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Die Bildungsdesigner

Die Bildungsdesigner

Kitas und Schulen werden von innen heraus privatisiert. Exklusivabdruck aus „Bildungsindustrie“.

Der Begriff „Bildungsdesigner“ geht auf eine 2016 von mir geschriebene Satire mit dem Titel „Ratgeber für Bildungsdesigner“ zurück. Schon damals stand der Versuch, die Ökonomisierung des Bildungswesens zu forcieren, im Mittelpunkt des zugehörigen (fiktiven) Vortrags, in dessen Rahmen die Verankerung eines auf Messbarkeit und Funktionalität reduzierten Bildungsverständnisses als grundlegendes Prinzip empfohlen wurde.

Dementsprechend kann die hier vorliegende Satire als eine Art Fortsetzung verstanden werden, für die aber ein anderer Ausgangspunkt gewählt worden ist: Bei der jetzigen Fiktion geht es um eine nationale (d.h. in Deutschland ausgerichtete) Konferenz, die sich mit möglichst vielen Aspekten der in diesem Land anstehenden Digitalisierung aller Kitas und Schulen befassen soll.

Liebe Delegierte,

mit großer Freude begrüße ich Sie zu unserer ersten nationalen Konferenz, die ganz bewusst in Deutschland stattfindet, um den hier stationierten Bildungsdesignern die größtmögliche Unterstützung zukommen lassen zu können. Wie Sie wissen, ist die für Deutschland vorgesehene schulische Digitalisierung nicht in dem von uns erwarteten und erhofften Tempo vorangekommen.

Und das, obwohl uns die derzeitige Regierung jede nur erdenkliche Hilfe angedeihen lässt. So hat das Bundeskabinett bereits vor einiger Zeit beschlossen, die für die schulische Digitalisierung noch erforderliche Änderung des Grundgesetzes auf den Weg zu bringen. Damit meine ich, wie Sie sicherlich wissen dürften, die geplante Neufassung des Artikels 104(c).

Der heftigste Widerstand kommt aus den Reihen der alten Lehrer/innen, die sich noch ein anderes Bildungs- und Rollenverständnis angeeignet haben und starrsinnig daran festhalten. Darüber hinaus gibt es auch Wissenschaftler/innen, die den von uns verfolgten Zielen im Weg stehen und teilweise noch so jung sind, dass wir bei ihnen nicht — wie im erstgenannten Fall — mit einer biologischen Lösung unseres Problems rechnen können.

Deutlich besser sieht es für uns bei der Gruppe der Eltern aus. Es hat sich einfach ausgezahlt, dass wir ihnen die persönlichen Vorteile einer rein leistungs- und wettbewerbsorientierten Bildung unablässig eingehämmert haben. In einem noch spezifischeren Sinne hat sich die Studie „Kinder in der digitalen Welt“ als hilfreich erwiesen. Hierin werden die Eltern in sieben Gruppen aufgeteilt: digital Souveräne, effizienzorientierte Performer, unbekümmerte Hedonisten, postmaterielle Skeptiker, verantwortungsbedachte Etablierte, ordnungsfordernde Internet-Laien und internetferne Verunsicherte. Wer möchte sich schon nachsagen lassen, zu den beiden letztgenannten Gruppen der Ahnungslosen zu gehören?

Trotzdem gibt es bis heute noch zu viele Eltern, die sich weiterhin für den Erhalt einer überwiegend aus realen Begegnungen bestehenden Lernwelt stark machen. Hinzu kommt die typisch deutsche Angst vor einem Missbrauch persönlicher Daten. In diesem Land ist noch — selbst bei etlichen Kindern und Jugendlichen — ein zu großes Bewusstsein dafür vorhanden, dass mit digitalen Geräten Daten gesammelt und Verhaltensweisen von Menschen kontrolliert werden können. Deswegen waren wir ja auch so entsetzt, als die Facebook-Machenschaften (also die spezifische Datenweitergabe zu Wahlkampfzwecken sowie die generelle Datenweitergabe an alle Hersteller/innen von Endgeräten) ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind.

