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Die andere Welt

Die andere Welt

Eine Auswahl unterschiedlicher mutmachender Projekte zeigt, dass und wie wir besser miteinander leben können. Teil 2/3.

Wenn ich mich frage, wie ich leben will, erscheint vor meinem inneren Auge ein kleiner Hof, umgeben von Obst- und Nussbäumen, Beerensträuchern, einem Kräutergarten, einem Gemüseacker und einem Stall. Ein Meer von Möglichkeiten. Eine einzigartige Käsesorte wartet darauf, entwickelt zu werden, das Obst und Gemüse will eingemacht und gelagert werden, ein Büffel möchte vor den Pflug gespannt werden, die Kräuter laden uns ein, ihre Heilwirkung zu nutzen oder ihren Geschmack zu genießen. Um das Haus herum spielen Kinder, klettern auf Bäume, bauen Baumhäuser und Höhlen, machen sich erdig und naschen Waldbeeren. Und drum herum versammeln sich Erwachsene und erhalten diese kleine Idylle. Sie bilden den Grund, auf dem tierfreundliches und menschenfreundliches Leben wachsen darf.

So habe ich in diesem zweiten Teil (1) weitere wunderbare Blitzlichter als Vorbilder zusammengestellt. Sie sollen Sie inspirieren und zeigen, dass ein Wandel bereits stattfindet und wie er möglich ist. Auch Sie können Schritt für Schritt aussteigen, wenn Sie Lust auf ein anderes Leben haben.

AUTarca Tinizara ─ vom Ödland zu Permakultur-Waldgärten

Wir sind Barbara Graf und Erich Graf, beide in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Schon in unserer Jugend haben wir uns gefragt, wie wir unser Leben gestalten wollen, um möglichst sinnstiftende, lebensbejahende und gerechte Fußabdrücke in dieser Welt zu kreieren.

Uns war bewusst, dass das gängige System zerstörerisch ist und wir Wege finden wollen, dieses System möglichst wenig zu nähren, ja es sogar zu umgehen. Wir engagierten uns in vielen Bereichen, zum Beispiel mit Amnesty International, mit Greenpeace, mit einer „Schweiz ohne Armee“, gegen Waffenproduktion und gegen Atomkraft, mit „Brigadas por la Paz“ und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) für die Rechte von marginalisierten Völkern in Zentralamerika.

Dann hörten wir ein kurzes Radio-Interview mit Bill Mollison, der im gleichen Jahr wie Wangari Maathai den Alternativen Nobelpreis für die wissenschaftliche Theorie und ethischen Grundlagen der „Permakultur“ und die praktische Anwendung des „Permakultur-Designs“ erhalten hatte. Bald darauf machten wir uns auf nach Australien und lernten dort, wie die Alternative zum System real gelebt werden kann, wie wir wahre Werte aufbauen und tatsächliches Glück finden, für uns und alle anderen, die um uns sind. Wir sind Permakulturschaffende geworden. Permakultur ist die intelligente Lebens-, Arbeits-, Forschungs- und Wirtschaftsweise, die dich unabhängig macht, Gesundheit für alle Lebewesen schafft und eine lokale resiliente Wirtschaft wiederaufbaut.

Egal wo wir lebten, wir unterstützten Bio- und Demeterbauern in der Region, verarbeiteten die organischen Abfälle der Siedlungen, in denen wir wohnten, zu Kompost und halfen mit, eine alternative, zinsfreie Währung aufzubauen. Nach der Geburt unseres ersten Sohnes war es für uns klar, dass wir mit diesem Kind in einem Umfeld leben wollen, in der das Leben eingeladen wird. Uns war wichtig, dass unsere Kinder alles lernen sollen, was man wirklich im Leben braucht: Zum Beispiel das Wissen, wie man mit gesunden, eigenständigen Bienen zusammenlebt, wie man ein Terra-Preta-Humusklo baut, wie man mit der Sonne kocht, wie man frei von Schulden bleibt, wie man einander zuhört und dass man einen Pulli nicht gleich wegwirft, wenn er ein Loch hat.

