Der Weg in den Krieg

Die Ursachen des Zweiten Weltkriegs wurden in den Jahren von 1919 bis 1939 von verschiedenen Faktoren bestimmt.

Der britische Historiker Richard Evans hat in einer Vortragsreihe die Ursachen, den Verlauf und die Folgen des Zweiten Weltkriegs aus deutscher Sicht beschrieben und diskutiert. Sein Ziel ist es nicht, nur zu erklären, wie es zu diesem Krieg kam, warum Deutschland den größten Teil Europas mit so scheinbarer Leichtigkeit eroberte, wann sich das Kriegsgeschehen gegen Deutschland wendete und was letztendlich die Gründe für Deutschlands Niederlage waren, sondern auch die ungewöhnliche, ja in vielerlei Hinsicht einzigartige Natur des Krieges zu erforschen, den Deutschland insbesondere in Osteuropa führte; zu zeigen, wie der Krieg von gewöhnlichen Deutschen — sowohl von Angehörigen der Wehrmacht als auch von Zivilisten an der Heimatfront — erlebt wurde, und zu beurteilen, wie sich der Grad der Unterstützung der Kriegsführung in der deutschen Bevölkerung insgesamt veränderte. Im Folgenden der erste Vortrag der Reihe.

In diesem Eröffnungsvortrag werde ich über die Ursachen des Krieges sprechen. Sowohl während des Krieges als auch später, beeinflusst von Winston Churchills umfangreichen und weit verbreiteten fünf Bänden seiner Geschichte, ging man davon aus, dass die Nazi-Aggression den Krieg verursacht hatte und dass die Briten und die Franzosen früher hätten dagegenhalten müssen. Aber diese einfache Erklärung wurde von Alan J. P. Taylor vor fast einem halben Jahrhundert in seinem Buch The Origins of the Second World War (Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges, 1961) torpediert. In diesem provokativen Werk, das dazu beitrug, die Ansichten einer Generation zu diesem Thema zu formen, erinnerte Taylor seine Leser daran, dass 1939 Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg erklärten und nicht umgekehrt. „Warum haben sie das getan?“, fragte er.

Seine Antwort ist von späteren Historikern weitgehend akzeptiert worden. Großbritannien und Frankreich hätten aufgrund altmodischer Staatsräson den Krieg erklärt, argumentierte er. Die deutsche Expansion in Europa untergrub das Gleichgewicht der Kräfte, und sie wollten es wiederherstellen. Moralische Einwände hatten damit nichts zu tun, obwohl sie natürlich, wie schon bei der deutschen Invasion im neutralen Belgien 1914, sofort Teil der alliierten Propagandakampagne wurden.

Taylor entkräftete die Rhetorik, die Michael Foot und seine Kollaborateure in ihrer Kriegspolemik Guilty Men (Schuldige Männer, 1940) populär gemacht hatten, indem sie den britischen Premierminister Neville Chamberlain und seine Minister an den Pranger stellten, weil sie nach einer friedlichen Lösung im Verhältnis zu Nazi-Deutschland suchten, anstatt, sagen wir, 1936 einen Krieg loszutreten, zu einem Zeitpunkt, als die Aggression noch gestoppt und die Verbrechen in ihrem Umfang hätten begrenzt werden können.

Auch hier ist Taylors Argument von späteren Wissenschaftlern auf diesem Gebiet weitgehend akzeptiert worden: Das Streben nach einer friedlichen Lösung war weder politisch blind noch moralisch verwerflich, sondern der einzige vernünftige und ehrenhafte Weg, den die britische und die französische Regierung einschlagen konnten, als die deutschen Absichten noch unklar waren oder sich zumindest auf eine Revision des Versailler Vertrags zu beschränken schienen.

Dieser Vertrag und die damit verbundenen Nebenabkommen, die zusammen die Friedensregelung von 1919 bildeten, zeichneten nach der Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten im Ersten Weltkrieg die Karte Europas neu. Die Friedensordnung wurde bald nach ihrem Zustandekommen als unfair gegenüber den besiegten Nationen, heuchlerisch und unmoralisch angesehen — eine Ansicht, die Chamberlain und seine Regierung weitgehend teilten.

Zunächst erlegte das Friedensabkommen Deutschland massive finanzielle Entschädigungszahlungen für die Schäden auf, die die deutschen Armeen, die von August 1914 bis November 1918 in Belgien und Nordfrankreich einfielen und diese besetzten, in Belgien und Nordfrankreich angerichtet hatten.

Wirtschaftswissenschaftler wie John Maynard Keynes verurteilten die Reparationen fast unmittelbar nach ihrer Auferlegung, und die Wirtschaftsgeschichte der 1920er- und frühen 1930er-Jahre schien die Ansicht zu bestätigen, dass sie der deutschen Wirtschaft fatalen Schaden zufügten.

Tatsächlich wurde, wie wir heute wissen, die massive Hyperinflation der frühen Zwanziger Jahre, die die politischen Loyalitäten der Mittelklasse erschütterte, nicht zuletzt verursacht durch das Agieren der damaligen deutschen Regierungen, die aus Angst vor politischen Folgen Steuererhöhungen ablehnten, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie würden die Deutschen besteuern, um die Franzosen zu bezahlen. Und die liberalen, pro-demokratischen Parteien scheiterten vor allem deshalb, weil das Bürgertum sie nicht mehr als unverzichtbares Bollwerk gegen die Gefahr einer kommunistischen Revolution betrachtete, sobald sich die politische Lage stabilisiert hatte. Davon war jedoch für eine breite Schicht in Großbritannien und Frankreich nichts sichtbar, die sich schuldig fühlte, überhaupt Reparationen auferlegt zu haben.

Die Reparationszahlungen endeten im Jahr 1932. Beim Triumph des Nationalsozialismus im folgenden Jahr spielten sie also keine direkte Rolle. Viel wichtiger waren die territorialen Bestimmungen des Friedensabkommens. Entsprechend den Richtlinien von US-Präsident Woodrow Wilson wurden in den Friedensverträgen die Grenzen Europas unter Berücksichtigung der Nationalitäten neu gezogen.

Jede Nation sollte ihr eigenes Schicksal bestimmen dürfen. Die großen multinationalen Imperien, allen voran die Habsburgermonarchie, wurden in eine Anzahl unterschiedlicher Nationalstaaten aufgeteilt, wobei ein neuer oder wiederbelebter polnischer Staat aus Teilen des ehemaligen Deutschen und Russischen Kaiserreichs sowie der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gebildet wurde. Die Umsetzung des Prinzips der nationalen Selbstbestimmung warf jedoch unüberwindbare Probleme auf: Sie hinterließ ein Erbe tiefer Verbitterung für die Zukunft.