Vor diesem Hintergrund werden wir nicht umhinkönnen, uns im Interesse einer deutschlandweiten Beschleunigung der schulischen Digitalisierung mehr als üblich ins Zeug legen zu müssen. Damit habe ich das zentrale Ziel unserer ersten nationalen Konferenz benannt, wobei ich gleich hinzufügen möchte, dass die Erfüllung dieser aktuellen Aufgabe gar nicht einmal so schwer werden dürfte.

Eine Beschleunigung setzt auch im technischen Sinne eine Zentralisierung voraus. Deshalb kommt es uns — was allenfalls Außenstehende überraschen dürfte — sehr gelegen, dass wir auf das grandiose Scheitern eines in Berlin schon vor Jahren auf den Weg gebrachten Konzepts mit dem Namen eGovernment@school verweisen können, bei dem es — nicht zuletzt aus Gründen des Datenschutzes und der Datensicherheit — um eine dezentrale Steuerung der elektronisch zu erledigenden Verwaltungsaufgaben ging. Die Tatsache, dass allein mit diesem Versuch 30 Millionen Euro in den Sand gesetzt worden sind, ist ein noch immer gut geeignetes Argument für die Anschaffung zentraler Server.

Somit kann dieser Punkt unseres strategischen Plans zur digitalen Eroberung der deutschen Kitas, Schulen und Klassenzimmer bereits als abgehakt gelten, sodass ich eigentlich gleich zu den für Sie wichtigen Teilbereichen übergehen könnte. Da sich aber gezeigt hat, dass die eingangs schon kurz erwähnten Akzeptanzfragen eine große Rolle spielen können, hängt der Erfolg unserer Mission auch davon ab, wie gut wir diesen Bereich durchleuchtet und antizipiert haben. Anders ausgedrückt: Wir können es uns schlicht nicht leisten, die Bedeutung der, wie ich sie immer gerne nenne, menschlichen Faktoren zu unterschätzen.

Wenn es um die Gewöhnung der Menschen an eine digitalisierte Lebensweise geht, sollten wir am besten bei den Babys anfangen. Erfreulicherweise hat sich gerade hier schon etliches getan. Denken Sie nur an die intelligente Babysocke mit integriertem Puls-, Herzfrequenz- und Sauerstoffmesser, an die Smart-Strampler mit Sensoren für die Überwachung von Atmung, Schlafposition und -qualität, an das Gummi-Knöchelband von Sproutling, das die Stimmung des Kindes ankündigt oder an die Smart-Windel, deren Benutzung einen Alarm-Ton zur Folge hat.

Dieser ersten, noch nicht bewusst wahrgenommenen Begegnung mit der digitalen Welt kann rasch das Erleben einer nicht riech-, schmeck- und fühlbaren Außenwelt folgen. Hierher gehören Töpfchen mit integriertem Monitor, aber auch symbolgesteuerte Programme wie „Kids N Bids“, die schon ganz kleine Kinder mit dem Computer beziehungsweise den zugehörigen Lernspielen vertraut machen.

Eine andere Frage ist, ob es dieser frühen Konditionierung bedarf, um die Kinder an den Umgang mit virtuellen Welten zu gewöhnen. Wie wir wahrscheinlich alle in diesem Raum wissen, kann diese Frage glatt verneint werden, da Kinder mit Hilfe ihrer peer-groups und somit auch ohne eine vorherige Unterstützung durch die Erwachsenen diesen Zugang finden werden. Aber warum sollten wir uns dieses schöne Zusatzgeschäft entgehen lassen?

Der noch größere Nutzen besteht allerdings darin, dass wir mit jedem neu auf den Markt geworfenen Gerät und/oder Programm die um Gesundheitsrisiken und Frühförderung kreisenden Ängste unsicherer Eltern permanent wachhalten können. Und damit möchte ich Ihren Blick auf einen für uns ganz zentralen Umstand lenken: Mit dem Verkauf unserer Geräte und Programme sind — und zwar in jeder Lebensphase — gewaltige Versprechen verbunden!