Auf La Palma haben wir einen Ort gefunden, wo die Gegebenheiten den Herausforderungen, die wir suchten, entsprachen. 2007 gründeten wir gemeinsam „AUTarcaMatricultura“ als ein „Zentrum für ökologische Lebensweise und Schule für den gelebten Wandel“. AUTarcaMatricultura entwickelte sich bald zu einem Referenzprojekt für angewandte Permakultur, Tiefenökologie, Integrale Landschaftsheilung und Matriarchale Subsistenzwirtschaft. Mit zunehmendem Interesse der Öffentlichkeit an unserem Wirken begannen wir auch, unser Wissen zu teilen.

In der 2012 gegründeten „AUTarcaMatricultura“, Autonome Akademie für Permakultur, in Tinizara auf La Palma kreieren Permakulturschaffende bewusst eine „Bühne“, in der all jene Lebewesen eingeladen werden, die in Kooperation und Koexistenz für eine Gesundung und Erhaltung des Lebens sorgen. Wir verhindern Erosion und schließen alle lebenszentrierten Kreisläufe. Permakulturaktivisten übernehmen die volle Verantwortung für das eigene Denken, Handeln und Fühlen. Jeder Mensch integriert sich und seine Kinder in die Kreisläufe. Dadurch entsteht eine permanente, also eine über Jahrtausende stabile Kultur. Eine Kultur in Frieden und Ausgleich.

Unsere Ziele erreichen wir, in dem wir Schritt für Schritt unabhängig werden vom zerstörerischen System, in dem wir bewusst das Leben ins Zentrum stellen, nicht das Geld. Dadurch werden wir gewisse Konsumgüter verweigern, unsere Energie selbst herstellen und Produzenten der Region unterstützen, die fair und ökologisch sinnvoll tätig sind.

Gleichzeitig bauen wir Schritt für Schritt ein gesundes Umfeld auf. Es ist egal, ob du Schreiner, Ärztin, Lehrer, Yogameisterin, Künstlerin oder Ingenieur bist, es ist also egal ob du ein Gesundheitszentrum, eine Mondholzverarbeitung oder eine freie Schule aufbaust: Die Basis für ein gesundes Umfeld sind immer der hochbiodiverse Wald-Wildnis-Garten, die natürlichen Teiche, die bioklimatischen Wohn- und Arbeitsgebäude, die sozial gerechten Arbeitsbedingungen, die freidenkerische Bildung, die Energieautarkie, um die wichtigsten zu nennen. Es ist egal, wo du eine Permakultur wieder ins Leben rufst.

Jeder Ort hat seine Vorteile und seine Herausforderungen. In einer Stadt ist der Vorteil, dass viele Menschen da sind, so entstehen leicht „Solidarische Landwirtschaften“, solidarische „Waldgarten-Kulturen“, „Urbane Gärten“, alternative Währungen, alternative Schulen und Gesundheitszentren. Auf dem Land ist der Vorteil, dass Grund und Boden günstiger sind, viele Wild- und Haustiere es einfacher haben, sich wieder frei anzusiedeln, der Permakulturschaffende freier und subversiver für die Genesung der Region agieren kann.

Auf AUTarcaMatricultura leben wir die fünf matriarchalen Werte: Wir nähren, integrieren, pflegen das Lebendige, schützen das Schwache und gleichen aus.

Matriarchale Völker, also friedvolle Ausgleichsgesellschaften, machen es uns vor: Jede Stimme zählt gleich, auch die der Pflanzen, der Tiere, der Pilze und der Elemente. Es gibt keine Hierarchie, kein Herrscher, keine Herrscherin, kein Druck, keine Erzwingungsstäbe, das heißt, keine Polizei, kein Zuchthaus und auch keine Steuereintreiber. Es gibt keine Kompromisse, sondern neue kreative Lösungen, die für alle Beteiligten eine Besserung der Lebensqualität bedeuten.

Das Leben steht immer im Zentrum. Jede Entscheidung ist gültig, sofern sie im kompletten Einvernehmen ist. Würdenträger und Würdenträgerinnen werden (im Turnus) im Konsens gewählt. Gewählt werden kann „wer so gut ist, wie eine Mutter“. Es kann sein, dass es Spezialisten sind, aber alle sind über alles informiert, das heißt: Jeder kann alles und jede weiß wie ... Jeder kann jede anfallende Arbeit übernehmen oder auch jede „Rolle spielen“.

