Die Anatomie der Macht

Wer den Machenschaften der Eliten etwas entgegensetzen will, muss sich zunächst ein realitätsnahes Bild von ihnen machen. Exklusivabdruck aus „Die Machtelite“. Teil 2/3.

Wir leiden unter ihnen, wir rebellieren gegen sie — und am Ende bleibt oft die bittere Erkenntnis, dass wir nichts gegen sie ausrichten konnten. Den Mächtigen gelingt es immer wieder, uns am Gängelband zu führen und erfolgreiche Revolten zu verhindern. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir die Macht noch nicht gut genug verstehen — die Motive der Protagonisten, ihre Agenda, ihre Tricks und die Methoden ihrer Vernetzung. Noch immer sind über die „Eliten“ falsche Vorstellungen im Umlauf. Zum Beispiel wird unterschätzt, in welchem Ausmaß sie gemeinsam und systematisch agieren. Zahnlose Gewerkschaften, eine ruhig gestellte Mittelschicht und eine Arbeiterklasse, die die in sie gesetzten Hoffnungen nie erfüllt hat, sind für die Strippenzieher „ganz oben“ ein leichtes Spiel. Aus eben diesen Gründen ist Wissen (Gegen-)Macht. Eine auf Fakten basierende soziologische Analyse tut Not. Auszug aus dem Vorwort des Buchs „Die Machtelite“ von Charles Wright Mills, herausgegeben von Björn Wendt, Michael Walter und Marcus Klöckner.

Die Machtelite als vielkritisierter Klassiker und Ausgangspunkt der Machtstrukturforschung

„Werde versuchen, mit The Power Elite eine kleine Atombombe auf sie zu werfen, aber sie werden es ignorieren, außer vielleicht fünf- oder sechshundert Menschen, die mich dafür lieben werden. Und das ist genug“ — C. Wright Mills (1).

Die zeitgenössischen Reaktionen auf Mills‘ provokante Studie waren zwiespältig. Sie pendelten zwischen Polemik und substanzieller Kritik auf der einen Seite sowie Anerkennung und Bewunderung auf der anderen Seite. Der renommierte Historiker und Harvard-Professor Arthur Schlesinger Jr. legte etwa nahe, dass „Mr. Mills seine Prophetenkluft zurückgibt und sich dazu entschließt, wieder ein Soziologe zu sein“ (2). Und Ralf Dahrendorf meinte „in der Power Elite ein spätes Zeugnis der Verschwörungstheorien der (19)20er Jahre zu entdecken“ (3).

Aber selbst unter den Eliten schwangen in der Kritik immer wieder auch andere Töne mit. Adolf Berle Jr. schrieb zum Beispiel anerkennend: Es sei „ein unangenehmer Grad an Wahrheit in Mills‘ Angriff (…). Das Buch ist so sorgfältig dokumentiert, es behandelt sehr reale Probleme, es trifft so viele wunde Punkte, dass es verdient, gelesen zu werden“ (4). Die vielschichtige zeitgenössische Kritik an Mills’ Studie (5) kam dabei wenig überraschend vor allem aus jenen zwei Lagern, die er mit seiner Studie angegriffen hatte: aus dem der Liberalen und dem der Marxisten.

Die liberalen Kritiker arbeiten sich insbesondere an zwei Aspekten ab: der in der Studie verwendeten Methode und der normativen Haltung, die Mills darin zum Ausdruck bringt. Robert Dahl, einer der prominentesten amerikanischen Politikwissenschaftler seiner Zeit, hielt Mills den methodischen Einwand entgegen, die Machtfrage könne empirisch nur anhand der Analyse von konkreten Entscheidungsprozessen beantwortet werden. Mills dagegen, postuliere die Existenz einer die „großen Entscheidungen“ treffenden Machtelite lediglich an-hand ihrer Position innerhalb der Machtstruktur (6, 7).

Auch Mills ehemaliger Freund Daniel Bell will eine Analyse der Macht aus den sozialen Strukturen und Positionen heraus nicht akzeptieren (8). Darüber hinaus übt er — allerdings erst nachdem Mills verstorben war, so dass dieser auf seine Kritik nicht mehr reagieren konnte — eine grundsätzliche Kritik an Mills Umgang mit seinem theoretischen Begriffsapparat (Macht, Elite, große Entscheidungen, Institutionen und andere), der aufgrund fehlender expliziter Definitionen zu Widersprüchen führe (9).

