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Die Gesichtslosen

Die Gesichtslosen

Dass wir einander kaum mehr ohne Maske anschauen können, ist ein Angriff auf das Fundament unserer Gesellschaft.

von Giorgio Agamben

„Das, was Gesicht heißt, kann es bei keinem Tier als nur dem Menschen geben, und es drückt den Charakter aus“ (Cicero).

Alle Lebewesen befinden sich im Zustand der Offenheit, zeigen sich und kommunizieren miteinander. Aber nur der Mensch hat ein Gesicht, nur der Mensch macht aus seinem Erscheinen und seinem Sich-anderen-Menschen-Mitteilen seine eigene Grunderfahrung, nur der Mensch macht aus dem Gesicht den Ort der eigenen Wahrheit.

Das, was das Gesicht zeigt und enthüllt, ist nichts, was sich durch Worte ausdrücken, in dieser oder jener bedeutsamen Aussage formulieren ließe. In seinem eigenen Gesicht setzt sich der Mensch unbewusst in Szene. Im Gesicht, mehr noch als im Wort, drückt er sich aus und enthüllt er sich. Und was das Gesicht ausdrückt, ist nicht nur der Seelenzustand eines Individuums, es ist vor allem seine Offenheit, sein Sich-Exponieren und sein Sich-anderen-Menschen-Mitteilen.

Deshalb ist das Gesicht der Ort der Politik. Wenn es keine tierische Politik gibt, so nur deshalb, weil die Tiere, die schon immer im Zustand der Offenheit sind, kein Problem aus ihrer Exposition machen; sie verbleiben einfach in ihr, ohne sich um sie zu kümmern. Deswegen interessieren sich diese nicht für Spiegel, nicht für Bilder als Bilder. Der Mensch hingegen möchte sich erkennen und erkannt werden, möchte sich des eigenen Bildes bemächtigen, sucht darin seine eigene Wahrheit. Auf diese Weise transformiert er die Offenheit in eine Welt, ein Feld unaufhörlicher politischer Dialektik.

Wenn die Menschen sich immer und ausschließlich über Informationen auszutauschen hätten, immer über diese oder jene Sache, würde es nie wirklich Politik geben, sondern einzig den Austausch von Botschaften. Aber da die Menschen sich vor allem ihre Offenheit mitzuteilen haben, das heißt eine reine Kommunikationsbereitschaft, ist das Gesicht die Bedingung der Politik selbst, das, worin alles gründet, was sich die Menschen sagen und was sie austauschen.

Das Gesicht ist in diesem Sinne die wahre Stadt der Menschen, das politische Element par excellence.

Indem die Menschen einander ins Gesicht sehen, erkennen sie einander und begeistern sich füreinander, nehmen sie Ähnlichkeit und Verschiedenheit wahr, Ferne und Nähe. Ein Land, das beschließt, auf das eigene Gesicht zu verzichten, allerorten die Gesichter der eigenen Bürger mit Masken zu bedecken, ist demnach ein Land, das sich jeder politischen Dimension beraubt hat.

In diesem leeren, jederzeit einer grenzenlosen Kontrolle unterworfenen Raum bewegen sich nun Individuen, die voneinander isoliert sind, die die unmittelbare und fühlbare Grundlage ihrer Gemeinschaft verloren haben und nur Botschaften austauschen, die an einen gesichtslosen Namen gerichtet sind. An einen gesichtslosen Namen.


Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien unter dem Titel „Il volto e la maschera“. Er wurde von Thorsten Schewe aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzerteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratteam lektoriert.

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