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Die Geschichtsbewussten

Die Geschichtsbewussten

Der Ukrainekrieg und das Verhältnis zu Russland werden im Osten Deutschlands auch deshalb differenzierter betrachtet, weil man bereit ist, die russische Position anzuhören.

Sind denn alle verrückt geworden?

„Was ist los in meiner Heimat? Warum treffe ich hier immer wieder auf Menschen, die so anders über den russischen Angriffskrieg denken als ich? Warum gibt es hier anscheinend ein deutlich größeres Verständnis für Russland als im Westen? Und wie stark ist diese prorussische Haltung wirklich verbreitet?“, so beginnt Jessy Wellmer ihre Reportage-Reise in die alte Heimat.

Es ist auch eine persönliche Reise, die mit einem Besuch im Hause ihrer Eltern beginnt, mit denen sie — wie sie bekennt — in der „Bewertung der aktuellen Ereignisse zunehmend unterschiedlicher Meinung“ ist.

Denn Wellmer ist keineswegs unvoreingenommen, auch wenn sie das dem Zuschauer glauben machen möchte. Sie wolle nur fragen und zuhören, sagt sie. Doch schon ihre eingangs gestellten Fragen zeigen, wo sie selbst steht und dass sie ihre eigene Meinung nicht zur Disposition stellt, überzeugt davon, die Wahrheit zu kennen und richtig zu liegen. „Es ist irgendwie ein Riesenverbrechen, was da passiert. Es ist schwierig für mich, auch zu differenzieren, weil ich ein ganz klares Bild habe“, bekennt sie.

Wellmers Film ist daher nicht der Versuch, ergebnisoffen über einen komplexen geopolitischen Konflikt zu berichten, sondern vielmehr eine Erklärung für die ostdeutsche Fehlorientierung zu liefern. Warum sind so viele im Osten offenbar noch immer nicht im neuen Deutschland angekommen? Warum haben sie eine solch kritische Distanz zu den Medien, nicht zuletzt den öffentlich-rechtlichen? Und wieso haben sie nach so langer Zeit immer noch eine Bindung zu Russland und misstrauen der NATO? Unfassbar für Wellmer.

Dieses Unverständnis zeigt sich in der Reportage an mehreren Stellen, und es zieht sich wie ein roter Faden bis zum Ende hin durch. Den Höhepunkt abtrünniger Gesinnung erlebt sie im Gespräch mit einem Bekannten ihrer Eltern, dem Ex-NVA-Offizier Reinhard Bartz.

Bartz, der sie freundlich begrüßt, spricht offen über seine Frustration. Der auch in der Sowjetunion stationierte Mann hatte eine enge Freundschaft zum einstigen Waffenbruder entwickelt. Im Film wird er als besonders erschreckendes Beispiel ostdeutscher Verblendung präsentiert, der auch in der anschließenden Talkrunde „Hart aber fair“ noch mal sein Fett wegbekommt. Ernst nehmen müsse man ihn aber wohl ohnehin nicht, bei dem Lebenslauf.

Da sind ausgewogenere Persönlichkeiten wie der Ost-Erklärbär Gregor Gysi, der Ost-Beauftragte der Bundesregierung Carsten Schneider oder die Weimarer Historikerin Silke Satjukow besser geeignet, als „Experten“ den ostdeutschen Seelenfilz zu entwirren. Dennoch bleiben auch ihre Erklärungen eher dünn und oberflächlich. Die Ostdeutschen könnten einfach nicht aus ihrer Haut. Sie seien selbst 30 Jahre nach der Wende immer noch irgendwie russisch sozialisiert und trügen historische Schuldkomplexe mit sich herum. Gefangene in ihrer Biografie und einer Art ideologischem Stockholm-Syndrom unterlegen, könnten sie sich nicht eingestehen, dass der einstige Freund und Waffenbruder in Wirklichkeit ein furchtbarer Aggressor ist.

Hinzu kämen noch eine seit der Wendezeit angestaute Frustration, trotz Milliardentransfers und Ostbeauftragtem, und die Überforderung durch Globalisierung und Digitalisierung … Alles klar, jetzt wissen wir´s endlich genau.

Ahnungslosigkeit oder mehr?

Es ist schwierig zu beurteilen, ob Wellmer tatsächlich so wenig über Hintergründe des Ukrainekriegs weiß, wie es den Eindruck hat, oder ob sie diese bewusst ausblendet. Kein Zweifel jedenfalls an ihrer Einschätzung der Ereignisse und kein Wort in ihrer Reportage über die Ursachen dieses Krieges, seine jahrelange Vorgeschichte.

