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Die Globalismus-Erfinder

Die Globalismus-Erfinder

Die von George Orwell entworfene Dystopie einer weltumspannenden, von Ideologie getriebenen Organisation ist längst Wirklichkeit geworden.

von Richard Poe

„Weltföderation“

Vor dem Hintergrund sich ausweitender britischer Macht im 19. Jahrhundert schien eine globale Vorherrschaft unausweichlich. Die Verwalter des Imperiums schmiedeten Pläne für eine unter britischer Herrschaft vereinte Welt. Der Schlüssel zu ihrer Realisierung lag in der Vereinigung eigener Kräfte mit denen der Vereinigten Staaten, ganz so, wie Orwell es in seinem Roman beschrieb. Viele Anglophile in den USA waren begierig darauf, sich diesem Plan anzuschließen.

„Wir sind ein Teil, und zwar ein großer Teil, des größeren Britanniens, das so offenkundig dazu bestimmt zu sein scheint, diesen Planeten zu beherrschen ...“, begeisterte sich die New York Times 1897 im Zuge der Festivitäten zu Königin Victorias Diamantjubiläum.

1842 schrieb Alfred Tennyson — der schon bald zu Königin Victorias lorbeerbekränztem Hofpoeten wurde — das Gedicht „Locksley Hall“. Es entwarf die Vision eines goldenen Zeitalters des Friedens unter „universellem Recht“, eines „Menschenparlaments“ und einer „Weltföderation“.

In Tennysons Worten zeichneten sich bereits der Völkerbund und die UN ab. Doch Tennyson war nicht der Erfinder dieser Konzepte. Er feierte nur Pläne, die unter britischen Eliten bereits kursierten. Generationen britischer Globalisten haben Tennysons Gedicht verehrt, als sei es die Heilige Schrift. Winston Churchill pries es 1931 als „die wundervollste aller modernen Prophezeiungen“. Er bezeichnete den Völkerbund als die Erfüllung der Vision Tennysons.

Liberaler Imperialismus

Ein anderer britischer Führer, den Tennysons Gedicht beeinflusste, war der Philosoph John Ruskin. In seiner ersten Vorlesung 1870 in Oxford begeisterte Ruskin die Studenten, indem er erklärte, es sei Großbritanniens Schicksal, zu „regieren oder zu sterben“ — die Welt zu beherrschen oder durch andere beherrscht zu werden. Mit diesen Worten hob Ruskin eine Doktrin aus der Taufe, die bald als „liberaler Imperialismus“ bekannt werden sollte — die Vorstellung, dass „liberale“ Länder barbarische erobern sollten, um „liberale“ Werte zu verbreiten.

Ein besserer Name wäre wohl „sozialistischer Imperialismus“, da die meisten Menschen, die dieses Konzept propagierten, tatsächlich Sozialisten waren.

Ruskin bezeichnete sich selbst als Kommunisten, noch ehe Marx „Das Kapital“ fertiggestellt hatte. Aus Ruskins Perspektive war das British Empire das perfekte Vehikel, um den Sozialismus zu verbreiten. Ruskins Sozialismus verband sich in seltsamer Weise mit seinem Elitismus. Er rühmte die Überlegenheit der nördlichen Rassen, worunter er die Normannen, Kelten und Angelsachsen, die England bildeten, meinte. Er betrachtete die Aristokratie — nicht die einfachen Menschen — als Verkörperung britischer Tugend. Ruskin war auch Okkultist und — laut einigen Biografen — ein Pädophiler. In dieser Hinsicht ähnelten seine Exzentrizitäten denen, die in gewissen globalistischen Kreisen noch heute als schick gelten.

Die Rhodes-Stiftung

Ruskins Lehren inspirierten eine Generation britischer Staatsmänner. Einer der ergebensten Ruskinianer war Cecil Rhodes (1853 bis 1902). Als Student hörte Rhodes Ruskins Inauguralvorlesung und verfasste davon eine Niederschrift, die er für den Rest seines Lebens aufbewahrte. Als Staatsmann trieb Rhodes die britische Expansion aggressiv voran. „Je größer der Teil der Welt ist, den wir bevölkern, desto besser ist es für die menschliche Rasse“, erklärte er.

In seinem Testament hinterließ Rhodes ein Vermögen zur Förderung einer „weltweiten britischen Herrschaft“, der Zusammenführung aller englischsprachigen Länder in einer einzigen Föderation, und — mit den Worten Rhodes‘ — „der endgültigen Wiederherstellung der Vereinigten Staaten als integraler Teil des British Empire“.

