Die Angst vor dem Osten

Im kommenden Jahrzehnt könnten sich die USA wegen der Neuen Seidenstraße mit Russland, China und dem Iran anlegen.

Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen ordnet der brasilianische Journalist Pepe Escobar, dessen Artikel in alternativen englischsprachigen Medien wie Asia Times, Consortium News, Global Research oder Strategic Culture Foundation erscheinen, die US-amerikanische Politik in Syrien, im Irak und gegen Iran in einen Gesamtzusammenhang ein. Diese Politik ist vom Bemühen der „exceptional nation“ USA geprägt, ihren allmählichen, unvermeidlichen Niedergang als Supermacht aufzuhalten. Dieses Bemühen richtet sich in erster Linie gegen China sowie gegen Russland. Beide Länder treiben die eurasische Integration im Rahmen der Shanghaier Kooperation für Zusammenarbeit und des Projektes „Neue Seidenstraße“ voran. Iran, Syrien und der Irak sind die entscheidenden Bausteine für deren Verbindung zum östlichen Mittelmeer. Die Verhinderungsstrategie der USA besteht in der Chaotisierung dieser Region. Das Hauptmotiv für die US-Politik im Nahen Osten ist die Erhaltung der globalen US-Dominanz, weil China in der Lage ist, durch seine Präsenz und seinen Einfluss in der Region das Petrodollar-System auszuhebeln. Damit entfiele eine wesentliche Finanzierungsgrundlage für den US-Militärapparat. Mit dem Begriff „Herzland“ verweist Pepe Escobar auf ein heute 116 Jahre altes geopolitisches Konzept, das vom englischen Geographen Halford Mackinder entwickelt worden war, und das bis heute die anglo-amerikanischen Strategien bestimmt.

Die „Wilden Zwanziger Jahre“ begannen mit einem Paukenschlag: Der gezielten Ermordung des iranischen Generals Qasem Soleimani. Doch ein noch größerer Knall erwartet uns im Laufe des Jahrzehnts: die unzähligen Spielzüge des neuen „Great Game“ in Eurasien, in dem die USA gegen Russland, China und den Iran, die drei großen Knotenpunkte der eurasischen Integration, antreten.

Jeder Spiel verändernde Akt in Geopolitik und Geoökonomie im kommenden Jahrzehnt wird im Zusammenhang mit diesem epischen Zusammenprall analysiert werden müssen.

Der Tiefe Staat und wichtige Personen der herrschenden Klasse in den USA sind zutiefst erschrocken, dass die „unentbehrliche Nation“ wirtschaftlich von China und militärisch von Russland bereits überholt wurde. Das Pentagon bezeichnet die drei eurasischen Knotenpunkte offiziell als „Bedrohungen“.

Hybride Kriegstechniken mit eingebauter Rund-um-die-Uhr-Dämonisierung werden sich ausbreiten, mit dem Ziel, die chinesische „Bedrohung“, die russische „Aggression“ und die „Terrorismusförderung des Iran“ einzudämmen. Der Mythos vom „freien Markt“ wird weiterhin unter einer Flut illegaler Sanktionen ertrinken, die euphemistisch als neue Handelsbestimmungen ausgelegt werden.

Doch das wird kaum ausreichen, um die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China zum Scheitern zu bringen. Um den tieferen Sinn dieser Partnerschaft zu erschließen, müssen wir verstehen, dass Peking diese Partnerschaft als Übergang zu einer „neuen Ära“ bezeichnet. Das bedeutet eine strategische Langzeitplanung — mit dem Stichtag 2049, dem hundertsten Geburtstag des Neuen China.

In der Tat sind die 2040er Jahre im Blickfeld für die zahlreichen Projekte der „Belt and Road Initiative“, wie die von China vorangetriebene Neue Seidenstraße; dann will Peking erwartungsgemäß ein neues, multipolares Netzwerk souveräner Nationen/Partner in ganz Eurasien und darüber hinaus geknüpft haben, die alle durch ein ineinander greifendes Labyrinth aus Bändern und Straßen miteinander verbunden sein sollen.

