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Die Doppelmoral

Die Doppelmoral

Wenn Idealisten Tiere essen, schicken sie ihre Moral in Ferien.

„Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher”. Das Zitat aus George Orwells Satire „Farm der Tiere“ ist berühmt. Ein Schwein namens „Old Major“ ruft die Tiere eines britischen Bauernhofs zur Revolution gegen ihre Besitzer, die Menschen, auf. Der Aufstand glückt, Bauer Jones und seine Knechte werden vertrieben. Von nun an bewirtschaften Schweine, Pferde und Esel die Farm; alle Erträge kommen nur den Arbeitenden zugute.

Bei der Deutung der Fabel sehen viele meist nur die Pointe: Die Schweine als führende revolutionäre Kaste benehmen sich am Ende wie die Menschen. Unterdrückung und Ausbeutung gehen auf der Farm weiter wie vorher, nur die Unterdrücker haben gewechselt – eine unverkennbare Anspielung auf die sozialistische Revolution im Osten.

Zu wenig wird ein anderer Aspekt der Fabel beachtet: Das Verhältnis zwischen Mensch und „Nutztier“ erinnert sehr stark an die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus. Tierausbeutung ist ein treffliches Symbol für eine Gesellschaftsordnung, die auch den arbeitenden, konsumierenden Menschen auf seine Verwertbarkeit reduziert. Massentierhaltung zum Zweck der „Fleischproduktion“ ist die Eskalationsform dieser Ideologie.

Die Merkwürdigkeit im Umgang der Menschen mit Tieren beginnt aber schon weit früher.

Begegnet ein Mensch einem Tier, so ist seine erste Reaktion oft nicht ein Staunen über die so andere und doch liebenswerte Lebensform, sondern der Wunsch, das Tier seinem Willen zu unterwerfen.

Kaum ein Parkspaziergang, der nicht von gebrüllten Befehlen der Hundebesitzer akustisch beeinträchtigt wird: „Sitz!“, „Platz!“, „Gehst du da weg!“ Das Recht des Menschen, in jeder Interaktion sogleich die Befehlsgewalt zu beanspruchen, wird kaum jemals angezweifelt, allenfalls gibt es verschiedene Ansichten darüber, wie die Hunderziehung, die Pferdedressur und so weiter zu erfolgen habe.

Zur puren Lust, eine Machtposition gegenüber einer unterworfenen Kreatur auszuagieren, gesellt sich sehr schnell auch die Frage nach dem Nutzwert des Tiers: „Was kann das Tier für mich tun?“ Da gibt es das Lasttier, das Reittier, das Schmusetier, den Packesel, den Wachhund, die Milchkuh, das Wollschaf, schließlich die Fell, Federn oder Schuppen tragenden Fleischlieferanten. Die Reduzierung eines Lebewesens darauf, dass sein Fleisch gut schmeckt, ist zweifellos ein besonders drastischer Fall von Missachtung.

Da ist im ersten Schritt die Beschränkung eines mit Bewusstsein, Erlebnisfähigkeit und Gefühl ausgestatteten Wesens auf seine äußere Hülle. Im zweiten Schritt folgt die Frage: Was können wir, die Menschen, mit dem Fleisch des Tieres anfangen: Steak, Sülze oder Hackfleisch, gebraten oder geschmort? Käme jemand auf die Idee, etwa Michelangelos Plastik „Piétà“ nur auf ihr Baumaterial zu reduzieren und zu fragen: Wofür könnte ich den Marmor gebrauchen? In Brocken zerhackt als Einfassung für mein Gartenbeet? – wäre das genauso absurd. Das was das Kunstwerk eigentlich ausmacht – die Schönheit der Form und ihr geistiger sowie symbolischer Gehalt –, würde komplett geleugnet.

Beim Tier kommt im Gegensatz zur Statue aber noch hinzu, dass es zu vielen Empfindungen und einer ganz eigenen „Weltbetrachtung“ fähig ist.

