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Der Unantastbare

Der Unantastbare

Leitmedien-Journalisten wurde eine kritische Berichterstattung über die widersprüchlichen Aussagen von Karl Lauterbach erschwert.

Ich hatte ausreichend Chancen, mich als Gesundheitsminister-Groupie zu inszenieren. Zumindest hätte das einer meiner langjährigen Auftraggeber, die Online-Plattform des Magazins Stern, sehr begrüßt. Dass ich mich weigerte, für Karl Lauterbach in den dort praktizierten Schonwaschgang zu schalten, kam nicht gut an. War doch erst vor Kurzem im Heft ein irritierend schmeichlerisches Lauterbach-Porträt erschienen, unter gekonnter Auslassung diverser Verwicklungen, unter anderem in den Lipobay-Skandal. Was also tun mit der recherchefreudigen Mitarbeiterin?

Es gab E-Mails, Telefonate, man argwöhnte, ich hätte, Originalzitat, eine „Obsession“, gleichwohl ich nur dem nachgekommen bin, was journalistisch selbstverständlich ist. Schließlich wurde mir mitgeteilt, man wolle mich als freie Autorin gerne weiterbeschäftigen, allerdings unter der Bedingung, dass Lauterbach in meinen Texten nicht mehr stattfindet. Ernsthaft? Noch ein Lord Voldemort? Dass ein Name nicht genannt werden darf, sobald er genannt werden muss, ist keine Verhandlungsbasis für Journalisten, die ihre Integrität wahren wollen. Daher habe ich die Zusammenarbeit beendet.

Maskenvergessen bis zur Grenze

Karl Lauterbach und Deutschlands Coronapolitik sind ein Thema der Stunde. Wo beginnen? Besonders verwirrend, ja perfide, und das von Anfang an: Die Regierung ließ die Bevölkerung im Unklaren darüber, ob die Maßnahmen auf politischer oder epidemiologischer Grundlage basierten. Mehr noch: Man tat alles, um den Eindruck zu erwecken, es gehe ausschließlich um kollektiven Gesundheitsschutz. Hoffend, dass die Angst jeden Zweifel zuverlässig narkotisiert.

Demaskierende Statements wie das von Jonas Schmidt-Chanasit schaffen es erst neuerdings unter einem querdenkerfreien Label an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit der Welt Anfang August 2022 machte der Virologe deutlich, bei dem Entwurf des neuen Infektionsschutzgesetzes handle es sich um eine „politische Empfehlung Karl Lauterbachs, die nicht auf wissenschaftlicher Datenlage basiert“.

Um für diesen entscheidenden Unterschied zu sensibilisieren, drängte es mich bereits im Juni 2021 dazu, darüber zu schreiben, und ich reichte, in vorheriger Absprache mit stern.de, einen Text ein mit der Überschrift: „54 Sendungen mit Corona-Talk-Titan Lauterbach: Spricht da der Politiker oder der Mediziner?“ Denn: Ist man verpflichtet, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, einzig und allein, weil Willkürherrscher Lauterbach sich das in den Kopf gesetzt hat, lässt sich das demokratisch nicht rechtfertigen. Intellektuell beleidigend ist es ohnehin. Wie ein Großteil der Coronapolitik. Gesehen neulich im Zug von St. Gallen nach München, als die dicht an dicht sitzenden Fahrgäste völlig maskenvergessen bis zur bundesdeutschen Grenze unterwegs sein durften — sich dann aber unverzüglich mehrere Quadratzentimeter Plastik über das halbe Gesicht binden mussten. Eventuell, weil nur schweizerische und österreichische Atemluft virenfrei ist?

Selten ehrlicher Moment

Da ich mich bei stern.de als TV-Kritikerin etabliert hatte, war ich besonders oft damit beauftragt, die „Big Five“ der öffentlich-rechtlichen Talkshows zu analysieren. Doch wo Talkshows sind, ist immer auch Karl Lauterbach. Ich entkam ihm nicht. Und das heißt, ich wurde Sendung für Sendung Zeuge, wie er sich in Widersprüchlichkeiten verstrickte, Aussagen am Anfang der Woche machte, die schon Mitte der Woche ganz andere waren, mitunter erinnerte er sich bei Anne Will nicht, was er noch bei Maischberger gesagt hatte, es wurde von Woche zu Woche konfuser, schludriger, haltloser.

Ohnehin brachte er schon qua Person, als Politiker und Mediziner in Personalunion, Verwirrung in die Sache. Mitunter wechselte er von einem Satz zum anderen die Rolle. Variante B.1.617, Knallhart-Lockdown, Harvard-Studien, Ordnungsämter vor der Wohnungstür, alles wurde übergangslos zusammengemixt. Wenn man kein Ohr dafür hatte, bekam man von dieser Vermischung, und vermutlich war das intendiert, überhaupt nichts mit.

