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Die Gesinnungspolizei

Die Gesinnungspolizei

Vielen Antisemiten-Jägern geht es gar nicht um Juden. Exklusivabdruck aus „Der allgegenwärtige Antisemit“.

Zwischen Israelkritik und Antisemitismus

Es will zuweilen scheinen, als habe sich in den letzten Jahren der in Deutschland vorherrschende Diskurs über den Antisemitismus von seinem Gegenstand, dem real vorwaltenden Antisemitismus, solchermaßen gelöst, dass man den Eindruck gewinnen könnte, mehr als um die vorgebliche Bekämpfung des realen Antisemitismus gehe es um die Perpetuierung des Eigenwerts, den seine ideologische Zerredung erlangt hat.

War es der deutschen politischen Kultur der Nachkriegsära weitgehend um die Überwindung dessen zu tun, was der deutsche Sonderweg mit zwei Weltkriegen, der NS-Diktatur und dem am europäischen Judentum verübten Genozid gezeitigt hatte, mithin um die unermüdliche Aufdeckung der den »Rückfall in die Barbarei« subkutan bedingenden sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen, vor allem aber um die rigorose Bekämpfung von perennierendem Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass, so hat sich diese ursprünglich emanzipativ ausgerichtete Politisierung des Sozialen mittlerweile dermaßen verdinglicht, dass ihre Praxis zu einer durchideologisierten Reihe von als »öffentliche Debatten« ausgegebenen, leeren Worthülsen verkommen ist.

Rang man früher noch beharrlich um den Begriff des weltgeschichtlich Monströsen, weil man das Unsagbare als solches zu respektieren trachtete; verbat sich für Adorno nach Auschwitz Lyrik als kulturelle Gedenkleistung, weil Kultur Verrat begangen hatte, so ist »Antisemitismus«, mithin »Auschwitz«, inzwischen solch inflationärem Gebrauch ausgesetzt, dass das postulierte Einzigartige der Shoah zum Fungiblen, das Unsagbare zum allzeit Abrufbaren entartet und die Bekämpfung dessen, was als Vorstufen der Barbarei herausgearbeitet worden war, in die befindlichkeitsbeseelte Arena des diskursiven Kampfes um deutsch-normale beziehungsweise normalisierende »antideutsche« Identitätsfindungen entglitten ist.

Der erste Aufschrei ist bereits hier deutlich vernehmbar: Darf man die vom real vorwaltenden Antisemitismus ausgehenden Bedrohungen und die Überspanntheiten, die seiner verhunzten Rezeption innewohnen, auf eine Vergleichsebene stellen?

Geht es beim einen nicht um eine praktisch verübte Repression Juden gegenüber, während es sich beim anderen lediglich um schiefe Bewusstseinslagen handelt? Zweierlei muss bei der Beantwortung dieser Fragen angegangen werden: zum einen das Problem einer antisemitisch motivierten, realen Bedrohung von Juden. Dazu einiges später. Zum anderen aber das akute Problem der heteronomen Ideologisierung rhetorischer Praktiken bei der vorgeblichen Bekämpfung von Antisemitismus.

Denn man kann sich schlechterdings kaum noch des Eindrucks erwehren, dass beim vermeintlichen anti-antisemitischen Diskurs in Deutschland etwas ganz anderes ausgetragen wird, als was (zumindest gemessen am mantrahaften Gerede über die den Juden drohende antisemitische Gefahr) zu erwarten stünde: Juden, will es scheinen, haben deutsche Antisemitismuskritiker nie konkret interessiert. Juden wurden (und werden) von ihnen stets abstrahiert beziehungsweise in ferne Regionen außerhalb des unmittelbaren lebensweltlichen Blickfelds und Zusammenhangs delegiert.

So sind Juden als »sechs Millionen« vernichtete Shoah-Opfer, als exemplarische Holocaust-Überlebende (möglichst im Ausland), als Träger untergegangener Lebenswelten und Kulturen (vorzüglich im klezmer-beseelten Osteuropa) oder eben als »wehrhafte Israelis« im »zionistischen Zufluchtsland der jüdischen Volkes« argumentativ in Anschlag gebracht worden; die in Deutschland real lebenden Juden werden, insofern sie nicht schon durch ihr Fremdländisches ein (diskret) unterdrücktes Befremden auslösen, mehr oder minder ignoriert.