Diese müssen vor allem dann immer wieder ins Gespräch gebracht werden, wenn es um die Einbindung der noch zögerlichen Erwachsenen geht. Sind Kinder mit im Spiel, wird das Versprechen einer durch Digitalisierung verbesserten Zukunftsperspektive im Vordergrund stehen, während in allen anderen Fällen die digital generierten Fortschritte in den Bereichen Sicherheit, lebensverlängernde Gesundheitsvorsorge und Kommunikation hervorzuheben sind.

Im Zusammenhang mit den zuletzt genannten Versprechen hat es sich sehr bewährt, diese mit Rabatten und/oder anderen Vergünstigungen zur Überwindung der hin und wieder noch vorhandenen Hemmschwellen zu verknüpfen.

Wirklich überraschend sind die auf diese Weise erzielten Erfolge nicht, da wir es hier mit einem sehr mächtigen Verbündeten in Gestalt unseres Stammhirns zu tun haben, das urzeitlich direkt und heftig auf Jagd- und Belohnungsreize reagiert. Aber wem erzähle ich das? Sie wissen genauso gut wie ich, dass unsere Spiel- und Lernprogramme mit ihren Levels und/oder zusätzlich zu erwerbenden Belohnungen genau diese archaische Ebene ansprechen.

Das heißt aber nicht, dass wir bei unseren Bemühungen um noch höhere Zustimmungsraten die anderen Ebenen vernachlässigen dürften. Eine sehr wichtige Rolle im Kampf um die Köpfe spielen die Medien. Auch hier möchte ich an ein schon etwas älteres Beispiel erinnern, bei dem es um die Verbreitung der im Rahmen der Studie ICILS 2013 (International Computer and Information Literacy Study) vorgestellten Ergebnisse ging. Damals war — einschließlich einer von Birgit Eickelmann für die Heinrich-Böll-Stiftung verfassten Auswertung — überall zu lesen, dass die deutschen Schüler/innen beim internationalen Vergleich digitaler Kompetenzen über einen mittleren Platz nicht hinausgekommen sind.

Die Wirkung war zwar nicht so gewaltig wie bei den von der OECD lancierten PISA-Tests, aber immerhin hat uns die bereits erwähnte Böll-Stiftung mit der von ihr publizierten Auswertung den Gefallen getan, eindringlich auf die unterschiedliche Art der Computernutzung bei benachteiligten und nicht benachteiligten Kindern hinzuweisen und daraus die in unserem Sinne richtigen Schlüsse zu ziehen.

Es ist nun einmal so, dass Kinder aus den so genannten bildungsfernen Elternhäusern die Computer beinahe ausschließlich wie die früheren Spielkonsolen nutzen, aber gerade dieser Umstand spielt uns in die Hände. Ausgehend von den auch in diesem Bereich festzustellenden milieubedingten Unterschieden können wir verkünden, dass wir mit Hilfe unserer hochwertigen Lernprogramme einen noch nie so umfangreich möglichen Beitrag zur Überwindung der Bildungsungerechtigkeit leisten werden.

Unter diesem Vorzeichen sind viele der für uns günstigen Weichenstellungen schon in den beiden letzten, wenn ich mal so sagen darf, noch weitgehend analogen Jahrzehnten vorgenommen worden. Dazu zählen die im Windschatten der PISA-Tests mittlerweile fast überall installierten Vergleichsarbeiten oder die schon sehr weit fortgeschrittenen Absprachen zur Einführung eines Zentralabiturs. Denn das ist es, was wir vordringlich brauchen: Gleiche Standards, um die Schüler/innen im Zuge der Datenauswertung möglichst schnell einsortieren zu können.

Eine solche Überlegung ist natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wenn beispielsweise alle Eltern wüssten, dass wir das Benutzer/innenverhalten ihrer Kinder insbesondere beim Umgang mit Schulcomputern abspeichern und in späteren Lebensabschnitten bei Bedarf wieder aufrufen, könnte unsere langjährige Beeinflussungsstrategie auf einen Schlag als das erkannt werden, was sie tatsächlich ist: Lobby-Arbeit im Interesse von Großkonzernen.

