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Die Corona-Pharisäer

Die Corona-Pharisäer

In der Krise haben die christlichen Institutionen auf ganzer Linie versagt und ihre eigenen Werte verraten.

An Corona hatte ich am allerwenigstens gedacht bei der Lektüre des Buchs „Die 10 größten Irrtümer des Neuen Testaments“ von Gernot Beger. Es versucht den historischen Wahrheitsgehalts der vier sogenannten Evangelien kritisch zu prüfen, die Grundlage, Ausgangs- und Endpunkt dessen, was protestantische und katholische Kirche den Gläubigen auferlegt. Mich hat die Frage nach der Trennung von historisch bezeugter Begebenheit, Dichtung und frommer Legende in diesen Schriften immer fasziniert.

Was, so fragt man sich immer wieder, hat ausgerechnet diesem unentwirrbaren Gemenge aus tatsächlich Erlebtem und bloß Geglaubten, aus Lebensweisheiten, Lebensregeln und Religion zu solch einem kometenhaften Aufstieg, zu solch weltumspannender Anerkennung auch bei denen verholfen, die mit Kirche so gar nichts am Hut haben?

Was von alledem glaubt eigentlich der, der nicht glaubt?, fragen der Jesuit Carlo Maria Martini und der Schriftsteller Umberto Eco in einem berühmt gewordenen Briefwechsel.

Entkleidet man das sogenannte Neue Testament, vor allem die vier Evangelien, all dessen, was die Kirchen später daraus gemacht haben, so bleibt auch für den, der nicht glaubt, immerhin noch ein atemberaubendes Ethik-Gebäude: unüblich, weil in dieser Unerbittlichkeit noch nie da gewesen — unlogisch, weil nicht erklärbar — widernatürlich, weil gegen alle menschliche Gewohnheit.

Es ist eine Ethik im wahrsten Sinne nicht von dieser Welt. Eine Ethik, die oben und unten ins glatte Gegenteil verkehrt:

Sie erhebt den Knecht über den Herrn, den Versager über den Erfolgreichen, den Gequälten über seinen Peiniger, den Gestrauchelten über den Tugendhaften, den Verlierer über den Sieger, einen Gekreuzigten über seine Richter. Die Kreuzigung war zur Römerzeit übrigens die schmachvollste aller Hinrichtungsarten. Die Leichen ließ man, einer Bestattung unwürdig, meist am Kreuz verwesen, um den Rest später zu verscharren.

Es ist eine Ethik, die keine Fragen stellt, keine Schuld und keine Rache kennt: Die Tatsache des Leidens alleine genügt, um zu helfen.

Da es immer schon viel mehr von denen da unten als jenen da oben gegeben hat, ist diese Ethik die letzte und wohl die trostreichste Zuflucht all derer, die sich von dieser Welt nichts mehr erwarten, erwarten dürfen. Das erklärt, zumindest teilweise, ihren Siegeszug um die Welt seit nunmehr über 2.000 Jahren.

Sind das wirklich die tragenden Säulen der beiden großen Kirchen, die sich von Beginn als Beauftragte, Hüter und Wächter eben dieser Ethik ausgeben? Ist in den Kirchen gerade zu Zeiten von Corona das drin, was drauf steht?

In der Coronakrise wimmelt es geradezu von Leid und von Verlierern:

Denken wir an die Alten in den Seniorenheimen, die während der seelenlosen monatelangen Lockdowns nicht an Corona, sondern an Einsamkeit und an menschlicher Vernachlässigung gestorben sind, weil es eine außer Kontrolle geratene entmenschlichte Bürokratie so geschehen ließ.

Denken wir an die Kranken, Dementen, Fürsorgebedürftigen, die in ihren Einrichtungen unter massiver Einschüchterung, ja zuweilen gewaltsam, ohne Möglichkeit der Gegenwehr zu einer bis zu diesem Zeitpunkt kaum erforschten Impfung getrieben wurden und dann, alleine gelassen und totgeschwiegen, die Folgeerscheinungen bis hin zum Tod zu tragen hatten.

An die Hundertausende von Kindern, die plan- und ziellos ihrer wertvollsten Kinder- und Schuljahre beraubt werden, die — das ist inzwischen unwidersprochen — dadurch mehr Schaden nahmen als durch irgendein Virus.

Denken wir an die Zehntausende Gewerbetreibender, die durch völlig willkürliche Maßnahmen und Anordnungen um ihr Lebenswerk gebracht wurden, und an die tausendfachen Versuche einer um ihr Überleben kämpfenden Regierungsjunta, die Wahrheit in Wissenschaft, Medizin und in den Medien mittels Gewalt, Diffamierung, Rufmord bis hin zur Existenzvernichtung zu unterdrücken.

Nicht zuletzt auch an die Mutigen, die sich friedlich dieser Welle aus Gewalt, Halbwahrheiten, Lügen und purer Machtdemonstration entgegenstellen und von eigens dafür zusammengestellten polizeilichen Prügelschwadronen gnadenlos zusammengehauen und wie in Berlin noch am Boden liegend misshandelt werden.

All das ergäbe ein überreiches Betätigungsfeld für die Kirchen, das, was sie von den Kanzeln predigen, tatsächlich zu praktizieren und mit Leben zu füllen. Man muss nicht für oder gegen die gegenwärtige Coronapolitik sein, um das ständig wachsende Ausmaß an Leid und Verzweiflung in unseren Tagen zu sehen, zu hören und zu fühlen.

Doch wer von den großen Kirchen, der protestantischen wie der katholischen, Trost für die Verlierer dieser Krise, Beistand für die Zusammengeschlagenen, Fürsprache für die Verurteilten, Hilfe für die Wehrlosen erwartet, der wird, wie schon so oft in der Vergangenheit, bitter enttäuscht. Statt zu helfen — einfach nur deshalb, weil jemand Hilfe braucht — zieht es die Kirchen wieder einmal in die heimelige Nähe der Mächtigen, um ihre Privilegien nicht zu gefährden, und kritiklos machen sie sich deren Argumente zu eigen. Bestenfalls ziehen sie es — wieder einmal — vor zu schweigen in dem irrigen Glauben, wer nichts tut, könne auch nichts falsch machen.

Welch ein Irrtum: Eine Kirche, die nichts tut, macht alles falsch!

In einer Zeit, in der das halbe Volk, wie etwa die 40 Millionen Ungeimpften, Zuflucht vor Nötigung, Gewalt und Demütigung sucht, bieten die Kirchen, selbstverliebt statt selbstvergessen, in tadellos sitzende Amtstracht, golddurchwirkten Brokat und Brüsseler Spitze gehüllt, weitgehend sinnentleerte Gesten, unverbindliche Phrasen und überkommene Riten anstelle von tätiger Hilfe, von gelebter Barmherzigkeit, von gespendetem Trost und Widerstand gegen offensichtliches Unrecht und Widerspruch gegen offensichtliche Unwahrheit.

Kirche zu Coronazeit: Fünfte Kolonne der Machthaber — denkmalgeschützte, ihrer tragenden Stützen beraubte Ruinen ihres eigenen Anspruchs.

Warum, fragen sich viele, warum werden die Priester immer seltener, die Kirchen immer leerer, das Kirchenvolk immer gleichgültiger? Darum!

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