Die Grenzen der Ethnizität in Europa waren 1919 bei weitem nicht klar gezogen. Teilweise sehr umfangreiche deutsche Siedlungsgebiete existierten in ganz Ostmitteleuropa — bis an die Ostseeküste Russlands, in Rumänien, in Polen, in den tschechischen Grenzgebieten und so weiter. Viele Deutsche hatten den Eindruck, die neuen Grenzen würden zugunsten anderer Nationalitäten gezogen. So gehörten zu den neuen Staaten in der Regel große deutschsprachige Minderheiten.

Einige der neuen Staaten schränkten die Rechte dieser Minderheiten ein; Polen versuchte, die Deutschsprachigen zu „polonisieren“, während die ethnischen Deutschen in der Tschechoslowakei einen wachsenden Quell der Unzufriedenheit bildeten, weil sie sich im Vergleich zu den gebürtigen Tschechen benachteiligt fühlten. Elsass-Lothringen, mit einer Mehrheit deutscher Muttersprachler, war von Frankreich annektiert worden, während das Saargebiet, das vollständig deutsch war, unter der Mandatsverwaltung Frankreichs stand, allerdings mit der Vereinbarung einer Volksabstimmung im Jahr 1935 über eine Zugehörigkeit zu Deutschland. Diesem Prinzip folgend, waren viele Politiker in Großbritannien und Frankreich davon überzeugt, dass solche Minderheiten mehr Mitspracherecht haben sollten, welchem Staat sie angehörten, und in den 1930er-Jahren bedeutete dies zunehmend Deutschland.

Das Friedensabkommen (von Saint-Germain; Anmerkung des Übersetzers) bestand auch auf der Schaffung eines unabhängigen, souveränen Staates für die sechs Millionen Deutschsprachigen, die in der heutigen Republik Österreich lebten. Am Ende des Ersten Weltkrieges, als sich die anderen Nationalitäten der Donaumonarchie abgespalten hatten, um ihre eigenen unabhängigen Staaten zu bilden, hatten die Deutschsprachigen in Wien und den umliegenden Bundesländern für den Beitritt zur Weimarer Republik gestimmt, die ihrerseits eine Unionspolitik mit Österreich akzeptiert hatte. Schließlich war das deutschsprachige Österreich bis zu seinem Untergang 1806 Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und von 1815 bis zu seiner Auflösung durch Otto von Bismarck 1866 Teil des Deutschen Bundes gewesen.

Mit anderen Worten, es war mehr als ein Jahrtausend lang in der einen oder anderen Form ein Teil Deutschlands gewesen und hatte außerhalb Deutschlands nur etwas mehr als ein halbes Jahrhundert existiert. Aber die Alliierten hielten es für absurd und gefährlich, dass Deutschland nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg tatsächlich größer wurde, und legten deshalb ihr Veto ein. Mehr als jede andere Maßnahme in den Friedensabkommen erschien dies vermutlich vielen in Großbritannien und Frankreich als eine eklatante Verletzung des Prinzips der nationalen Selbstbestimmung, das so rigoros für andere Nationalitäten angewandt worden war, nur nicht für die Deutschen.

Obendrein setzte das Friedensabkommen der deutschen Rüstung strenge Grenzen. Die Deutschen durften weder Kriegsschiffe noch Kampfflugzeuge bauen, und ihre gesamte in diesen Bereichen vorhandene Bewaffnung musste vernichtet werden. Sie durften kein modernes Kriegsgerät wie Panzer bauen, und ihre Armee war auf maximal 100.000 Mann begrenzt. Im Gegensatz dazu gab es in anderen Ländern keine entsprechende Abrüstung, da der Vertrag von Versailles die Auffassung vertrat, dass die deutsche Aggression den Krieg verursacht hatte.

Als die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik Anfang der 1930er-Jahre zusammenbrach und dem nationalistischen Regime des Dritten Reiches wich, war außerhalb Deutschlands die Ansicht weitverbreitet, dass das Friedensabkommen eine Hauptursache dafür war — eine Ansicht, die natürlich durch die Nazi-Propaganda stark gefördert wurde. Tatsächlich ist kaum zu bezweifeln, dass die wahre Ursache die wirtschaftliche Depression war, die 1929 in den USA begann.

Im Jahr zuvor hatten die Nazis bei den deutschen Reichstagswahlen weniger als 3 Prozent der Stimmen gewonnen. Vier Jahre später, im Jahr 1932, erreichten sie 37,4 Prozent der Stimmen. Hitler begann seine Außenpolitik im Oktober 1933 mit dem Rückzug aus den Abrüstungsgesprächen, um dagegen zu protestieren, dass die Briten und Franzosen eine eigene Abrüstung ablehnten, obwohl für Deutschland bereits seit anderthalb Jahrzehnten Rüstungsbeschränkungen galten. Aber er beruhigte die internationalen Stimmen, indem er im Januar 1934 einen Nichtangriffspakt mit Polen unterzeichnete und damit dem Rest der Welt seine friedlichen Absichten signalisierte.

Später im selben Jahr beging Hitler jedoch einen schweren Beurteilungsfehler, indem er einen gescheiterten Versuch unterstützte, Österreich in Deutschland einzugliedern. Obwohl der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuss von einer (Wiener)Einheit SS-Männer ermordet wurde, scheiterte der Putsch, nicht zuletzt, weil der italienische Diktator Benito Mussolini seine Truppen an die Grenze verlegte und deutlich machte, dass er eine Machtübernahme nicht tolerieren würde. Die internationale Isolation Deutschlands vertiefte sich, als die Saarländer Anfang 1935 für die Rückkehr nach Deutschland stimmten.

Hitler erklärte kurz darauf, dass er die allgemeine Wehrpflicht einführen, eine militärische Luftwaffe und eine Kampfflotte aufbauen und seine neue Armee mit den modernsten Panzern ausstatten werde, womit er die Rüstungsbeschränkungen ablehnte, die Deutschland durch das Friedensabkommen auferlegt worden waren. Die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Italiens reagierten darauf mit einem Treffen in der Stadt Stresa und kamen überein, die Unabhängigkeit Österreichs zu garantieren. Die Franzosen unterzeichneten einen Beistandspakt mit der Sowjetunion.