Wir leben, lernen, lehren, arbeiten, essen, feiern, tanzen, singen, musizieren, schlafen, denken, zeichnen, schreiben, üben, entwickeln und reden zusammen. Wir hören einander zu und überstürzen nichts. Wir haben dieselbe Vision. Wir leben so, dass ein üppiger, sauerstoffgeladener, hochbiodiverser, friedvoller, gerechter grün-blauer Planet, für alle, wieder entstehen kann.

Die Permakultur-BegründerInnen versprechen uns allen: Wenn ihr gemäß den Permakultur-Prinzipien euer Leben umgestaltet und bewusst, gewollt und zielstrebig die lebenszentrierten Kreisläufe schafft, diese intelligent verknüpft und euch selbst darin integriert, dann werdet ihr in mindestens zwei Jahren Mineralstoff unabhängig, in sicher fünf Jahren energie-autark und in sicher sechs Jahren finanziell eigenständig sein.

In spätestens 30 Jahren werden auch in anfänglich verwüsteten Gebieten wieder natürliche Quellen entstehen. Auch für uns trifft das zu. Es ist einfach.

  1. Mache keine Schulden, weder beim Staat noch bei Banken oder Versicherungen. Falls du Startkapital leihst, dann bei der Mutter, Großmutter, bei Tanten, Onkeln, Brüdern et cetera und immer ohne Zinsen. Verlass dich nicht auf Subventionen oder andere Fördergelder.
  2. Reduziere den Konsum, indem du Erosion verhinderst.

Zum Beispiel: Anstatt Geld für die Fremdentsorgung deiner Abwässer zu zahlen, reinigst du dein Brauchwasser mithilfe von C-4-Gräsern in einem naturrichtigen Teich. Die Gräser erntest du und fütterst damit die Gasbakterien in einem Biomeiler. So kannst du auch ohne Sonne dein warmes Wasser aufbereiten und Gas zum Kochen herstellen lassen. Bei diesem Prozess entsteht auch noch ein flüssiger Dünger und große Mengen Komposterde, die beim Aufbau von deinem Waldgarten fruchtbringend wirken.

Anstatt Geld für die Fremdentsorgung deiner Fäkalien auszugeben, stellst du im Terra-Preta-klo hervorragende Erde her, die du in deiner Baumschule verwenden kannst. AUTarcaMatricultura braucht heute für den Vierpersonenhaushalt und die vier Hektar nur noch 750 Euro im Monat, um alle Kosten zu decken. Das gilt für Haus, Auto, Steuern, Kleidung, Spiele und Musikinstrumente, Bücher, Filme und Dokumentarfilme, Essen, Reisen. Permakulturschaffende arbeiten erst mal sehr viel intellektuell. Wir beobachten und finden die adäquaten Lösungen zu jeder Herausforderung.

Die Grundlagen eines jeden Projektes müssen zunächst so fundiert wie möglich entwickelt werden. Zu Beginn der Umsetzung arbeiten wir ebenfalls sehr viel, vor allem manuell und körperlich, sicher sechs Stunden pro Tag, sicher über das ganze Jahr. Das dauert einige Jahre, bis die finanzielle und die energetische Unabhängigkeit erreicht sind und bis die Natur uns mit ihren üppigen positiven Antworten für unsere intensive Heilarbeit belohnen wird.

Ab dann arbeiten wir immer weniger. Jedes Jahr etwas weniger, bei steigender Gesundheit und Eigenmacht und bei stetig sinkenden Kosten und stetig steigenden Einnahmequellen. Auf AUTarcaMatricultura arbeiten wir, zwei Erwachsene, zurzeit jeden Tag durchschnittlich drei Stunden, damit alle genährt sind und weiter verwahrlostes Land mit üppiger Vegetation wieder belebt werden kann. Keiner arbeitet allein, sondern wir helfen einander, bis alle fertig sind. In circa 15 Jahren werden wir vor allem ernten, ab dann sollte sich der Waldgarten mit all seinen Pflanzen und Tieren, selbstständig erhalten und vermehren können.

AUTarcaMatricultura ist bereits 13 Jahre alt. Unsere Akademie hat bereits einen sehr hohen Grad an Autonomie erreichen können. Energie, Bildung, Nahrung, Mineralstoffe, Kohlenstoff und Sauerstoff, Saatgut, Schwefel, vielfältiger Humusaufbau, gesunde Bienen und viele andere Wild- und Haustiere, Mikroorganismen und ein weitreichendes Wood Wide Web sind bereits in stabilen Formen vorhanden. Alle lebenszentrierten Kreisläufe sind geschlossen, außer dem Wasserkreislauf.

