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Die Gatekeeper der Mächtigen

Die Gatekeeper der Mächtigen

Journalisten stützen das Auseinanderdriften der Gesellschaft, indem sie sich subtil auf die Seite der Herrschenden schlagen. Exklusivabdruck aus „Sabotierte Wirklichkeit“.

„Wer umstritten ist, benennen wir!“

Wer verfügt in unserer Gesellschaft über Benennungsmacht? Nehmen wir an, ein durchschnittlicher Bürger stellt sich auf die Straße und sagt zu den vorbeilaufenden Passanten: „Merkel ist unfähig!“

Was passiert dann? Einige Passanten werden diesem Bürger vermutlich signalisieren, dass er recht hat. Andere werden den Kopf schütteln, ihm vielleicht den Vogel zeigen.

Und was passiert weiter? Vermutlich nichts.

Was lernen wir daraus? Nun, unser Durchschnittsbürger hat benannt. Er hat eine ziemlich weitreichende Aussage getroffen. Er hat die Regierungschefin, die oberste Frau im Staat, als „unfähig“ bezeichnet. Aber: Seine Aussage hat aller Voraussicht nach keine Wirkung, die weit reicht. Warum? Der Bürger benennt zwar, aber er verfügt nicht über Benennungsmacht. Er schafft mit seiner Aussage zwar auch Wirklichkeit, aber die reicht allenfalls bis zu seiner Nasenspitze.

Wie sieht es aus, wenn ein Alphajournalist in einer reichweitenstarken Sendung sagen würde: „Merkel ist unfähig!“? Wie sieht es aus, wenn mehrere große Medien zu einem strategisch wichtigen Zeitpunkt diese Aussage tätigen würden? Über die genauen Auswirkungen können wir nur spekulieren, sicher aber ist: Eine solche Aussage hätte direkte und indirekte Wirkungen. Und warum? Weil Journalisten und Medien über Benennungsmacht verfügen. Ja, sie sind sogar jene Gruppe, die neben den Politikern über die größte Benennungsmacht in unserem Land verfügt. Selbst hochrangige und kompetente Experten, die sich etwa in Zeiten einer Krise zu Wort melden und ebenfalls über Benennungsmacht verfügen, können diese nur dann vollständig entfalten, wenn Medien sie als legitime Sprecher anerkennen (siehe vorangegangenes Kapitel). Was bedeuten diese Gedanken? Sie führen uns vor Augen, dass wir genau darauf achten müssen, wie Medien benennen.

Elfter März 2019: Medien berichten, die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht werde nicht mehr für den Fraktionsvorsitz antreten. Eine große Nachricht. Medien verbreiten sie rasch, prominent platziert. Auf Zeit Online heißt es in der Überschrift: „Die Linke: Sahra Wagenknecht kündigt Rückzug von Fraktionsspitze an”,102 und in der Unterzeile steht: „Die umstrittene Linke will nicht mehr für den Fraktionsvorsitz antreten – offenbar aus gesundheitlichen Gründen. Am Wochenende hatte sie die Aufstehen-Führung verlassen” (103).

Liebe Leserinnen und liebe Leser: Achten Sie bitte auf diese Zeilen – mit dem Gedanken der Benennungsmacht im Kopf. Sticht ein Wort hervor? „Die umstrittene Linke”, heißt es. Wir sehen hier ein Beispiel für einen Journalismus, der auf eine ziemlich perfide Weise durch ein kleines, eher unscheinbares Wort seine Benennungsmacht missbraucht. Wagenknecht ist also umstritten.

Frage: Ist Wagenknecht umstritten? Ja, sicher. In dem Artikel, der auf eine dpa-Meldung zurückgeht, findet der Leser sogar Gründe dafür, warum Wagenknecht umstritten ist. So heißt es:

„Viele Linke waren zuletzt auch unzufrieden mit Wagenknechts Alleingängen in der Flüchtlingspolitik, ihrer Kritik an der von der Linken unterstützten #unteilbar-Demo im Oktober und ihrer Unterstützung für die französischen Gelbwesten. Es gab parteiinterne Überlegungen, Wagenknecht zu stürzen. Wagenknecht tritt weiterhin für eine Überwindung des Kapitalismus in Deutschland ein, wird häufig in Talkshows eingeladen und zieht die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums auf sich” (104).

Wo liegt nun das Problem? Wenn Medien eine umstrittene Politikerin als umstritten bezeichnen, dann kann man ihnen doch keinen Vorwurf machen, oder? Es gilt, wieder genauer zu schauen. Zunächst das Offensichtliche: Müssen Medien eine Politikerin beziehungsweise eine Akteurin, die einem breiten Publikum bekannt ist, als „umstritten” anführen? Nein, natürlich nicht. Viele Bürger (gerade auch gebildete Zeit-Leser) dürften Wagenknecht und ihre Politik kennen. Bürger dürften wissen, wie sie die Politikerin einordnen. Das „umstritten” ist also unnötig. (und, das darf man gerne glauben: Wenn Journalisten – gerade im Nachrichtenjournalismus –, die sehr genau auf Worte achten und oft nur über einen begrenzten Platz in ihren Printmedien verfügen, ein solches Wort in einen Artikel packen, dann haben sie einen Grund). Doch das eigentliche Problem liegt tiefer.

