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Der Völkermord

Der Völkermord

Verdeckt von Kriegslügen und Propaganda wird für alle Welt sichtbar die Bevölkerung des Jemen massakriert.

Es gibt keinen Stellvertreterkrieg im Jemen!
von Rannie Amiri

Jene in den westlichen Medien, die zu beschäftigt sind, sich um ein Verständnis der Komplexitäten, Feinheiten und Nuancen des Nahen Ostens zu bemühen, bedienen sich oft der Schlussfolgerung, dass alle Konflikte in dieser Region eine Art „Stellvertreterkrieg“ zwischen Saudi-Arabien und dem Iran seien.

Dahinter steckt meist Unwissenheit. Man reduziert Auseinandersetzungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner von „Sunniten versus Schiiten“, oder zwischen den Staaten, die für die beiden als wichtigste Schutzpatrone fungieren.

Doch oft wird absichtlich verschleiert; es muss gerechtfertigt werden, dass ein US-Verbündeter unter dem Vorwand, einen Feind einzuhegen, regionales Chaos verursacht.

Der naheliegendste und willkommenste Sündenbock ist der Iran. Den Bestrebungen Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate sowie, natürlich, Israels, den angeblichen Expansionismus des Iran einzudämmen, wird tatenlos zugesehen.

Eine der derzeit verheerendsten und tragischsten Episoden im Nahen/Mittleren Osten vollzieht sich derzeit im Jemen. Es handelt sich hier jedoch nicht um einen De-facto-Stellvertreterkrieg, über den wir — so die Hoffnung der Kriegs-Finanziers – gar nicht weiter nachforschen wollen, weil wir der Nachrichten darüber schon überdrüssig geworden sind.

Saudi-Arabien gegen die Huthi

Trotz der ständigen gegenteiligen Erklärungen der faulen Medien findet im Jemen kein Stellvertreterkrieg statt.

Der Krieg, der das ärmste Land der arabischen Welt seit März 2015 verwüstet, ist ein von Saudi-Arabien geführter, einseitiger Angriff, der den Staat, seine Wirtschaft, seine Infrastruktur und seine sozialen Dienste so sehr zerstört hat, dass dort Mangelernährung allgemein verbreitet ist und eine Choleraepidemie grassiert.

Vorgeblich diente die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeführte Militärkampagne der Vertreibung von Huthi-geführten Rebellen, die im Januar 2015 den äußerst unbeliebten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, eine von den Saudis unterstützte Marionette, entmachteten. Dieser war in einer Abstimmung gewählt worden, bei der er der einzige Kandidat war. Er blieb selbst nach Ablauf eines einjährigen Mandates, das seine Amtszeit verlängert hatte, an der Macht. Die Huthi, eine politisch-religiöse Gruppierung, offiziell bekannt als Ansar Allah und benannt nach ihrem Gründer Hussein Badreddin al-Huthi, hatten sich ursprünglich in Opposition zu Hadis Vorgänger, dem jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, formiert.

Keine iranischen Rebellen

Die Huthi gehören hauptsächlich zu den Zaiditen, die innerhalb des Islams einen Zweig der größeren Gruppe der Schiiten bilden. Die Huthi als „vom Iran unterstützte schiitische Rebellen“ zu brandmarken, wie es inzwischen üblich ist, ermöglicht eine einfache und zweckdienliche Kategorisierung, um in den Medien des Westens und der Golfstaaten „die Bösen“ zu identifizieren.

Doch das ist verlogen. Die unbequeme Tatsache ist, dass die Zaiditen dem sunnitischen Islam im Allgemeinen näherstehen als dem schiitischen – und der von den Saudis unterstützte Langzeit-Militärdiktator Saleh war Zaidit. Noch entscheidender ist, dass es, abgesehen von seiner Solidaritätserklärung mit den Huthi, keine stichhaltigen Beweise für eine militärische Intervention des Iran oder seiner Verbündeten im Jemen gibt. Im Gegenteil, und sehr deutlich, stellen die saudischen und emiratischen unmenschlichen Bombenangriffe das eklatanteste Beispiel ausländischer Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates dar.

Als bei einem Luftangriff ein Schulbus getroffen und 40 Kinder getötet wurden, rechtfertige dies die Saudi-Koalition zunächst als „legitimes militärisches Angriffsziel“, bevor ein internationaler Aufschrei letztlich zu der Schlussfolgerung führte, dass es anders gewesen war.

Auf der anderen Seite legt der unregelmäßige Raketenbeschuss saudischer Militäreinrichtungen durch die Huthi, den man als Beweis für Militärausrüstung aus dem Ausland anführt, fälschlicherweise nahe, dass die Huthi legitime, fähige, kampferprobte Streitkräfte sind. Anscheinend kann das Regime nicht begreifen, dass sie trotz täglicher Angriffe die Kraft hatten, zurückzuschlagen und offensive anstatt rein defensive Fähigkeiten zu demonstrieren.

Grausam und einseitig

Im Jemen findet kein Konflikt zwischen religiösen Strömungen oder Stellvertretern statt, sondern ein Krieg, der aus den Nachwirkungen des Sturzes eines weiteren Saudi-gelenkten Machthabers resultiert.

Seit 2015 sind mindestens 10.000 Jemeniten getötet worden. Bei einer Gesamtbevölkerung von 29 Millionen benötigen 22 Millionen die eine oder andere Art von Hilfeleistung, und acht Millionen leiden unter Mangelernährung. Es ist damit zu rechnen, dass diese Zahlen noch steigen werden, nachdem nun Beweise dafür vorliegen, dass Saudi-Arabien die Lebensmittelversorgung angreift.

Der Krieg, der im Jemen von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten geführt wird sowie deren schamloser Einsatz von US-amerikanischen und britischen Waffen grenzt an eine regelrechte Invasion. Er ist ein einseitiges, bösartiges militärisches Abenteuer, das Millionen von Menschen in die Armut getrieben und sich bisher als vollkommen erfolglos beim Erreichen seiner gesetzten Ziele erwiesen hat.

Die einzigen Stellvertreter in diesem Konflikt sind die Opfer seiner Kriegsverbrechen; unschuldige Männer, Frauen und Kinder, die verhungerten oder getötet wurden. Sie sind Platzhalter für eine nebulöse Macht, die erst noch bestimmt werden muss.


Rannie Amiri ist ein unabhängiger Kommentator politischer Geschehnisse im Mittleren Osten.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „There is No „Proxy War“ in Yemen". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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