Die größte Herausforderung sind auf La Palma die mangelnden Niederschläge, die massiv abgesunkenen Grundwasserspiegel, die langen Dürrezeiten und enormen Hitze-Stress-Faktoren für die gesamte Landschaft, alle Tiere und Pflanzen. Wir sehen allerdings mit Zuversicht die Zukunft. Je üppiger und weitgreifender der Waldgarten gedeihen kann, je eher entstehen wieder regionale Regenfälle und es werden wiederum natürliche Quellen erscheinen.

Eine weitere Herausforderung ist hier die hohe Arbeitslosigkeit in der Bevölkerung, die Exportwirtschaft und der Tourismus. Ein großer Vorteil auf La Palma ist, dass es viele Menschen gibt, die mit einfachsten Mitteln hervorragend kreative Lösungen hervorzaubern. Ebenfalls können wir hier frei experimentieren und unser Wissen stößt auf immer mehr Begeisterung und Nachahmung. AUTarcaMatricultura strebt aber keinesfalls eine komplette Autarkie an.

Als Permakultur-Aktivisten wissen wir, dass wir nicht reine Konsumenten oder Verkäufer sein sollen, aber auch nicht reine Produzenten. Wir wollen nicht Menschen sein, die alles was eine Kultur trägt ─ Bildung, Kleidung, Gesundheit, Bauen, Musik, et cetera ─ in Eigenregie und abgekoppelt von den anderen machen. Wir wollen in einer Region leben, wo unterschiedlichste Menschen ─ jeder nach seinen speziellen Fähigkeiten und individueller Lust und Freude, sowohl konsumiert, als auch produziert.

Wir sollen also PROSUMENTEN sein, das heißt, jeder kauft und jeder verkauft selbst hergestellte Produkte. Selbstverständlich mit einer regionalen, zinsfreien Währung mit Umlaufsicherungsgebühr.

Die Produkte werden mit den Ressourcen vor Ort hergestellt und befriedigen eine Nachfrage, die in der Region besteht. Jeder Prosument lebt in einem naturrichtigen Waldgarten, jede Prosumentin übernimmt die Verantwortung für die Energieautarkie und alle teilen die Vision einer gesunden, üppigen Welt für Alle. Niemand bereichert sich, alle und alles werden reich ... reich an tiefgründigem Wissen, echter Sicherheit, wahrem Verständnis, liebevoller Zuwendung und üppiger Gesundheit ...

Wenn wir uns also diese Welt vorstellen, mit diesen Bioregionen oder Lebensbecken, in denen es von unterschiedlichsten ProsumentInnen nur so wimmelt und alle in gesunden, in sich stabilen, also permanenten Ökosystemen leben und wenn alle wiederum in ihrer Familie, der Wahlfamilie und im Freundeskreis eine friedvolle Ausgleichsgesellschaft aufleben lassen, dann erkennen wir, dass es wenig Sinn macht, wenn noch viele bei uns mitmachen würden. Wir erhoffen uns, dass sich immer mehr Gleichgesinnte, um uns herum, ebenfalls entscheiden zu ProsumentInnen zu werden, auf dass die Vision vom liebevollen Leben für Alle auf diesem Planeten wahr werden kann. Deshalb öffnen wir regelmäßig unsere Tore, wir teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen, senden Saatgut an alle, die es brauchen, vernetzen Gleichgesinnte, Lehrerinnen, Lernende und Vorbilder.

Das Erste, was man verstehen muss, ist dass wir als Gesellschaft im falschen Bus sitzen. Der konventionelle Bus fährt in rasendem Tempo direkt in den Abgrund. Die Frage ist also nicht mehr, ob du aussteigen solltest oder könntest. Mit dem Bus weiterfahren, ist sicher viel gefährlicher für dich und alle anderen, als Aussteigen. Das heißt: Es gibt keine Alternative zur Alternative. Wenn du erkennst, dass du im falschen Bus sitzt, dann steigst du aus. Du suchst dir Wege, die in eine andere Richtung führen. Diese Wegweiser gibt es, auf jedem Kontinent der Erde gab und gibt es Menschen, die uns Wegweisende sind.