Dennoch waren diese Sicherheitsmaßnahmen nur halbherzig. Grundsätzlich wollten die britische und die französische Regierung nicht erkennen, was an den deutschen Schritten moralisch verwerflich war. Die innenpolitische Öffentlichkeit unterstützte sie. Gleichzeitig schien es klug, sich auf das Schlimmste vorzubereiten, während man auf das Beste hoffte, und Großbritannien begann vor allem ab 1936 mit der Modernisierung und Erweiterung seiner Streitkräfte und Ausrüstung, gefolgt von Frankreich. Aber beide Länder hatten an weit entfernte Imperien in Übersee zu denken, und die europäische Politik schien zweitrangig zu sein. So klagte Neville Chamberlain in einer Rundfunkansprache während der tschechoslowakischen Krise im September 1938:

„Es ist furchtbar, gespenstisch, unglaublich, dass wir hier Schützengräben anlegen und Gasmasken aufsetzen sollten wegen eines Streites in einem fernen Land zwischen Völkern, von denen wir nichts wissen.“

Er hätte nicht dieselben Worte für Kanada, Indien, Südafrika oder Australien verwendet. Aber er wusste, dass die Mehrheit der britischen Wählerschaft diese Teile des Britischen Empire zu dieser Zeit in ihrer mentalen Weltkarte noch immer viel näher an ihrer Heimat verortete als Länder irgendwo in Mittel- oder Osteuropa. Die Dominions („Herrschaftsgebiete“, ab Anfang des 20. Jahrhundert die sich selbst verwaltende Kolonien und Irland; Anmerkung des Übersetzers) und der Rest des Britischen Empire zögerten, sich in einen europäischen Konflikt einzumischen, in dem die Ziele Großbritanniens ungewiss schienen und die Rolle Großbritanniens für dessen Anliegen wenig relevant war. Zudem brachte Hitler wiederholt seine Bewunderung für das Britische Empire zum Ausdruck und behauptete, er wolle es als Verbündeten und nicht als Feind.

Angesichts Hitlers wiederholter Versicherungen, er habe nicht die Absicht weiterzugehen, als das Unrecht des Friedensvertrags von 1919 auszubügeln, dachten die britischen und französischen Regierungen und auch das britische und französische Volk, dass alle Anstrengungen unternommen werden sollten, um einen Krieg mit Deutschland zu vermeiden. Die Gründung des Völkerbunds im Jahre 1919 hatte ein internationales System verheißen, durch das künftige Kriege verhindert werden sollten, und es gab eine weitverbreitete Abneigung, zu den alten Zeiten des Säbelrasselns und der Militärbündnisse zurückzukehren, die nach Auffassung der meisten Menschen im Jahr 1914 zum Ausbruch des Krieges geführt hatten.

Niemand wollte das schreckliche Gemetzel von 1914 bis 18 wiederholen, bei dem viele Briten und Franzosen — darunter führende Persönlichkeiten beider Regierungen — enge Freunde und Verwandte verloren hatten. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, dass sich der nächste Krieg vom überstandenen vor allem durch die massive Bombardierung von Großstädten aus der Luft unterscheiden würde und dass es keine Verteidigung gegen Angriffe dieser Art gäbe. Der Verlust ziviler Menschenleben wäre unkalkulierbar, und die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch deutsche und italienische Flugzeuge während des Spanischen Bürgerkriegs schien diesen Aspekt zu unterstreichen.

Darüber hinaus marschierten die Italiener 1936 in Äthiopien ein und bombardierten die feindlichen Truppen mit Giftgas, was wahrscheinlich erscheinen ließ, dass dasselbe auch in anderen zukünftigen Kriegen geschehen würde: daher die Herstellung von Millionen von Gasmasken und deren Verteilung an die Bevölkerung Londons und anderer Städte in den späten 1930er-Jahren. Großbritannien erholte sich bis Mitte der Dreißiger Jahre nur langsam von der Großen Depression — Frankreich steckte noch immer mittendrin — und die wirtschaftlichen Kosten einer Kriegsführung schienen vielen unerschwinglich.

Diese Ansicht wurde dadurch bestärkt, dass man in London und Paris überzeugt war, die deutsche Wiederbewaffnung schreite sehr schnell voran und habe nach fünf Jahren, im Jahr 1938, ein so fortgeschrittenes Stadium erreicht, dass die Aussichten, tatsächlich einen Krieg gegen Hitlers wiedererstarkendes Reich zu gewinnen, gelinde gesagt zweifelhaft waren. Und auf jeden Fall bewunderten viele Schlüsselfiguren des konservativen Establishments im Vereinigten Königreich und nicht wenige in Frankreich — insbesondere unter den Militärs — die Art und Weise, wie Hitler Ordnung, Wohlstand und Nationalstolz in Deutschland wiederhergestellt zu haben schien.

Der Sowjetkommunismus schien eine weit größere Bedrohung zu sein als der Nationalsozialismus, und Deutschland bot ein wirksames Bollwerk gegen den Bolschewismus. Die Frage war deshalb, welche englischen oder französischen Interessen gab es in Österreich, Polen oder der Tschechoslowakei, die einen kostspieligen Krieg mit geringen Erfolgsaussichten rechtfertigen könnten, der obendrein möglicherweise den Einfluss Großbritanniens und Frankreichs auf ihrer Übersee-Imperien schwächen würde?

Wenn Hitler tatsächlich zuweilen mit einer Angriffslust zu sprechen und zu handeln schien, die seiner wiederholten Behauptung, ein Mann des Friedens zu sein, widersprach, dann könnte man vielleicht, so wurde argumentiert, der Nazi-Aggression den Wind aus den Segeln nehmen, indem man ihm gab, was er wollte. Wären die Bestimmungen des Friedensabkommens beseitigt, die in Deutschland Verbitterung und Ressentiments hervorgerufen hatten, dann gäbe es keinen Grund mehr für eine deutsche Aggression und die radikalen Elemente im Naziregime würden gezähmt: Das war die Politik mit dem einen Wort „Beschwichtigung“ (Appeasement).

Dies war die Argumentation, die der britischen Politik gegenüber Nazi-Deutschland während des größten Teils der 1930er-Jahre zugrunde lag. Am 18. Juni 1935 schlossen die Briten ein Flottenabkommen mit Deutschland, das die deutsche Flotte bei Überwasserschiffen auf etwas mehr als ein Drittel der britischen beschränkte — die, daran muss man sich jedoch erinnern, im Gegensatz zum rein europäischen Operationsgebiet der deutschen Marine ein weltweites Einsatzgebiet hatte. Das Abkommen erlaubte auch eine Parität bei U-Booten. Dadurch wurde das Stresa-Abkommen ausgehöhlt; und in einer weiteren Entwicklung, die Hitlers Position begünstigte, führte der italienische Einmarsch in Äthiopien dazu, dass Mussolini international isoliert blieb und nur Hitler als potenzieller Hauptverbündeter in Europa in Frage kam. Die Achse Rom-Berlin wurde im folgenden Jahr durch das gemeinsame Eingreifen der beiden Länder auf der Seite der Franco-Rebellen im Spanischen Bürgerkrieg zementiert.