Die Kritik an Mills‘ normativer Konzeption von Macht wird vor allem von seinem Gegenspieler Talcott Parsons repräsentiert. Bei Mills, so seine Kritik, sei Macht ausschließlich negativ besetzt, was durch „eine utopische Vorstellung einer idealen Gesellschaft, in der Macht überhaupt keine Rolle spielt“ (10), bedingt sei. Parsons dagegen versteht Macht in modernen Gesellschaften diametral dazu als positive funktionale Notwendigkeit, die „ein essentieller und wünschenswerter Bestandteil einer hochorganisierten Gesellschaft“ (11) ist.

Es lässt sich hier eindrucksvoll beobachten, wie zwei völlig konträre normative Vorstellungen der Funktion von Macht in modernen Gesellschaften aufeinanderprallen: Auf der einen Seite die Vorstellung von Funktionseliten, die als gesellschaftliche „Leistungsträger“ fungieren, auf der anderen Seite das Modell einer zunehmend dysfunktionalen, unmoralischen und verantwortungslosen Machtelite, die demokratische Strukturen erodieren lässt; eine Debatte, die bis zum heutigen Tag anhält (12).

Die marxistischen Vertreter nahmen Mills‘ Machteliten-Konzept wohlwollender auf. Sie begrüßten seine Fundamentalkritik des gesellschaftlich vorherrschenden „romantischen Pluralismus“ der liberalen Seite. Paul Sweezy würdigte etwa, dass Mills’ Studie das Verdienst zukomme, ein Tabu gebrochen und erstmals eine breite öffentliche Diskussion darüber in Gang gesetzt zu haben, wie und von wem Amerika regiert werde (13). Mills‘ grimmige „System“-Kritik der Machtstrukturen in den USA und der voranschreitenden dysfunktionalen kapitalistischen Bürokratisierung und Militarisierung der Gesellschaft stieß naheliegenderweise auf fruchtbaren Boden.

Weniger Anklang fand Mills’ expliziter Angriff auf den Begriff der „herrschenden Klasse“, den die marxistischen Kritiker ebenso leidenschaftlich verteidigten wie das Dogma der Dominanz des kapitalistischen Systems gegenüber Staat und Militär. Robert Lynd sieht gerade in diesem Punkt die große Schwäche des Mills‘schen Ansatzes: „Das Buch liest sich, als wäre es von zwei Menschen geschrieben worden: einem mit einem relativ sicheren Verständnis von den Realitäten in einer kapitalistischen Gesellschaft“ (14) und einem anderen, dessen elitetheoretischer Blick stets das relativiert und abschwächt, was der andere zu sagen habe.

Mills‘ empirische Beschreibungen zeigten, so die Kritiker, die strukturelle Dominanz des Ökonomischen auf und demonstrierten auf diese Weise geradezu die Existenz einer herrschenden Klasse, die die maßgebliche Kontrolle ausübe: „Was wir hier in den USA haben, ist eine herrschende Klasse, deren Wurzeln tief im Aneignungsapparat liegen, der das Wirtschaftssystem ist“. Um diese herrschende Klasse verstehen zu können, dürfe man nicht nur, wie Mills, bestimmte „,Sektoren‘ des amerikanischen Lebens“ untersuchen, sondern müsse das „gesamte System des Monopolkapitalismus“ (15) in den Blick nehmen (16).

Mills, der die Rezensionen zu seinen Werken stets aufmerksam verfolgte, vertraute seinem Freund William Miller in einem Brief an, dass ihn die Kritik an der Power Elite hart getroffen habe, da sie in eine Phase fiel, in der er viele Selbstzweifel hegte (17). Vor allem stört ihn, dass seine Kritiker die Studie trivialisierten, seine Ergebnisse einfach nicht ernst nähmen und kleinteilige Ablenkungsdebatten eröffneten. Er ringt mit mehreren Antwortoptionen und entscheidet sich dagegen, ausführlich auf einzelne Kritiker sowie die zahlreichen methodischen und empirischen Kritikpunkte zu antworten (18).