Der erste Schritt beim Aussteigen ist also die Erkenntnis, dass du nicht mehr mitmachen willst bei der Zerstörung und dem Hass. Du kannst nicht ein bisschen mit dem Bus mitfahren und da drin mit der rosaroten Brille auf, nette Lieder singen und hoffen, dass doch noch alles gut wird, wenigstens für dich. Das heißt also, dass du akzeptierst, dass du das kranke System nicht von innen heraus heilen kannst. Du wirst einsehen, dass du die Verantwortung für dich, dein Handeln, Denken und Fühlen übernehmen musst. Jetzt und jeden Tag. Alle Lösungen sind da, und sie sind oft beschämend einfach, wenn du nach lebenszentrierten Lösungen suchst, wirst du sie auch finden. Informiere dich, bilde dich und bringe dein Wissen, deine Überzeugungen und Ideale in die Praxis.

Barbara Graf , AUTarcaMatricultura

Karpatenhof ─ Aufbau eines modernen Hirtenlebens

Wir sind ein Liebespaar mit vielen nicht menschlichen Wesen und leben in den Waldkarpaten bei den Ruthenen. Einiger hilfsbedürftiger Geschöpfe haben wir uns aus unterschiedlichen Gründen angenommen: zum einen, weil hier in den Bergen einige der spektakulärsten Haustiere Europas leben und zum anderen, weil aktuell ein Kulturwandel die gesamte Artenvielfalt und Widerstandsfähigkeit der Region gefährdet ─ und vor allem, weil wir ein großes Herz haben und viel Freude im Umgang mit Tieren. Wir züchten Karpatenwasserbüffel, Huzulen Pferde mit Zebrastreifen und Aalstrich und eine lokale alte Bergkuhrasse, wollen uns allerdings in den nächsten Jahren verkleinern, unser Augenmerk noch mehr auf einen Selbstversorgergarten, das Pflanzen von Bäumen sowie das Gemeinschaftsleben mit den anderen Aussteigerfamilien in unserer nahen Umgebung richten.

So haben wir bereits einen Großteil der Tiere an das Auswilderungsprojekt „Rewilding Ukraine“ abgegeben und sind dabei, einzelne Partner zu finden, die einige Büffel oder Kühe halten möchten. Wir bemühen uns, die stark rückläufige kleinbäuerliche Landwirtschaft regional zu unterstützen und durch Öffentlichkeitsarbeit sowie Exkursionen wieder populär zu machen. Besonders ältere Menschen sind hier sehr mit ihren Tieren verbandelt und behandeln ihre Haustiere so wie ihre Mitmenschen. Wir hören oft, die Tiere seien so schlau, weil die Menschen mit ihnen reden.

Als Student in Freiburg habe ich, Michel, daher 2008 mit einigen Kommilitonen einen gemeinnützigen Verein zum Erhalt der „Biodiversität“ in den Karpaten gegründet. Mit den Spenden aus einer Benefizparty konnten wir beginnen, Karpatenbüffel vor dem Schlachthof zu bewahren. Auf einer Konferenz von Kleinbauern und Büffelhaltern im Karpaten-Biosphärenreservat im Jahre 2009 sicherten mir viele Einheimische ihre Unterstützung zu. Jetzt, elf Jahre später, haben wir den Karpatenbüffel vorübergehend vor dem Aussterben gerettet.

Rike und ich beschäftigen uns mit matriarchalen Strukturen und bauen zurzeit ein Netzwerk aus Gleichgesinnten und Aussteigerfamilien auf. Dabei geben uns die Tiere den Lebensrhythmus vor. In den Wiederkäu- und Ruhephasen widmen wir uns der Philosophie und Gartenarbeit. Finanzieren können wir uns aus dem Verkauf der Büffelmilchprodukte, dem Verkauf lebendiger Tiere, einem kleinen Erbe, dem Verkauf von Holzhäusern eines Freundes, aus Spenden und durch Tourismus. Wir streben eine einhundertprozentige Selbstversorgung innerhalb eines kleinen Dorfes an und auch die Freiheit von digitaler Technik sowie anderer nicht nachhaltiger Technik wie Autos oder stromverbrauchender Geräte.