Und da sie – seit Ende des Zweiten Weltkriegs zumeist osteuropäischer Provenienz – sich selbst kaum je als der »deutschen Gesellschaft«, in der sie leben, im emphatischen Sinne zugehörig gefühlt, vielmehr ein jahrzehntelang währendes Selbstverständnis des transitorischen Auf-den-Koffern-Sitzens gepflegt haben, enthielt dieses lebensgeschichtlich originär gewachsene Entfremdungsmoment in der Tat stets einen gewissen gesellschaftlichen Wahrheitskern.

Das deutliche Desinteresse deutscher Bekämpfer des Antisemitismus an den in Deutschland lebenden Juden war (besonders in der Nachkriegszeit) der argwöhnischen Distanz dieser Juden gegenüber ihrer als »deutsch« begriffenen Umwelt eng verschwistert.

Als Ignatz Bubis Ende der Achtzigerjahre öffentlich mit dem Postulat auftrat, jüdisches Gemeindeleben möge in Deutschland wieder erblühen, wurde er nicht nur von den meisten jüdischen Gemeindemitgliedern seiner Generation verwundert schief beäugt; interessant war die durchschnittliche nichtjüdische Wahrnehmung seiner Erscheinung:

Man registrierte »wohlwollend«, dass es einen exemplarischen Juden gab, der einer Renormalisierung der deutsch-jüdischen Beziehungen in Deutschland, mithin mutatis mutandis einer Art eigenen »Schlussstrichs« das Wort redete, ohne dass es die philosemitischen und sonstigen Befürworter dieses neuen Zugangs zu etwas anderem verpflichtet hätte als zur abstrakten Anerkennung einer offenbar ausgebrochenen Versöhnlichkeit seitens »der Juden«.

Als dann Bubis durch die Walser-Debatte eines Besseren belehrt werden, mithin auf hartem Weg lernen sollte, wie es um die konkrete Solidarität mit Juden bestellt ist, wenn es mal nicht um die Unterstützung des weit (genug) entfernten Israel oder um die wochenendliche Liebe zur altdiasporischen Klezmermusik (eine in Deutschland bezeichnenderweise besonders stark verbreitete Liebe) ging, stellte er am Ende seines Lebens resigniert fest, seine Mühe sei umsonst gewesen, sie habe nicht gefruchtet.

Seine Schlussfolgerung mag dahingestellt bleiben. Nicht auszuschließen ist indes, dass sich seine Resignation primär gerade auf die deutschen Antisemitismus-Bekämpfer, seine vermeintlichen Verbündeten, bezog; über latente und manifeste Antisemiten durfte er sich eh keine Illusionen machen.

Und dennoch floriert das Anti-Antisemitismus-Geschrei im heutigen Deutschland mehr denn je.

Das mag mit einer realen Zunahme antisemitischer Tendenzen zusammenhängen; es will jedoch scheinen, als sei die Diskursaufgewühltheit primär anderen, ihrem Wesen nach heteronomen Ursachen geschuldet. Bezeichnend war in diesem Kontext die Antwort eines renommierten, antisemitismuskritischen deutschen Herausgebers und Verlegers vor einigen Jahren, der, darauf hingewiesen, dass er einen bestimmten Sachzusammenhang in Bezug auf Israel falsch sehe, antwortete, Israel interessiere ihn gar nicht; es gehe ihm einzig um Deutschland.

Geht man davon aus, dass ihm »Israel« für »Juden« stand, der Staat der Juden mithin das jüdische Volk kodierte, so ist das hier anvisierte Problem prägnant auf den Punkt gebracht: Philosemitismus, Antisemitismuskritik und Israelsolidarität als (anti-)deutscher Befindlichkeitsdiskurs. Nun mag man einwenden, das sei letztlich nicht gar so falsch – ist doch der Antisemitismus kein Problem des Juden, sondern in erster Linie das des Antisemiten.