Vergleichbar fragt der Kapitalist etwa bei der Bewerberauswahl: Wozu kann ich ihn/sie gebrauchen? Wie und in welchem Ausmaß kann er oder sie zur Steigerung meines Profits beitragen? Kapitalismus ist Nutzmenschenhaltung. Das ganze Leben eines Menschen ist auf seine Funktionstüchtigkeit in einem ökonomischen Verwertungszusammenhang oder reduziert? Sein Leben sollte jeder schon präventiv so gestalten, dass es auf einem Lebenslauf bei Bewerbungen später „gut aussieht“. Schule ist Zurichtung für die Berufswelt. Selbst die arbeitsfreie Zeit ist so bemessen, dass die Arbeitskraft regeneriert werden kann, darüber hinaus aber kaum Leben abseits von Nützlichkeitskriterien möglich ist.

In verschärften Formen der Ausbeutung werden vor allem junge Menschen bewusst „vernutzt“. Obwohl klar ist, dass sie ihre aufgewendete Energie in den Ruhephasen nicht mehr regenerieren können, werden von ihnen fortgesetzt Höchstleistungen erpresst. Nach dem vorhersehbaren Zusammenbruch wird das verbrauchte durch frisches Menschenmaterial ersetzt, und so weiter und so fort.

In Umkehrung der berühmten Formel Immanuel Kants ist die Maxime des Kapitalismus: „Handle so, dass du die Menschheit jederzeit bloß als Mittel, niemals zugleich als Zweck brauchst.“ Dies gilt für Tiere natürlich erst recht. René Descartes betrachte Tiere als Automaten. Er folgerte: „Ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades!” Er wurde damit zum Vorläufer moderner Achtlosigkeit und Grausamkeit gegenüber Tieren.

John Robbins zitiert in seinem Buch „Ernährung für ein neues Jahrtausend“ aus einer amerikanischen Fachzeitschrift für Schweinezüchter: „Vergessen Sie, dass das Schwein ein Tier ist. Behandeln Sie es genauso wie eine Maschine in einer Fabrik. Gehen Sie beim Umgang mit den Schweinen wie beim Ölen eines Gerätes vor.“ Die Fleischproduzenten der Welt haben diesen Rat beherzigt – und genauso sieht unsere Welt heute aus.

Gemessen an dieser offensichtlichen Parallele zwischen Tier- und Menschenausbeutung, hat Tierschutz in sozialistischen Bewegungen wenig Gewicht.

Eine Ausnahme bildet Rosa Luxemburg, die das Leid von Tieren intensiv mitempfinden konnte. 1917 schrieb sie aus dem Gefängnis an Sonia Liebknecht, nachdem sie auf dem Gefängnishof die Misshandlung von Ochsen mitansehen musste:

„Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, dass die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! ‚Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid’, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein. (…) Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll. Ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannten die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte.“

Luxemburgs ausgeprägtes Mitgefühl kann man auch als Privatsache ansehen. Brisanter ist die Frage, ob die Parteinahme für Tiere als ausgebeutete, ohne jede Schuld millionenfach gequälte und getötete Wesen nicht im Wesen des Sozialismus liege oder liegen sollte. Marx rief dazu auf, „alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Daraus lässt sich freilich kein Tierschutzgebot stricken, da Marx explizit Menschen meinte. Ich frage mich aber, ob es nicht in der Logik jeder sozialen oder sozialistischen Bewegung liegt, zu verhindern, dass es künftig überhaupt erniedrigte, geknechtete, verlassene, verächtliche Wesen gibt.

Freilich sind die Unterschiede zwischen Mensch und Tier nicht zu leugnen. Es erscheint jedoch fragwürdig und geradezu peinlich, wenn sich eine bestimmte Spezies zum Maß aller Dinge macht, wenn sie die Schutzwürdigkeit anderer Spezies von deren größerer oder geringerer Ähnlichkeit mit sich selbst abhängig macht.

Im Film „Planet der Affen“ aus dem Jahr 1967 behaupten Affenpriester, nur Affen hätten eine Seele. Begründung: Dies stünde so in den heiligen Affenschriften. In der Folge billigt sich die herrschende Spezies selbst das Recht zu, zum Beispiel Menschen ausgestopft in einem Naturkundemuseum zu platzieren.

In ihrer Kultur schaffenden Intelligenz sind Menschen Tieren zweifellos überlegen. Doch lässt sich aus der Tatsache, dass andere Lebewesen weniger intelligent sind, das Recht ableiten, sie nach Belieben zu quälen und zu töten? Auch die geringere Schmerzempfindlichkeit von Tieren wird oft als Argument dafür herangezogen, dass sie vom Menschen nach dessen Belieben verwertet werden können. Maden und Ameisen allerdings werden in unserer Kultur allenfalls im Dschungelcamp vertilgt. Im Normalfall dienen gerade solche Tiere dem Verzehr, die uns in vieler Hinsicht sehr ähnlich sind, speziell Schweine.

