zu finden. Andererseits gibt es nach wie vor ein gehöriges Misstrauen gegenüber allem, das sich mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht beweisen lässt.

Ist das berechtigt?

Den Ursprung für alle Erscheinungen im Materiellen zu suchen, führt manchmal zu direkt grotesk anmutenden Folgerungen. Ein kleines Beispiel: Ein verheirateter Mann hat eine außereheliche Beziehung. Die Ehefrau erfährt davon und es kommt zu einer Auseinandersetzung. Der Mann verteidigt sich und erklärt, seine Hormone hätten verrückt gespielt. Die Frau sagt folgerichtig, dann ich lasse ich mich von deinen Hormonen scheiden.

Wenn seelisch-geistige Vorgänge ihren Ursprung im Materiellen haben, hat es dann überhaupt einen Sinn, von Persönlichkeit und Verantwortung zu sprechen? Wo hat die Intelligenz des Menschen ihren Ursprung? In Gehirnzellen und damit letztlich wieder in Stoffen wie Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff? Hat das einen Sinn? Wenn die Verknüpfungen der Neuronen die „Hardware“ im Gehirn sind, was ist dann die Software, die „weiß“, was die Schaltungen bedeuten und aussagen?

Und noch eindeutiger wird die Sache, wenn man das Leben an sich betrachtet. Seit es Menschen gibt, wurde nur beobachtet, dass das Leben einen Körper verlässt, noch nie wurde beobachtet, dass sich Materie aus sich selbst heraus zu Körpern formt, Leben entwickelt, bewusst wird. Alle Versuche mit der sogenannten Ursuppe scheiterten. Und was könnte man denn maximal materiell aufbauen?

Selbst wenn man den so kunstvollen menschlichen Körper nachbilden könnte, hätte man doch nur einen Leichnam, Materie in Form eines Körpers. Da ist nichts lebendig, das Gebilde hat keine Gefühle und Gedanken, das ist kein Mensch. Warum ist es so schwierig, sich dieser Tatsache zu stellen?

Als die Akupunktur nach Deutschland kam, war die Skepsis sehr groß. Nun, die Akupunktur funktioniert; die Menschen in Asien, die das seit Jahrhunderten praktizieren, konnten die Skepsis in Deutschland wohl nicht verstehen. Sie waren sicher erstaunt, dass die Naturwissenschaften alltägliche Dinge wie das Energiesystem des Menschen oder die Meridiane nicht nur nicht kannten, sondern sich auch nicht vorstellen konnten, dass es das gibt.

Aber wurde die Lehre von Prana, den Meridianen oder dem Ätherleib aufgenommen und weiterentwickelt? Fehlanzeige. Warum nicht? Das ließe sich doch naturwissenschaftlich nachweisen. Guglielmo Marconi hat doch auch die Existenz von unsichtbaren Wellen bewiesen. Warum wird die Lehre vom Menschen nicht bereichert durch das Wissen aus anderen Kulturen? Hat man Angst, die Erkenntnismethoden von Lehren wie dem Yoga würden naturwissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen?

Grundlagen der Erkenntnis

Was ist denn die Grundlage jeder Erkenntnis? Man hat eine Beobachtung, eine Wahrnehmung und findet durch Denken die Erklärung für diese Beobachtung. Man kann die Beobachtung durch das Denken in ein gültiges Weltsystem einordnen. Der Gedanke kann nachvollzogen werden, gedacht werden und man kann an der Realität seine Stimmigkeit nachweisen. Wir haben also eine Wahrnehmung und die gedankliche Erklärung dazu. Vorurteilslos, ohne Beeinflussung sollte die Beobachtung erklärt werden. Angesichts der Tatsache, dass es heutzutage vermehrt einander widersprechende Studien gibt, taucht allerdings die Frage auf, ob das noch gute naturwissenschaftliche Praxis ist. Wichtiger scheint manchmal die Frage zu sein, wer die Studie bezahlt hat ...

Aber betrachten wir die Wahrnehmung näher. Und lassen uns dabei nicht durch vorgefasste Meinungen beschränken. Wahrnehmung ist erst einmal alles, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Wenn ein Mensch mit Rot-Grün-Schwäche mein schönes Rot nicht wahrnehmen kann, wird dadurch meine Wahrnehmung ungültig? Wohl nicht. Es gab in Deutschland die Fernsehserie Wetten dass?, in der Menschen mit besonderen Fähigkeiten auftraten, unter anderem auch mit besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten.