Das russische Projekt — Greater Eurasia — spiegelt ein wenig Belt & Road wider und wird darin integriert sein. Belt & Road, die Eurasische Wirtschaftsunion, die Shanghai Cooperation Organization und die Asia Infrastructure Investment Bank arbeiten alle auf die gleiche Vision hin.

Realpolitik

Diese „neue Ära“, wie die Chinesen sie definieren, ist also in allen Bereichen stark auf eine enge russisch-chinesische Koordination angewiesen. Made in China 2025 umfasst eine Reihe technisch-wissenschaftlicher Durchbrüche. Gleichzeitig hat sich Russland als eine beispiellos technologische Ressource für Waffen und Waffensysteme etabliert, mit der die Chinesen noch immer nicht mithalten können.

Auf dem letzten BRICS-Gipfel in Brasilia sagte Präsident Xi Jinping zu Wladimir Putin, dass „die derzeitige internationale Situation aufgrund der zunehmenden Instabilität und Unsicherheit China und Russland dazu drängt, eine engere strategische Koordinierung herzustellen“. Putins Antwort:

„In der gegenwärtigen Situation sollten beide Seiten weiterhin eine enge strategische Kommunikation pflegen.“

Russland zeigt China, wie der Westen realpolitische Macht in jeder Form respektiert, und Peking beginnt endlich, seine Macht zu nutzen. Das Ergebnis ist, dass nach fünf Jahrhunderten westlicher Vorherrschaft — die übrigens zum Niedergang der alten Seidenstraße geführt hat — das Herzland mit einem Paukenschlag zurückkehrt und seine Vormachtstellung behauptet.

Eine persönliche Bemerkung: Meine Reisen von Westasien nach Zentralasien in den vergangenen zwei Jahren und meine Gespräche mit Analysten in Nur-Sultan, Moskau und Italien in den letzten zwei Monaten haben mir ermöglicht, tiefer mit den Feinheiten dessen vertraut zu werden, was kluge Köpfe die „Doppelhelix“ nennen. Wir alle sind uns der vor uns liegenden, immensen Herausforderungen bewusst — während es uns kaum gelingt, die atemberaubende Rückkehr des Herzlands in Echtzeit zu verfolgen.

Was die Soft-Power betrifft, wird die herausragende Rolle der russischen Diplomatie noch an Bedeutung zunehmen — unterstützt von einem Verteidigungsministerium unter der Leitung von Sergei Shoigu, einem Tuwiner aus Sibirien, und von einem Geheimdienst, der zu einem konstruktiven Dialog mit allen fähig ist: mit Indien und Pakistan, mit Nord- und Südkorea, mit Iran und Saudi-Arabien und mit Afghanistan.

Dieser Apparat glättet (komplexe) geopolitische Fragen auf eine Weise, der sich Peking noch immer entzieht.

Parallel dazu werden nun praktisch im gesamten asiatisch-pazifischen Raum — vom östlichen Mittelmeer bis zum Indischen Ozean — Russland und China als Gegenkräfte gegenüber der US-amerikanischen Marine- und Finanzmacht angesehen.

Beteiligungen in Südwest-Asien

Das gezielte Attentat auf Soleimani ist trotz seiner langfristigen Auswirkungen nur ein Zug auf dem südwestasiatischen Schachbrett. Was letztlich auf dem Spiel steht, ist ein großer geoökonomischer Nutzen: eine Landbrücke vom Persischen Golf bis zum östlichen Mittelmeerraum.

Im vergangenen Sommer stellten Iran, Irak und Syrien im Dreiergespräch fest, dass „das Ziel der Verhandlungen darin besteht, den iranisch-irakisch-syrischen Fracht- und Transportkorridor als Teil eines umfassenderen Plans zur Wiederbelebung der Seidenstraße zu aktivieren“.