Frage: Ab wann sind Akteure eigentlich umstritten oder genauer, ab wann ist es für Medien, die sich einem Qualitätsjournalismus verpflichtet fühlen, angebracht, eine umstrittene Person als umstritten zu bezeichnen? Weitere Frage: Ist Merkel umstritten? Nun ja. Man möge hören, was so manches Mitglied der CSU über die Bundeskanzlerin zu sagen hat.

Oder: Wie Mitglieder der Linkspartei über Merkel denken. Oder: Wie so manche Bürger im Osten über Merkel denken. Nochmal die Frage: Ist Merkel umstritten? Ja natürlich! Und wie! Denken wir zurück an das Zeit-Interview, das Jana Hensel mit Merkel geführt hat (siehe Kapitel 3.1). Wurde da die Kanzlerin als umstritten angeführt? Nein. Wenn man so darüber nachdenkt: Viele, ja sehr viele Akteure, die sich in der Öffentlichkeit bewegen sind: umstritten. Erinnern wir uns an Michael Lüders.

Im vorangegangenen Kapitel haben wir gezeigt, dass auch ihm plötzlich, als er zu sehr von einem etablierten Mediennarrativ abgewichen ist, das Etikett „umstritten” angeklebt wurde (105). Deutlich wird: Wenn Medien im Zusammenhang mit einem Akteur das Wort umstritten anführen, dann handelt es sich dabei nicht einfach nur um ein Wort, das nüchtern eine Information vermitteln will. Medien wollen, wenn sie den Begriff umstritten verwenden, längst nicht immer einfach nur den Leser aufklären.

Ihnen geht es auch darum, durch Benennung Akteure, an deren Weltsicht und politischer Wirklichkeitsauffassung Redaktionen sich stören, sprachlich abzuwerten und ihnen gegebenenfalls den Status der Illegitimität zuzuschreiben. Das Beispiel eingangs dieses Kapitels hat gezeigt, dass Benennung weitreichende Wirklichkeiten schaffen kann. Wenn Medien immer und immer wieder Akteure als umstritten bezeichnen, dann werden die Wirklichkeitseffekte, die durch die fortlaufende Benennung entstehen, potenziert.

An dieser Stelle wird hoffentlich sichtbar, welch eine Macht sich in den Händen der Medien konzentriert. Naiv ist der Glaube, dass Medien diesen Begriff nur deshalb einsetzen, um dem Publikum die Einordnung der entsprechenden Person zu erleichtern. Tatsächlich lässt sich bei bestimmten Medien immer wieder beobachten, dass sie, fast schon auf Biegen und Brechen, Bürger davon abhalten wollen, Sympathien für Personen aufzubringen, die aus Sicht der Medien die ‚falsche’ Einstellung, die ‚falsche’ Überzeugung haben.

Wagenknecht wird, das ist alles andere als ein Geheimnis, von vielen, ja sehr vielen Medienvertreter kritisch und argwöhnisch betrachtet (man denke nur daran, auf welche Weise einmal Markus Lanz in seiner Sendung Sahra Wagenknecht angegangen ist (106)). Und genauso wenig ist es ein Geheimnis, dass es für die diskursbestimmenden Vertreter des journalistischen Feldes und den Angehörigen des juste milieus einem Albtraum gleich käme, wenn Wagenknecht mit ihren Ansichten politische Mehrheiten zustande bringen würde. Kurzum:

Wollten Medien einen sauberen Journalismus abliefern, müssten sie entweder den Begriff „umstritten” durchgehend gebrauchen. Sie müssten ihn allen ankleben, die umstritten sind (dann müssten die Zeitungen zusätzliche Seiten drucken …) oder aber, man lässt diese wertende Bezeichnung (von gut begründeten Ausnahmefällen abgesehen) weg und liefert stattdessen nüchtern Informationen zu den jeweiligen Personen und überlässt die Entscheidung, wer nun umstritten ist oder nicht dem Publikum.

Grundsätzlich gilt: Wer journalistische Produkte nutzt, muss unbedingt auf die verwendete Sprache achten. Wir müssen als kritische Mediennutzer unser Sprachverständnis schärfen und genau in die Sprache, die Ausdrücke, die Formulierungen ‚reinhören’, die Journalisten nutzen.