Der Vegetarier John Robbins zitiert in seinem Ernährungsbuch Untersuchungen, die belegen, dass „die höheren säugenden Wirbeltiere über eine mindestens ebenso ausgeprägte Schmerzempfindung verfügen wie wir selbst (…) Ihr Nervensystem ist fast identisch mit unserem, so wie auch ihre Reaktionen auf Schmerz bemerkenswert ähnlich sind.“

Der Mathematiker, Philosoph, Pazifist und Sozialist Leonard Nelson, 1882 bis 1927, beklagte sich bei einem Besuch in der Sowjetunion über die auch dort grausame Behandlung von Tieren. Aus dem Physiologischen Institut der Kommunistischen Akademie in Moskau drang beständig das Heulen gefolterter Tiere. Nelson gründete den „Internationalen Jugendbund“, später umbenannt in „Internationaler Sozialistischer Kampfbund“. Der Verein betrieb eine Reihe vegetarischer Restaurants, die später zu Widerstandsnestern gegen das NS-Regime wurden.

Die Besonderheit an Nelsons Weltanschauung war die Verknüpfung von Arbeitnehmerrechten und Tierrechten:

„Ein Arbeiter, der nicht nur ein verhinderter Kapitalist sein will und dem es also ernst mit dem Kampf gegen jede Ausbeutung ist, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit, harmlose Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem täglichen millionenfachen Mord, der an Grausamkeit, Rohheit und Feigheit alle Schrecknisse des Weltkrieges in den Schatten stellt. (…) Entweder man will gegen die Ausbeutung kämpfen, oder man lässt es bleiben. Wer als Sozialist über diese Forderungen lacht, der weiß nicht, was er tut. Der beweist, dass er nie im Ernst bedacht hat, was das Wort Sozialismus bedeutet.“

Sollten uns diese Worte nicht nachdenklich machen?

Das lesenswerte Buch „Das Schlachten beenden“ aus dem Verlag Graswurzelrevolution belegt anhand zahlreicher Originalzitate, dass die Geschichte der vegetarischen Bewegung an vielen Stellen eng mit der des Pazifismus, Feminismus und Linkssozialismus verknüpft war. Den im Buch vorgestellten Persönlichkeiten und Bewegungen ist gemeinsam, „dass sie ihre Lebensweise nicht als individuelle Praxis ohne weitergehende politische Vision einer anderen Gesellschaft – wie im bürgerlich-vegetarischen Mainstream von heute –, sondern als Teil einer revolutionären, gesellschaftsverändernden Praxis verstanden.“

Während in England sozialistische Linke und Tierrechtsbewegung lange Hand in Hand gingen, fanden beide Bewegungen in Deutschland kaum zueinander. Renate Brucker zufolge orientierte man sich in Deutschland am „Marxschen Naturbeherrschungsparadigma“. In der Tat war ja der Sozialismus, sofern er Machtpositionen innehatte, bis weit in die Spätphase der DDR hinein umweltpolitisch eine Katastrophe.

In Deutschland waren es überwiegend eher Humanisten und Pazifisten, die sich der Frage des Tierleids annahmen. Friedrich Engels mag mit seiner „Dialektik der Natur“ ein Gutteil dazu beigetragen haben, dass Tierschutz auch in der sozialistischen Theorie nie wirklich ankam. Polemisch schrieb er:

„Mit Verlaub der Herren Vegetarianer, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung zustande gekommen, und wenn die Fleischnahrung auch bei allen uns bekannten Völkern zu irgendeiner Zeit einmal zur Menschenfresserei geführt hat (…), so kann uns das heute nichts mehr ausmachen.“

Anders August Bebel, Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei: In seiner Schrift „Die Frau und der Sozialismus“ fragte er, „warum die Sozialdemokratie sich dem Vegetarismus gegenüber gleichgültig verhalte.“ Bebel sah im Vegetarismus einen kulturellen Fortschritt:

„In dem Maße, wie die Kultur sich hebt, tritt allerdings an Stelle fast ausschließlicher Fleischkost, wie sie bei Jagd- und Hirtenvölkern vorhanden ist, mehr Pflanzenkost. Die Vielseitigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur.“

Daran gemessen, leben wir in einer Zeit des kulturellen Niedergangs.