Nachdem ich den Text abgegeben hatte, erschien er tagelang nicht; erst durch mehrmaliges Nachhaken erfuhr ich, es passe gerade nicht so gut, dann hieß es, ich wäre Lauterbach gegenüber unfair, indem ich ihm ankreidete, er würde wegen seiner Talkshow-Manie seinen Aufgaben als Abgeordneter nicht gewissenhaft genug nachkommen. Ich protestierte, ich sei Journalistin und keine PR-Beauftragte von Politikern. Lauterbach derweil trieb weiter sein Unwesen. Ende Oktober 2021 behauptete er bei Anne Will: „Die Impfstoffe sind sicher, wir sehen keine Nebenwirkungen.“

Die ebenfalls eingeladene Sahra Wagenknecht widersprach. Zu Recht. Das aber brachte eine stern.de-Kollegin in Raserei. Sie schrieb: „Wagenknecht sorgt mit kruden Corona-Thesen für Kopfschütteln.“ Es sei „erschreckend, dass ihr bei Will so eine Plattform für alternative Wahrheiten und Studien geboten wurde“.

Auch andere Medien fielen hetzfreudig über die Linken-Politikerin her. Während sich das Auge von Sauron gnadenlos auf sie richtete, gelang es dem SPD-Mann, ähnlich wie Gollum, unbemerkt davonzukommen.

Dass er die eine oder andere Räuberpistole aufgetischt hatte, wollte ich ihm allerdings nicht durchgehen lassen. Ich trug seine Falschaussagen zusammen, recherchierte penibel die ganze Nacht durch und bot den Text stern.de an. Dass Lauterbach etwas durcheinanderbringe, sei „doch normal in einer Diskussion“, hielt man mir entgegen — und lehnte ab. Zudem wolle man nicht den Anschein erwecken, Wagenknecht zu unterstützen, die „wirklich Mist“ erzählen würde.

Dann, am 12. Dezember 2021, ein selten ehrlicher Moment. Lauterbach verkündete bei Anne Will: „Der Impfstoff ist nicht stark genug.“ Die Moderatorin brauchte einige Sekunden, um das zu verarbeiten. Ihr verdatterter Kommentar: „Klingt so, als würde er nicht helfen.“

Derweil empörten sich die Zuschauer im Online-Forum, wie man, basierend auf „mittelmäßigen Impfstoffen“, überhaupt in Erwägung ziehen könne, eine Impfpflicht einzuführen. Das hätte die Diskussion der Stunde werden — und den entscheidenden Wendepunkt in der damals hitzigen Impfdebatte herbeiführen können. Doch Lauterbachs erhellende Aussage schlug nirgendwo groß ein, wurde sogar ignoriert — und als ich sie in meiner TV-Kritik thematisierte, entschied man sich, meinen Text nicht auf die Seite zu nehmen. Man dürfe den Gesundheitsminister nicht so hart angehen.

Aufrüttelnde Erfahrungsberichte

Meine Geschichte ist eine von vielen Geschichten, die sich hinter den Kulissen der Medienmacher abspielen. Sie ist leider typisch für die Presse-Ära seit Ausbruch der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierten Covid-19-Pandemie. Ich erzähle sie, weil ich sie hier, und das ist anderswo nicht selbstverständlich, erzählen kann. Und weil ich an guten Journalismus glaube. Auch das ist der Weltwoche, einem Leuchtturm des Meinungspluralismus, zu verdanken. Und: Entgegen den bisweilen berechtigten „Lügenpresse“-Vorwürfen bin ich überzeugt, dass die meisten in unserem Beruf gewissenhaft ihre Arbeit machen wollen.

Welcher Leser ahnt schon, wie viele engagierte Kämpfe hinter dem einen oder anderen Beitrag stecken, wie viel Enttäuschung, Erschütterung und auch Ernüchterung. Sofern der Beitrag überhaupt erscheint. Mein Weltwoche-Kollege Milosz Matuschek hat die Chronologie seiner redaktionell blockierten Texte bereits öffentlich gemacht (1). Weitere aufrüttelnde Erfahrungsberichte von Angestellten bei ARD, ZDF und ORF finden sich auf meinungsvielfalt.jetzt, einer von Ole Skambraks initiierten Website. Nachdem der SWR-Mitarbeiter die Corona-Berichterstattung seines Senders in einem offenen Brief kritisiert hatte, verlor er seinen Job. Über das seit Mai 2022 existente Portal gab es in den Massenmedien, außer einem Halbsatz in der Stuttgarter Zeitung, keine Berichterstattung.

Wie lange darf ein Schweigen dauern? Auch grundsätzlich gefragt.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Wie man mir verbot, über Karl Lauterbach zu schreiben“ in Die Weltwoche.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Milosz Matuschek: „Der Journalismus schafft sich ab“, Die Weltwoche, Nummer 32/22, 12. August 2022.

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