Momentan profitieren wir noch von einem großen Dorf und den Städten, doch die Abhängigkeit schrumpft mit jedem Tag. Wir versorgen uns selber mit unseren Milchprodukten, Eiern, Fleisch und zu einem großen Teil Gemüse, heizen und kochen mit Holz. Häufig vergrößern wir unsere Ernährungsvielfalt durch traditionelle Tauschgeschäfte, dem „Barter“. Selbst unseren Anwalt bezahlen wir größtenteils mit eigenen Produkten.

Leider sind wir noch nicht genügend Menschen mit ähnlichen Ansätzen vor Ort, sodass wir als Gemeinschaft soziale Netzwerke nutzen. Generell kann aber jeder bei uns mitmachen, der bereit ist, die Sprache zu lernen, sich dem Diktat einer Milchkuh zu unterwerfen sowie auf regelmäßigen Drogenkonsum und andere Luxusabhängigkeiten zu verzichten. Das heißt früh aufstehen, körperlich arbeiten, ein respektvolles Miteinander und Zuverlässigkeit sind neben Empathie und Lernbereitschaft die wichtigsten Kriterien für uns. Wer mehr Autonomie in unserer Gemeinschaft möchte, sollte etwas Geld als Startkapital, einen langen Atem und gute, echt nachhaltige Ideen mitbringen.

Die nächste Generation muss den Grad an Entfremdung, den die moderne Zivilisation erreicht hat, überwinden.

Universelle Wahrheiten zu erlernen, Obst- und Nussbäume zu pflanzen, über Ländergrenzen sowie staatliche Bildungswege hinwegzudenken und sich dagegen an den Traditionen und dem Wissen naturverbundener Kulturen zu orientieren ─ zum Beispiel unserer Vorfahren ─ ist kein völkisches Gedankengut, sondern die notwendige Verhaltens- und Lebensweise in der heutigen Zeit: der neue Humanismus in nicht nachhaltigen Zeiten.

Die Fähigkeit allein zu sein, Stille zu ertragen sowie Geduld und Liebe zu zeigen, sind für mich wichtig im sozialen Miteinander. Die Aufmerksamkeit muss geschult werden und künstliche Abhängigkeiten sollten gar nicht erst entstehen. Deshalb kenne ich auch keine nachhaltigen Projekte in Deutschland. Sobald Projekte in der Bundesrepublik wirklich erfolgversprechend sind (autark), werden ihnen von staatlicher Seite Steine in den Weg gelegt. So geht es unter anderem der Anastasia-Bewegung und den „Neuen Dörfern“ von Ralf Otterpohl sowie der vielversprechenden Bewegung am Kesselberg.

Ein weltweiter Wandel ist nur möglich, wenn die vielen Einzelinitiativen so autark wie möglich operieren und ihre Gegensätze aufgrund der Einsicht zum Wandel überwinden, um die Zentren der Macht zu isolieren. Jeder muss alles können, so lautet das Motto der alten Leute in Ruthenien. Aus dieser Unabhängigkeit kann sich ein Mensch seine Partner und Weggefährten selber aussuchen. Diese Freiwilligkeit führt zur Freiheit im Leben und einer ganz neuen Motivationsgrundlage und einem Stolz auf das Eigene, das Unsrige (Nascha).

Dieser stolze freie und selbstbestimmte Mensch ist die Grundlage für ein gesundes Miteinander. Aus dieser Kraft heraus kann eine echte Alternative entstehen, um den bestehenden Herrschaftsverhältnissen etwas entgegenzusetzen. Deshalb wird jeder echte Stolz in der Zivilisation gebrochen ─ siehe das Schicksal der nordamerikanischen Indianerstämme, Vine Deloria und Wounded Knee, australischer Aborigines und der Stämme in Papua, denn Freiheit ist die Quelle der Kraft für unsere Bewegung.

Michel Jacobi, Karpatenhof

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Freie Feldlage ─ ein Zukunftslabor für Selbstorganisation

Die „Freie Feldlage“ ist ein altes Kinderkrankenhaus in einem Wald mit großem Gelände. Der Ort wird momentan durch etwa 15 Personen belebt und getragen, die hier gemeinsam wohnen und den Großteil ihrer Zeit und Energie in dieses Projekt stecken. Wir sind altersmäßig durchmischt, der Durchschnitt beträgt 30 Jahre. Am liebsten würden wir hier alle auf alle Fragen ihre je eigenen Antworten geben lassen, um zu zeigen: Wir sind alle Individuen mit unseren unterschiedlichen Antriebsgründen und Visionen, die versuchen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Vielfalt statt Corporate Identity? Aber welche Vielfalt? Eine der vielen Fragen, die wir uns gerade stellen in unserem Wertefindungsprozess.