Die SPD würde sich nicht ernsthaft mit der Fleischlobby anlegen, auch wenn Sigmar Gabriel als Umweltminister die Deutschen dazu aufrief, weniger Fleisch zu verzehren. Weniger getötete Tiere bedeuten weniger Arbeitsplätze in den Schlachthöfen.

August Bebel wusste schon damals, dass „auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden (können), als auf derselben Fläche durch Viehzucht Fleisch erzeugt werden kann.“

Ein Sozialist hätte also zweierlei Gründe, auf Fleisch zu verzichten: Zuerst aus einer allgemeinen Abneigung gegen Ausbeutung heraus, und zweitens weil vegetarische Kost die gegebenen Anbauflächen besser nutzt, also mehr Nahrung für mehr Menschen herstellt, was gerade den Ärmeren zugute kommt.

Im sozialistischen Mutterland Russland begann die vegetarische Bewegung mit Lev N. Tolstois Buch „Die erste Stufe“ beziehungsweise „Die Fleischesser“. Der große Schriftsteller prägte den Satz „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“

Die russische „Sekte“ der Duchoborzen, die zeitweise eng mit Tolstoi verbunden war und vom Staat grausam verfolgt wurde, pflegte dieselbe enge Verbindung zwischen Pazifismus, Vegetarismus und Kommunismus. Die Mitglieder gelobten, den Militärdienst zu verweigern, Tiere nicht zu Nahrungszwecken zu töten und ihr Hab und Gut miteinander zu teilen, somit den Gegensatz zwischen Arm und Reich abzuschaffen. Einer ihrer Vordenker, Peter W. Verigins schrieb:

„Unser Kommunismus ist geistiger Art (…) Unser Grundgebot ist die Menschenliebe, die dem Gewissen entspringt, und die sich bis zur Umfassung der ganzen Menschheit und alles Lebendigen erhebt. Danach sind alle lebenden Wesen unsere Brüder, denn eine und dieselbe Lebenskraft äußert sich in jedem lebenden Wesen.“

Vegetarismus als auf die ganze Schöpfung ausgeweiteter Humanismus – Anarchisten vollzogen diesen Gedankenschritt leichter als die autoritären Strömungen innerhalb des Sozialismus.

Eliseé Recluc, 1830 bis 1905, ein Kampfgefährte Peter Kropotkins, schrieb in einem Aufsatz zur vegetarischen Lebensweise:

„Von der Schlachtung des Ochsen bis zur Tötung des Menschen ist es nur ein kleiner Schritt – besonders dann, wenn der Befehl des Anführers ertönt oder der gekrönte Meister von weitem her gebietet: ‚Lasst keine Gnade walten’.“

Die Abwesenheit von Gnade und Mitgefühl ist in der Tat ein gemeinsames Merkmal von Schlachthöfen, Schlachtfeldern und Ausbeutungsbetrieben. Dies gilt auch dann, wenn man einen Unterschied an Intelligenz, Komplexität oder Schmerzempfindlichkeit zwischen Mensch und Ochsen anerkennt. Die Fähigkeit zum Mitgefühl existiert – oder fehlt – quer durch die politischen Lager. Weder ist sie also auf Sozialisten beschränkt, noch ist sie automatisch mit dem „richtigen“ Parteibuch beziehungsweise der linken Gesinnung verbunden.

Wenn Sozialismus also nicht, wie teilweise im ehemaligen Ostblock, nur Unmenschlichkeit mit human klingendem Theorie-Überbau sein will, muss er sehr sorgfältig auf sein konkretes Handeln achten: auf Lebensfreundlichkeit und Gewaltfreiheit von Mensch zu Mensch – und von Mensch zu Tier.

Magnus Schwantje, 1877 bis 1959, Pazifist, Antirassist und Vorreiter der Tierrechtsbewegung in Deutschland prägte das Konzept der „radikalen Ethik“. Bereits vor dem 1. Weltkrieg gab er die „Ethische Rundschau“ heraus, eine pazifistische Zeitschrift – und dies in einer Epoche, in der sogar Eberts SPD in den gängigen Hurra-Patriotismus einstimmte. Schwantje ernährte sich und lebte vegan, längst bevor es den Begriff gab. Sein Grundsatz war – vergleichbar mit der Lehre seines Zeitgenossen Albert Schweitzer – die Ehrfurcht vor dem Leben.

