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Die Einsamkeit der Tyrannen

Die Einsamkeit der Tyrannen

Viele Machthaber haben ihr Bedürfnis nach Liebe abgespalten und ernähren sich von der Energie der Unterworfenen. Exklusivabdruck aus „Ich will leben, lieben und will geliebt werden“.

Abgetrennt von unserem Bedürfnis, von unserer Mutter geliebt zu werden, legen wir uns in unserem Kopf eine ideale Welt zurecht. Weil wir uns so das Leben immer schwerer machen und die reale Welt mit unseren Illusionen immer mehr zerstören, stehen wir vor dem nie endenden Problem, diese Welt mit viel Aufwand und scheinbar genialen Ideen immerzu retten müssen.

So werden aus den einstmals kindlichen Opfern von Lieblosigkeit erwachsene Täter mit einem guten Gewissen.

Sie fordern im Wettbewerb der Weltrettungsideen von sich und allen anderen, alles in die Waagschale zu werfen und das eigene Glück und die eigenen Bedürfnisse für die Idee einer idealen Welt = Mama zu opfern. Das sind aus meiner Sicht die Wurzeln eines religiösen Totalitarismus, des (ökologischen) Sozialismus oder Globalismus und der in Mode gekommenen Vorstellung mancher Menschen, sie müssten den Menschen gentechnisch oder per Computer-Interface neu erschaffen. Würden sie es doch nur versuchen, sich selbst erst einmal zu finden, diese kleinen bedürftigen Kindanteile in ihnen, die nach der Liebe ihrer Mama schreien, dann müssten sie in ihrer Vorstellung nicht Gott spielen und den gesamten Globus ins Unglück reiten.

Auch Mörder und Tyrannen wollen geliebt werden

Aufgrund der zuvor beschriebenen psychischen Dynamiken werden aus ehemals liebevollen kleinen Menschenwesen leider viele große Menschen, die nach dem Motto leben: Wenn ich schon nicht geliebt werde, sollen die anderen zumindest in Angst und Schrecken vor mir leben und sich vor mir in Acht nehmen müssen. Sie unterdrücken ihre Gefühle, trainieren sich eine feindselige Haltung an, stählen ihren Körper zu einer Kampfmaschine und legen sich Machtmittel und Waffen zu, mit denen sie andere bedrohen, unter ihre Kontrolle bringen und gegebenenfalls töten können. Wer sein eigenes Lebensglück nicht findet, neidet anderen deren Glück und kann es nicht ertragen, dass sie lebensfroh sind und sich gut und geliebt fühlen. Das ruft ihren eigenen unterdrückten Schmerz wach.

Solche Tyrannen greifen dann schnell zum Mittel des Psychoterrors. In der Schule sind das die Kinder, die andere mobben. In Partnerschaften sind es die Stalker, in der Ökonomie die unberechenbaren Chefs und in der Politik die Diktatoren, die ihr Volk mit Hilfe ihrer Geheimdienste drangsalieren.

Man fühlt sich dann von solchen Menschen wie als Kind von seinen traumatisierten Eltern behandelt:

  • sie hören nicht zu,
  • werden schnell aggressiv,
  • verkaufen einem ihre Gewalttaten als Wohltaten,
  • sie sind nicht beziehungsfähig und
  • missbrauchen einen für ihre Trauma-Überlebensstrategien.

Compassion Trauma Circle

Wollen solche Menschen also nicht geliebt werden? Die amerikanische Psychologin Fritzi Horstman hat ein beeindruckendes soziales Experiment gemacht: The Compassion Trauma Circle. In einem kalifornischen Hochsicherheitsgefängnis arbeitete sie mit 255 inhaftierten Männern und stellte ihnen Fragen nach ihren Kindheitserfahrungen: Wie häufig wurden sie geschlagen, gedemütigt, verhöhnt, erniedrigt, nicht geliebt? Nahezu alle trugen diese von mir als Traumabiografie (siehe Abbildung 4) benannte Hypothek in sich. Die Anerkennung ihres kindlichen Leids, das Mitgefühl von Fritzi Horstman für sie verwandelte diese scheinbar menschlichen Monster innerhalb kürzester Zeit in mitfühlende Menschen, die sich gegenseitig Trost spendeten (1).

Bild

Abbildung 4: Nicht gewollt, nicht geliebt, nicht geschützt — die Traumabiografie viel zu vieler Menschen.

Kindheit ist politisch

Menschen, die in politischen Machtfunktionen zu mitgefühlslosen Diktatoren und grausamen Tyrannen werden, haben ausnahmslos eine traumatisierende Kindheit erlebt. Sven Fuchs hat eine beeindruckende Sammlung von Lebensgeschichten berühmter Menschen erstellt. Er kann zeigen, dass massive frühkindliche Traumatisierungen bei allen politischen Diktatoren zu finden sind (2). Die Internetseite von Sven Fuchs ist eine wahre Fundquelle von Informationen über desaströse Kindheiten all jener, die es durch Gewalt in der Weltgeschichte Rang und Namen haben.