Soweit darf es selbstverständlich auch bei den Lehrerinnen und Lehrern nicht kommen, zumal wir derzeit noch stark auf deren Multiplikatorenfunktion angewiesen sind. Wir haben allerdings schon erreicht, dass sich die Lehrer/innen in zunehmendem Maße auch in Deutschland als Coaches oder Lernbegleiter/innen verstehen.

Über diese Entwicklung kann ich mich immer ganz besonders freuen, da sie uns mit Hilfe eines Arguments gelungen ist, das eine Deckungsgleichheit der schulischen Interessen mit unseren eigenen Absichten suggeriert.

Mehr Zeit für das einzelne Kind zu haben, begeistert nicht nur die Lehrer/innen, sondern auch uns, da dieses Vorgehen eine gute Vorbereitung auf eine überwiegend individuelle Aneignung des Lernstoffes darstellt, wodurch zugleich der Boden für ein neues Gesellschaftsverständnis bereitet wird: Zukünftige Generationen benötigen keine öffentliche Daseinsvorsorge mehr, weil sie von Kindesbeinen an gelernt haben, dass sie für ihren Erfolg im Leben weitestgehend selbst verantwortlich sind.

Damit bin ich aber schon bei unseren sehr langfristigen Zielen angelangt, weshalb es an der Zeit sein dürfte, den Fokus endlich auf die Ihnen im Rahmen unseres Plans zur Beschleunigung der Digitalisierung aller deutschen Kitas und Schulen zugedachten Handlungsbereiche zu richten, die sich vier Schwerpunkten zuordnen lassen:

  1. Installation Hardware
  2. Herausstellen der Vorteile
  3. Relativierung der Nachteile
  4. Bestimmung der Lerninhalte

Hinsichtlich des zuerst genannten Schrittes wird Ihre Hauptaufgabe darin bestehen, die Bereitschaft zur Anschaffung von Hardware in Gesprächen mit Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker/innen wach zu halten. In der Sache geht es um Dinge wie Server, Clouds, W-LAN-Anschlüsse sowie die in Frage kommenden Endgeräte, bei denen es sich um Smartphones, Tablets oder PCs handeln kann.

Um wenigstens bei den Endgeräten sparen zu können, ist mittlerweile schon häufiger vorgeschlagen worden, dass die Schüler/innen ihre eigenen Smartphones im Unterricht benutzen sollten. Das können wir natürlich auf gar keinen Fall zulassen, da unsere Anstrengungen nicht zuletzt auf die Erschließung eines gewaltigen zusätzlichen Absatzmarktes hinauslaufen. Aber auch in dieser Hinsicht hilft uns eine schon etwas länger zurückliegende Auswertung weiter, die sich auf einen in Hamburg durchgeführten Einsatz schülereigener Smartphones bezieht. Die damals festgestellte Untauglichkeit dürfte zwar eher ein Indiz für die strukturelle Uneinlösbarkeit des digitalen Bildungsversprechens gewesen sein, aber das muss uns ja nicht kümmern.

So viel zu Ihrem ersten Tätigkeitsschwerpunkt, bei dem es für Sie natürlich auch um die Beschaffung möglichst vieler Fördergelder gehen wird. Dabei lassen Sie sich bitte nicht von dem Wissen irritieren, dass die derzeit in Aussicht gestellten Fördergelder hinten und vorne nicht reichen werden. Da kann ich nur sagen: Umso besser! Wo Mangel herrscht, wird der Ruf nach Privatisierung laut und da helfen wir doch gerne aus. Ganz aktuell geschieht das in München, wo die Stadt über 200 Stellen des Referats für Bildung und Sport und somit die Betreuung von 35.000 Computern in eine private Gesellschaft auslagern will.

Nun aber endgültig zu dem mit „Herausstellen der Vorteile“ bezeichneten zweiten Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit. In diesem Bereich ist Ihr Können ganz besonders gefragt, da digitale Medien nur Lernhäppchen und — wie ich es vorhin schon kurz angedeutet habe — keinesfalls Bildung vermitteln können.