Schwantje nannte, obwohl Agnostiker, als sein Motiv

„die heilige Scheu vor der Vernichtung irgendeines Lebewesens (…) die Scheu davor, etwas zu zerstören, was wir nicht neu schaffen können, einem Wesen etwas zu nehmen, was wir ihm nicht wiedergeben und nicht ersetzen können und eine Tat auszuführen, von deren Folgen wir Menschen nur sehr wenig erkennen können.“

Und in der Tat: Haben wir einen Ast abgebrochen, können wir ihn nicht wieder ankleben; haben wir eine Ameise zertreten, ist selbst der genialste Biologe oder Genforscher unfähig, sie zu „reparieren“.

Nach Magnus Schwantje beruhigen Menschen ihr Gewissen damit, sich Tiere stumpf und empfindungslos vorzustellen. In ähnlicher Weise, so der Publizist, denke sich das Bürgertum die Arbeiterschaft ungebildet und roh, um deren Ausbeutung rechtfertigen zu können. In seiner Schrift „Tiermord und Menschenmord“ schreibt Schwantje:

„Aber unverkennbar ist es doch, dass die meisten und gerade die eifrigsten Kämpfer für die Friedensbewegung und für den Vegetarismus zu ihrem Kampfe getrieben werden durch ihren Abscheu vor dem Töten. (…) Vegetarier und Pazifisten müssen daher einander als Bundesgenossen betrachten. Jeder Fortschritt einer der beiden Bewegungen muss auch die andere vorwärts bringen. Solange die meisten Menschen den Menschenmord im Kriege für unvermeidlich halten, oder gar den Krieg als den Erwecker der edelsten Tugenden betrachten, solange werden ihnen die ethischen Lehren des Vegetarismus unverständlich bleiben.“

Ebenso entlarvte Schwantje schon 1916 die vulgärdarwinistische Lehre vom „Kampf ums Dasein“ als in die Tierwelt projizierte Rechtfertigung für menschliche Grausamkeit. Der Mensch wolle seinen eigenen Egoismus als etwas Gesundes, Natürliches rechtfertigen.

Eine weitere in diesem Zusammenhang beachtenswerte Denkerin war Clara Wichmann, 1885 bis 1922, Feministin, führende Philosophin der Gewaltfreiheit und Vertreterin des Anarchosyndikalismus, einer Bewegung, die libertäre Ideen und gewerkschaftliche Organisation miteinander verschmolz.

Wichmann verglich die Art, wie Menschen mit Tieren umgehen mit der Stellung der Frau im Patriarchat sowie mit dem Status von Sklaven in Sklavenhaltergesellschaften. In allen drei Fällen würden die Opfer zu Sachen und zu Eigentum ihrer Herren erklärt, waren somit käuflich, verkäuflich und der Willkür der Mächtigen hilflos ausgeliefert.

Wichmann: „Es ist eine Tatsache, dass der Mensch gegenüber den wild lebenden Tieren eine Art von Kriegs-‚recht’ anwendet: das Recht des Stärkeren ohne Gnade.“ Dieselbe Willkür sieht Clara Wichmann im unumschränkten Verfügungsrecht des Menschen über seine Haustiere am Werk.

Interessant wäre in diesem Zusammenhang, wie sich die Partei „Die Linke“ zum Tierschutz stellt. Die gute Nachricht ist, dass die Forderungen der Partei weiter gehen als die der „Altparteien“. Allenfalls die Grünen können da mithalten. Denen wurde aber schon von ihrem Ex-Mitglied, der Tierschützerin Barbara Rütting, vorgeworfen, Pressetermine mit einem Weißwurst-Frühstück zu verbinden.