Zum Beispiel: „Alexander Lukaschenko wird am 30. August 1954 in dem Dorf Kopys geboren. Über den Vater ist nichts bekannt. Die Mutter Ekaterina, die als Melkerin arbeitet, zieht den Jungen allein auf." Der Schriftsteller Wladimir ­Nekljajew wird hier wie folgt zitiert: „Ich kenne ihn sehr gut. Er hat von seiner Kindheit erzählt, und da habe ich verstanden, warum er sich allen anderen gegenüber anders verhält als gegenüber sich selbst. Er ist unter schrecklichen Bedingungen aufgewachsen. Er war das Schmuddelkind im Dorf. Wenn er irgendwo vorbeikam, bekam er einen Klaps auf das Hinterteil. Und er dachte sich: Wenn ich erwachsen bin, werde ich es euch allen zeigen!“ (3).

Adolf Hitler

Adolf Hitler, geboren 1889, zum Beispiel war eine Frühwaise. Er verlor seinen brutal gewalttätigen Vater mit 11 und seine depressive Mutter mit 17 Jahren. Bis zu seinem Selbstmord im Jahre 1945 hatte er ein Porträt seiner Mutter auf dem Schreibtisch seines Führerbunkers stehen.

Seine Mutter hatte 14 Monate vor seiner Geburt drei kleine Kinder innerhalb von 14 Tagen an Diphtherie verloren. Dass sie für Adolf emotional nicht erreichbar war beziehungsweise er sich nur mit ihren Traumagefühlen von Tod und Verlustschmerz verbinden konnte, liegt auf der Hand. Passend auch der Titel seines Buches: „Mein Kampf“. Dieser Mensch lag zeitlebens im Kampf mit seinen inneren Spaltungen und konnte aufgrund der historischen Umstände fast die gesamte Menschheit in seinen sinnlosen inneren Krieg, das heißt, die symbiotische Verstrickung mit seinen Eltern hineinziehen.

Krieg und mörderische Gewalt sind immer sinnlos. Es gibt kein vernünftiges Argument dafür. Kein Land, keine Bodenschätze, keine Bevölkerung sind es wert, sie mit Kriegsterror und Verwüstung zu erobern. Die wahren Gründe für dieses hemmungslose Zerstören liegen nicht im Außen, sondern im Inneren der Kriegstreiber und Mörder. Nur dort kann es für immer beendet werden.

Auch bei Mördern und Tyrannen ist meiner Überzeugung nach das Urbedürfnis, von der eigenen Mutter geliebt zu werden, nur von zahllosen Überlebensstrategien und Verstrickungen mit den mütterlichen Traumata überlagert.

Hinzukommen noch die vielen lieblosen und gewalttätigen Väter mit ihren zahllosen psychischen Wunden, die sie an ihre Kinder weitergeben.

Sich selbst Denkmäler setzen

Auch die eiskalten Tyrannen und Diktatoren auf dieser Welt wollen im Grunde ihres Herzens geliebt werden und dazugehören. Sie wollen deshalb sogar für immer und ewig im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und bauen sich dafür schon zu Lebzeiten ihre Denkmäler. Sie wollen bewundert und für ihre vermeintlich großartigen Leistungen für ihr Volk oder sogar die gesamte Menschheit anerkannt werden. Daher können sie sich nur schwer wieder von der Macht trennen, sobald sie sich diese einmal erobert haben.

Im Grunde wollen sie Liebe und Zuneigung mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Gewalt erzwingen. Ähnlich wie Kinder es schon auf dem Pausenhof versuchen, die Geschenke an andere Schüler verteilen, um sich beliebt zu machen, kaufen sie sich später Journalisten, Minister und Berater, die sich wegen ihrer Abhängigkeit nicht trauen, ein unschönes Wort über sie zu verlieren. Das ist ein im Grunde ein leicht zu durchschauendes Spiel. Wirkliche Freunde bekommen sie dadurch nicht. Jeden, den sie durch Erpressung oder Korruption zu ihren Gefolgsleuten machen, verderben sie moralisch.

Verantwortungslosigkeit

Sich selbst nicht zu fühlen, keinen Referenzpunkt in einem eigenen Ich zu haben, ist die Voraussetzung dafür, bei Stress und in Konfliktsituationen dominant und gewalttätig zu sein und das Bedürfnis zu haben, seine Aggressionen ungehemmt auszuleben. Tyrannen und Diktatoren fühlen nicht, was sie anderen antun, weil sie vom Mitgefühl mit sich selbst abspalten sind. Daher können sie auch keine Verantwortung für ihre Taten und deren verheerende Folgen übernehmen. Im Grunde sind ihnen ihre Opfer völlig egal. Sie vergessen und verdrängen sehr schnell, was sie anderen an Leid antun.