Am 7. März 1936 stationierte Hitler Truppenteile der Wehrmacht im entmilitarisierten Rheinland, um den Versailler Vertrag weiter zu revidieren. Großbritannien und Frankreich sahen keinen guten Grund, warum ein souveräner Staat nicht in der Lage sein sollte, seine eigenen Truppen auf irgendeinem Teil seines eigenen Territoriums einzusetzen, und hielten sich deshalb zurück. Bis 1938 hatte die deutsche Wiederbewaffnung ein Stadium erreicht, dass sich Hitler bereit fühlte, in Österreich einzumarschieren, das er am 12. März ohne jeglichen Widerstand der österreichischen Bevölkerung annektierte, deren große Mehrheit nur allzu glücklich war, den ihrer Meinung nach gescheiterten und unrentablen Staat zu verlassen und sich einem scheinbar fortschrittlichen und erfolgreichen Land anzuschließen.

Im September 1938 erreichte Hitler in München ein internationales Abkommen mit Großbritannien, Frankreich und Italien, um westliche, nordwestliche und südwestliche Grenzgebiete der Tschechoslowakei, das hauptsächlich von Deutschsprachigen bewohnt war, abzutrennen und in das Deutsche Reich einzugliedern. Angesichts des starken internationalen Drucks gab die tschechoslowakische Regierung ihre Zustimmung.

Wie kam es von diesem Punkt zum Ausbruch des Krieges weniger als ein Jahr später? Das Münchner Abkommen, von dem ein jubelnder Chamberlain der britischen Öffentlichkeit verkündete, es garantiere „Frieden für unsere Zeit“, hatte die Unterstützung der großen Masse des britischen Volkes, und klar war — wie Alan J. P. Taylor anmerkte —, dass man keine Lust auf einen Krieg hatte. Aber bereits am 15. März 1939 marschierten deutsche Truppen in die Rumpf-Tschechoslowakei ein. Dies war nicht nur ein klarer Verstoß gegen das Münchner Abkommen, es war auch das erste Mal, dass Hitler in ein Land einmarschierte oder ein Gebiet annektierte, das nicht hauptsächlich von Deutschen bewohnt war. Dies weckte in Großbritannien und Frankreich den Verdacht, dass er mehr als die bloße Revision des Versailler Vertrags anstrebte.

In der Tat schien er die Vorherrschaft in Europa anzustreben, und dies würde, wie Taylor bemerkte, eindeutig das Gleichgewicht der Kräfte stören. Auch war der britischen und französischen Regierung zu diesem Zeitpunkt klar geworden, dass die deutsche Wiederbewaffnung nicht so überwältigend war, wie sie zuvor gedacht hatten, während gleichzeitig ihre eigenen Rüstungs- und Aufrüstungsprogramme voranschritten und ihnen das Vertrauen zu geben begannen, dass sie der deutschen Aggression standhalten konnten.

Die Entwicklung des Radars, unterstützt durch den Bau einer effektiven Kampfflugzeugflotte, bot die Möglichkeit zur Verteidigung gegen Luftangriffe. Die Interessen des Empires waren nun betroffen, weil Deutschland durch die wachsende Stärke der deutschen Kampf- und U-Boot-Flotten anfing, Großbritanniens Rolle in der Welt zu bedrohen. Darüber hinaus war es die Erkenntnis, dass Deutschland mit der Sicherung der Kontrolle über Westeuropa die Ressourcen einiger der reichsten Volkswirtschaften des Kontinents erwerben sowie über Ärmelkanal und Nordsee eine direkte Bedrohung für Großbritannien darstellen würde.

Die Eroberung der Rumpf-Tschechoslowakei überzeugte somit die Masse der britischen Wählerschaft und — was entscheidend ist — ihre Vertreter in allen großen politischen Parteien davon, dass Hitlers Ambitionen praktisch grenzenlos waren und dass das britische nationale Interesse verlangte, sie zu stoppen. Bald darauf begann eine deutsche Propagandaoffensive gegen Polen, in der man dem Land die Misshandlung und Ermordung polnischer Bürger deutscher Abstammung vorwarf. Es schien offensichtlich, dass Polen als nächstes Land auf Hitlers Liste stand. Daher sprachen die britische und die französische Regierung eine Garantie für die polnische Souveränität aus und stellten klar, dass sie bei deren Verletzung Deutschland den Krieg erklären würden.

Dennoch glaubte Chamberlain weiterhin daran, dass Frieden möglich sei. Als Deutschland tatsächlich Anfang September 1939 in Polen einmarschierte, setzte er sich im Unterhaus für eine Vermittlung durch Italien ein, ohne eine Frist für eine anglofranzösische Reaktion vorzugeben. Eine Wiederholung des Münchner Abkommens schien einmal mehr im Raum zu stehen. Doch dieses Mal war die Stimmung im Unterhaus und auch sonst im Land eine völlig andere.

Die konservativen Hinterbänkler waren entsetzt über Chamberlains Versuch, die Souveränitätsgarantie gegenüber Polen fallenzulassen. Als der Sprecher der Labour Party Arthur Greenwood aufstand, wurde er brüsk unterbrochen. „Als Sprecher der Labour-Partei“, begann er — „Sprechen Sie für England!“, rief Leo Amery von den hinteren Bänken der Tory dazwischen. Greenwood tat es. „Ich bin sehr beunruhigt“, sagte er.

„Ein Akt der Aggression fand vor achtunddreißig Stunden statt (…) Ich frage mich, wie lange wir in einer Zeit, in der Großbritannien und alles, wofür Großbritannien steht, und die menschliche Zivilisation in Gefahr sind, noch abwarten wollen.“

Nach der Sitzung trat das Kabinett zusammen und zwang Chamberlain, den Deutschen ein Ultimatum zu stellen: entweder sich zurückzuziehen oder eine Kriegserklärung zu provozieren. Die Deutschen zogen sich nicht zurück, und so wurde ihnen der Krieg erklärt.

„Alles, worauf ich gehofft habe, alles, woran ich in meinem öffentlichen Leben geglaubt habe“, sagte Chamberlain vor dem Unterhaus, „liegt in Trümmern“. Aber was ihn am Ende überwältigte, war nicht irgendein rationales Kalkül aus nationalem Interesse an der Erhaltung der Machtbalance auf dem Kontinent, sondern ein Ansturm moralischer Leidenschaft, der Deutschland als einen rücksichtslosen Aggressor betrachtete, der eine souveräne Nation nach der anderen mit Füßen tritt und zweifellos wild entschlossen ist, noch mehr zu zerstören.

Es war an der Zeit, dem Einhalt zu gebieten. Großbritannien war eine führende Weltmacht. Großbritanniens Pflicht war es, für eine stabile und so weit wie möglich moralisch vertretbare internationale Ordnung auf dem europäischen Kontinent zu sorgen. Der weitverbreitete Glaube an die Bedeutung der Moral in den internationalen Beziehungen, der eine der Triebkräfte für die Unterstützung des Völkerbundes und die Kritik am Versailler Vertrag gewesen war, drückte sich nun in Abscheu vor der nationalsozialistischen Außenpolitik aus.