Das ist nicht ganz einfach, denn die Gefahr, dass wir Opfer von Manipulation und gar Propaganda werden, lauert gerade dort, wo unser kritischer Verstand eher im Ruhemodus ist. Das heißt: Gerade bei unverdächtigen Begriffen wie „umstritten”, „grölen” und so weiter und Formulierungen, die uns alleine schon durch unsere Alltagsprache ziemlich vertraut sind, müssen wir damit rechnen, dass wir einer massiven Beeinflussung zu unserem Nachteil ausgesetzt sind. Begriffe wie „Verschlankung”, „Markt”, „Globalisierung”, „freigestellt”, „Terroristen” und so weiter können unser Denken lenken, ohne dass wir es bemerken. […]

Dieses Grundprinzip, also dass Journalisten eine tragende Rolle zukommt, wenn es darum geht, bestimmte Weltsichten und/oder Wirklichkeitsvorstellungen in die Köpfe der Bürger zu drücken, galt in Sachen Neoliberalismus und es gilt auch heute (denken wir an das Strategiepapier „Neue Macht, neue Verantwortung”, siehe Kapitel 3.1). Scharf geht Bourdieu mit einem Journalisten ins Gericht, der Ende der 1990er-Jahre für Le Monde ein Interview mit dem damaligen Präsidenten der Bundesbank, Tietmeyer, geführt hat:

„Einen guten Hinweis”, so Bourdieu, „was dieses ständige mediale Wiederkäuen bewirkt, stellen die Fragen des Journalisten dar, der in gewisser Weise den Erwartungen des Herrn Tietmeyers zuvorkommt, so sehr ist er bereits im Voraus von den erwarteten Antworten erfüllt. Mithilfe solcher passiven Komplizenschaften konnte sich die sogenannte neoliberale, in Wirklichkeit aber konservative Sichtweise Schritt für Schritt durchsetzen” (112).

Diese Zeilen lassen uns erahnen, dass die Schieflagen im Journalismus nicht erst seit ein paar Jahren bestehen (und länderübergreifend vorhanden sind), sondern sie können auch Anlass für uns sein, noch tiefer über die Benennungsmacht von Journalisten und die Sprache in den Medien nachzudenken. In dem diesem Kapitel vorangestellten Zitat heißt es, dass dem „Zirkulieren von Gedanken ein Zirkulieren von Macht” zu Grunde liegt. Bourdieu bezog sich mit dieser Äußerung genau auf jene Netzwerke aus Wissenschaftlern, Journalisten und so weiter, die die neoliberalen Gedanken in unserer Gesellschaft etabliert haben.

Wir greifen die allgemeine Bedeutung von Bourdieus Erkenntnis auf und stellen fest:

Wenn wir bestimmten Begriffe gegenüber hellhörig sind, uns ihnen annehmen, sie zerlegen und analysieren, dann können wir erkennen, wie tief selbst in den einfachsten Begriffen „Macht” zementiert ist. Wenn wieder mal davon die Rede ist, dass „wir bereit zu mehr Eigenverantwortung” sein müssen, oder wieder mal ein Journalist in einem Beitrag von Menschen spricht, die sich „abgehängt fühlen” (nein, Menschen sind in unserer Gesellschaft ‚abgehängt’), dann sollte uns klar sein, dass diese „zirkulierenden Gedanken” auch auf einem „Zirkulieren von Macht” beruhen.

In dem Gerede von „mehr Eigenverantwortung” schwingt die gesamte Macht derer mit, die mit zum Aufbau der neoliberalen Ideologie beigetragen haben. Wenn Journalisten immer wieder sagen, Menschen fühlten sich abgehängt, dann entfaltet sich oft darin die brutale Macht eines Herrschaftsdiskurses, der die real vorhandenen Missstände in unserer Gesellschaft verschleiern will (vermutlich sind sich viele Journalisten oftmals den Einlagerungen von Macht in ihrer Sprache nicht einmal bewusst).



Quellen und Anmerkungen:

(103) Zeit Online: „Die Linke Sahra Wagenknecht kündigt Rückzug von Fraktionsspitze an”, 11. März 2019, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-03/die-linke-sahrawagenknecht-kuendigt-rueckzug-von-fraktionsspitze-an
(104) Ebd.
(105) Vgl. Klöckner, Marcus: „Urteil Vollstreckt: Michael Lüder ist umstritten”, Telepolis, 25. April 2017, https://www.heise.de/tp/features/Urteil-vollstreckt-Michael-Lueders-istumstritten-3693138.html
(106) Westfälische Rundschau: „TV-Aufreger Markus Lanz entschuldigt sich bei Sahra Wagenknecht”, 24. Januar 2014, https://www.wr.de/kultur/fernsehen/markus-lanzentschuldigt-sich-bei-sahra-wagenknecht-id8909872.html
(107) Klöckner, Marcus (Interview mit Falko Schmieder.): „Mit Sprache Herrschaft und Verschleiern”, NachDenkSeiten, 23. Februar 2018, https://www.nachdenkseiten.de/?p=42566
(108) Ebd.
(109) Ebd.
(110) Bourdieu, Pierre: Gegenfeuer, 1998, S. 39.
(111) Bourdieu 1998, S. 39.
(112) Ebd, S. 58

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