Natürlich bleiben auch Ostdeutsche ratlos zurück, wenn sie selektiv informiert werden und die tieferen Ursachen nicht kennen oder verstehen.

Der ebenfalls von Wellmer interviewte Gitarrist der bekannten Ost-Rockband Silly, Uwe Hassbecker, ist das beste Beispiel dafür. Hassbecker, der die NATO-Osterweiterung durchaus kritisch sieht, hatte seiner Wut auf Wladimir Putin kurz nach der Invasion Russlands in der Berliner Zeitung Luft gemacht. Der skrupellose Diktator und wahnhafte Lügner Putin hätte das Leben Zigtausender Menschen auf dem Gewissen. Er unterjoche ein ganzes Land und provoziere eine Konfrontation mit der NATO. FDP-Rüstungsikone Marie-Agnes Strack-Zimmermann hätte ihn glatt als Redenschreiber eingestellt.

Während ARD,* ZDF* und Deutsche Welle weiterhin aus Russland berichten dürfen, wenn auch unter Beobachtung, ist dies russischen Sendern in Deutschland vollständig untersagt. Die Berichterstattung heute wird von vielen Ostdeutschen als einseitiger empfunden als sie zu DDR-Zeiten war. Denn seinerzeit wurde in Ost und West schonungslos offen über die Schwächen der jeweils anderen Seite berichtet. Die Standpunkte lagen auf dem Tisch. Man konnte sich aussuchen, welche Seite man je nach Argumentation für glaubhafter hielt.

Alternative Erklärungsversuche

„Ich versuche zu verstehen, warum viele Leute aus meiner Elterngeneration so ticken, wie sie ticken und ich komme immer wieder an den Punkt und zu der Frage, warum dieser Angriffskrieg sie nicht über ihren Schatten springen lässt“, so Wellmer.

Könnte es sein, dass sich Ostdeutsche, gerade aufgrund ihrer eigenen Geschichte und Lebenserfahrung sehr viel intensiver mit dem Konflikt in der Ukraine und dem Einfluss der USA beschäftigen?

Möglicherweise wissen mehr unter ihnen,

  • dass die NATO schon vor 15 Jahren der Ukraine eine Mitgliedschaft in Aussicht gestellt hat, wohl wissend, dass damit für Russland eine rote Linie überschritten und der Frieden gefährdet werden würde,
  • dass es sich bei den Unruhen auf dem Maidan 2014 über einen von den USA unterstützen Staatsstreich gehandelt hat, der als „Most blatant Coup“ gefeiert wurde. Viele der Opfer auf dem Maidan waren dabei nicht etwa von der Regierungspolizei, sondern von aufständischen Nationalisten hinterrücks erschossen worden.
  • dass der neue ukrainische Präsident Arsenij Jazenjuk nach Viktor Janukowitschs Sturz durch die USA ausgewählt worden war, ohne europäische Interessen zu berücksichtigen („Fuck the EU — Yats is the guy“-Victoria Nuland). Die EU wollte Vitali Klitschko — was es nicht besser macht.
  • dass nach dem Umsturz 2014 eine Repressionswelle gegen alles Russische einsetzte, gegen Sprache und Kultur, und dass in der Folge die sich widersetzenden russisch-sprachigen Gebiete im Osten des Landes permanent angegriffen wurden, Millionen flüchten mussten und Tausende ums Leben kamen.
  • dass die Ukraine bereits vor der russischen Invasion zu einem de facto NATO-Stützpunkt geworden war, mit unzähligen Beratern vor Ort bis hin zur Forschung an Biowaffen in mehreren Dutzend Laboren, über die wir noch viel zu wenig wissen.
  • dass unmittelbar vor Russlands Invasion im Februar 2022 eine großangelegte Offensive der ukrainischen Armee im Donbass anlief, sodass US-Präsident Joe Biden davon ausgehen konnte, dass Russland nicht mehr tatenlos zusehen würde und daher die Invasion für den 16. Februar vorhersagte.

Vielleicht führt dieses Wissen die Ostdeutschen zu anderen Schlüssen, und vielleicht ist das eine viel treffendere Erklärung für die Ergebnisse von Meinungsumfragen und für die Proteste in vielen ostdeutschen Orten.

Licht und Schatten im Verhältnis zur Sowjetunion

Die Ostdeutschen, die die DDR noch bewusst erlebt haben, hatten in der Mehrzahl ein ambivalentes Verhältnis zur Sowjetunion, das eher einer Zwangsehe glich als einer herzlichen und innigen Freundschaft.

