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Die Demokratie-Utopie

Die Demokratie-Utopie

Die Technokraten bemühen sich, ihre Autorität wieder herzustellen, als hätte es die vergangenen zwanzig Jahre nicht gegeben.

Über diesem Artikel brüte ich schon lange — Sie werden jedoch schnell verstehen, warum ich mit dem Schreiben lange gezögert habe. Es geht nämlich um Impfungen, 5G, 9/11, Aliens und reptiloide Overlords — oder auch nicht.

Zu Beginn würde ich gerne klarstellen, dass ich mich — selbst bei der Frage der reptiloiden Herrscher — einer Meinung darüber enthalten werde, ob diese Debatten wahrheitsbasiert sind oder nicht. Meine Weigerung, öffentlich Stellung zu nehmen, sollte nicht dahingehend interpretiert werden, dass ich eine dieser Ansichten unterstütze — schließlich würde ja nur ein verrückter, Aluhut tragender Sympathisant von Verschwörungstheorien sich weigern, seine Meinung zu diesen Themen äußern.

Auch bedeutet das Zusammenwürfeln all dieser unterschiedlichen Themen nicht, dass ich sie als gleichwertig betrachte. In der Mainstream-Denke werden sie alle gleichermaßen als Beweis einer verwirrten, wahnhaften, an Verschwörungstheorien orientierten Denkweise präsentiert. Ich bewege mich also in einer Kategorie, die für mich bereitgestellt wurde.

In diesem Artikel geht es nicht um Wahrheit oder Unwahrheit. Diese Themen allein unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, ob sie wahr oder falsch sind, würde von dem kritischen Denken ablenken, das ich hier vollziehen möchte — vor allem deswegen, weil in unserer Gesellschaft gerne vom kritischen Denken abgeraten wird. Jedem, der emotional in diese Themen verwickelt ist — welcher Seite auch immer er angehört —, verweigere ich hiermit eine Plattform zur Meinungskundgabe. Dies wird natürlich niemanden abschrecken, der darauf aus ist, Unruhe zu stiften und meine Argumente fehlzuinterpretieren. Aber das ist mein Berufsrisiko.

Ich konzentriere mich hier genau auf diesen Themenkomplex, weil einige von ihnen sich zunehmend in den sozialen Medien bemerkbar machen, je mehr wir versuchen, mit der Isolation im Lockdown zurechtzukommen. Menschen, die zu Hause eingesperrt sind, haben mehr Zeit, sich im Internet aufzuhalten und damit auch mehr Möglichkeiten, oft obskure Informationen zu finden, die wahr sein können — oder auch nicht. Diese Art der Debatten formt unseren Diskursraum und hat tiefgreifende politische Auswirkungen. In diesem Artikel will ich mich also mit diesen Themen und nicht mit der Wahrheit (an sich) auseinandersetzen.

Die sozialen Medien und 5G

Nehmen wir 5G — die neue Mobilfunktechnologie der fünften Generation — als Beispiel. Ich bin kein Wissenschaftler und habe nicht zu 5G geforscht. Aus diesem sehr guten Grund sollte niemand daran interessiert sein, was ich über die Wissenschaft oder die Sicherheit von 5G zu sagen habe. Aber wie viele Menschen, die in den sozialen Medien aktiv sind, kam ich nicht umhin, auf die Onlinedebatten zu 5G und der Wissenschaft (dahinter) aufmerksam zu werden.

Wie die Fernsehmoderatorin Eamonn Holmes, habe auch ich zwangsläufig einen Eindruck von dieser Debatte gewonnen. Für einen zufälligen Zuschauer sieht die Debatte — und es geht hier nur um den äußeren Eindruck — ungefähr so aus:

a.) Staatliche wissenschaftliche Berater sowie Wissenschaftler, deren Arbeitsplätze oder Forschung von der Mobiltelefonindustrie finanziert werden, sind sich sehr sicher, dass 5G keine Gefahren birgt.

b.) Ein paar wenige Wissenschaftler — echte, keine evangelikalen Pastoren, die vorgeben, ehemals in führender Position bei Vodafone angestellt gewesen zu sein — warnen bis heute, dass es keine unabhängige Forschung zu den von 5G ausgehenden Gesundheitsrisiken gibt. Auch geben sie zu bedenken, dass die Technologie aus kommerziellen Gründen ganz schnell durchgepeitscht wurde und die möglichen Langzeitfolgen durch eine ständige Belastung in nur ungenügendem Maße bewertet wurden.

c.) Andere Wissenschaftler dieses spezialisierten Bereichs — und wahrscheinlich ist das die Mehrheit — äußern sich nicht.