Wohl wahr, man kann dieser alten Sartreschen Einsicht noch immer weitgehend beipflichten. Und doch wird man sich füglich fragen lassen müssen, wann die instrumentalisierende Funktionalisierung »des Juden« für wie immer emanzipativ gemeinte Zwecke ins Gegenteilige umschlägt und die Abstraktion dessen, was man zu verteidigen wähnt, der gleichen fremdbestimmten Struktur verfällt, kraft der (bei umgekehrten Vorzeichen) der Antisemitismus erst eigentlich möglich wird.

Die Vereinnahmung konkret ausgeblendeter Juden als »Juden«-Matrix der eigenen Identitätsbestimmung mag sich spätestens dann als fatal erweisen, wenn es darum geht, dem konkreten Juden, der sich als solcher stereotyp-heteronomer Abstraktion entschlägt, in der eigenen Lebenswelt zu begegnen.

Es mag sich dann peinlicherweise herausstellen, wie sehr der Jude als Projektionsfläche wohlmeinender Deutscher fungiert. Die vom Philosemiten latent betriebene Entindividualisierung des individuellen Juden hat dem manifesten judenfeindlichen Ressentiment des Antisemiten nichts voraus. Der Aufschrei gegen den Antisemitismus kann durchaus Spuren dessen aufweisen, was der Struktur nach als antisemitismusfördernd zu werten wäre.

Wenn also stimmt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, dann stimmt auch, dass der »wiedergutmachende« deutsche Philosemit keinem Juden seine auschwitzferne Individualität verzeihen kann.

Muss man aber gleich Philosemit sein, wenn man den Antisemitismus anprangern und bekämpfen möchte? Natürlich nicht. Da nun aber die unentrinnbare Bürde einer monströsen Geschichtskatastrophe jegliche Beziehung zwischen Deutschen und Juden affizieren muss, Auschwitz mithin zum Paradigma dieser Beziehung geronnen ist, bestehen nun mal wenige »Fluchtwege« aus dem sich stets aufs Neue verfestigenden Neuralgiezirkel.

Viele begehren – normalisierungssüchtig –, sich von der Geschichte ganz abzuwenden. Andere »bewältigen« das Unbewältigbare durch einen primitiven Projektivantisemitismus, wieder andere durch einen ressentimentgeladenen, zutiefst unreflektierten Antizionismus. Manche verharren in einem apolitisch gelähmten Ehrfurchtsschweigen – ja, und zunehmend viele sind zu Sachwaltern einer neuen Antisemitismusbekämpfung mutiert, und zwar mit solcher Verve, dass man den Eindruck gewinnt, der Anti-Antisemitismus sei zum neuen zivilgesellschaftlichen Lustprinzip einer gewissen deutschen Öffentlichkeit avanciert.

In schdanowistischer Torhütermentalität wird alles angeprangert und verfolgt, oft auch pauschal denunziert, was nach »Antisemitismus« riecht, oder genauer, was sich unter dem neuen Begriff von Antisemitismus, den sich diese Öffentlichkeit zurechtgebastelt hat, subsumieren lässt, wobei sich Aufklärungselan und paranoider Pathos solcherart wechselseitig durchwirken, dass politische Emanzipationspraxis zur befindlichkeitsgeschwängerten Lust am publiken Verfolgungswahn verkommt.

Man gefällt sich als »hauptamtliche Antisemiten-Jäger« (gut deutsch der Verbeamtung von Emanzipation frönend), beruft sich dabei auf Adornos neuen kategorischen Imperativ, wobei sich freilich der alte Frankfurter Denker im Grabe umdrehen dürfte, wenn er erführe, von welchem Ungeist diese Vereinnahmung beseelt ist, und geht alles brutal-denunziatorisch an, was sich nicht den Vorgaben des manipulativen Antisemitismus-Diskurses unwidersprochen fügt.

Auch Juden sind vor der Definitionsallmacht dieser vermeintlichen Sachwalter ihrer Belange nicht gefeit.

Ist das schlimm? – mag man sich fragen. Ist es nicht begrüßenswert, dass gerade in Deutschland und gerade angesichts der neuen Erstarkung neonazistischer Tendenzen der Antisemitismus mit so viel Elan attackiert wird? An sich schon.