Es könnte kaum einen strategischeren Verbindungsweg geben, der den internationalen Nord-Süd-Transportverkehr mit dem Transportweg zwischen Iran, Zentralasien und China bis zum Pazifik und mit demjenigen von Latakia bis zum Mittelmeer und zum Atlantik gleichzeitig miteinander verknüpfen würde.

Was sich am Horizont abzeichnet, ist in der Tat ein Teilbereich des Neuen Seidenstraßenprojekts in Südwestasien. Der Iran ist ein wichtiger Knotenpunkt für „Belt & Road“; China wird sich stark am Wiederaufbau Syriens beteiligen und Peking und Bagdad unterzeichneten mehrere Abkommen und richteten einen irakisch-chinesischen Wiederaufbaufonds ein — mit Einnahmen aus 300.000 Barrel Öl pro Tag im Tausch gegen chinesische Kredite für chinesische Unternehmen, die die irakische Infrastruktur wieder aufbauen.

Ein kurzer Blick auf die Landkarte enthüllt das „Geheimnis,“ warum die USA sich weigern, ihre Sachen zu packen und den Irak zu verlassen, wie es das irakische Parlament und der irakische Premierminister gefordert haben: Das Geheimnis ist, die Entstehung dieses Korridors mit allen Mitteln zu verhindern.

Vor allem, wenn wir sehen, dass alle Straßen, die China durch Zentralasien baut — viele davon habe ich im November und Dezember befahren — letztlich China mit dem Iran verbinden.

Das letztendliche Ziel ist, Shanghai mit dem östlichen Mittelmeer zu verknüpfen — auf dem Landweg, über das Herzland.

Während nach der Strategie Chinas der Hafen von Gwadar im Arabischen Meer ein wesentlicher Knotenpunkt des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors werden soll — auch, um „die Straße von Malakka zu umgehen“ — hat Indien den Iran gleichermaßen umworben, neben Gwadar den Hafen von Tschabahar im Golf von Oman als Knotenpunkt aufzubauen.

Genau so sehr wie Peking das Arabische Meer über den Wirtschaftskorridor mit Xinjiang verbinden möchte, so sehr möchte Indien über den Iran eine Verbindung zu Afghanistan und Zentralasien herstellen.

Doch die Investitionen Indiens in Tschabahar könnten sich als erfolglos erweisen, wenn Neu-Delhi weiter darüber nachdenkt, ob es ein aktiver Teil der „Indopazifik“-Strategie der USA werden soll, was bedeuten würde, Teheran fallen zu lassen.

Die gemeinsame russisch-chinesisch-iranische Marineübung Ende Dezember, die exakt von Tschabahar ausging, war für Neu-Delhi ein rechtzeitiger Weckruf. Indien kann es sich einfach nicht leisten, den Iran zu ignorieren und am Ende den wichtigsten Verbindungsknotenpunkt, Tschabahar, zu verlieren.

Die unumstößliche Tatsache: Jeder braucht und will die Anbindung an den Iran. Aus offensichtlichen Gründen ist es seit dem Persischen Reich der privilegierte Knotenpunkt für alle zentralasiatischen Handelsrouten.

Darüber hinaus ist der Iran für China eine Frage der nationalen Sicherheit. China investiert stark in die iranische Energiewirtschaft. Der gesamte bilaterale Handel wird in Yuan oder in einem Währungskorb unter Umgehung des US-Dollars abgewickelt.

Die US-Neokonservativen träumen indessen immer noch von dem, was das Cheney-Regime im vergangenen Jahrzehnt anstrebte: einen Regimewechsel im Iran, der dazu führt, dass die USA das Kaspische Meer als Sprungbrett nach Zentralasien beherrschen, nur einen Schritt von Xinjiang und der Bewaffnung der antichinesischen Stimmung [Anmerk. d. Übers.: Uiguren] entfernt. Man könnte es als eine Neue Seidenstraße im umgekehrten Sinne betrachten, um die chinesische Vision zu zerstören.

