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Die Demokratie ist in Gefahr

Die Demokratie ist in Gefahr

„Die Anstalt“ produziert ein Highlight nach dem anderen. Die Superlative gehen aus. Ein „die beste Anstalt seit…“ wirkt nur noch lächerlich. Zeit also, Ihnen die fulminanteste Anstalt seit Langem vorzustellen.

Mit heiter-erwartungsfroher Zirkusmusik im Hintergrund bittet Claus von Wagner als rot gewandeter Conférencier, wahlweise auch als Theaterdirektor mit einem geölten „Hereinspaziert, hereinspaziert!“ die Zuschauer ins „(Mitmach-)Theater der Demokratie“. Das Stück heißt: „Die Demokratie ist in Gefahr“. Im Hintergrund leuchtet die Kuppel des Reichstags.

Eine Art Prolog: Liebliche Klänge, Vögel zwitschern fröhlich, Abdelkarim sitzt, zärtlich an einem Gänseblümelein schnüffelnd, ganz in rosa mit güldenem Haar als Burgfräulein „Demokratie“ auf der Bühne. Der böse Drache (Thomas Maurer) als schäumender populistischer Demokratiejäger, schleicht sich von hinten an, dieser den Garaus zu machen. Und das bedrängte, zarte Geschöpf ruft in seiner lieben Not nach – Steinmeier. Hoch oben steht er da (von Wagner) und drischt mit bekannter, alles Lebendige sofort verwelken lassender Bräsigkeit die hohlen Phrasen von der Demokratie. Andererseits: Dass dieser Mann wirklich etwas von Demokratie versteht, hat er u.a. als mittelbarer Kiewer Putschhelfer und mittelbarer Folterhelfer von Murat Kurnaz in Guantánamo bewiesen. Jedenfalls ist jetzt alles und jedes in tiefen Schlaf gesunken, als todesmutige Rettung naht: Martin Schulz in voller Rüstung (Hazel Brugger) will das zarte Pflänzchen retten und prügelt mit dem Drachen-Schwert den Feuerspucker in die Flucht. Der Vorhang fällt.

Aus dem Publikum skandiert ein Mann im roten T-Shirt, das – köstlich - das Konterfei von Martin Schulz mit Che-Guevara-Gedächtnis-Mütze zeigt „Martin! Martin! Martin!“ und drängt vehement auf die Bühne: Max Uthoff. (Hm, irgendwas ist anders an diesem Uthoff. Die Brille…?) Er will mitmachen, es ist doch ein Mitmach-Theater! „Ja, alle vier Jahre…, eine direkte Beteiligung ist aber nicht vorgesehen“. Conférencier von Wagner, ab hier in der Funktion des Theaterdirektors und des deutschen Demokratie- und Regierungsbauchredners erklärt nun Bürger Uthoff den deutschen politischen Prozess, wunderbar visualisiert mit einem vom Schlitz einer riesigen Volks-Wahlurne ausgehenden dicken Schlauch, der den vom Volk geäußerten Willen aufsaugt. Dieser wird nun vom parlamentarischen Betrieb aufgegriffen, von Experten verarbeitet und dann, an der Dekoration mit der Fassade des Reichtags entlang „in den Mühlen der Politik“, die den „unraffinierten“ Willen des Volkes zu seinen Gunsten etwas „raffiniert“, also veredelt, in Form von Gesetzen wieder ausgespien – und landet in einer Kiste mit der Aufschrift „Demokratie-Auswurf“. Und, plumps, schon fällt etwas hinein: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine Maut!“.

Der ganze Prozess wird dann immer wieder mit der Geräuschkulisse geschäftigen Ackerns und verschiedenen Wort- und Muh-Fetzen begleitet, bis die Stimme von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau zu hören ist: „Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, ich bitte um Aufmerksamkeit für das Ergebnis.“ Warum beispielhaft für dieses Schmierentheater ausgerechnet Petra Paus Stimme herhalten muss, erschließt sich mir nicht ganz. Schließlich wird der von der Bundesregierung in Auftrag gegebene, an einer entscheidenden Stelle skandalös gefälschte Armuts- und Reichtumsbericht mit Vorher und Nachher durch den Schlauch gepumpt. Bravo, diese Ungeheuerlichkeit darf nicht vergessen werden! (Also, irgendwas ist anders an diesem Uthoff…)

1. Akt

Und jetzt darf Max Uthoff endlich Bobby car fahren, juhuu! Die So-gut-wie-Privatisierung der Autobahn ist dran. Ein ganz besonders krasses Leckerli plutokratischer Wähler-Verarsche! Und plötzlich sieht man Schäubles Schuldenbremse in völlig neuem Licht: Sie soll das Scheunentor für die Privatisierung öffentlichen Eigentums weit öffnen, für die an allen Ecken und Enden marode Infrastruktur ist ja angeblich kein Geld da. A Hund issa scho, der Schäubles Wolfi! Im Folgenden wird das ein von Uthoff und von von Wagner minimalistisch brillant inszeniertes Lehrstück über das gut geölte Sägen an den Pfeilern der Demokratie. In eingespielter Dialog-Manier wird der ganze Autobahn-Betrug so detailliert ausgerollt, dass einem nur das kalte Grausen den Rücken hinabläuft. Nackter Kapitalismus im Deckmantel der Demokratie. Aber man sollte immerhin, so viel Anstand muss sein, die sagenhafte Chuzpe von Gabriel und Konsorten sowie die kollektive echte oder gespielte Blauäugigkeit der mit Bundes-Milliarden gekauften Länder würdigen. Sehr schön: Uthoff erklärt entrüstet, das alles doch gar nicht gewollt zu haben an der Wahlurne (wie übrigens satte 80% der Bundesbürger); von Wagner zeigt ihm das Kreuzchen, das er dort gemacht hatte und flötet: „Sehen Sie, ein Kreuz, da mussten wir doch interpretieren, was Sie wollten“. Das Thema Volksentscheid unterflort sowieso den ganzen Block.