Und was war das für eine Politik? Hier war Taylor am schwächsten. Um seine Argumente zu verstehen, ist es wichtig zu erkennen, dass Taylor unter dem Einfluss von Sir Lewis Namier — mit dem er in Manchester gelehrt hatte und dessen polnisch-jüdischer Hintergrund ihm einen extremen und unsterblichen Hass auf Deutschland und die Deutschen bescherte — zu der Denkschule in Großbritannien gehörte, die Deutschland für einen internationalen Aggressor prädestiniert hielt.

Sein Buch The Course of German History (Der Kurs der deutschen Geschichten, 1945) war während des Krieges von der Exekutive für politische Kriegsführung der Regierung (Political Warfare Executive) in Auftrag gegeben, aber abgelehnt worden, weil es zu deutschfeindlich war — und weil es, wie mir der Mann, der die Ablehnung empfahl, der linksgerichtete deutsche Exilant Francis Carsten, einmal sagte, es voll von grundlegend sachlichen Fehlern war. In ihm argumentierte Taylor, dass Deutschlands Mangel an natürlichen Grenzen unausweichlich dazu führen müsse, dass Deutschland immer versuche, innerhalb Europas zu expandieren, bis es sie gefunden hat.

Natürlich hatte dieses Argument offensichtliche Mängel: Viele andere Länder haben keine natürlichen Grenzen. Flüsse sind dazu da, um überquert zu werden, Berge, um überquert zu werden, und natürliche Grenzen stimmen oft nicht mit den politischen überein. Trifft das Argument zu, dann hätte Deutschland nie versucht, Gebiete jenseits des Rheins wie Elsass-Lothringen oder das Saarland zu erwerben, und hätte leicht dortbleiben können, wo es jetzt aufhört, nämlich an den Flüssen Oder und Neiße im Osten.

Sein Buch scheint ein Produkt der Kriegspropaganda gewesen zu sein. Doch 1961, im selben Jahr, in dem er The Origins of the Second World War veröffentlichte, druckte Taylor The Course of German History unverändert nach und fügte lediglich ein neues Vorwort hinzu, in dem er erneut seine Befürchtungen zum Ausdruck brachte, dass es noch vor Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts einen „dritten deutschen Krieg“ geben würde. Es war also ein wütender antideutscher Historiker, der Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges schrieb, und kein Apologet Hitlers, wie seine deutschen Kritiker behaupteten. Als er erklärte, Hitler sei nicht mehr als ein gewöhnlicher deutscher Staatsmann, wie Bismarck oder Friedrich der Große, meinte er nicht, dass er nicht schlechter sei als sie, sondern sie seien nicht besser als er.

Gleichzeitig versuchte Taylor — ein selbsterklärter Anhänger der Rolle des Zufalls in der Geschichte — zu leugnen, dass Hitler einen persönlichen Plan für eine europäische, geschweige denn für eine Weltherrschaft hatte. Im Verlauf einer eingehenden Studie der diplomatischen Manöver der 1930er-Jahre stellte er glaubhaft dar, dass Hitler bei zahlreichen Gelegenheiten seine Meinung und die Richtung seiner Politik geändert habe.

Taylor zitierte das berühmte Memorandum, das Oberst Friedrich Hoßbach bei einem Treffen der Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe am 5. November 1937 verfasste, als Hitler seine Absicht erklärte, die Tschechoslowakei und dann Österreich zu erobern. Doch dann eroberte er sie in umgekehrter Reihenfolge, sodass Taylor triumphierend behauptete, er habe keinen Plan gehabt, sondern einfach die Umstände ausgenutzt, als sie sich ergaben. Und auf jeden Fall, fügte er noch hinzu, sei das Memorandum selbst von zweifelhafter Authentizität und man könne sich nicht darauf verlassen. Mit anderen Worten: Hitler saß nicht am Steuer, sondern die deutsche Geschichte.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke, dass diese Ansichten etwas recht Widersprüchliches in sich haben. Entweder strebte Hitler eine europäische Hegemonie an oder er wollte sie nicht. Mag sein, dass der Zweite Weltkrieg durch die Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland ausgelöst wurde, aber hätte es einen Krieg gegeben, wenn sie es nicht getan hätten? Taylor schien beides anzudeuten, sowohl das eine als auch das andere. Letztlich erklärte er nur, warum der Krieg stattfand, als er sich ereignete; er ging davon aus, dass er sowieso irgendwann stattgefunden hätte. Mehr noch: Taylor stützte sich ausschließlich auf veröffentlichte diplomatische Dokumente, Reden und Schriften, doch selbst zu der Zeit, als er schrieb, gab es eine Menge Beweise, die Hitlers Absichten dokumentieren, und seitdem sind noch viel mehr ans Licht gekommen. Und Absichten sind natürlich — was Taylor übersah — nicht dasselbe wie Pläne.

Die meisten Politiker und Staatsmänner haben eine Art längerfristige Absicht oder ein längerfristiges Ziel, aber wie sie tatsächlich dorthin gelangen, hängt davon ab, wie sie die Chancen und Umstände des Augenblicks nutzen — mit anderen Worten, es hängt davon ab, wie gut sie die Kunst der Politik beherrschen. Bismarck war das klassische Beispiel: Seine Absicht war es, Deutschland ohne Österreich zu vereinigen, aber er tat es, indem er die verworrene Politik der Schleswig-Holstein-Frage und der Hohenzollern-Kandidatur für den spanischen Thron ausnutzte, die beide in keiner Weise vorherbestimmt waren.

Aber Adolf Hitler war anders. Er kam aus dem rechtsextremen Randbereich der deutschen und österreichischen Politik. Als Reaktion auf die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg und verallgemeinernd aus seiner Erfahrung in der multiethnischen Habsburgermonarchie, sah er die Weltgeschichte und die internationalen Beziehungen im Wesentlichen als einen darwinistischen Kampf zwischen den Rassen — Arier, Latiner, Slawen, Angelsachsen und so weiter — um das Überleben des Stärkeren. Der Weltfeind aller, aber besonders der Arier — womit er im Wesentlichen Deutsche und möglicherweise oder teilweise auch Holländer und Skandinavier meinte — war der Jude.

Hitler war der Ansicht, dass Juden überall in eine koordinierte internationale Verschwörung zum Sturz Deutschlands verwickelt waren und dass ihnen dies 1918 tatsächlich gelungen war, indem sie die Revolution an der Heimatfront angefacht und so der unbesiegten Armee den berüchtigten „Dolchstoß“ versetzt hatten. Tatsächlich war die deutsche Armee natürlich durch die überlegenen materiellen Ressourcen der Alliierten besiegt worden, insbesondere nachdem dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten. Die alliierte Wirtschaftsblockade hatte die Lebensmittelversorgung unterbunden und zum Tod von etwa 600.000 Deutschen durch Hunger und damit verbundenen Krankheiten geführt. Die alliierten Waffen hatten sich als überlegen erwiesen.