All dies sei dazu bestimmt, zur „Grundlegung einer Macht“ zu führen, „die so groß ist, hernach Kriege zu verunmöglichen und die besten Interessen der Menschheit zu befördern“, schließt Rhodes in seinem Testament. Folglich wäre der Weltfrieden durch britische Hegemonie zu erreichen. Um die 1890er-Jahre stimmten die meisten britischen Führer hierin mit Rhodes überein.

Der Round Table

Im Anschluss an Rhodes‘ Tod im Jahr 1902 übernahm Alfred Milner dessen Bewegung und initiierte heimliche „Round Table“-Gruppen, um Propaganda für eine weltweite Föderation englischsprachiger Länder zu betreiben. In jedem Zielland — einschließlich den USA — rekrutierten Round-Table-Mitglieder lokale Führer, die als „Judas-Böcke“ fungieren sollten. Ein Judas-Bock ist ein Tier, das darauf trainiert ist, andere zum Schlachter zu führen.

Tatsächlich führte der Round Table die Menschen in ein buchstäbliches Schlachthaus. Man erwartete einen Krieg gegen Deutschland. Der Round Table strebte nach Zusagen aller englischsprachiger Kolonien, Truppen zu entsenden, wenn die Zeit dazu gekommen war. Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika sagten zu.

Dies geschah absichtsvoll. Gemäß britischen Absichten.

Generationen von Schulkindern haben gelernt, Woodrow Wilson sei der Vater der Globalismus. Aber Wilsons „Ideale“ wurden ihm löffelweise von britischen Agenten verabreicht.

Krieg, um den Krieg zu beenden

Am 14. August 1914 — nur 10 Tage, nachdem England den Krieg erklärt hatte — schrieb der Romancier H. G. Wells einen Artikel mit der Überschrift „Der Krieg, der den Krieg beenden wird“. „(D)ies ist nun ein Krieg für den Frieden (...)“, erklärte er. „Er zielt auf eine Übereinkunft, die Derartiges ein für alle Mal beenden wird.“

Wells veröffentlichte im Oktober 1914 eine Buchversion von „Der Krieg, der den Krieg beenden wird“. Er schrieb:

„Wenn Liberale überall auf der Welt (…) auf einer Weltkonferenz am Ende dieses Konflikts beharren werden (…), könnten sie (…) einen Friedensbund schaffen, der den Globus kontrollieren wird.“

Wells hatte die Idee eines Friedensbundes nicht erfunden. Er unterstützte schlicht die offizielle britische Politik. Wells war Geheimagent des Kriegspropagandabüros Großbritanniens (bekannt als Wellington House).

Britische Agenten im Weißen Haus

Britischen Führern war klar, dass ihr Friedensbund ohne die Unterstützung der USA niemals Erfolg haben würde. Aus diesem Grund unternahmen britische Geheimdienste besondere Anstrengungen, um Wilsons Weißes Haus zu infiltrieren, was sich als überraschend einfach erwies.

Wilsons engster Berater war „Colonel“ Edward House, ein Texaner mit starken familiären Bindungen an England. Während des Bürgerkriegs machte Houses Vater, ein gebürtiger Brite, ein Vermögen als Blockadebrecher, der mit Baumwolle für britische Munition handelte, die zur Bewaffnung von Rebellen gebraucht wurde. Der junge Edward House und sein Bruder besuchten englische Internate.

Während er Präsident Wilson beriet, arbeitete Colonel House eng mit britischen Spionen, insbesondere Sir William Wiseman, dem Leiter des US-Stützpunktes des britischen Secret Intelligence Service (SIS), zusammen. House, Wiseman und Wilson wurden intime Freunde, die sogar gemeinsame Urlaube verbrachten.

Die Idee eines „Völkerbunds“ kam von Sir Edward Grey, Großbritanniens Außenminister. In einem Brief vom 22. September 1915 fragte Grey Colonel House, ob sich der Präsident überzeugen ließe, einen Völkerbund vorzuschlagen, da der Vorschlag besser aufgenommen würde, wenn er vom US-Präsident stamme.

Als Wilson 1919 der Pariser Friedenskonferenz beiwohnte, hielten sich Wisemen und House dicht an seiner Seite und steuerten jede seiner Handlungen, zusammen mit einer Schar weiterer britischer und US-amerikanischer Beamter, die alle die globalistische Agenda unterstützten; viele standen in direkter Verbindung zum Round Table.