Als Freie Feldlage verstehen wir uns als ein Vernetzungsort für verschiedene Bewegungen des sozial-ökologischen Wandels sowie als Zukunftslabor für eine andere Welt, für Selbstorganisation und für ein gutes Leben für alle. Wir möchten „Schöner wohnen“ mit dem Wunsch nach politischer Veränderung verbinden. Wir organisieren uns selbstbestimmt, ohne ChefIn. Da wir im Aufbau sind, müssen uns mit viel Bürokratie, Behördenauflagen et cetera auseinandersetzen.

Auf dem wunderschönen großen Gelände finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Wir wollen hier einen Freiraum und Lernort aufbauen, um positiv in die Region hineinzuwirken. Einzelne von uns haben verschiedene Fokusse, unter anderem technische Basteleien, Garten, politische Arbeit, Familiengründung, Kunst: auf jeden Fall ein Fulltime-Job ─ und zwischendurch genießen wir das Leben.

Wie wir uns gegründet haben? Es war einmal ein Haus im Wald ─ zugegeben ein sehr großes Haus. Es gibt nicht „den einen“ Gründungspunkt. Wir haben uns durch das Gebäude zusammengefunden, und die wenigsten von uns kannten sich vorher. Aus einer „Kerngruppe“ heraus haben wir uns langsam Strukturen aufgebaut.

Projektarbeit ist ein bestimmendes Element unseres Miteinanders. Wir treffen uns oft zu Besprechungen, im Plenum und so weiter. Einmal die Woche machen wir ein Sozialplenum namens Sozialsauna, wo es speziell um emotionale Belange und unser Miteinander geht. Zudem gibt es Reflexionsgespräche, in denen eine Person aus der Gruppe im Mittelpunkt steht, Raum hat sich zu äußern und ein Feedback erhält. Oft essen wir zusammen. Gemeinsame Freizeit findet in kleineren Grüppchen statt. Durch die abgelegene Lage sind wir leider häufig in unserer „Blase“ mit den gleichen Menschen. Einmal wöchentlich ist der Input-Abend, wo wir uns zu einem Thema weiterbilden, um mehr Anstoß von außen zu bekommen.

Eine sehr schöne „Institution“ ist unser Morgenkreis: täglich um 9 Uhr auf der Wiese. Die Teilnahme ist freiwillig. Nach kurzem gemeinsamen Schweigen und Hineinspüren teilen wir unsere Befindlichkeit und unsere Tagespläne und treffen kurze Absprachen für den Tag. Noch erwähnenswert sind die Walkie-Talkies – sehr praktisch auf dem großen Gelände.

Aktuell tragen wir uns finanziell vor allem über unsere Mieten sowie über Einnahmen durch Veranstaltungen und Gästebetrieb. Mehr soll und muss folgen. Wir wollen selber Jobs aufbauen, zum Beispiel in Werkstätten, Cateringküche, Coworking Space. Ideen gibt‘s manche, aber die liegen alle noch irgendwo in der Zukunft. Für den Kauf des Geländes haben wir einen Kredit aufgenommen. Das bindet uns natürlich noch mehr ans System. Und wir können hier viel Geld brauchen, Aber wollen das so tauschlogikfrei wie möglich gestalten, das heißt, alle geben je nach ihrem Können und „Vermögen“.

Wir sind noch nicht autark. In punkto Energie wäre das schön. Ein paar Solarzellen stehen auf der Wiese. In punkto Obst- und Gemüseversorgung bauen wir auch schon etwas auf. Aber der Gemüsegarten ist noch klein. Am ehesten sind wir noch durch unsere Pflanzenkläranlage unabhängig sowie durch die Komposttoiletten. Der Rest ist Zukunftsmusik. Wir freuen uns, wenn Interessierte uns kontaktieren und dann besuchen kommen. Wir sind generell offen für alle, aber die Erfahrung zeigt, dass es sich nur mit wenigen Menschen passend anfühlt. Um den Prozess zu gestalten, hilft uns das „Anwachskonzept“, das verschiedene Phasen der Annäherung mit ihren „Rechten und Pflichten“ beschreibt.