Mit anderen Worten sind Sie gut beraten, wenn Sie sich auf eine so große und grundsätzliche Diskussion gar nicht erst einlassen. Werfen Sie stattdessen mit Begriffen wie Kreativitätsförderung, Medienkompetenz und Zukunftsfähigkeit zur Kennzeichnung der für die Schüler/innen zu erwartenden Vorteile um sich. Am leichtesten werden Sie es bei der Kreativitätsförderung haben, da mit Tablets und Computern beispielsweise Bilder gemalt, Musikstücke komponiert oder eigene Filme gedreht werden können. Dass fest integrierte Kameras bei bestimmten Geräten auch beidseitig funktionieren und somit zu Kontrollzwecken eingesetzt werden können, muss ja gar nicht erst erwähnt werden.

Zurückhaltung sollten Sie auch beim Thema Medienkompetenz üben. Das gilt zumindest für einige der hierzu formulierten und von Ihnen selbstverständlich zu unterstützenden Ziele wie die Fähigkeit zur Unterscheidung von echten und falschen Nachrichten oder die Fähigkeit zum rechtzeitigen Erkennen gefährlicher sexueller Annäherungsversuche. Schwierig könnte es werden, wenn die Forderung nach einem einfachen Abstellen der entsprechenden Seiten auftaucht, aber auch in diesem Fall lässt sich der Spieß umdrehen, indem Sie bedauernd darauf hinweisen, dass der Erwerb von Medienkompetenz gerade deshalb so wichtig ist, weil sich die im Netz befindlichen unwahren oder gefährlichen Inhalte vor allem unter juristischen Gesichtspunkten nicht so einfach entfernen lassen.

Weitgehend unumstritten sind die durch das Internet neu eröffneten Präsentationsmöglichkeiten, die sowohl zur Darstellung von Arbeitsergebnissen als auch zur Dokumentation von Arbeitsverläufen geeignet sind. Dem gegenüber werden die ebenfalls rasant angestiegenen Recherchemöglichkeiten oft nur im Sinne eines ziemlich willkürlichen Zusammenstückelns fremder Texte genutzt. Mit Sicherheit ist dieses Schüler/innenverhalten auch auf die inzwischen eingetretene Gewöhnung an modular und somit kleinteilig aufbereitete Lernangebote zurückzuführen, die wir schon vor Jahren erfolgreich durchgesetzt haben. Schon allein deshalb sollten Sie dieses Thema mit Hinweisen auf andere in Frage kommende Ursachen neutralisieren.

Bei den für die Erwachsenen gedachten Versprechen sollte die bereits erwähnte Verheißung einer weitgehenden Beseitigung der Bildungsungerechtigkeit ganz oben stehen. Daran stimmt, dass wir auch den benachteiligten Schülerinnen und Schülern Computerwelten eröffnen können, die jenseits von Ballerspielen liegen und darüber hinaus damit zu rechnen ist, dass sie Gefallen an dem einen oder anderen Lernspiel finden werden. Eine andere Frage ist, ob sich die in diesem Bereich besonders stark voneinander abweichenden Startbedingungen auf diese Weise tatsächlich einebnen lassen.

Die bisherigen, vor allem in den USA gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin, dass computergestütztes Lernen generell eher schädlich als nützlich ist, sodass denjenigen Kindern, die es am nötigsten hätten, auf diese Weise nicht wirklich geholfen werden kann. Sollte Ihnen dieses Argument entgegengehalten werden, können Sie aber immerhin darauf verweisen, dass beinahe alle Kinder die niedlichen Zeichentrick-, Plüsch- oder Knetfiguren lieben und somit wenigstens auf der emotionalen Ebene eine Art Ausgleich stattfindet.

Und was ist nun mit der Zukunftstauglichkeit? Seriös lässt sich zu diesem Thema überhaupt nichts sagen, zumal die mit künstlicher Intelligenz vollgestopften und selbstlernenden Roboter dermaßen auf dem Vormarsch sind, dass wir schon um den Erhalt unserer eigenen Arbeitsplätze bangen müssen. Trotzdem sollten wir weiterhin tapfer behaupten, dass im Falle einer Digitalisierung von Kitas und Schulen mit herrlichen Zukunftsperspektiven für die jetzt aufwachsenden Kinder zu rechnen ist, während ein Verzicht auf diese Option zu einer großen allgemeinen Verelendung führen würde.