2. Akt

Nach der automobilen März-Sendung noch ein Nachschlag mit dem Fokus auf den „demokratischen“ Prozess: Das Effizienzlabel – auch und gerade für die Luxusklasse. Wie war denn das? Von Wagner: „Ich glaube, es begann mit einem Anruf…“. VDA-Chef Matthias Karrenbauer klingelt seinen Chef-Lobbyisten Matthias Wissmann an und macht Druck, Wissmann ruft im – noch bockigen - Umweltministerium an und macht Druck, Wissmann ruft Karrenbauer an, und der macht noch mehr Druck, Wissmann das Wirtschaftsministerium, das Wirtschaftsministerium das Umweltministerium usw. usw. Und dann ist es plötzlich abgesegnet, das liebe Effizienzlabel mit den hübschen Stempelchen von allen Beteiligten. Und die Naturgesetze sind abgeschafft: das Riesen-SUV Audi Q7 verbraucht weniger CO2 als ein Citroën C1! Wahnsinn. Klasse inszeniert! (Was ist bloß an diesem Uthoff so anders…?)

3. Akt

Die Rente. Eine aktualisierte Wiedervorlage der „Renten“-Anstalt vom März 2014. Uthoff hält seine Rentenberechnung in den Händen. Er kommt nach 35 Berufsjahren auf etwas mehr als tausend Euro. Vier Säulen zieren inzwischen die Bühne. Von Wagner öffnet den Schalter der Gesetzlichen Rentenversicherung und entgegnet sichtlich vergnügt auf Uthoffs Klagen: „Das ist doch die Rente, die Sie 1998 gewählt haben.“ Die zweite Säule öffnet sich: Die Riester-Rente, dieser gesteuerte politisch-privatwirtschaftliche Angriff auf die Gesetzliche Rente zur Etablierung der Privatvorsorge, einer für die Versicherungswirtschaft gleichkommenden Lizenz zum Gelddrucken. Säulen drei und vier: Die Betriebsrente und die Betriebsrente mit dem „Betriebsrentenstärkungsgesetz“ von Andrea Nahles, haha. Wahnsinn: Ein weiterer Schutz des Sozialstaats wird abgeschafft: Zwei Gewinner und ein Verlierer. Minutiös deckt das Ensemble den ganzen Betrug auf. Einfach großartig!
Ein österreichischer Urlauber (Maurer) auf der Suche nach den besten Fotoperspektiven auf die begehrte touristische Attraktion jener vier komischen Säulen der deutschen Renten gesellt sich hinzu. Er hat sichtlich Spaß. Er bekommt in etwa das Doppelte an Rente in Österreich. Uthoff völlig perplex: „Wie haben die denn das in Österreich gemacht?!?“. Wörtlich: „G’mocht in däm Sinn – nix, die erste Säule wor noch guat soweit, wir hom des Göid - doch eher für die Rent’n ausgeh’m und net sooo für die Säulen…“. Noch kürzer und knackiger bitte? (Also dieser Uthoff…!?)

Ganz zum Schluss: Max Utthoff gibt die ultimativen Renten-Tipps.

„Das war’s mit der Anstalt…“

Leider. Mit einer wieder herausragenden Anstalt! Thema, Informationsgehalt, Inszenierung, schauspielerische Leistungen, Ensemble – vom Feinsten! Die immer wieder in Versform vorgetragenen Anteile sind besonders zu würdigen: Einfach klasse!

Der noch aus der „Europa“-Anstalt vom Mai 2014 mit Konstantin Wecker in Erinnerung gebliebene Berufs-Marokkaner Abdelkarim legt in seinem Solo ein schönes politisches Statement ab. Leider belohnt das Publikum seine besten und wichtigsten Passagen nicht mit dem Beifall, den sie verdient hätten. Ein „Nafri“, was ist das? „Ein Araber aus Ländern ohne Öl“. Gut, da lachten alle. Super Solo, danke Abdelkarim!

Hazel Brugger pflegt in ihrem Solo den ihr eigenen, preisgekrönten Stil: Klug, frech, schräg, witzig, erfrischend. Das trennt sie angenehm von der üblichen Comedy-Konkurrenz.

Thomas Maurer berichtet von seinen sommerlichen Beobachtungen in Zell am See angesichts des fröhlichen Nebeneinanders von den fundamentalistischen Weltbildern saudischer und Salzburger Gäste. Vergleichsweise spät, mit fiesen Integrationsfantasien für Asylsuchende Akademiker zündet der Funke, aber er zündet.

Max Uthoff: Es ist die so zackige, ungute Assoziationen weckende Sommerfrisur, die mich irritierte. Ja, ich weiß, Entschuldigung auch.

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