Erst in der Summe der Reaktionen werde das Kernproblem deutlich: die Maßstäbe, nach denen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft Kritik geübt wird (19). Er entscheidet sich daher dafür, mit einem Essay zu antworten, der neben einer Replik auf einzelne Kritikpunkte im Kern die Frage beantwortet, ob er als Soziologe überhaupt Werturteile fällen und eine derartig scharfe Kritik von einem moralischen Standpunkt aus üben dürfe. Als kritischer Soziologe, so Mills, habe er gar keine andere Wahl. Es sei seine Aufgabe, gesellschaftliche Strukturen als Ganzes sichtbar zu machen und die damit verbundenen Mythen zu dekonstruieren. Dies macht Soziologie für ihn per se zu einem politischen Akt:

„Ob er will oder nicht, jeder der heute sein Leben dem Studium der Gesellschaft widmet und seine Ergebnisse publiziert, handelt politisch“ (20).

Die Frage, so Mills, sei nur, ob man sich diesem Fakt stelle und unabhängig Gedanken mache, wie die eigenen Motive und Wertungen das eigene wissenschaftliche Handwerk beeinflussen (21), oder sich, wie die meisten Sozialwissenschaftler seiner Zeit, dem liberalen politischen Zeitgeist unterwerfe und einen Jargon der wissenschaftlichen Objektivität vertrete, der die bestehende gesellschaftliche und politische Realität naturalisiere und damit legitimiere. Mit dieser Replik bekräftigt Mills einmal mehr seine Fundamentalkritik in seiner Power Elite, in der er den liberalen Pluralisten genau diese ideologische Stützfunktion vorwarf.

An der skizzierten Debatte lässt sich eindrucksvoll die wissenschaftliche Bedeutung von Mills‘ Machteliten-Studie ablesen. Mills führte nicht nur ein „neues Konzept ein, wie die Vereinigten Staaten regiert werden, sondern zwang auch Pluralisten und Marxisten, ihre eigenen Positionen zu überdenken, explizit zu machen und zu verteidigen“ (22). Mit Blick darauf wird deutlich, warum das Werk zweifellos zu den Klassikern der Politischen Soziologie zu zählen ist.

Die Wirkung von Mills‘ Studie setzte auch eine breite gesellschaftspolitische Debatte über die Machtverhältnisse und den demokratischen Charakter der modernen Gesellschaft in Gang — die keineswegs an den Grenzen der USA haltmachte. Einige Beispiele, die John Summers (2006) in einem Artikel der New York Times aufgeführt hat, machen das bemerkenswerte Ausmaß des internationalen Interesses deutlich. 1959 wurde Mills‘ Buch ins Russische übersetzt, wenngleich es als zu „pro-amerikanisch“ befunden wurde. Fidel Castro und Che Guevara studierten Die Machtelite während ihres Guerilla-Kriegs in den Bergen der Sierra Maestra (23).

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir publizierten Exzerpte des Werkes in ihrer Zeitschrift Les Temps Modernes. Und kein geringerer als der scheidende US-Präsident war es, der Anfang der 1960er-Jahre vor dem zunehmenden Einfluss des „militärisch-industriellen Komplexes“ (24) für die amerikanische Demokratie warnte.

Die Machtelite entfaltete über die zeitgenössische Diskussion hinaus eine bis in die Gegenwart anhaltende Wirkung innerhalb der internationalen Elitensoziologie und Politikwissenschaft. Kaum eine breitere Untersuchung zu den Eliten der Gesellschaft kam in der Folge ihrer Veröffentlichung umhin, auf Mills zu verweisen.

In Deutschland lässt eine substanzielle Auseinandersetzung mit seiner Studie jedoch bis heute auf sich warten:

„Die deutsche Mainstream-Soziologie hat im Unterschied zur globalen Soziologiegemeinde von C. Wright Mills nie etwas wissen wollen“ (25).

Dies wird exemplarisch auch an einer Reihe elitensoziologischer Sammelbände deutlich, in denen Die Machtelite zwar stets als Bezugspunkt in wenigen Sätzen aufscheint, eine breitere Beschäftigung mit ihr jedoch ausbleibt (26, 27).

Die Rezeptionsgeschichte der Power Elite in Deutschland weist große Parallelen zu der oben geschilderten zeitgenössischen Rezeption in den USA auf. Einerseits teilt die pluralistisch-funktionalistische Elitentheorie vor allem die behandelten methodischen und normativen Einwände (28), andererseits wird Mills‘ Studie von klassentheoretisch argumentierenden Sozialwissenschaftlern zwar als Ausgangspunkt der kritischen Elitensoziologie (29) und „Analyse einer herrschenden Klasse“ anerkannt, zugleich aber dafür kritisiert, im „dichotomen Schema von ,Elite und Masse‘“ (30) gefangen zu bleiben und sich auf diese Weise den Blick auf die größeren Funktionszusammenhänge der kapitalistischen Gesellschaft zu verstellen.