Auf einem ganz anderen Gebiet können Sie sogar echten Optimismus ausstrahlen, wobei ich vor allem an die Lehrer/innen denke. Mit jeder Arbeit am Tablet oder Computer werden sowohl die Fortschritte als auch die Probleme eines Kindes festgehalten, sodass in Zukunft die oft als lästig empfundenen und auf jeden Fall zeitraubenden Lernstandsprotokolle entfallen können. Ob diese Art der permanenten Leistungsmessung und -rückmeldung auch dem Wohle des Kindes dient, ist eine völlig andere Frage, die aber vor lauter Freude über die erhebliche Arbeitsentlastung kaum noch gestellt werden dürfte. Langfristig können Sie sogar die Abschaffung der halbjährlich zu schreibenden Zeugnisse in Aussicht stellen, was nicht nur einen weiteren Entlastungseffekt mit sich brächte, sondern auch noch einen reformpädagogischen Anstrich hätte.

Für den dritten Tätigkeitsbereich, in dem die Relativierung der Nachteile im Vordergrund steht, gilt der Grundsatz, dass wir möglichst keine Zweifel aufkommen lassen dürfen, auch wenn uns die Fragwürdigkeit unserer großartigen Versprechen sehr wohl bewusst ist. Unser Vorgehen ist alles andere als kindgerecht, weshalb sich die von uns versprochenen Effekte allenfalls — wenn überhaupt — in einem sehr bescheidenen Maße einstellen werden. Man denke nur an das klägliche Ende der auch in Holland gegründeten Steve-Jobs-Schulen.

Doch während sich etliche der inzwischen gewonnenen Erkenntnisse einfach verschweigen lassen, gibt es auch derart deutlich zu Tage tretende Aspekte, dass wir um diesbezügliche Stellungnahmen nicht herumkommen werden. Anstelle eines ohnehin leicht zu widerlegenden Leugnens sollten wir in diesen Fällen eine Beschwichtigungsstrategie verfolgen.

Als Beispiel nenne ich die den Lehrerinnen und Lehrern zunehmend entgleitende Methodenfreiheit, der wir mit dem Hinweis begegnen können, dass der Einsatz von Computern eine enorme Erweiterung ihres methodischen Rüstzeugs darstellt. Anders formuliert: Der häufig erzwungene Wegfall steuernder Eingriffe dürfte durch die unbestreitbare Attraktivität der neu zur Verfügung gestellten Lernmittel ausreichend kompensiert werden.

Noch offensichtlicher ist die Tatsache, dass eine komplette Digitalisierung der Kitas und Schulen zu einem medialen Dauerkonsum der Kinder und Jugendlichen beiträgt. Nicht ohne Grund gibt es in etlichen Schulen noch immer Handy-Verbote. Dabei müssen wir noch nicht einmal an die sehr wahrscheinliche Ausweitung des Suchtverhaltens denken, da sich emotionale Verkümmerungen auch schon dann einstellen, wenn Kinder mehr Zeit mit Avataren als mit realen Menschen verbringen.

Meine eigenen Kinder würde ich deshalb nie auf eine solche Schule schicken, aber das steht hier nicht zur Debatte. Stattdessen müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass vor allem die benachteiligten Kinder von unseren schulischen Angeboten profitieren, da sie anderenfalls so gut wie nie mit hochwertigen Lernprogrammen in Berührung kämen.

Gleich anschließend können Sie den inklusionsfördernden Charakter der schulischen Digitalisierung anpreisen: Die Lernprogramme sind schließlich so gestrickt, dass tatsächlich für jeden etwas dabei ist, wodurch es weder zu Unter- noch zu Überforderungen kommen kann. Darüber hinaus hat die häufige Vereinzelung der Schüler/innen den Effekt, dass sich die oft krassen Leistungsunterschiede nicht so schnell bemerkbar machen, was sich wiederum positiv auf das in den Schulen oder Klassen herrschende Klima auswirken dürfte.