Spätestens der verpflichtende Russisch-Sprachunterricht ab dem fünften Schuljahr führte zu ersten Anflügen von Renitenz, hätte man doch sonst das Englische vorgezogen, und sei es nur, um den einen oder anderen Song besser zu verstehen.

Die Teilnahme an Veranstaltungen im Zeichen der deutsch-sowjetischen Freundschaft war häufig keine Herzensangelegenheit, sondern eine Pflichtübung, wie auch die Mitgliedschaft in der Organisation gleichen Namens.

Persönliche Freundschaften zu Russen pflegten die wenigsten. Woher auch? Die meisten Russen in der DDR waren die zu Hunderttausenden stationierten Soldaten, die aber, versteckt hinter Kasernenmauern, im Alltag nahezu unsichtbar blieben und praktisch keinen Kontakt zur Bevölkerung bekamen.

Der Sozialismus sowjetischer Bauart galt als noch spröder und restriktiver als der im eigenen Land. Ostdeutsche Teenager machten lieber Urlaub in Ungarn, Prag oder an der bulgarischen Schwarzmeerküste als in Moskau, Leningrad oder auf der Krim.

Die Abhängigkeit, Bevormundung und Kontrolle durch den „großen Bruder“ waren historisch erklärbar. Angenehm waren sie nicht. Ganz zu schweigen von dem, was drohte, sollte man aufmüpfig werden. Die Prager Ereignisse von 1968 waren Mahnung genug.

Im Außenhandel wurde die Sowjetunion bevorzugt beliefert. Die eigene Produktion orientierte sich nicht zuletzt an den Bedürfnissen Moskaus. Die steifen, greisen Führer der KPdSU wie Leonid Breschnew, Juri Andropow oder Konstantin Tschernenko hatten unterirdische Empathiewerte. Das änderte sich erst mit Michail Gorbatschow.

Es ist daher zu kurz gegriffen, ja falsch, das Verständnis für die russische Position vieler Ostdeutscher aus ihrem vermeintlich freundschaftlichen Verhältnis zur Sowjetunion abzuleiten.

Vom Aussterben bedroht

Viele DDR-Bürger haben über viele Jahre hinweg eine kritische Distanz zu vorgegebenen Meinungen und eingeengten Meinungskorridoren entwickelt, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Die aufdringliche Propaganda der eigenen wie der sowjetischen Regierung war ihnen völlig bewusst und nicht selten im Freundeskreis Gegenstand von Hohn und Spott.

Nicht in Vergessenheit geraten ist aber auch das imperiale Handeln des Westens, der Vietnamkrieg, das Vorgehen der USA gegen Befreiungsbewegungen wie in Nicaragua oder auch der von der CIA gestützte Putsch Pinochets in Chile mit dem Tod von Salvador Allende und der grausamen Folter und Ermordung von Victor Jara. Wer in den Siebzigerjahren zur Schule ging, sammelte in der Freizeit Altpapier und spendete den Erlös für die Freiheit von Luis Corvalán oder Angela Davis. Niemand zweifelte daran, dass das eine gute Sache war.

Dass Ostdeutsche — mehr noch als Westdeutsche — in der Beurteilung des Ukrainekrieges, aber auch anderer geopolitischer Ereignisse, zu anderen Schlüssen kommen, mag also auch daran liegen, dass sie aufgrund dieser Erfahrungen die offizielle russische Position immer noch an sich heranlassen, trotz der Sendeverbote von Russia Today und anderen russischer Medien.

Die Generation Wellmer und ihre Nachfolger wurden im Westen sozialisiert und medial geprägt. Es ist daher verständlich, dass eine differenziertere Betrachtung geopolitischer Fragen vor allem bei den Älteren im Osten anzutreffen, aber eben auch vom Aussterben bedroht ist.

Die Bewertung der gegenwärtigen Ereignisse in der Ukraine verlangt das Denken in komplexeren Zusammenhängen und die Beschäftigung mit den Ursachen, die weit vor dem Februar 2022 liegen. Die in Ostdeutschland verbreitetere Ablehnung von Waffenlieferungen in die Ukraine, das Einfordern der Diplomatie und die immer noch bestehende Hoffnung auf ein friedliches und freundschaftliches Zusammenleben mit Russland sollten nicht zu Unverständnis führen, sondern zu Nachahmung in Ost und West, Jessy W. inklusive.


Russland, Putin und wir Ostdeutsche

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