Business — unser neuer Gott

Dieser Eindruck mag täuschen. Vielleicht lassen die sozialen Medien die Debatte nur so aussehen. Möglicherweise ist es im Gegenteil so, dass

  • energisch geforscht wurde, auch wenn die Mainstream-Medien offensichtlich nicht umfassend darüber berichtet haben,
  • weder Mobiltelefon- noch andere Kommunikationsunternehmen die vorhandene Forschung finanziert haben, um damit Ergebnisse zu erzielen, die ihren kommerziellen Interessen nützen,
  • die aggressiv wetteifernde Mobiltelefonbranche bereit war, sich zurückzulehnen und jahrelang darauf zu warten, dass Lösungen für alle Sicherheitsprobleme gefunden werden, ohne sich über die Auswirkungen solcher Verzögerungen auf ihre Profite Sorgen zu machen,
  • diese Branche ihr Geld und ihre Lobbyisten eben nicht dafür eingesetzt hat, die Machtkorridore zu beeinflussen und eine politische Agenda voranzutreiben, die mehr auf kommerziellen Interessen als auf der Wissenschaft basiert,
  • und dass einzelne Regierungen — von denen keine auf dem globalen Schlachtfeld ins Hintertreffen gelangen möchte, auf dem sie um wirtschaftliche, militärische und geheimdienstliche Vorherrschaft kämpfen — gemeinsam darauf gewartet haben, festzustellen, ob 5G wirklich sicher ist, anstatt zu versuchen, sich gegenseitig auszuspielen und einen Vorteil gegenüber Freund und Feind gleichermaßen zu erlangen.

All dies ist möglich. Doch jeder, der in den vergangenen Jahrzehnten unsere Gesellschaften beobachtet hat — als „Business“ zu unserem neuen Gott geworden ist und das Unternehmenskapital unser politisches System mehr zu beherrschen scheint als die von uns gewählten Politiker —, hätte zumindest gute Gründe anzunehmen, dass vielleicht an den Ecken gespart wurde, dass politischer Druck ausgeübt wurde und dass einige Wissenschaftler — vermutlich ebenso menschlich wie wir — so zugerichtet worden sein könnten, dass sie ihren Karrieren und Einkommen den Vorrang über die genaueste Wissenschaft einzuräumen bereit waren.

Durchgeknallte Verschwörerei

Noch einmal: Ich bin kein Wissenschaftler. Selbst wenn es keine saubere Forschung gegeben und die Telefonbranche wohlwollende Politiker dahingehend beeinflusst hat, ihre kommerziellen Interessen zu befördern, ist es dennoch nicht ausgeschlossen, dass 5G trotz alledem völlig sicher ist. Aber wie ich eingangs sagte — es ist nicht meine Absicht, hier eine Meinung über die Wissenschaft von 5G zu äußern.

Stattdessen möchte ich erörtern, warum es nicht unangemessen oder völlig irrational ist, dass eine Debatte über die Sicherheit von 5G auf den sozialen Medien „viral gegangen“ ist, während sie gleichzeitig von den Mainstream-Medien ignoriert wird; warum ein sehr etablierter Moderator wie Eamonn Holmes die Notwendigkeit anspricht, sich mit den Sorgen der Öffentlichkeit über 5G zu befassen — und dafür stark kritisiert wurde; warum solche Sorgen sich schnell in Ängste darüber verwandeln könnten, dass es einen Zusammenhang zwischen 5G und der aktuellen globalen Pandemie geben könnte; und warum verängstigte Menschen beschließen könnten, die Sache jetzt selbst in die Hand zu nehmen, indem sie 5G-Masten niederbrennen.

Diese Ereigniskette zu erklären, ist nicht gleichbedeutend damit, die einzelnen Glieder dieser Kette zu rechtfertigen. Aber ebenso wenig zeugt es von Vernunft oder Rationalität, all dies einfach als eine durchgeknallte Verschwörung abzutun.