Nur stellt sich zunehmend die Frage, ob tatsächlich ein erstarkender Antisemitismus angegangen wird, der beispielsweise in der »braunen Szene« immer schon sein zuverlässiges historisches und gesellschaftliches Zuhause hatte und noch immer hat; oder ob nicht doch der ungleich »attraktivere« Weg der politisch-korrekten Polemik gewählt wird, bei der der periodisch sich einstellende antisemitische Verbalskandal um eine Person des öffentlichen Lebens mit mehr oder minder auffälliger Breitenwirkung zur Drohkulisse einer heraufbeschworenen »Verantisemitisierung«, gar Neonazifizierung der gesamten Gesellschaft hoch- beziehungsweise niederstilisiert wird.

Da der Antisemitismus immer schon soziale (oft auch sozio-öknomische), sozialpsychische und kulturell-ideologische Ursachen hat – man hüte sich stets davor, den Antisemitismus zu enthistorisieren oder gesellschaftsfern zu abstrahieren – und da man diese Ursachen bei der gängigen »Bekämpfung« von Antisemitismus geflissentlich zu ignorieren pflegt, erweisen sich die medienwirksamen Empörungs-Knalleffekte um die enttabuisierten, bewusst-provokant orchestrierten miniantisemitischen Verbaleklats als bewusstseinstrübende Ideologie der sogenannten Antisemitismus-Bekämpfung.

Die sensationslüsterne Aufgewühltheit begnügt sich mit dem Lustgewinn an öffentlicher Erregung; um Gesellschaftskritik, gar emanzipativen sozialen Wandel bekümmert sie sich zumeist herzlich wenig, wenn überhaupt je.

Und in der Tat mag sich die Frage stellen, was da letztlich bekämpft wird: die sich politisch-korrekt nicht gehörende Zulassung des antisemitischen Verbalressentiments, mithin die publike Akzeptanz seiner manifesten Erscheinung, oder die strukturellen Ursachen, also gesellschaftlich wirkmächtigen Bedingungen für Entstehung, Verfestigung und Sedimentierung dieses Ressentiments.

Handelt es sich um Ersteres, so liegt dem ein Antisemitismusbegriff zugrunde, der sich mit dem (durchaus notwendigen) Geplänkel einer feuilletonistisch-publizistischen Kultur debattierender Zerredung, mit akademischen Diskursanalysen und massenmedialen Talkrunden »fürs Volk« begnügt. Sein Geltungsbereich ist die Sphäre parlierender Entrüstung und getragener Nachdenklichkeit von besorgten Gutmenschen.

Handelt es sich hingegen um Letzteres, so sieht man sich vor ein Problem ganz anderer Größenordnung gestellt. Denn man kommt dann nicht um die ehrliche Einschätzung von Stellenwert und Bedeutung dessen, was – salopp als »Antisemitismus« eingestuft – eine fundamentale Gesellschaftskritik und rigorose politische Tathandlungen erfordern würde.

So muss man sich beispielsweise fragen, was mit »Bedrohung von Juden« im heutigen Deutschland gemeint sei. Sind in Deutschland lebende Juden heutzutage in ihrer Existenz bedroht? Besser gefragt: Lässt sich eine Entwicklung in Deutschland denken, die die Existenz von Juden ernsthafter Bedrohung aussetzen würde?

Die Antwort darauf muss notwendigerweise spekulativ bleiben. Aber abgesehen von massiver Bewachung jüdischer Institutionen, die primär der Bedrohung durch arabischen Terror geschuldet ist, besteht seit Jahrzehnten keinerlei physische Bedrohung von in Deutschland lebenden Juden. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass jüdisches Gemeindeleben in der bundesrepublikanischen Nachkriegsära ohnehin nur spärlich aufkeimte (die Zahl der Juden in der DDR war ganz nichtig), sondern vor allem damit, dass das allgemeine Entsetzen vorm Grauen der jüngsten deutschen Vergangenheit zu einer tabuisierten Unantastbarkeit von Juden geronnen war.