Es ist schon verrückt: Während wir mit den benachteiligten und/oder behinderten Kindern wegen ihrer schon früh feststehenden beruflichen Unverwertbarkeit nichts anfangen können, sind sie gleichzeitig und nicht erst seit heute unsere wertvollste Ressource, wenn es um das Durchdrücken unserer Anliegen geht. Ihrer Existenz haben wir es zu verdanken, dass wir der Verfolgung unserer rein geschäftlichen Interessen ein menschliches Antlitz geben können.

Das nächste zu umschiffende Problem betrifft das von uns favorisierte Eintrittsalter, das allen vorliegenden Erkenntnissen zur Entwicklung des kindlichen Gehirns widerspricht. Danach befinden sich die Kinder bis ungefähr zum 12. Lebensjahr in einer Reifungsphase, in der sie besonders stark auf das Erleben realer Außenreize angewiesen sind.

Umso wichtiger ist es für uns, dass wir in diesem Zusammenhang erneut jene Eltern mobilisieren, die in erstaunlich großer Zahl von der Hochbegabung ihres Nachwuchses überzeugt sind. Den darauf fixierten Eltern kann es gar nicht früh genug mit dem Einsatz von Lernprogrammen aller Art losgehen, weshalb sie es selbstverständlich befürworten, dass mit der Digitalisierung schon in den Kitas begonnen wird.

In allen anderen Fällen empfiehlt sich die Aktivierung eines weiteren hierzulande leicht auslösbaren Reflexes. Damit meine ich die bei vielen Deutschen grassierende Angst, dass ihnen jemand etwas wegnehmen könnte, was sich in unserem Interesse mit den Schlagwörtern ‚Verlust von Arbeitsplätzen‘ und ‚Verlust der Weltmarktposition‘ verbinden lässt.

Darüber hinaus sollte uns nichts davon abhalten, etwas dezidiert Gutes zu tun. So können wir uns für eine kinder-freundliche Schularchitektur oder für die Schaffung abwechslungsreicher Pausen- und Spielplätze einsetzen, die den Schülerinnen und Schülern in den digitalfreien Erholungszeiten zur Verfügung stehen. Dass auch diese Angebote etwas Künstliches an sich haben, muss ja nicht extra betont werden, zumal sie in der Öffentlichkeit schon längst als vollwertiger Ersatz gelten.

Last but not least können wir uns auf das schlechte Gedächtnis der Verbraucher/innen verlassen. So ist es noch gar nicht so lange her, dass es einen Aufschrei wegen der internetfähigen Puppen und Kuscheltiere gegeben hat, mit denen Kinder ausspioniert werden können, weil das, was sie ihren Spielzeugpartnern sprechend anvertrauen, aufgezeichnet und in Clouds gespeichert wird.
In Deutschland ist die mit diesen Funktionen ausgestattete Puppe Cayla inzwischen verboten worden, aber wer erinnert sich noch daran? Jedenfalls hat dieses Verbot nicht dazu geführt, dass der Markt für die ‚Cloud Pets‘ dauerhaft eingebrochen wäre oder dass sich daraus andere von uns ernst zu nehmende Reaktionen auf das schon sehr früh praktizierte Unterlaufen des informationellen Selbstbestimmungsrechts ergeben hätten.

Aber wie schon gesagt: Dieser äußerst heikle Punkt ist schon längst wieder aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Und wenn argumentativ tatsächlich nichts mehr gehen sollte, bleibt immer noch die nüchterne Feststellung, dass auch in Deutschland die Digitalisierung von Kitas und Schulen so oder so kommen wird. Ihre Gesprächspartner/innen werden höchstwahrscheinlich dann schon von selbst zu der Einsicht gelangen, dass es unter diesen Umständen am vernünftigsten sein dürfte, sich mit dieser Entwicklung zu arrangieren.

Im Zusammenhang mit dem letzten der Ihnen zugedachten Tätigkeitsbereiche kann ich mich vergleichsweise kurz fassen, da sich die Bestimmung der Lerninhalte häufig wie von selbst ergibt. Das gilt zumindest dann, wenn es Ihnen gelingt, die Anschaffung von Lernprogrammen zu forcieren, die viele Jahrgangsstufen umfassen. Ein wirklich gut funktionierendes Beispiel ist das in Kalifornien entwickelte Mathematik-Lernprogramm mit dem Pinguin Jiji, der auch noch 18-jährigen Jugendlichen den Weg zu weisen vermag.

