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Die Begriffsverwirrung

Die Begriffsverwirrung

Die Definition des Begriffs „Pandemie“ wurde mehrfach geändert und ist bis heute zu unscharf.

Ein Hauptauslöser dieser Debatte ist sicherlich die Arte-Dokumentation „Profiteure der Angst“ (1) aus dem Jahr 2009. In dem Film wird dargelegt, wie es seinerzeit dazu kam, dass die Verbreitung des H1N1-Virus zu einer globalen Pandemie, der sogenannten Schweinegrippepandemie, erklärt werden konnte. Eine Pandemie, die sich letztlich als eine der mildesten Grippewellen der vergangenen Dekaden entpuppte.

Die Filmemacher wiesen darauf hin, dass die WHO im Mai 2009 eine Umdefinierung des Pandemiebegriffs vorgenommen hatte, bevor die Schweinegrippepandemie im Juni desselben Jahres offiziell ausgerufen wurde. Demnach habe die WHO zwei wesentliche Punkte aus der Pandemiedefinition gestrichen: Zum einen, dass es für die Ausrufung der höchsten Pandemiestufe eine enorme Anzahl an Todesfällen geben muss, und zum anderen, dass es zu einer ebenso großen Anzahl an Erkrankungen in mehreren Staaten kommen muss.

Eine Umdefinierung, die nun wieder seit Monaten den Kern hochumstrittener Debatten bildet. Denn nachdem die Dokumentation jahrelang im Schatten des öffentlichen Interesses brachlag, war sie es, die zu Beginn der Corona-Krise eine bis heute andauernde Kontroverse entfachte.

So trug ein „Faktencheck“ des Recherchenetzwerks Correctiv vom Oktober 2020 den Titel: „Nein, eine hohe Sterblichkeitsrate war bei der WHO nie Voraussetzung für ,Pandemie‘-Definition.“

Den Recherchen der Journalisten zufolge habe die Sterblichkeitsrate bei der Definition der unterschiedlichen Pandemiephasen durch die WHO weder vor der Schweinegrippepandemie noch danach eine Rolle gespielt. Die Filmemacher von Arte hätten sich fälschlicherweise auf einen Q&A-Beitrag der WHO zur Influenzapandemievorsorge bezogen, in welchem die WHO – sozusagen entgegen ihrer eigenen Leitlinien — übermäßige Todesfälle und eine große Anzahl an Erkrankungen in den Pandemiebegriff integrierte.

Unerwähnt lassen die Faktenchecker dabei allerdings, dass das Team von Arte sich damals nicht ausschließlich auf das genannte Online-Dokument, sondern auch auf die Aussagen von Sprechern der WHO und externen Experten gestützt hatte, was mir die Autorin des Films in einer Presseanfrage bestätigte. Ein ziemliches Definitionswirrwarr also, bei dem selbst die Mitarbeiter der WHO scheinbar den Überblick verloren haben.

Behördliche Konfusion

Doch die Verwirrung in Fragen korrekter Pandemie-Termini beschränkt sich nicht nur auf die Angestellten der WHO. Auch der Internetauftritt des Robert Koch-Instituts (RKI) zeugt in diesem Zusammenhang von einer gewissen Konfusion — zumindest, was die nähere Vergangenheit angeht. In einer Stellungnahme unter dem Titel: „Hat die Weltgesundheitsorganisation die Pandemiephasen-Definition geändert, damit eine Pandemie ausgerufen werden konnte?“, schreibt die Behörde: „Die Schwere war nie ein Kriterium für die Definition des Pandemiebeginns (Ausrufung der Phase 6)“.

Gleichzeitig heißt es aber im nationalen Pandemieplan von 2007 (Download): „Eine Influenzapandemie (Phase 6 nach Einteilung der WHO) ist unter dem Aspekt des allgemeinen Krisenmanagements eine langanhaltende, länderübergreifende Großschadenslage“, die „derart nachhaltige Schäden verursacht, dass die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen gefährdet oder zerstört wird“.

Nehmen wir einmal an, zwischen 2007 und 2010 fand keine Anpassung der Definition der Pandemiephasen statt. Auf welcher Grundlage bewertete das RKI dann eine pandemisch bedingte „Großschadenslage“, wenn die Schwere selbst gar kein Kriterium für den Pandemiebeginn war/ist?

Nun könnte man berechtigterweise entgegnen, das sei doch schon eine ganze Weile her. Dass man aus Fehlern lernen kann. Und dass ja nicht die WHO auf Basis epidemiologischer Daten Maßnahmen ergreifen muss, sondern die Politiker einzelner Staaten. Dann lautet allerdings die entscheidende Frage: Drücken sich die Politiker denn präziser aus? Was ist zum Beispiel mit der sogenannten „Epidemie nationaler Tragweite“? Nach welchen formalen Kriterien wird diese vom deutschen Bundestag bestimmt? Die überraschende und offizielle Antwort lautet: Solche Kriterien gibt es nicht.