Die Schlacht des Jahrhunderts

In seinem neuen Buch, „The Impact of China's Belt and Road Initiative“, hat Jeremy Garlick von der Wirtschaftsuniversität Prag, verdienstvollerweise zugegeben, dass es „extrem komplex ist, den Sinn von Belt & Road zu verstehen“.

Dies ist ein sehr ernsthafter Versuch, eine Theorie über die ungeheure Komplexität von Belt & Road aufzustellen — insbesondere angesichts der flexiblen, synkretischen Herangehensweise Chinas an die Gestaltung der Politik, die für westliche Menschen ziemlich verwirrend ist. Um sein Ziel zu erreichen, greift Garlick auf Tang Ships soziales Evolutionsparadigma zurück, vertieft sich in den Neogramscianismus und untersucht das Konzept des „offensiven Merkantilismus“ — all das als Teil eines „komplexen Eklektizismus“.

Der Kontrast zu dem von US-amerikanischen „Analysten“ stammenden Narrativ, das die Neue Seidenstraße verteufelt, ist eklatant. Das Buch behandelt im Detail die Vielschichtigkeit der überregionalen Seidenstraße als einen sich entwickelnden, organischen Prozess.

Imperiale Politiker werden sich nicht die Mühe machen, zu verstehen, wie und warum die Neue Seidenstraße ein neues globales Paradigma setzt. Der NATO-Gipfel in London im vergangenen Monat lieferte dazu einige Hinweise. Die NATO hat unkritisch drei US-Prioritäten übernommen: eine noch aggressivere Politik gegenüber Russland, die Eindämmung Chinas (einschließlich der militärischen Überwachung) und die Militarisierung des Weltraums — ein Nebeneffekt der Doktrin der „Full Spectrum Dominance“ von 2002.

Die NATO wird also in die „Indo-Pazifik“-Strategie einbezogen — was eine Eindämmung Chinas bedeutet. Und da die NATO der bewaffnete Arm der EU ist, bedeutet dies, dass die USA sich in die Art und Weise einmischen werden, wie Europa mit China Geschäfte macht — auf jeder Ebene.

Colonel Lawrence Wilkerson, Colin Powells ehemaliger Stabschef von 2001 bis 2005, bringt die Sache auf den Punkt:

„Amerika existiert heute, um Krieg zu führen. Wie sonst interpretieren wir 19 Jahre Dauerkrieg und kein Ende in Sicht? Es ist Teil dessen, was wir sind. Es ist ein Teil dessen, was das amerikanische Imperium ist. Wir werden lügen, betrügen und stehlen, wie Pompeo es gerade tut, wie Trump es gerade tut, wie Esper es gerade tut ... und eine Menge anderer Mitglieder meiner politischen Partei, die Republikaner, tun es gerade ebenfalls. Wir werden lügen, betrügen und stehlen, um das zu tun, was wir tun müssen, um diesen komplexen Krieg fortzusetzen. Das ist die Wahrheit. Und das ist die Agonie des Krieges.“

Moskau, Peking und Teheran sind sich der Herausforderungen voll bewusst. Diplomaten und Analysten arbeiten an der Entwicklung einer konzertierten Anstrengung der drei Staaten, um sich gegenseitig vor allen Formen der hybriden Kriegsführung — inklusive Sanktionen — zu schützen, die gegen jeden von ihnen geführt wird.

Für die USA ist dies in der Tat ein existenzieller Kampf: gegen den gesamten eurasischen Integrationsprozess, gegen die Neuen Seidenstraßen, gegen die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China, gegen diese russischen Hyperschallwaffen, die mit geschmeidiger Diplomatie vermischt sind, gegen den tiefen Abscheu und die Revolte gegenüber der US-Politik im gesamten globalen Süden und gegen den fast unvermeidlichen Zusammenbruch des US-Dollars. Sicher ist, dass das Imperium nicht leise untergehen wird. Wir alle sollten auf eine Jahrhundertschlacht gefasst sein.



Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel Battle of the Ages to stop Eurasian integration. Er wurde von Angelika Eberl übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.