Inwieweit die Digitalisierung selbst zum Unterrichtsgegenstand werden sollte, ist bislang noch nicht abschließend geklärt. Trotzdem kann es nicht schaden, wenn Sie schon jetzt so oft wie möglich die Ansicht vertreten, dass das derzeit diskutierte Erlernen einer Programmiersprache eine gute Voraussetzung für den Erwerb einer medialen Mündigkeit darstellt. Diesen nach einem guten Bildungsziel klingenden Aspekt müssen Sie auch deshalb immer wieder betonen, weil das Erlernen einer Programmiersprache zu dem von Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft entwickelten Konzept zur Gewinnung späterer Mitarbeiter/innen gehört, die schon in der Schule über ein neu einzuführendes Fach Informatik mit maschinellen Funktionsweisen und Abläufen vertraut gemacht werden sollen.

Wie Sie wissen, bieten mittlerweile alle großen IT-Konzerne Komplettlösungen im Sinne einer allumfassenden schulischen Anwendungs- und Infrastruktur an, was in Sachsen-Anhalt schon zu einer mit Microsoft vereinbarten partnerschaftlichen Absichtserklärung geführt hat.

Aber auch unterhalb dieser Ebene kann ich Ihnen Erfreuliches berichten. So stellt die Bundesregierung für den Einsatz digitaler Unterrichtsmaterialien Fördergelder zur Verfügung, obwohl diese natürlich von privaten Unternehmen als „open educational resources“ (kurz: OER) zur Verfügung gestellt werden.

Sie selbst können mit dem Angebot scheinbar kostenloser Apps punkten, bei denen Außenstehende kaum auf die Idee kommen dürften, dass diese in erster Linie als Kundenbindungsprogramme gedacht sind. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass junge Menschen, die schon in der Schule jahrelang mit den Programmen eines bestimmten Anbieters gearbeitet haben, diesem auch danach treu bleiben werden.

Um es kurz zusammenzufassen: Wir können darauf vertrauen, dass sich eine für uns günstige Zentralisierung der Lerninhalte in vielfacher Hinsicht von selbst ergeben wird. Und für die derzeit im analogen Bereich noch bestehenden Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern ist doch auch schon eine Lösung in Sicht: Sobald wir es geschafft haben, die Privatisierung öffentlicher Schulen bundesweit durchzusetzen, wird die Einführung zentraler Bildungsstandards nur noch eine Frage der Zeit sein.

Liebe Delegierte, nachdem ich nun sowohl das allgemeine Umfeld als auch Ihre speziellen Aufgaben etwas näher skizziert habe, ist es nun an Ihnen, sich im Verlauf dieses Kongresses darüber zu verständigen, welche Teams wo und in welcher zeitlichen Reihenfolge in Erscheinung treten sollten. In inhaltlicher Hinsicht achten Sie bitte auf eine schlüssige Abfolge Ihrer Argumentationsketten, wobei in dieser Phase zwei Andeutungen unbedingt zu vermeiden sind.

Damit meine ich die zunehmende Anzahl der sich selbsterklärenden Programme, die eine Anwesenheit von Lehrpersonen immer überflüssiger machen und erst recht die von uns beabsichtigte Privatisierung des gesamten Bildungswesens. In beiden Fällen wäre es höchst kontraproduktiv, wenn Sie Ihren Gesprächspartnerinnen und -partnern schon jetzt reinen Wein einschenken würden. Apropos Wein: Das gleich anschließende Mittagessen hält einige edle Tropfen für Sie bereit, weshalb ich Ihnen am Ende meines Vortrags eine angenehme Pause wünschen und versprechen kann.


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„Bildungsindustrie“, Simon Kunert, Manuel Rühle, Schneiderverlag Hohengehren GmbH, Oktober 2018, 175 Seiten.

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