In einer Ausarbeitung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags (Download) heißt es hierzu explizit:

„Außer dem Beschluss müssen keine weiteren Voraussetzungen erfüllt werden, um eine epidemische Lage annehmen zu können. (…) Der Beschluss des Bundestages ist also maßgebend, unabhängig davon, ob tatsächlich eine epidemische Lage angenommen werden kann.“

Was das konkret bedeutet, brachte der Journalist Paul Schreyer in einem lesenswerten Artikel treffend auf den Punkt:

„Eine epidemische Notlage kann beschlossen werden und solange bestehen bleiben, wie es im Bundestag eine Mehrheit dafür gibt, unabhängig von den epidemiologischen Fakten.“

Öffentliches Vertrauen auf der Kippe

Ich frage mich: Ist das wirklich der richtige Weg, um Vertrauen bei der Bevölkerung zu schaffen?

Dürfen sich große Institutionen wie der Bundestag oder die WHO bei einer solch schwammigen Kommunikation darüber wundern, wenn Menschen beginnen, angeblich festgelegte Begrifflichkeiten zu hinterfragen?

Und darf sich die WHO darüber beschweren, dass sie öffentliches Vertrauen verspielt hat, indem sie bei der Entscheidung darüber, ob die Schweinegrippe eine Pandemie der Stufe 6 ist, Berater hinzugezogen hat, die Gelder von den Pharmakonzernen Roche und GlaxoSmithKline erhielten, also Konzerne, die von der Ausrufung der höchsten Pandemiestufe massiv profitieren (Stichwort: Impfdosenbestellung)?

In dem eingangs erwähnten Arte-Film kommt auch ein Krisenmanager der WHO zu Wort. Befragt zur Definition der höchsten Pandemiestufe im Kontext der Schweinegrippe antwortet er:

„Vielleicht macht man sich bei der nächsten Pandemie mehr Gedanken. Jetzt nach dem technisch-epidemiologischen Terminus ist die Pandemie eine globale Krankheit. Ob das genau bei einer Grippe zutreffend ist, das muss man noch einmal überprüfen.“

Genau hier liegt aber der Hase im Pfeffer. Denn ganz egal, ob die Definitionen geändert wurden oder nicht – Fakt ist, dass die höchste Pandemiestufe, die Stufe 6, heute so charakterisiert ist, dass dasselbe identifizierte Virus in drei oder mehr Ländern zweier WHO-Regionen „zu anhaltenden Ausbrüchen auf Gemeindeebene“ führt.

Fakt ist aber auch, dass nach dieser Definition die Spanische Grippe 1918 ebenso wie die äußerst milde Schweinegrippe eine Pandemie der höchsten Stufe war. Die erstere mit einer hohen Letalität von 2 bis 3 Prozent, die andere hingegen mit 0,02 Prozent — immerhin eine Diskrepanz um den Faktor 100. Beides entspricht laut der gültigen Pandemiedefinition der höchsten ausrufbaren Pandemiestufe.

Darf man sich angesichts dessen darüber wundern, wenn Laien im Falle der Schweinegrippe von einer „Fake-Pandemie“ sprechen? Die Begriffe „Pandemie“ und „Panik“ liegen nun einmal sehr nah beieinander, und nicht nur sprachlich. Würde man auf der Straße eine Umfrage starten, was nach Meinung der Bürger eine Pandemie auszeichnet, so würde wohl die überwältigende Mehrheit antworten, dass es im Laufe einer Pandemie überproportional viele Todes- und Erkrankungsfälle gibt.

Das Wort „Pandemie“ ist in unserem Unterbewusstsein schlicht mit Katastrophen wie der Pest oder eben der Spanischen Grippe verbunden.

Wenn also eine Behörde, deren Empfehlungen im Ernstfall möglichst alle Bewohner dieses Globus Folge zu leisten haben, eine Pandemie so definiert, dass die Schwere hierbei nur eine stark untergeordnete Rolle spielt, so liegt es ganz klar in ihrer Verantwortung, den Begriff um seinen historischen Ballast zu erleichtern. Oder aber man überdenkt noch einmal die Definitionen. Die Hysterie bei der sogenannten Schweinegrippepandemie hat jedenfalls gezeigt, dass dies nicht gelungen ist. Und dass man aus den Fehlern der Vergangenheit nur unzureichend gelernt hat, zeigt sich heuer bei Corona.

Der ganzen Diskussion, ob es sich bei der Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus um eine „Pandemie“ beziehungsweise eine „Epidemie nationaler Tragweite“ handelt, liegt also ein grundlegendes kommunikatives Missverständnis zugrunde, welches der französische Schriftsteller André Gide einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat: „So geht es oft mit einer Unterhaltung: Nach einer Weile vergeblicher Auseinandersetzung merkt man, dass man gar nicht von derselben Sache gesprochen hat.“ Für künftige Krisensituationen sollte also Ziel sein, dass wir möglichst wieder dieselbe Sprache sprechen – egal, ob es sich dabei nun um „Pandemien“, „Epidemien nationaler Tragweite“ oder schlicht um „triftige Gründe“ handelt.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Die Arte-Dokumentation wird auf YouTube derzeit immer wieder gelöscht mit der Begründung, Arte selbst habe eine Urheberrechtsverletzung beanstandet. Derzeit ist die Dokumentation hier zu sehen; ansonsten empfiehlt es sich, den Titel der Reportage im Suchfeld einzugeben oder auf alternativen Videoportalen abzurufen.

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