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Die digitale Gefahr

Die digitale Gefahr

Führt uns der 5G-Ausbau mit Hochfrequenz in den Strahlentod?

„5G an jeder Milchkanne“ — so lautet das erklärte Ziel von Gerd Landsberg, Chef des deutschen Städte- und Gemeindebundes. Die Grundsteinlegung für dieses ambitionierte Projekt erfolgte nun am 12. Juni seitens des Bundes: Für insgesamt 6,55 Milliarden Euro wurden in einem Auktionsmarathon die 5G-Frequenzblöcke an die vier Provider Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und Drillisch verkauft — mit Geld, welches der Bund ohne größere Umwege in umfassende Digitalisierungsmaßnahmen investieren möchte.

„Na endlich!“ hört man da den einen oder anderen in der Bundesrepublik erleichtert aufatmen. Schließlich fristet die Wirtschaftsmacht Deutschland, was den Digitalausbau angeht, ein Entwicklungsland-Dasein. Selbst die Polen und Albaner surfen schneller als wir hierzulande. Das kratzt am Ehrgefühl und ist mit dem deutschen Selbstverständnis weiß Gott nicht in Einklang zu bringen.

Was man in einer solchen Situation überhaupt nicht gebrauchen kann? Richtig! Die kritischen Kommentare einiger „verstrahlter“ Wissenschaftler.

Deswegen werden diese auch konsequent beiseite gewischt. Meinungspluralität — ja, aber bitte nicht, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Wen kümmert es schon, wenn 180 Wissenschaftler aus 36 Ländern in einem offenen Brief einen Ausbaustopp für 5G fordern?

Es hatte ja schon zuvor niemanden interessiert, dass 230 Wissenschaftler ihre „ernste Besorgnis“ hinsichtlich der bereits bestehenden Strahlungsexposition geäußert hatten. Und deshalb wird auch munter weiter gemacht. Straße für Straße, Mast für Mast. Die Albaner als Totschlagargument stets im Hinterkopf.

In diesem Hochgeschwindigkeitswettbewerb bedeutet 5G vor allem eines: Datenübertragung quasi in Echtzeit. Mehr Datenübertragung bedeutet aber auch höhere Strahlungsfrequenz. Und eine höhere Strahlungsfrequenz geht mit einer geringeren Reichweite einzelner Sendemasten einher. Was heißt das? Masten bauen, was das Zeug hält. Mehr Zwangsexposition für alle. Und das solange, bis sich auch der allerletzte smartphoneverweigernde Hippie der Strahlendosis nicht mehr entziehen kann. Gleiches Recht für alle!

Alles nur Alarmismus? German Angst? Nun, inzwischen finden sich im Internet ganze Sammlungen an Studien, welche die negativen Effekte elektromagnetischer Felder auf die menschliche Gesundheit dokumentieren. Die mit zehn Jahren Laufzeit längste und mit Kosten von 30 Millionen Dollar teuerste Studie zu diesem Thema kommt von der US-Bundesbehörde NTP. Diese konstatiert einen signifikanten Anstieg an Hirn- und Herztumoren bei Tieren, die elektromagnetischen Feldern mit Strahlungswerten unterhalb der heutigen Grenzwerte ausgesetzt waren.

Und selbst die WHO ließ im Jahr 2011 in gewohnter Zurückhaltung verlauten, dass elektromagnetische Felder der Frequenzen oberhalb von 30 Kilohertz „möglicherweise krebserregend“ sein sollen (1). Wie beruhigend, dass die neulich versteigerten 5G-Frequenzblöcke im Frequenzbereich zwischen zwei und 3,6 Gigahertz liegen.

All diese Studienergebnisse scheinen jedoch noch nicht den Weg ins Bundesamt für Strahlenschutz gefunden zu haben. Vielleicht sollen sie das auch gar nicht. Die dortigen Verantwortlichen sehen beim 5G-Ausbau jedenfalls keinen akuten Handlungsbedarf. Gegenüber dem RBB äußerte sich ein Sprecher, man werde „in begleitenden Forschungsvorhaben beobachten, wie sich der neue Antennentyp auf die Exposition der Bevölkerung auswirkt.“

Im Klartext: Wir sind Versuchsratten, die sich voller Begeisterung den eigenen Käfig bauen. Als Belohnungstropfen dafür gibt es Netflix bald auch in der U-Bahn. Das in der EU offiziell geltende Vorsorgeprinzip wird damit abermals zum Nachsorgeprinzip pervertiert.

Unser Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier äußerte neulich gegenüber der Bild-Zeitung, dass für ihn jedes Funkloch „eine Peinlichkeit“ sei. Und ja, vermutlich ist es tatsächlich ein wenig peinlich, wenn bei einem Telefonat mit dem albanischen Amtskollegen die Leitung plötzlich abbricht. Aber wer weiß, vielleicht ist das ja eine verdammt gesunde Peinlichkeit …


Laurent Stein, Jahrgang 1994, studiert Geographie und Journalismus in München. Im Zeitalter des Neoliberalismus versucht er nach dem Prinzip des Trial and Error den Antagonismus von Freiheit und „freiem Markt“ in seinem eigenen Leben bestmöglich zu überwinden. Eine Lebensaufgabe, die gerade einem Millenial zahlreiche persönliche Strukturanpassungen abverlangt. Glücklicherweise steht ihm bei diesem Prozess sein Sinn für Humor seit jeher als treuer Begleiter zur Seite. Entsprechend hält er es bei seinen Texten auch gerne mit Wilhelm Busch: „Was man ernst meint, sagt man am Besten im Spaß.“


Quellen und Anmerkungen:

(1) WHO Studie, https://monographs.iarc.fr/wp-content/uploads/2018/06/mono102.pdf, Seite 419.

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