Hitler glaubte, dass Deutschlands einzige Chance für ein langfristiges Überleben — wie er in seinem 1925/26 in zwei Bänden erschienenen Buch Mein Kampf schrieb — im Erwerb von landwirtschaftlichen Flächen in Osteuropa lag. Dies würde Deutschlands Äquivalent zum amerikanischen Westen sein. Das kommunistische Regime in Russland wurde, wie er glaubte, von Juden geführt — tatsächlich wies es unter Stalin ausgesprochen antisemitische Züge auf. „Das Ende der jüdischen Herrschaft in Russland“, schrieb Hitler in Mein Kampf, „wird auch das Ende Russlands als Staat sein“. Russland und seine „Vasallen-Grenzstaaten“ würden erobert und von Deutschen besetzt werden, um „Lebensraum“ zu schaffen. Damit meinte er, dass deutsche Bauern Russen, Ukrainer und Weißrussen verdrängen und eine landwirtschaftliche Nutzfläche schaffen würden, die Deutschland in jedem zukünftigen Konflikt ernähren und somit das Leben der Deutschen ermöglichen würde. „Die Grenzen des Jahres 1914“, stellte er in dem Buch fest, „bedeuten für die Zukunft der deutschen Nation überhaupt nichts“.

Im Jahr 1928 schrieb Hitler ein zweites Buch, das jedoch nie veröffentlicht wurde, oder zumindest nicht, bis es einige Jahre nach 1945 entdeckt wurde. In einer bemerkenswerten Passage des Buches schrieb er, dass die amerikanische Dominanz in der Welt für alle sichtbar wurde. Sie würde jeden europäischen Staat auf das Niveau der Schweiz reduzieren.

„Der einzige Staat, der in der Lage sein wird, Nordamerika die Stirn zu bieten, wird derjenige sein, der es verstanden hat, durch das Wesen seines Innenlebens und den Sinn seiner Außenpolitik sein Volk rassisch aufzuwerten und in die dafür am besten geeignete Staatsform zu bringen (…) Es ist die Aufgabe der nationalsozialistischen Bewegung, das Vaterland zu stärken und auf diese Mission vorzubereiten.“

Mit anderen Worten: Diese Aussagen beider Bücher zusammenfassend sagte Hitler, dass Deutschland unter den Nazis eine Diktatur schaffen würde, die auf ethnischer Reinheit beruht und fähig ist, die Herrschaft über den europäischen Kontinent zu erlangen. Auf diese Weise wäre es in der Lage, den USA die Stirn zu bieten, möglicherweise im Bündnis mit dem britischen Empire.

Hitlers Ambitionen waren also von Anfang an auf globaler Ebene angesiedelt. Mein Kampf war weder eine Vorlage noch ein Plan. Aber wie Hugh Trevor-Roper in seiner Antwort auf Taylor anmerkte, enthüllte es zusammen mit anderen relevanten Äußerungen Hitlers langfristige Absichten, die sich unabhängig von den politischen oder diplomatischen Manövern des Augenblicks nie änderten. Hitler war in Bezug auf diese Absichten recht offen. Am 23. Mai 1928 erklärte er in einer Rede, dass es sein Ziel sei, „Deutschland durch Krieg bis in die entfernteste Zukunft zu retten, indem man so viel Land und Boden sichert, dass die Zukunft ein Vielfaches des vergossenen Blutes zurückerhält“.

Kurz nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 teilte er zwei amerikanischen Geschäftsleuten in einem privaten Gespräch mit, dass er die Annexion Österreichs, des polnischen Korridors, Elsass-Lothringens und der deutschsprachigen Gebiete in Dänemark, Italien, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien beabsichtige.

Am 3. Februar 1933 traf Hitler sich mit hochrangigen Reichswehroffizieren, deren Unterstützung er sich unbedingt sichern wollte, als er begann, seine Sturmtruppen gegen die Feinde des Nationalsozialismus auf den Straßen zu entfesseln, um sie aus der Politik zu vertreiben und eine Einparteiendiktatur zu errichten. Er sagte ihnen offen, dass er aufrüsten, in Osteuropa einmarschieren, es dann „germanisieren“ und die einheimische Bevölkerung der Slawen vertreiben würde. Ein Jahr später, im Februar 1934, sagte er bei einem Treffen von Reichswehr-, SS- und Sturmtruppenführern, dass er erwarte, dass der jetzt einsetzende wirtschaftliche Aufschwung spätestens 1942 zum Stillstand kommen werde, wenn Deutschland nicht „Lebensraum“ im Osten erhalte. „Kurze, entscheidende Schläge“, sagte er, „im Westen und dann im Osten könnten notwendig sein“.

Neben dem Hoßbach-Memorandum gibt es also genügend Beweise, die Hitlers Absicht belegen, im Osten Lebensraum zu schaffen und im Westen Deutschlands Feinde, vor allem Frankreich, zu besiegen. Das Primat der Wiederbewaffnung in den ersten Jahren seines Regimes war absolut. Einige Wirtschaftshistoriker haben argumentiert, er habe Geld in die Wirtschaft gesteckt, um die Arbeitslosigkeit abzubauen, von der 1933 mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte betroffen war. Aber am 8. Februar 1933 desselben Jahres sagte er:

„Jede öffentlich geförderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme müsse unter dem Gesichtspunkt beurteilt werden, ob sie notwendig sei vom Gesichtspunkt der Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes.“

Die Wiederbewaffnung wurde als Arbeitsbeschaffung getarnt, um die anderen Großmächte zu täuschen, bis sie, wie im Jahr 1935, einen Punkt erreichte, an dem Deutschland militärisch nicht mehr so schwach war, dass es keine Abschreckung mehr für eine französische Invasion wie im Jahr 1923 darstellte.

Ab 1936 war der Weg zum Krieg frei — und zwar nicht zu einem begrenzten Krieg, sondern zu einem europäischen Krieg. Der Vierjahresplan, der in jenem Jahr aufgestellt wurde, hatte das ausdrückliche Ziel, die deutsche Wirtschaft bis zum Jahr 1942 auf einen Krieg vorzubereiten. Und bei dem 1937 von Oberst Hoßbach aufgezeichneten Treffen, dessen Protokoll natürlich zweifellos echt ist, kündigte Hitler seine Absicht an, Österreich und die Tschechoslowakei zu erobern und sich auch mit der möglichen Feindseligkeit Frankreichs auseinanderzusetzen.