Von den Energien anderer leben

Sie setzen bei ihrem Agieren vor allem auf Abhängigkeit. Sie wollen, dass andere Menschen von ihnen politisch, wirtschaftlich, sozial und psychisch abhängig sind. Sie erpressen sie mit den entsprechenden Dossiers, die sie über ihre Kontrahenten anlegen. De facto sind aber auch sie psychisch abhängig von anderen Menschen. Alleine, ohne den Kampf mit anderen, sind sie innerlich leer, weil sie ihre eigenen Urbedürfnisse und damit ihre positiven Emotionen abgespalten haben. Sie können sich selbst nicht mehr fühlen und müssen sich beständig mit äußeren Erlebnissen anfüllen.

Täter leben von den Lebensenergien ihrer Opfer. Abgeschnitten von ihren eigenen Lebensenergien, brauchen sie die beständige Zufuhr von Lebensenergie von außen und von anderen.

Sie selbst sind nur eine leere, aufgeblasene Hülle, die in sich zusammenfällt, sobald die Energiezufuhr von außen versiegt. Daher stärkt sie der Widerstand gegen sie. Sie sind auf ihn angewiesen.

Im Kampf mit ihrem Volk oder der gesamten Menschheit wiederholen solche Täter den aussichtslosen Kampf um die Liebe ihrer Mutter und/oder ihres Vaters. Alle Tyrannen scheitern daher früher oder später in diesem Kampf (4).

Im Grunde gibt es nichts Verrückteres, als die Psyche eines anderen Menschen in ihrer Funktionsweise zu beeinträchtigen oder gar zu zerstören. Es werden damit Menschen geschaffen, die völlig unberechenbar sind, sich nicht mehr selbst regulieren können und auf die permanente Regulierung von außen angewiesen sind. Tyrannen können also nur über ein psychisch krankes Volk herrschen und es niemals in eine lebenswerte Zukunft führen. Sie führen es immer in den Abgrund.

Bleibende Einsamkeit

Sie erreichen auf diesem Wege das genaue Gegenteil dessen, was sie sich heimlich wünschen. Auch wenn sie sich noch so sehr verehren lassen, niemand liebt sie ehrlich. Liebe lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, weder mit Gewalt gegen andere und noch mit Gewalt gegen sich selbst. Das funktioniert nicht. Solche Versuche bedeuten nur permanente Anspannung, Wut, Aggression, Dauerstress, Krankheit und Tod für einzelne Menschen wie für ganze Kollektive. Wer diesen Irrtum nicht erkennt, macht sich und seine Mitmenschen chronisch unglücklich. Auch untereinander können solche Machtmenschen niemandem wirklich trauen. Sie leben und sterben sehr einsam.

Unbewusste Todessehnsüchte

Meist gibt es auch noch eine unbewusste Todessehnsucht in solchen Menschen. Sie sind nicht gewollt, haben möglicherweise Abtreibungsversuche überlebt und ein Teil will es der Mama dadurch recht machen, dass sie nicht da sind und sterben. Indem sie dann möglicherweise „die Welt“ in die Luft jagen, inszenieren sie ihren eigenen Tod. Dies ist grundsätzlich die innere Haltung von Menschen, die Terroristen sind und sich bei ihren mörderischen Aktionen zugleich selbst um ihr eigenes Leben bringen.

Die Geschichte der Menschheit zeigt diese Fehleinschätzung in Tausenden von Facetten und auch unsere Jetzt-Zeit macht dies mit aller Deutlichkeit klar.

Öffnet euer Herz!

Wenn solche in ihrem Liebesbedürfnis schwer gekränkten Menschen nur einmal die Erfahrung machen könnten, wie einfach es ist, dass die Herzen der Menschen ihnen zufliegen, wenn sie selbst offen und authentisch ihre Gefühle zeigen! Wenn auch sie ihren Liebes-Urschmerz zum Ausdruck bringen. Dann würden sie merken, dass es all dieses Riesenaufwands, den sie betreiben, um sich selbst und andere Menschen zu versklaven, gar nicht bedürfte. Wer liebevoll mit sich umgeht, geht auch mit anderen liebevoll um.


Redaktionelle Anmerkung: Dies war ein Auszug aus dem vorläufigen Manuskript für das Buch „Franz Ruppert: Ich will leben, lieben und geliebt werden. Ein Plädoyer für Lebensfreude und tiefe menschliche Verbundenheit in Wahrheit und im Freisein“, das im Juli 2021 erscheinen wird.


Video-Interview mit Franz Ruppert:


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.youtube.com/watch?v=FVxjuTkWQiE, abgerufen am 5. April 2021.
(2) Fuchs, Sven: Die Kindheit ist politisch! Kriege, Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen, Mattes Verlag Heidelberg 2019.
(3) Oertel, Barbara: „Machthaber Lukaschenko in Belarus: Der einsame Präsident", taz-online 20. August 2020, https://taz.de/Machthaber-Lukaschenko-in-Belarus/!5702899/, abgerufen am 5. April 2021.
(4) Ruppert, Franz: Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft, Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2018.

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