Die politische Aufregung um die Erstarkung der NPD Mitte der Sechzigerjahre galt nicht der möglichen realen Bedrohung von Juden, sondern der Durchbrechung des Tabus, das im Zuge der sogenannten »Vergangenheitsbewältigung« jedem politischen Funken, der sich anschickte, den antinazistischen Konsens provokant anzusengen, ein politisch prästabilisiertes Löschungs-Veto zu erteilen trachtete. Es handelte sich um eine Regung in der Sphäre symbolischer politischer Interaktion, um ein Gerangel im Reich der Signifikanten, nicht um reale Bedrohung von Juden.

So werden bis zum heutigen Tag jüdische Friedhöfe in Deutschland geschändet, auch Gebäude jüdischer Institutionen mit antisemitischen Verbalinjurien beschmiert. Aber das sind auch die Grenzen: Jüdische Menschen bleiben unangetastet, man regt sich an ihren steinernen Monumenten ab.

Dem ist entgegengehalten worden, es handle sich um ein an einem sehr dünnen Faden hängendes Tabu – es reiche hin, dass sich in der politischen Klasse ein Stimmungswechsel vollziehe und ein Zeichen »von oben« gesetzt werde, damit die fortwesende antisemitische Hölle in Deutschland wieder losbreche und große Teile der Gesellschaft erfasse.

Eine zweifellos düstere Prognose, wenngleich eine eher zweifelhafte. Denn nicht nur lässt sich vermuten, dass ein für Juden antisemitisch-bedrohlich gewordenes Deutschland von Machtinstitutionen der westlichen Öffentlichkeit wohl kaum ohne deutliche Nachteile für ein solches Deutschland hingenommen würde, sondern in Deutschland selbst dürften sich massive zivilgesellschaftliche Kräfte mobilisieren, um einer solchen unheilvollen Entwicklung entgegenzuwirken.

Diejenigen aber, die einer solchen Prognose aus uneingeschränkter Überzeugung das Wort reden, mithin fest davon überzeugt sind, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis es Juden in Deutschland wieder an den Kragen geht, dürften sich nicht mit ihrer Einsicht begnügen.

Aus der sich von dieser Einsicht ableitenden Verantwortung müssten sie unermüdlich dafür sorgen, dass Juden schleunigst aus Deutschland herauskommen. Dass sie sich nie und nimmer einfallen ließen, diesen Schritt zu unternehmen, lässt darauf schließen, dass sie ihrer Katastrophalprognose wohl selbst nicht sonderlich trauen, dafür aber als gestandene Protagonisten im Spielfeld pseudoemanzipativen Raunens die endzeitliche Katastrophe in ein diskursiv-polemisch lohnendes kulturelles Kapital umso perfekter für eigene Belange umzusetzen verstehen.

Gleiches gilt übrigens für jene in Deutschland lebenden jüdischen Studenten, die sich bei einer Veranstaltung darüber beklagten, dass sie sich zuweilen in der Tat nicht mehr als Juden auf die Straße wagen könnten; danach gefragt, warum sie sich nicht schleunigst diesem üblen Zustand durch Auswanderung entzögen, verfielen sie in den Gestus indignierter Aufgebrachtheit von Menschen, denen man gerade ein Stück ihrer (diasporischen) Identität geraubt hatte – die der existentiell gelebten Bedrohung durch eine zutiefst feindliche Umwelt.

Das will wohlverstanden sein: Es soll hier mitnichten der Ungeist einer neuerlichen Legitimation von Antisemitismen im öffentlichen deutschen Diskurs, schon gar nicht die Zunahme neonazistischer Politpraktiken und Agitation verantwortungslos verharmlost beziehungsweise schöngeredet werden.

Das, was sich in der alten Bundesrepublik spätestens seit Ende der Sechzigerjahre an kritischer Öffentlichkeit und aufklärerischer politischer Kultur herausgebildet und sedimentiert hat, muss stets aktiviert werden, um besagtem Ungeist rigoros entgegenwirken zu können. Dieses Postulat verliert selbst dann nicht an Geltungsanspruch, wenn man in Kauf nimmt, dass es um den kritischen Geist und seine Träger zurzeit nicht gerade zum Besten bestellt ist.

