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Die Blutball-Weltmeisterschaft

Die Blutball-Weltmeisterschaft

Die Fußball-Weltmeisterschaft verkommt zum Propagandastück.

Nicht nur bei den BRICS-Staaten kommt Russland in der Rangliste nach Brasilien: Auch in der Chronik der Austragungsorte der Fußballweltmeisterschaft ist Russland der Nachfolger von Brasilien. Wieder findet die WM in einem sehr großen Land statt und wieder ereignen sich – wie fast immer – unschöne Dinge im Hintergrund des Mega-Sportevents. Allerdings wirken die medialen Schiedsrichter dieses Jahr wie ausgewechselt. Während man Brasilien die übelsten Grätschen nahezu folgenlos durchgehen ließ, pfeift man bei Russland bis zum Tinnitus und bewirft den Bären mit roten Karten, bis das Spielfeld zum Roten Platz wird.

Die WM 2014 war noch nicht einmal ein Jahr verstrichen – Deutschland sonnte sich immer noch in dem Glanz des WM-Titels – da feuerte 2015 die FAZ vor dem großen diesjährigen Mediendonner gegen Russland bereits den ersten Blitz ab. Die Grünen-Politikerin Barbara Lochbihler bewertete damals schon die Menschenrechtslage in Russland als „nach wie vor sehr schlecht“ und befürchtete die Ausbeutung von Bauarbeitern, die an dem Aufbau der Stadien beteiligt sein würden.

Auf jeden Blitz folgt ein Donner. Die FAZ bildet hierbei die dunkelste Wolke auf dem russlandfeindlichen Wetter-Radar. Tatsächlich bewahrheiteten sich die Befürchtungen Lochbihlers. „Tod und Ausbeutung in russischen WM-Stadien“ titelte die FAZ 2017 in einem Bericht über nordkoreanische Hilfsarbeiter, die unter widrigsten Umständen und prekärsten Arbeitsverhältnissen die russischen Fußballtempel errichteten und kaum oder keinen Lohn erhielten. Kim Jong-un erhalte für die Bereitstellung von Humankapital Vergünstigungen. Bereits 15 Tote seien zu beklagen.

Aus allen Richtungen versucht man Russland zu torpedieren. Erst knapp ein Jahr nach der Verabschiedung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland betitelt das deutsche Leitmedium FAZ einen Artikel über Homophobie in Russland mit dem Satz: „Herr Putin, dann haben wir ein Problem“. Dann wird im selben Blatt der Vergleich des britischen Außenministers Boris Johnson, der die WM 2018 mit den Olympischen Spielen 1936 gleichsetzt, völlig unkritisch abgedruckt. Zu guter Letzt holt man noch den altbewährten Doping-Vorwurf aus der Schublade und echauffiert sich darüber, dass Russland dem ARD-Dopingexperten die Einreise verweigert hat. In diesem Artikel darf die Co-Parteivorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, ihrer Russophobie frönen: „Das unterstreicht, in welchem Land die WM stattfindet“.

Titelverteidiger bei Menschenrechtsverletzung

Diese Kritik ist nun zwar gewissermaßen berechtigt. Nur: Wo war denn diese akribisch-kritische Berichterstattung damals bei Brasilien? Verurteilte man die wesentlich heftigeren Zustände im Vorfeld der WM in Brasilien, stand man damit beinahe allein auf weiter Flur!

Warum? Gab es in Sáo Paolo, Rio, Brasília und anderen Austragungsorten beim Stadienbau etwa keine Ausbeutung der Arbeiter? Wurden die etwa alle nach Tariflohn bezahlt, besaßen einen Arbeitsvertrag und erhielten Zuschüsse für die Rentenversicherung? Ein Narr, wer das glaubt!

Ohne, dass hierbei Russland in Schutz genommen werden soll, muss man sich klar vor Augen führen, dass der Kreml Brasilien in puncto WM-Menschenrechtsverletzung nicht den Titel streitig machen wird.

Die mediale Berichterstattung legt hier allerdings doppelte und, vor allem, politische Standards an. Im Falle Russlands springt sie dem Leser entgegen, während man zu den Vorfällen in Brasilien in den deutschen Medien suchen musste.

Lassen wir doch einfach mal Revue passieren, was vor und während der WM 2014 geschah:

Das Fußball-Großereignis entfachte Proteste im historischen Ausmaß, bei denen in Brasilien landesweit Hunderttausende auf die Straße gingen, um gegen die durch die WM explodierenden Kosten für das Land und für die Bürger im Alltag zu demonstrieren. Die Proteste schlugen sehr schnell in gewaltsame Ausschreitungen um und verwandelten die urbanen Zentren Brasiliens in Schauplätze brutaler Straßenkämpfe.