Es geht hier nicht nur um 5G — es geht darum, ob unsere großen Institutionen noch das Vertrauen der Öffentlichkeit genießen.

Diejenigen, die alle Bedenken bezüglich 5G zurückweisen, haben ein großes Vertrauen in den Staat und seine Institutionen. Jene, die sich wegen 5G Sorgen machen — und es scheint, als nähme dieser Teil in der westlichen Bevölkerung zu —, haben sehr wenig Vertrauen in unsere Institutionen und zunehmend auch in unsere Wissenschaftler.

Verantwortlich für diese Erosion des Vertrauens sind unsere Regierungen — und, wenn wir ganz ehrlich sind, auch unsere Wissenschaftler.

Überfrachtung mit Informationen

Debatten wie die zu 5G sind nicht im luftleeren Raum entstanden. Nachdem die sozialen Medien in den vergangenen zehn Jahren ein schnelles Wachstum erlebten, erscheinen diese Debatten nun zu einem Zeitpunkt einer noch nie erlebten Informationsflut. Wir sind die ersten Gesellschaften, die Zugang zu Daten und Informationen haben, die früher Monarchen, Staatsbeamten und Beratern — und in jüngerer Zeit einigen wenigen ausgewählten Journalisten — vorbehalten waren.

Heute können unabhängige Akademiker, andersdenkende Journalisten, ketzerische Ex-Beamte — eigentlich jeder — online gehen und eine Myriade von Dingen entdecken, die bis vor kurzem niemand außerhalb eines kleinen Kreises des Establishments wissen durfte. Wenn man weiß, wo man suchen muss, kann man darüber sogar bei Wikipedia fündig werden — so zum Beispiel zur Operation Timber Sycamore.

Diese Informationsflut hat dazu geführt, dass die große Mehrheit von uns — der die Zeit, das Wissen und die analytischen Fähigkeiten fehlen, um alles zu sichten und die Welt um uns herum zu verstehen — desorientiert ist. Es ist schwer zu unterscheiden, wenn es so eine Menge an Informationen — richtige und falsche gleichermaßen — zu verarbeiten gibt.

Dennoch haben wir durch diese Online-Debatten — verstärkt durch Ereignisse in der realen Welt — den Eindruck gewonnen, dass unsere Politiker nicht immer die Wahrheit sagen, dass bei Entscheidungsprozessen manchmal das Geld und nicht das öffentliche Interesse siegt und dass unsere Elite — abgesehen von ihrer teuren Ausbildung — möglicherweise kaum besser geeignet ist, unsere Gesellschaften zu lenken als wir selbst.

Zwei Jahrzehnte der Lügen

In den vergangenen zwei Jahrzehnten bis zu unserer heutigen „Ära der Großen Ernüchterung“ gab es eine Handvoll Zwischenstationen. Dazu gehören:

  • der Mangel an Transparenz vonseiten der US-Regierung bei der Untersuchung der Ereignisse im Zusammenhang mit 9/11 — überlagert durch eine parallel stattfindende Online-Kontroverse über die Geschehnisse an diesem Tag;
  • die dokumentierten Lügen über die Gründe für den katastrophalen und illegalen Angriffskrieg gegen den Irak im Jahr 2003, der regionales Chaos, destabilisierende Flüchtlingswellen nach Europa und neue, außerordentlich brutale Formen eines politischen Islams entfesselte;
  • die astronomisch großen Rettungsschirme nach dem Absturz der Banker von 2008, deren kriminelle Aktivitäten beinahe die Weltwirtschaft in den Bankrott trieben — dafür aber nie zur Rechenschaft gezogen wurden — und mehr als ein Jahrzehnt lang Austeritätsmaßnahmen eingeführten, die von der Öffentlichkeit finanziert werden mussten;
  • die Weigerung westlicher Regierungen und globaler Institutionen, den Klimawandel — dessen Dringlichkeit sowohl die Wissenschaft als auch das Wetter selbst deutlicht macht — in Angriff zu nehmen, würde das doch bedeuten, sich mit ihren Sponsoren aus der Konzernwelt anzulegen;
  • und nun das kriminelle Versagen unserer Regierungen, die sich trotz vieler Warnungen in den vergangenen Jahren weder auf die Covid-19-Pandemie vorbereitet noch angemessen auf sie reagiert haben.