Die besondere Beziehung

Der frühere SIS-Beamte John Bruce Lockhart nannte Wiseman später „den erfolgreichsten ‚Einflussagenten‘, den die Briten je hatten“. Der britische Historiker A.J.P. Taylor schrieb, dass „er (Wiseman) und House die ‚besondere Beziehung‘ Wirklichkeit werden ließen“.

Viele Historiker vertreten die Ansicht, dass die „besondere Beziehung“ zwischen den USA und dem UK erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Schaffung der NATO und der UNO begann. Taylor merkt jedoch zu Recht an, dass die Saat für diese „besondere Beziehung“ schon früher bei der Pariser Friedenskonferenz von 1919 gesetzt worden war.

In Paris kamen Funktionäre der USA und Großbritanniens insgeheim darin überein, ihre Politik dergestalt zu koordinieren, dass beide Länder wie ein einziges agierten. Man schuf mit Chatham House (UK) und dem Council on Foreign Relations (US) zwei Thinktanks, um dies zu erleichtern.

Zu großen Beunruhigung der britischen Globalisten weigerte sich der US-amerikanische Senat, dem Völkerbund beizutreten. Es bedurfte eines weiteren Weltkrieges — und des Überzeugungstalents Winston Churchills —, um schließlich die USA, mittels der NATO und der UNO, in globale Herrschaft einzubinden.

Winston Churchill, Vater des modernen Globalismus

Churchills Vision globalen Regierens wies eine seltsame Ähnlichkeit zu der Cecil Rhodes‘ und des Round Table auf. Churchill forderte eine durch eine „besondere Beziehung“ der englischsprachigen Länder zueinander gestützte „Weltorganisation“.

Am 16. Februar 1944 mahnte Churchill, dass, „wenn nicht Großbritannien und die Vereinigten Staaten in einer besonderen Beziehung vereint sind (…) im Rahmen einer Weltorganisation, ein weiterer zerstörerischer Krieg stattfinden wird“. Entsprechend wurde die UNO am 24. Oktober 1945 gegründet.

Die UNO war allerdings nicht genug. Cecil Rhodes und der Round Table hatten stets die Ansicht vertreten, dass die wahre Macht hinter jeder globalen Regierung bei einer Union englischsprachiger Länder liegen müsse. Churchill wiederholte diesen Plan in seiner „Eiserner Vorhang“-Rede vom 5. März 1946.

Churchill warnte, die UNO verfüge über „keine internationale Streitmacht“ und keine Atombomben. Die USA müssten sich daher mit Großbritannien und anderen englischsprachigen Ländern in einer militärischen Allianz verbünden, argumentierte Churchill. Keine andere Macht sei in der Lage, die Sowjets aufzuhalten.

„Brüderliche Gesellschaft der englischsprachigen Völker“

Churchill erklärte, dass eine „Weltorganisation“ ohne „die brüderliche Gesellschaft der englischsprachigen Völker“ nutzlos wäre. „Dies bedeutet eine besondere Beziehung zwischen dem britischen Commonwealth und Empire und den Vereinigten Staaten.“

Churchills Worte führten zum NATO-Vertrag von 1949 und der „Five Eyes“-Vereinbarung, die die nachrichtendienstlichen Bemühungen der USA, des Vereinigten Königreichs, Kanadas, Australiens und Neuseelands vereinigte. Schritt für Schritt zog uns Churchill immer näher an den globalen Superstaat heran, den Orwell Oceania nannte.

Orwell, der sich selbst als „Tory-Anarchist“ beschrieb, hasste den Sowjet-Kommunismus. Hätte er gewollt, hätte er „1984“ als eine Art „Red Dawn“ (deutscher Titel: Die rote Flut) schreiben können, mit einem England, das unter sowjetischer Besatzung ächzt. Doch das war nicht Orwells Botschaft. Orwell warnte vor einer Gefahr, die viel näher lag. Er warnte vor den britischen Globalisten und ihrem Plan für eine Union englischsprachigen Länder, getrieben von einer Ingsoc-Ideologie.

In vielerlei Hinsicht ist die Welt, in der wir heute leben, die Welt, die Orwell voraussah.


Richard Poe ist ein preisgekrönter Journalist und Bestsellerautor. Er war unter anderem Reporter für die New York Post und geschäftsführender Herausgeber des East Village Eye. Er lebt in New York.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien am 29. April 2021 unter dem Titel „How the British invented Globalism“. Er wurde von Thorsten Schewe aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzerteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratteam lektoriert.

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