Denn selbst unter Bedingungen eindimensionierender Entsorgung der umfassenden Kritik am Bestehenden darf und muss gefordert werden, dass die Enttabuisierung dessen, was, wie immer scheinhaft, in den Stand des Unantastbaren gesetzt worden ist, kritisch reflektiert werde.

Zwischen solcher Kritikforderung und der paranoid-leichtfertigen Heraufbeschwörung eines neuen, für Juden bedrohlichen Antisemitismus liegt freilich eine Kluft, die ihrerseits der Reflexion bedarf.

Denn wenn dem in der Tat so ist, dass der Antisemitismus einerseits wieder salonfähig wird (beziehungsweise Tabus seiner Eindämmung gebrochen werden), andererseits aber auch zum konjunkturell gestylten »Thema« mit entsprechender Feuilleton-Resonanz verkommt; wenn darüber hinaus gefragt werden muss, ob es gerade Juden sind, welche die real bedrohteste und ungeschützteste Minorität im deutschen xenophobischen Diskurs abgeben, dann muss zugleich auch geklärt werden, ob die in diesem Zusammenhang allzu schnell und leichtfertig abgerufene Auschwitz-Metapher die adäquate Kategorie für die geforderte Auseinandersetzung mit dem zu Bekämpfenden sein könne; ob mit der veralltäglichenden Aushöhlung dieses Begriffs nicht zugleich die systematische Banalisierung des Antisemitismus als Auslöser einer geschehenen welthistorischen Katastrophe und als Folie künftiger Bestrebungen, Rassismus und Fremdenhass zu bekämpfen und auszurotten, stattfinde.

Wenn sich zudem der Verdacht hinzugesellt, dass mit der vorgeblichen Bekämpfung des Antisemitismus etwas ausgetragen wird, das sich zwar für die »Lehre aus Auschwitz« ausgibt, letztlich aber als projektive Entleerung dessen erweist, was als zu Mahnendes im Bewusstsein erhalten werden soll, dann kommt man schlechterdings nicht um die ärgerliche Einsicht herum, dass deutsche Befindlichkeiten wieder einmal am Werk sind, Befindlichkeiten, die den Antisemitismus als Fahrplan der Ausfechtung von Heteronomem vereinnahmen.

Es wird an diesem Phänomen besonders deutlich, wie sehr doch der Antisemitismus dem antisemitismusfeindlichen Philosemitismus stets verschwistert ist: In beiden Fällen hält »der Jude« für etwas her, wird mithin dahingehend seines konkreten Daseins beraubt, dass er als leeres Gefäß für austauschbare Inhalte, fürs fungibel Abladbare in instrumentalisierender Absicht konstruiert wird.

Ob dabei Hass und Aggression oder Schuld und wiedergutmachende »Liebe« abgeladen werden, bleibt sich im Hinblick aufs Resultat der entmenschlichenden Abstraktion des Juden letztlich gleich. Immerhin hätten Philosemiten aber keine Konzentrationslager errichtet, lässt sich dagegen einwenden. Wohl wahr.

Aber genau darum geht es ja im heutigen Deutschland nicht; es geht beim gegenwärtigen Antisemitismus-Diskurs nicht um die Möglichkeit einer neuen Shoah.

Dass aber gerade die Assoziationsfolie des KZ (als »Auschwitz« kodiert) für etwas in Anschlag gebracht wird, das sich ihm als Reales entzieht (und mag dabei das Pathos des aus der Vergangenheit fürs Künftige abgeleiteten Anmahnens sich noch so sehr selbst hochpeitschen), indiziert, wie erbärmlich sich der Begriff des historischen Grauens im Spiegel der befindlichkeitsgeschwängerten Realitätsbewältigung der Gegenwart ausnimmt.

»Antisemitismus«-Bekämpfung als Reparation für »Auschwitz« – eine neue ideologische Variante des psychologischen Grundverhältnisses, wonach die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden.


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Redaktionelle Anmerkung: Die Fortsetzung dieses Artikels von Moshe Zuckermann veröffenltichen wir am 6. Oktober. Der Autor wird sich dann dem Thema ‚Ist Israel-Kritik antisemitisch?‘ zuwenden.

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