Doch bei diesen Protesten ging es um weit mehr als nur um steigende Preise für Busfahrkarten und die Verschwendung von Steuergeldern. Für den Bau der WM-Infrastruktur wurden Zehntausende zwangsumgesiedelt. Genau wie in Russland kamen auch hier Bauarbeiter beim Stadienbau ums Leben. Durch die Flut hedonistischer, reicher WM-Besucher aus aller Herren Länder florierte die Kinderprostitution in den dafür vorgesehenen Bezirken. Wagten sich Straßenkinder jedoch in die hippen Touristenviertel, wurden sie – insbesondere dann, wenn sie aufgrund ihres männlichen Geschlechts sexuell nicht „verwertbar“ waren – im Sinne einer „Hardcore-Gentrifizierung“ einfach abgeknallt. Um die die Städte „sauber zu halten“, versteht sich.

Doch zum Glück haben wir die FAZ! Eine journalistische Bulldogge, die sich bei Ungerechtigkeiten festbeißt und nicht ablässt, bis die Skandale lückenlos aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden sind. Sollte man meinen!

In der Realität sieht es jedoch so aus, dass Russland bei dem journalistischen Kampfhund aus Frankfurt den Jagdinstinkt weckt, während die obenstehende Litanei der Grausamkeiten aus Brasilien derselbigen nur ein leises „Wuff, Wuff“ entlockt.

Endergebnis

1:0 für Heuchelei im Journalismus! Skandale, Ungerechtigkeiten und politische Ablenkung sind stete Begleiter einer Fußball-Weltmeisterschaft, auch in Deutschland (Beispiele finden sich hier und hier). Die Berichterstattung variiert alle vier Jahre in ihrer Freundlichkeit, je nachdem, wie man dem Gastgeber gegenüber eingestellt ist und ob man nun bei Freunden oder bei „Ex-Freunden“ wie Russland zu Gast ist; ein Zitat aus einer jüngst ausgestrahlten Talkshow mit Anne Will. Exemplarisch zeigt sich das auch im Kleinen. Lässt sich Özil mit Erdogan ablichten, fällt dem deutschen Polit-Establishment samt der Presse vor Schreck der Mittagspausen-Döner aus dem Mund, während man ganz cool und entspannt darüber berichtet, wenn Oliver Kahn mit dem saudischen König Salman bin Abdulaziz al-Saud auf einem Foto posiert und seine Pläne für eine Torwart-Akademie in Saudi-Arabien offenbart.

Das ist sehr bedauernswert, da die WM einer kritischen Berichterstattung bedürfte! Nur allzu gerne werden unliebsame Gesetzesentwürfe gerade während dieser Zeit durchgedrückt, um die öffentliche Debatte zu vermeiden; besonders heikel war das 2006.

Und brandaktuell: Nach dem heutigen Anpfiff will die Große Koalition morgen, am 15. Juni, im Eilverfahren die staatliche Parteienfinanzierung um 25 Millionen Euro erhöhen – ohne Einbezug der Opposition. Klingt das nach einer gesunden Demokratie?

Aber nicht nur, um wahlkampfschädigende Gesetzesänderungen vor und während des WM-Fiebers zu beleuchten, sondern auch, um ein kritisches Bewusstsein für dieses Brot- und Spiele-Konzept in der Bevölkerung zu schaffen, wäre eine differenzierte WM-Berichterstattung wünschenswert. Nur hat die Mainstreampresse heutzutage mit ausgewogener, investigativer Berichterstattung so viel zu tun wie der FC Bayern mit Bayern.

Und so verkommt die berechtigte Kritik an den WM-Strukturen zu politisch motiviertem Russland-Bashing; ein weiteres Mosaiksteinchen, welches das Feindbild Russland komplettieren soll.

Uns erwartet die wahrscheinlich politischste Fußballweltmeisterschaft seit Jahrzehnten. Schwarz-rot-goldene Fanmeilen werden die Innenstädte zieren, Kindern wird das Taschengeld für überteuerte Sticker aus den Geldbörsen gezogen und dem deutschen Michel sowie Lieschen Müller, belämmert durch Bier, Chips und Barbecue, ein altes Feindbild eingetrichtert.

Schlaaaaaaaand!


Nicolas Riedl, geboren 1993 in München, durchlief faste jede Schulform des deutschen Schulsystems und absolvierte neben einer kaufmännischen Ausbildung jeden Schulabschluss vom Quali bis zum Abitur. Schon in Kindheitsjahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben, eine journalistische Laufbahn verfolgte er jedoch nicht konsequent und versuchte stattdessen vergeblich, in der Filmbranche Fuß zu fassen. Ferner wurde er 2014 im Zuge der Ukrainekrise von der Politisierungswelle erfasst und verlor zunehmend sein berufliches Interesse in der Medienbranche. Nichtsdestotrotz veröffentliche er 2016 seinen ersten Film in Spielfilmlänge auf YouTube, drehte seither zahlreiche Musikvideos und studiert seit Oktober 2017 Politikwissenschaften mit Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen.

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