Wenn Sie noch immer glauben, was die Regierungen sagen … hätte ich Ihnen da ein paar Brücken zu verkaufen (Anspielung auf George C. Parker, der 30 Jahre lang die Brooklyn Bridge an Gutgläubige verkauft hat — zweimal die Woche; Anmerkung der Übersetzerin).

Experten haben uns im Stich gelassen

Aber es sind nicht nur die Regierungen Schuld. Auch das Versagen von Experten, Verwaltungsbeamten und Akademikern wurde der Öffentlichkeit allzu offenbar. Diejenigen Beamten, die sich eines leichten Zugangs zu bedeutenden Plattformen in den Staats-/Konzernmedien erfreuten, haben gehorsam wiederholt, was Staats- und Konzerninteressen uns hören lassen wollten. In vielen Fällen wurde später aufgedeckt, dass diese Informationen unvollkommen irreführend oder schlichtweg erlogen waren.

Im Vorfeld des Angriffs gegen den Irak 2003 hielten sich zu viele Politikwissenschaftler, Journalisten und Waffenexperten bedeckt, um ihre Karrieren und ihren Status aufrechtzuerhalten, anstatt sich für solch seltene Experten wie Scott Ritter und den verstorbenen David Kelly einzusetzen — die gewagt hatten, Alarm zu schlagen, weil uns ein Teil der Wahrheit verschwiegen wurde.

Im Jahr 2008 war nur ein Handvoll Ökonomen bereit, mit der Orthodoxie des Korporatismus zu brechen und infrage zu stellen, ob es weise sei, den in kriminelle Finanzaktionen verwickelten Bankern Geldgeschenke zu machen, — oder gar zu verlangen, diese Bankiers strafrechtlich zu verfolgen. Die Ökonomen setzten sich nicht dafür ein, dass die Banken einen Preis zu zahlen hätten, wie etwa eine öffentliche Beteiligung an den Banken, die gerettet wurden — als Ausgleich dafür, dass die Steuerzahler dazu gezwungen wurden, enorme Summen in diese diskreditierten Unternehmen zu investieren.

Auch schlugen diese Ökonomen nicht vor, unserer Finanzsysteme zu (grund)erneuern, um eine Wiederholung des Wirtschaftscrashs zu vermeiden. Stattdessen schwiegen sie auch hier — in der Hoffnung auf weiterhin hohe Gehälter und die Aufrechterhaltung ihrer geschätzten Positionen in Thinktanks und an Universitäten.

Wir wissen, dass Klimawissenschaftler schon in den 1950er-Jahren leise vor einer unkontrollierbaren Klimaerwärmung gewarnt haben, und dass in den 1980er-Jahren Wissenschaftler, die für die Erdölkonzerne arbeiteten, sehr genau vorhersagten, wann und wie sich die Katastrophe abspielen würde — und zwar jetzt.

Es ist wunderbar, dass sich heute die Mehrheit dieser Wissenschaftler öffentlich über die Gefahren einig ist — selbst wenn diese durch den Konservatismus des wissenschaftlichen Vergehens noch immer in einer gefährlichen Zurückhaltung gefangen ist.

Aber sie haben das öffentliche Vertrauen verspielt, weil sie so lange damit gewartet haben, den Mund aufzumachen.

Und kürzlich haben wir beispielsweise erfahren, dass eine Reihe konservativer Behörden im Vereinigten Königreich auf fahrlässige Weise die Versorgung der Krankenhäuser mit Schutzausrüstung heruntergefahren haben, obwohl sie mehr als zehn Jahre lang vor einer kommenden Pandemie gewarnt hatten. Die Frage stellt sich, warum weder wissenschaftliche Berater noch die Gesundheitsbehörden früher Alarm geschlagen haben. Jetzt ist es zu spät, um das Leben Tausender Menschen zu retten — darunter auch Dutzende vom medizinischen Personal, die dem Virus in Großbritannien bisher zum Opfer fielen.

Das geringere Übel

Schlimmer noch: In der Anglosphäre der USA und Großbritanniens haben wir politische Systeme erhalten, die die Wahl bieten zwischen einer Partei, die eine brutale, ungezähmte Version des Neoliberalismus vorantreibt, und einer anderen Partei, die eine unwesentlich weniger brutale und leicht abgeschwächte Version des Neoliberalismus vertritt.