Unsere Empfehlung an die nächste „Aus- und Einsteiger-Generation lautet: Lasst euch nicht unterkriegen. Und überlegt euch, wie sehr ihr euch in dieses System integrieren wollt durch eigenen Grundbesitz und große Gebäude. Das kann viele Auflagen mit sich bringen und euch einen Klotz ans Bein binden. Generell wird's viele ernüchternde Momente geben, aber lasst euch nicht einschüchtern. Sucht immer nach Möglichkeiten, Alternativen aufzubauen und Sand im Getriebe des Systems zu sein. Und tut es nicht nur für euch im Verborgenen, sondern zieht Kreise und tragt euer Wissen und eure Visionen weiter. Steckt andere an mit Veränderungswillen, Eigeninitiative und mit der Vorstellung von einer besseren Welt. Lasst uns zeigen, dass es besser werden kann!

In Deutschland, beziehungsweise der EU, brauchen wir einen Systemwandel! Ganz auszusteigen scheint nicht möglich. Lieber um politische Veränderung im ganz Großen bemühen und sie im Hier und Jetzt schon leben.

Julia, Freie Feldlage

project peace ─ ein Lebensjahr für Frieden und Verbindungskultur

Wir sind Menschen auf der Suche nach Formen und Kulturen des friedlichen Zusammenlebens im Alltag, nach ganzheitlicher Heilung und nach Formen des kraftvollen Beitragens im Weltgeschehen.

So erforschen wir ein Alltagsleben, in dem Spiritualität, Kontakt, Beziehung und Gemeinschaft und die Verbindung zum Weltgeschehen in der Mitte liegen. Wir bilden einen gemeinsamen Forschungs- und Lernraum für die Suche nach Frieden und für die Verbindung von innerem und äußerem Wandel.

Gegründet hat project peace Adelheid Tlach-Eickhoff. Sie ist langjährige Friedensarbeiterin und Pädagogin. In enger Zusammenarbeit mit jungen Menschen hat sie project peace entwickelt – ein Jahr, in dem junge Menschen sich den drängenden Fragen und Herausforderungen unserer Zeit widmen und den inneren Wandel mit dem äußeren Wandel verbinden. Wir beschäftigen uns mit Themen wie nachhaltige Entwicklung, Ökologie, Frieden, Globalisierung, Aktivismus, Kulturwandel und Selbstentfaltung und erproben eine nachhaltige und kokreative Lebensweise im Alltag.

Wir haben jetzt einen eigenen Verein gegründet, um unserer Arbeit ein Gefäß zu verleihen. Und wir arbeiten in Kreisen – das Team bildet einen Kreis, der Vorstand vom Verein, die etwa hundert ehemaligen Teilnehmenden, die Freunde und Referent/innen des Projektes und die Lebensgemeinschaft Suzbrunn, in der unser Haus, die villa damai, steht. Wir erforschen gewaltfreie und beziehungsorientierte Formen der Führung und Organisation.

Die Teilnehmenden bezahlen einen Beitrag von 7.500 Euro für das Jahr. Dazu wurden wir bisher durch Spenden durch das interreligiöse Katharina-Werk und von Privatpersonen unterstützt.

Wir sind insofern autark, als dass wir keine staatlichen Fördergelder erhalten und daher jenseits von Auflagen frei Lernen und Leben gestalten können. Einen Teil unseres Gemüses beziehen wir aus der solidarischen Landwirtschaft in Sulzbrunn, Holz für unseren Ofen im Winter aus dem Wald, der der Genossenschaft Sulzbrunn gehört. Das Geld für die Miete zahlen wir auch an Sulzbrunn und unterstützen auf diesem Weg Menschen, die ebenfalls zukunftsfähiges Zusammenleben erproben.

Jeder Mensch zwischen 18 und 28, den es zu project peace ruft und bei dem wir im Kontakt auf dem Vortreffen merken, die Verbindung stimmt für beide Seiten, darf bei uns mitmachen.

Sophie Zmijanek, Team project peace

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Hier können Sie das Buch bestellen: als Taschenbuch oder E-Book.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Den ersten Teil finden Sie hier.

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