In den Monaten nach dem Treffen ersetzte er die eher konservativen, vorsichtigen Mitglieder seiner Regierung und militärischen Führung — Hjalmar Schacht (Wirtschaftsminister), Werner von Blomberg (Kriegsminister), Werner von Fritsch (Oberbefehlshaber Heer), Konstantin Freiherr von Neurath (Außenminister) — durch Männer, die eher bereit waren, seinen Willen zu erfüllen. Da er befürchtete, er könnte einer tödlichen Krankheit erliegen, und auch zuversichtlicher als zuvor war, dass Großbritannien und Frankreich kein wirksames Hindernis für die deutsche Expansion darstellen würden, beschleunigte er das Tempo seiner Außenpolitik und schob das Datum des Kriegsbeginns von 1942 um zwei oder drei Jahre nach vorne.

Nach dem Anschluss Österreichs bestand Hitlers nächstes Ziel nicht darin, ein weiteres Unrecht des Friedensvertrags von 1919 mittels Annexion des deutschsprachigen Grenzgebiets der Tschechoslowakei zu korrigieren, sondern die Tschechoslowakei und dann Polen — zwei Hindernisse für die weitere Osterweiterung Deutschlands auf dem Weg zum „Lebensraum“ — ganz von der Landkarte zu entfernen. Am 28. Mai 1938 teilte er den Spitzen der Wehrmacht und des Auswärtigen Amtes mit, dass es sein unverrückbare Wille sei, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch militärische Aktionen zu zerschlagen. Ähnlich wie später im Falle Polens diente die angebliche Misshandlung von Volksdeutschen, die von der Propagandamaschinerie Joseph Goebbels' so lautstark hochgespielt wurde, nur als Vorwand.

Diese außenpolitischen Ziele waren weitaus radikaler als die von früheren deutschen Staatsmännern verfolgten, was in der Tat ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Chamberlain sie nicht als das anerkannte, was sie waren. Bismarck hatte Deutschland in den 1870er- und 1880er-Jahren als einen „ saturierten Staat“ bezeichnet, aber das hielt bekanntlich nicht sehr lange an. Zu den Zielen Deutschlands im Ersten Weltkrieg gehörten im weitesten Sinne die Schwächung Frankreichs und die Abtrennung großer Industrieregionen von Frankreich sowie die Eingliederung Belgiens und Hollands in ein deutsches Wirtschaftsimperium. Das, was Hitler als „germanische“ Teile dieser und der skandinavischen Länder verstand, wollte er auf Dauer in das Deutsche Reich selbst integrieren.

Im Osten zielte Deutschland im Ersten Weltkrieg darauf ab, Polen Gebiete zu entziehen und es zu einem Satellitenstaat zu reduzieren; Hitler hingegen wollte es gänzlich zerstören. Im Ersten Weltkrieg gab es natürlich keinen Gedanken daran, Österreich zu absorbieren oder ein deutsches Protektorat in Böhmen zu schaffen. Während Deutschland im Ersten Weltkrieg die Schaffung eines unabhängigen Pufferstaates Ukraine anstrebte, um das Reich gegen die potenzielle Macht Russlands abzufedern, lehnte Hitler im Zweiten Weltkrieg und lange vorher solche Ideen ab, obwohl sie von seinem Erzideologen Alfred Rosenberg verfochten wurden. Sein Ziel war es, alle osteuropäischen Staaten mitsamt dem Gros ihrer Bewohner zu vernichten.

Obwohl sie die Rassenvorurteile ihrer Zeit teilten, betrachteten die Männer, die das Deutsche Kaiserreich von 1914 bis 18 führten, die Weltgeschichte und die europäische Politik letztlich nicht ausschließlich in rassischen Begriffen, wie es Hitler tat. Im Großen und Ganzen teilten sie nicht Hitlers spätere Auffassung von Osteuropa als Deutschlands Äquivalent zum amerikanischen Westen, einem vermeintlich leeren Raum, dessen indigene Bevölkerung getötet oder vertrieben werden mussten, um Platz für neue Siedler aus dem zivilisierten Teil des Kontinents zu schaffen.

Hitler gab kaum mehr als Lippenbekenntnisse zu der Idee ab, Deutschlands verlorene Kolonien in Übersee zurückzugewinnen, und vielleicht auf längere Sicht noch ein paar mehr; er hatte die Vision von einem Kolonialimperium in Europa, nicht in Afrika, Asien oder dem Pazifik. Der Aufstieg in die große Liga der Kolonialmächte war jedoch die Hauptantriebskraft für die militärischen und maritimen Ambitionen des Deutschen Kaiserreichs. Obendrein hatte Hitler natürlich einen neuen und furchterregenden Feind zu bekämpfen, nämlich das kommunistische Russland: Dachte das kaiserliche Deutschland noch in konventionellen Begriffen von Staaten und zwischenstaatlicher Diplomatie und Konflikten, stuften Hitler und die Nazis stattdessen die Bedeutung des Staates herab, indem sie in radikalen Begriffen von Rassen und zwischenrassischen Konflikten dachten.

Hitler war also — was auch immer Taylor behaupten mag — kein gewöhnlicher deutscher Staatsmann. Sein radikaler, unbegrenzter Ehrgeiz ging aus einer radikalen, fast unbegrenzten Reihe von Krisen — militärischer, wirtschaftlicher, kultureller, sozialer und politischer Art — hervor, die Deutschland zwischen 1918 und 1933 erschütterten. Aber Hitlers Außenpolitik entstand natürlich nicht in einem Vakuum. Auch eine Diktatur muss bis zu einem gewissen Grad die Meinung des Volkes berücksichtigen, sonst läuft sie Gefahr, von innen heraus untergraben oder gestürzt zu werden. Inwieweit hat Hitlers Politik also die Zustimmung des deutschen Volkes gefunden? Kein Zweifel besteht daran, dass einer der Faktoren, der den Nazis 1932/33 die Unterstützung von mehr als einem Drittel der Wählerschaft einbrachte, ihr Versprechen war, Deutschland wieder groß zu machen. Aber das war nicht viel mehr als vage, wenn auch vehemente Rhetorik.

Wie steht es um die eigentliche Politik?

Hier galt es, sich im Wesentlichen mit zwei zentralen Teilen des deutschen Meinungsbildes auseinanderzusetzen. Der erste Teil wurde von den höchsten Militäroffizieren vertreten, den Männern, die jede Entscheidung über einen Kriegseintritt umsetzen mussten. Sie waren bereits im Vorfeld der deutschen Annexion Österreichs im März 1938 nervös gewesen. Das Zögern einiger von ihnen hatte Hitler veranlasst, sie im Monat vor der Invasion zu ersetzen. Und die Tschechen waren ein weitaus härterer Brocken. Sie waren zweifellos und mit überwältigender Mehrheit gegen einen deutschen Angriff, sie hatten eine gut ausgebildete und gut ausgerüstete Armee, und sie besaßen ausgezeichnete Verteidigungslinien.