Viele von uns „Normalsterblichen“ haben diese Fähigkeiten nicht. Trotzdem existieren sie. Aber ich denke, auch wir haben unsere „sechsten Sinne“. Sei es, dass eine Mutter genau weiß, wann es einem Kind schlecht geht, oder ein Trainer schon vor dem Spiel ein Gespür dafür hat, ob seine Mannschaft einen guten Tag hat. Dass ein Arzt einen Krankheitsverlauf einschätzen kann. Oder dass ein Chef nach der Besprechung ein Gefühl dafür hat, ob eine Umsetzung gut gelingen wird. Alles „sechste Sinne“. Wie viele gibt es davon? Nun, das soll die Naturwissenschaft einmal bestimmen.

Jedenfalls scheint es, dass es nicht leicht ist, die Grenzen der Wahrnehmungsfähigkeit zu bestimmen. Weder in der Anzahl der Sinne noch in der Tiefe der Wahrnehmung selbst.

Halten wir also fest: Eine Wahrnehmung alleine reicht nicht für die Erkenntnisbildung. Es mag ein Mensch ein noch so gutes Gefühl für eine Situation haben, für meine Erkenntnisbildung reicht das nicht. Ich kann dann nur sagen, dein Gefühl in allen Ehren, für dich ist das bestimmt sehr wichtig, aber ich brauche einen klaren, konkreten, an der Realität verifizierbaren Gedanken für meine Erkenntnisbildung.

Einen Sonderfall der Wahrnehmungsobjekte beschreibt Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, in seinem Hauptwerk „Die Philosophie der Freiheit“. Dieser Sonderfall ist in allen ernsthaften geisteswissenschaftlichen Wegen und in allen tiefergehenden Yogawegen bekannt. Es ist die Wahrnehmung des Gedankens selbst. Im Grunde kennt das wohl auch jeder Mensch zumindest in Ansätzen, wenn er das Gefühl hat, dass ihn ein Gedanke nicht mehr loslässt oder sich immer wieder in den Vordergrund drängt. Die Methoden des Yoga oder der Anthroposophie verfeinern dieses Alltagsgeschehen allerdings erheblich und verstärken die Fähigkeit der freien Gedankenbildung.

Großer Wert wird dabei auf die Unterscheidung zwischen subjektiven und objektiven Gedanken gelegt. Hier tiefer darauf einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, deshalb nur in aller Kürze: In meinen subjektiven Gedanken kann ich mir alles Mögliche vorstellen, es wird in der Regel nicht mit der Realität kollidieren, solange es in meinem Inneren bleibt. Objektive Gedanken hingegen stellen uns direkt in die Realität und verbinden uns mit ihr. Wenn ich mit 100 Stundenkilometern auf der Autobahn fahre, dann wäre es schlecht, mir vorzustellen, ich läge in der Badewanne und würde genüsslich die Augen schließen. Ich denke, jeder weiß, was damit gemeint ist. Die Naturwissenschaft hat objektive Gedanken für viele Erscheinungen der materiellen Welt gefunden, es gäbe keine Naturwissenschaft, wenn nur subjektive Vorstellungen zum Tragen kämen.

Fassen wir zusammen: Wahrnehmung und gedankliches Auffinden der dazugehörigen Erklärung sind die beiden Säulen jedes Erkenntnisstrebens. Die Wahrnehmungen können auf seelische und geistige Gebiete erweitert werden. Werden die dazugehörigen Gedanken gefunden und ausgearbeitet, können sie nachvollzogen und an der Realität verifiziert werden. Das ist gutes naturwissenschaftliches Vorgehen. So spricht auch Rudolf Steiner in „Die Philosophie der Freiheit“ von „seelischen Beobachtungsresultaten nach naturwissenschaftlicher Methode”. Und darum geht es.

Es geht nicht darum, die Naturwissenschaften gering zu schätzen oder ein einseitiges spirituelles Weltbild zu etablieren. Es geht darum, die Gebiete der Naturwissenschaften zu erweitern, objektive, nachvollziehbare, verifizierbare Gedanken auf seelischen und geistigen Gebieten zu finden und zu formulieren.

Haben wir den Mut, die Grenzen zu sprengen und neue Wege zu gehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht vom postfaktischen Zeitalter. Wagen wir stattdessen ein Zeitalter der objektiven Gedankenbildung, das uns wieder eine seelische und geistige Heimat finden lässt. Jegliche menschliche Freiheit beginnt mit der Freiheit im Gedankenleben. Hier liegt der Ursprung jeder Erkenntnis und der Ursprung jeder Freiheit. Gehen wir es an.

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