Während Mills in Deutschland also zwar durchaus Anerkennung, aber kaum Anhänger gewinnen konnte, inspirierte Die Machtelite vor allem in den USA zahlreiche Forschungen zu Machteliten (31) und gilt bis heute als Gründungsdokument der Machtstrukturforschung (englisch: Power Structure Research). Dieser Zweig der kritischen Elitenforschung zielt im Anschluss an Mills darauf ab, jene formellen und informellen Strukturen, Netzwerke und Mechanismen aufzuspüren, durch die in Gegenwartsgesellschaften Macht konzentriert und ausgeübt wird. Er verfolgt auf diese Weise nicht nur eine rein wissenschaftliche, sondern auch politische Mission, indem er Licht auf für die Demokratie problematische Machtballungen wirft und diese zum Gegenstand öffentlicher Debatten macht (32).

In Deutschland sind diese Ansätze marginalisiert und zersplittert. In Bezug auf die wenigen Ausnahmen, in denen eine substanziellere Auseinandersetzung mit Mills‘ Machtelite stattfindet, stechen in erster Linie die Studien von Hans-Jürgen Krysmanski hervor. Mit seinem Modell des Geldmachtkomplexes, mit dem er Mills und Marx, die Theorie der Machtelite und die Klassentheorie zusammenführt, bringt er einen erneuten Wandel der amerikanischen Machtstrukturen zum Vorschein: „Es sind die Superreichen selbst, (…) die dort heute den Ton angeben“ (33) und — so könnte man ergänzen — inzwischen auch personell das Weiße Haus und damit die Spitze des politischen Direktorats in den USA okkupiert haben.



Quellen und Anmerkungen:

Die vollständigen Quellenangaben können dem Buch entnommen werden.

(1) Mills 2000, S. 189
(2) zitiert nach Summer 2006
(3) Dahrendorf 1962, S. 604, auch Dahrendorf 1963
(4) Berle 1968, S. 97 f.
(5) vgl. Domhoff/Ballard 1968; Horowitz 1983, S. 272 ff.; Geary 2009, S. 162 ff.; Neun 2019, S. 54 ff.
(6) vgl. Dahl 1972, S. 150
(7) Eine Debatte um die Frage, mit welchen Methoden Macht zu messen und Eliten zu bestimmen seien, entzündete sich bereits durch eine Studie von Floyd Hunter (1953), die in Bezug auf die Analyse lokaler Machstrukturen zu einem ähnlichen Ergebnis wie Mills kam und dessen Ergebnisse Dahl mit einer Gegenstudie ebenfalls stark angriff (vgl. hierzu auch Rilling 2016; Wendt 2016, S. 27 ff.).
(8) vgl. Bell 1968, S. 191
(9) vgl. Bell 1968, S. 194 ff.
(10) Parsons 1968, S. 84
(11) Parsons 1968, S. 87
(12) vgl. Hartmann 2010
(13) vgl. Sweezy 1968, S. 117
(14) Lynd 1968, S. 115
(15) Sweezy 1968, S. 129
(16) vgl. auch Lynd 1968, S. 110 ff.
(17) vgl. Mills 2000, S. 227
(18) vgl. Domhoff 1968, S. 251
(19) vgl. Mills 2000, S. 209 f.
(20) Mills 1957, S. 235
(21) vgl. Tröger 2012
(22) Domhoff 1968, S. 278
(23) vgl. auch Mills 2000, S. 304 und 312; Treviño 2017
(24) Eisenhower 1961, S. 15
(25) Krysmanski 2015, S. 20
(26) vgl. Gabriel et al. 2006; Hitzler 2004; Hradil/Imbusch 2003
(27) Zur Randständigkeit von Mills im deutschen Sprachraum passt auch, dass er im Band „Klassiker der Sozialwissenschaften. 100 Schlüsselwerke im Portrait“ nicht thematisiert wird, weder mit der Power Elite, noch der Sociological Imagination (vgl. Salzborn 2014).
(28) vgl. hierzu Gabriel et al. 2006, S. 41 ff.
(29) vgl. Hartmann 2010
(30) Krais 2001, S. 52
(31) vgl. Rilling 2016
(32) vgl. Domhoff 2014, 2017; Krysmanski 2012, 2015
(33) Krysmanski 2016, S. 10