In Großbritannien haben wir kürzlich miterlebt, dass, nachdem es den Basismitgliedern einer dieser Zwillingsparteien gelungen war, mit Jeremy Corbyn einen Führer zu wählen, der diese Orthodoxie ablehnte und deshalb der Intrige seiner eigenen Parteimaschinerie zum Opfer fiel — die lieber das Handtuch warf, als ihn an die Macht zu lassen. Bei jeder Wahl wird uns ja eingebläut — für den Fall, dass wir tatsächlich einmal zu dem Schluss kommen sollten, dass Wahlen zwecklos sind —, dass wir eine Wahl haben: für das kleinere von zwei Übeln.

Jene, die das allzu offensichtliche Versagen des modernen korporatistischen Systems ignorieren oder instinktiv verteidigen, dürfen sich nicht anmaßen, selbstgefällig über all diejenigen zu urteilen, die die Sicherheit von 5G oder Impfungen oder die Wahrheit über 9/11 oder die Wirklichkeit der Klimakatastrophe oder gar die Anwesenheit von reptiloiden Overlords infrage stellen wollen.

Mit ihrer reflexhaften Ablehnung jeglichen Zweifelns, jeglichen kritischen Denkens oder allem, was nicht von unseren Regierungen oder den Staats-/Konzernmedien abgesegnet wurde, haben sie dazu beigetragen, die einzigen Maßstäbe, die uns zur Verfügung stehen, um Wahrheit oder Unwahrheit zu erkennen, zu verbiegen.

Sie haben uns zu einer furchtbaren Entscheidung gezwungen: entweder jenen zu folgen, die wiederholt gezeigt haben, dass sie es nicht verdienen uns anzuführen, oder rein gar nichts mehr zu glauben und alles anzuzweifeln.

Ein gesundes, ausgeglichenes Individuum will keine dieser beiden Positionen annehmen. Aber genau da sind wir heute.

Big Brother-Regimes

Daher überrascht es wohl kaum, dass diejenigen, die von der aktuellen Informationsexplosion in Verruf gebracht wurden — die Politiker, die Konzerne und die Fachwelt — sich gerade fragen, wie sie die Dinge in Ordnung bringen können, ohne dabei ihre Macht und Autorität zu verlieren.

Sie haben zwei Möglichkeiten, die sich vielleicht ergänzen.

Erstere besteht darin, die Informationsflut fortzuführen oder sogar noch eskalieren zu lassen. Hier kann man argumentieren, dass wir uns immer machtloser fühlen, je mehr mögliche Wahrheiten uns aufgetischt werden. Dann sind wir auch umso eher bereit, uns jenen zu unterwerfen, die am lautesten ihre Autorität behaupten. Verwirrt und hoffnungslos wenden wir uns dann Vaterfiguren zu, bewährten starken Männern, denjenigen, die eine Aura der Entschlossenheit und Furchtlosigkeit kultiviert haben, jenen, die wie bodenständige Querdenker und Rebellen wirken.

Dies würde weitere Donald Trumps, Boris Johnsons und Jair Bolsonaros hervorbringen. Und diese Männer würden sich natürlich den mächtigsten Konzerninteressen gegenüber, die tatsächlich die Fäden ziehen — dem militärisch-industriellen Komplex —, ausgesprochen entgegenkommend zeigen — während sie uns mit ihrem angeblichen Mangel an Orthodoxie blenden.

Die andere Option, die bereits unter der Rubrik „Fake News“ getestet und geprüft wurde, besteht darin, uns Bürger wie unverantwortliche Kinder zu behandeln, die eine feste, führende Hand brauchen. Die Technokraten und Experten werden versuchen, ihre Autorität wieder zu etablieren, als hätte es die vergangenen zwanzig Jahre nicht gegeben und als hätten wir ihre Scheinheiligkeit und ihre Lügen nie durchschaut.

Sie werden „Verschwörungstheorien“ — selbst die wahren — als Beweis dafür anführen, dass es an der Zeit ist, die Freiheiten im Internet sowie das Recht zu sprechen und zu denken erneut einzuschränken.

Sie werden argumentieren, dass das Experiment „Soziale Medien“ ausgedient und sich als Bedrohung erwiesen habe — weil wir, die Öffentlichkeit, eine Bedrohung sind.