Während die Briten und Franzosen eine Annexion Österreichs mehr oder minder tolerierten, war die Tschechoslowakei formell mit Frankreich verbündet, und es bestand eine reelle Möglichkeit, dass die Briten die Franzosen unterstützten, um den Tschechen zu Hilfe zu kommen. Im Verlauf der Münchener Krise im September 1938 wurden in Großbritannien in der Tat umfangreiche Kriegsvorbereitungen getroffen, einschließlich der Evakuierung von Kindern aus den Großstädten und der Ausgabe von Gasmasken an die Daheimgebliebenen. Dies löste unter den deutschen Generälen große Beunruhigung aus. Der Generalstabschef der deutschen Wehrmacht Ludwig Beck sagte, die deutsche Wiederbewaffnung habe noch nicht den Punkt erreicht, an dem er hoffen könne, einen Krieg gegen die vereinte Macht der Briten und Franzosen zu gewinnen.

Von einem wütenden Hitler am 18. August 1938 zum Rücktritt gezwungen, wurde Beck von Franz Halder, einem Mann mit ähnlichen Ansichten abgelöst, der die Unterstützung einer Reihe weiterer Offiziere und Beamter, insbesondere im Auswärtigen Amt, gewann. Sie schmiedeten Pläne für einen Staatsstreich, der mit der Verhaftung und Inhaftierung Hitlers beginnen und zur Errichtung eines Militärregimes führen sollte. Diese Männer missbilligten nicht die Idee der Invasion und Annexion der Tschechoslowakei an sich, sie dachten nur, Hitler würde dies versuchen, bevor die Wehrmacht dazu bereit war.

Als Chamberlain also das Münchner Abkommen vermittelte und die Tschechoslowakei ohne jede bewaffnete Intervention zerstückelt wurde, waren die Verschwörer gezwungen, ihre Pläne aufzugeben. Viele von ihnen waren dann im Juli 1944 in das Hitler-Attentat involviert und bezahlten ihre Beteiligung mit dem Leben. Hitlers außenpolitische Erfolge konnten ihre Zweifel jedoch vorerst ausräumen.

Bis September 1939 glaubten skeptische Wehrmachtsoffiziere sogar, dass Polen mit seinen tapferen, aber maroden und schlecht ausgerüsteten Streitkräften leicht zu besiegen sein würde, viel leichter als es seinerzeit die Tschechen gewesen wären. Sie waren zuversichtlich, dass ein weiteres Jahr an kopfloser Wiederbewaffnung ihnen genügend Kraft geben würde, um die Briten und Franzosen zu besiegen, falls sie sich entschließen sollten, einzugreifen. Letztendlich dachten sie , genau wie Hitler, dass Großbritannien und Frankreich nicht eingreifen, denn bei so vielen Gelegenheiten zuvor hatten sie beiseitegestanden oder versucht, eine friedliche Lösung auszuhandeln, und dasselbe würde sicherlich auch für Polen gelten, wie es in der Tat beinahe der Fall war.

Der zweite Teil des Meinungsbildes in Deutschland, das der Bevölkerung insgesamt, war weit von einer überwiegenden Kriegsbefürwortung entfernt. Wie in Großbritannien waren die meisten Menschen zutiefst beunruhigt, ja sogar ängstlich angesichts der Aussicht auf einen weiteren europäischen Krieg. Geheimagenten, die der im Exil befindlichen deutschen sozialdemokratischen Parteiführung in Prag über die Stimmung im Volk berichteten, gaben zu verstehen, dass während der Remilitarisierung des Rheinlandes, die mit Vorbereitungen für den Luftschutz in ganz Deutschland einherging, „die Menschen sehr aufgewühlt sind. Sie haben Angst vor einem Krieg“.

Ähnliche Befürchtungen äußerten die Deutschen angesichts der österreichischen Krise im März 1938, wohingegen der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS in seinen Überwachungsberichten im Laufe der langwierigen Krise zur Tschechoslowakei eine weitverbreitete „Kriegspsychose“, wie sie es nannten, registrierte. Sozialdemokratische Agenten berichteten, dass „nirgendwo eine Begeisterung für den Krieg zu finden ist (…) Wenn es zu einem Krieg kommt, wird dieser Krieg in Deutschland äußerst unpopulär sein“.

Was die Deutschen im Wesentlichen wollten, und das galt für Deutsche fast aller Klassen und politischen Couleur, war die Wiederherstellung deutscher Größe ohne Blutvergießen. Und das ist natürlich immer wieder genau das, was ihnen Hitler gab. Jedes Mal, wenn sie befürchteten, dass ein Krieg ausbrechen würde, ob 1935 wegen der Wehrpflicht, 1936 wegen des Rheinlandes, 1938 wegen Österreich und der Tschechoslowakei, brach er nicht aus. Mit jedem dieser Sieg nahm Hitlers Popularität noch weiter zu. Die deutsche Propaganda, die deutschen Medien, die deutsche Bildung waren von Anfang an darauf ausgerichtet, die Deutschen auf den Krieg vorzubereiten und für den Krieg zu begeistern.

Heldentum, Selbstaufopferung, Mut, Aggressivität — all das wurde den Deutschen jeden Alters und jeder Klasse eingetrichtert. Aber diese massive Indoktrination zeigte nicht die gewünschte Wirkung. Einige der jüngeren Generationen, die außer dem Leben unter den Nazis kaum etwas anderes gekannt hatten, wurden beeinflusst, aber die große Mehrheit, insbesondere diejenigen, die den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatten, stand einem weiteren großen militärischen Konflikt besorgt gegenüber.

Im August und September 1939 war es genau dasselbe. Der amerikanische Reporter William L. Shirer war auf den Straßen Berlins, als der Krieg erklärt wurde, und suchte die jubelnde Menge, die am 1. August 1914 die Hauptplätze und Durchgangsstraßen bevölkert hatte. Er fand nur stille, leere Straßen und allgemeines „Erstaunen (und) Niedergeschlagenheit“ in den Gesichtern der Menschen, denen er begegnete. Überwachungsberichte registrierten eine allgemeine „Mutlosigkeit“ in der Bevölkerung. Die Stimmung war daher zu Beginn des Krieges überall eher verhalten und besorgt als euphorisch oder aggressiv. Bald jedoch sollte sich all dies ändern; und ich werde diesen Stimmungswandel in Deutschland und die Gründe dafür in meinem nächsten Vortrag untersuchen.

(©Professor Richard Evans, Gresham College, 12. September 2008)


Richard J. Evans, Jahrgang 1947, war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2014 Regius Professor für Geschichte an der Universität Cambridge. Unter anderem veröffentlichte er: „Das Dritte Reich“ und „Das Dritte Reich: Geschichte und Erinnerung im 21. Jahrhundert“. Von 2014 bis 2020 war er Provost of Gresham College in London, das 1597 gegründet wurde.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Hitler and the origins of the war, 1919-1939“. Er wurde von Max Stadler vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratteam lektoriert.