Die Linke zeigt in ihren programmatischen Äußerungen auf der Webseite erfreuliches Bewusstsein für die ökologischen und ökonomischen Zusammenhänge der „Tierverwertung“. Auch Ausbeutung und Grausamkeit werden generell in ihrer Relevanz für das Thema anerkannt:

„Der Kampf um soziale Gerechtigkeit ist auch ein Kampf gegen die Zerstörung unserer Umwelt und gegen die Verrohung des Menschen gegenüber den Tieren. Der Mensch nutzt bereits seit Tausenden von Jahren Tiere für seine Zwecke und beutet sie aus. Doch obwohl Tierschutz mittlerweile Staatsziel ist, werden Tiere in Deutschland in steigendem Maße gequält und getötet. Die industrielle Verwertung von Tieren dient nicht der optimalen Versorgung der Menschen mit Fleisch, sondern den Profiten weniger. Sie gefährden in globalem Ausmaß die Menschheit.“

In der Praxis laufen die Forderungen der Linken zu diesem Thema aber auf Flickwerk und lediglich auf Abmilderungen der schlimmsten Tierrechtsverletzungen hinaus: Ein Verbandsklagerecht für Tierschutzvereine, strengere Auflagen bei Tierversuchen und Tiertransporten, Mindeststandards bei der Schlachttierhaltung und Zoohaltung, die finanzielle Möglichkeit für Hartz-IV-Empfänger, Hunde zu halten, ein wieder sehr auf den Menschen zentriertes Argument.

Wäre ich einer Menschen fressenden Spezies ausgeliefert, wäre ich sicher gerührt über eine Partei, die sich dafür einsetzt, dass ich vor meiner Schlachtung „human“ in Käfigen gehalten werde.

Kann man also Feminist/in, Pazifist/in oder Sozialist/in sein und dabei ohne Bedenken Tiere „besitzen“, über sie verfügen, sie gar töten und essen? Über diese Frage Irritation ausgelöst zu haben, wäre für meinen Artikel schon Erfolg genug. Auf die Gefahr hin, mich bei Nicht-Vegetariern unbeliebt zu machen, stelle ich fest:

Wer Fleisch isst und dabei dem neoliberalen Kapitalismus anhängt, handelt in voller Übereinstimmung mit seiner Weltanschauung; der sozialistische Fleischesser handelt dagegen im Widerspruch zu seinen Idealen.

Dasselbe gilt natürlich auch für mich, sofern ich in der Vergangenheit Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und Lederwaren konsumiert habe oder dies – wenn auch selten – noch tue. Diesbezüglich betrachte ich mich eher als Mitschüler denn als Lehrer meiner Leser. Worum es hier aber einzig geht ist: Jeder ist angeregt, das Ausmaß seiner Beteiligung an Tierleid und Tierausbeutung – so weit es ihm möglich ist – zu reduzieren. Wenn jeder das im Rahmen seiner persönlichen Gewohnheiten, Vorlieben und seines sozialen Umfelds nach Kräften versucht, ist viel gewonnen.

Es muss auch nicht immer der Blick auf hoch intelligente Berühmtheiten wie Rosa Luxemburg oder Lev N. Tolstoi sein, der eine Umkehr auslöst. Mir hat es sehr geholfen, Tiere einfach längere Zeit und mit Sympathie anzuschauen und auf mich wirken zu lassen: Den sanften Esel hinter seinem Gatter. Die Herde zotteliger schottischer Hochlandrinder, die sich dem Beobachter nach einer Gewöhnungszeit vertraulich nähern. Das Lamm, das mir verspielt und völlig arglos begegnet, nicht ahnend, dass meine Spezies die seine normalerweise nur tot und gekocht wertzuschätzen vermag.

Schauen wir, fühlen wir und informieren wir uns weiter über Schlachthofwahn und Nahrungsalternativen! Dann werden wir unweigerlich zum Teil einer Revolution werden, die tiefer geht als so mancher Sturm auf die Bastille.

Rosa Luxemburg bekannte in einem Brief: „Innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als auf einem Parteitag.“ Sie fügt hinzu: „Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ‚Genossen’“.

Es ist bewundernswert, dass sich Rosa Luxemburg trotz ihrer vitalen Liebe zu Natur und Tieren all das antat: die Parteitage, die nervenaufreibenden Auseinandersetzungen mit Parteifreunden und die lebensgefährlichen Konflikte mit den Reaktionären – aus gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl. Ich möchte mich nur noch Politikerinnen und Politikern anvertrauen, die wie Rosa Luxemburg sind. Wer will schon von Menschen regiert werden, die Kohlmeisen nicht mögen oder denen ihr Wohlergehen gleichgültig ist?

Sollen wir also die Tiere lieben, weil dies sozialistisch ist, oder sollen wir sozialistische Politiker unterstützen, weil – und wenn – sie tierlieb sind? Am besten Beides!

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