Sie lassen bereits Testballons für diese neue Big-Brother-Welt steigen — unter dem Deckmäntelchen des Umgangs mit der Gesundheitsgefährdung durch die Covid-19-Epidemie.

Es sollte uns nicht überraschen, dass diejenigen, die die Abschaltung der Kakofonie des Internets am lautesten befürworten, genau jene sind, deren Versäumnisse durch unsere neuen Freiheiten, die dunklen Nischen der jüngeren Vergangenheit zu erforschen, zutage getreten sind. Dazu gehört Tony Blair, der britische Premierminister, der 2003 die westliche Öffentlichkeit durch seine Lügen in den katastrophalen und illegalen Krieg gegen den Irak trieb. Auch Jack Goldsmith gehört dazu, der für seine Unterstützung der Bush-Administration bei der Legalisierung von Folter und der Intensivierung von Überwachungsprogrammen ohne richterliche Anordnung mit einer Professur für Jura in Harvard belohnt wurde — nach Ausstellung eines Persilscheines.

Die Notwendigkeit neuer Medien

Die einzige Alternative für eine Zukunft, in der wir von Big-Brother-Technokraten wie Tony Blair oder kumpelhaften Autoritären, die keinerlei Widerspruch dulden, oder einer Mischung aus beidem regiert werden, erfordert eine völlige Neuausrichtung unserer Gesellschaft gegenüber Daten und Informationsaustausch. Wir benötigen weniger Einschränkungen der freien Meinungsäußerung — nicht mehr.

Die wahre Bewährungsprobe unserer Gesellschaften — und die einzige Hoffnung, künftige wirtschaftliche und ökologische Notlagen zu überleben — wird darin bestehen, eine Möglichkeit zu finden, Menschen in Spitzenpositionen wirklich zur Rechenschaft zu ziehen.

Und zwar nicht, dass sie vielleicht in Wirklichkeit Reptiloide sind, sondern dafür, was sie zur Rettung unseres Planeten unternehmen — gegen unseren allzu menschlichen, selbstzerstörerischen Raffinstinkt und unsere Gier nach Sicherheitsgarantien in einer ungewissen Welt.

Dies wiederum erfordert eine Umgestaltung unseres Verhältnisses zu Information und Debatten. Wir werden ein neues Modell unabhängiger, pluralistischer, reaktionsschneller, fragender Medien brauchen, die der Öffentlichkeit gegenüber verpflichtet sind und nicht gegenüber Milliardären und Konzernen. Genau die Art von Medien, die wir jetzt nicht haben. Wir werden Medien benötigen, denen wir vertrauen können, die ganze Bandbreite glaubwürdiger, intelligenter, informierter Debatte zu repräsentieren — statt des schmalen Overton-Fensters (ein Overton-Fenster stellt den Rahmen dar, innerhalb dessen öffentlich akzeptierte Gedanken angesiedelt sind; Anmerkung der Übersetzerin), durch das wir einen höchst parteiischen, entstellten Blick auf die Welt werfen können, der dem einen Prozent dient — einer Elite, die vom gegenwärtigen System so sehr profitiert, dass sie bereit ist zu ignorieren, dass sie und wir dabei sind, in den Abgrund zu stürzen.

Mit solchen Medien — Medien, die Politiker wirklich zur Rechenschaft ziehen und Wissenschaftler für ihren Beitrag zum kollektiven Wissen statt ihre Nützlichkeit zur Konzernbereicherung feiern — müssten wir uns keine Sorgen um die Sicherheit unserer Kommunikationssysteme oder unserer Medikamente machen, müssten nicht an der Wahrheit der Ereignisse in den Medien zweifeln oder uns fragen, ob wir von Reptiloiden regiert werden, denn in einer solchen Welt würde uns niemand beherrschen. Sie würden der Öffentlichkeit zum Wohle der Allgemeinheit dienen.
Hört sich wie ein fantastisches, unwahrscheinliches Regierungssystem an? Es hat einen Namen: Demokratie. Vielleicht ist es für uns an der Zeit, es mal auszuprobieren.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien unter dem Titel „Welcome to the Era of the Great Disillusionment“ zuerst auf globalresearch.ca. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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