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Der Sternchen-Wahn

Der Sternchen-Wahn

Gegenderte Sprache schafft mehr Probleme als sie löst.

Sie ist wunderbar, weise und weiblich, die Vernunft, in Ekstase ist sie vielleicht sogar auch mal bar jeder Vernunft und sie hat eine lange Tradition. Sie geht weit über Immanuel Kant hinaus zurück bis an das Phantasma des Ursprungs, wo ein fiktiver Vor-Mensch beginnt, sich als Mensch vom Tier zu unter-scheiden. Wer von uns Heutigen könnte sich schon anmaßen, zu behaupten, diesen Vor-Menschen je getroffen, geschweige denn sich mit ihm darüber aus-getauscht zu haben? Wie dem auch sei, womöglich schien ihm diese Ent-scheidung aus irgendeinem Grunde vernünftig, sonst hätte er sie nicht getroffen.

Der Mensch! Weder das Mensch noch die Mensch

Der Begriff Mensch ist männlichen Geschlechts, obwohl die Menschen sich heute mehrheitlich in mindestens zwei Geschlechter gliedern. Darin besteht kein Widerspruch. Er ist zwar männlich, sie ist weiblich, aber sie können auch verschiedenen Geschlechts sein. Zwei zu eins für sie. Auch eine Mensch*in wäre zuerst nur ein Begriff, nicht mehr und nicht weniger. Egal ob man dem Begriff ein *in an-dichtet oder nicht. Der Begriff Mensch wird durch die Bewegung der Gender-Mainstreaming-Aktivsten mit ihrem Sternchen-Wahn mittlerweile in gewissem Sinne seines eben noch unbeschwerten in-losen Daseins wegen diskriminiert, geächtet. Im Ernstfall müsste er, durch eine ent-sprechende Neusprech-Gesetzgebung fortan von einem unförmigen *in sekundiert, sein Dasein fristen!

Das überhandnehmende bunte Treiben von sternförmigen Zwangsanhängseln — ein *In kommt selten allein — würde auf lange Sicht vermutlich dazu führen, dass das *In des Menschen schließlich in einer Masse aus *In-innen und *In-nen untergeht. Wenn sich ein Heer aus Sternchen anschickt, einen jeden unserer Texte zu überfluten, wird man schier den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Das in der Struktur des Mediums Schrift an sich bereits angelegte Grundrauschen würde durch eine Vielzahl von Sternchen noch zusätzlich verstärkt.

Das Schrift-Bild als solches, einstmals von Bauhaus-Künstlern in seiner Potentialität zum Homogenen bis beinahe zur Perfektion gebracht, würde ganz und gar von Sternchen durchlöchert. Es würde offen-sichtlich, also sehenden Auges in einer Art Krieg der Sterne zerstört. Hätten die Künstler von damals hingegen ihr visuelles Konzept durch-gesetzt, wäre unser Schriftbild heutzutage ausschließlich aus feinen Minuskeln gewebt. Die fett auftragenden Majuskeln hätten längst abgedankt. Das heißt, sie wären also — per Gesetz — abgedankt worden.

Möglicherweise wären sogar die diskreteren Minuskeln schließlich einer reformierten Einheits-schrift gewichen. Das dominante ä wäre zu einem weichen ae geworden. Das sich dramatisch aufbäumende ß wäre — ganz nach schweizerischem Pragmatismus — zum Doppel-s hin optimiert. Mal ehrlich, eine dermaßen glatte Nieder-schrift, wäre sie nicht vielleicht sogar recht angenehm und unaufgeregt? Alles schön flach! Nirgendwo mehr würden unsere ohnehin schon chronisch überreizten Augen Grund zum Anstoß finden. Solch ein art-iges Schriftbild würde doch geradewegs dazu auffordern, in dessen sinnige Tiefe zu tauchen!

Dazu kommt, dass auch der Begriff Mensch*in, so wie vormals noch der gute alte Mensch, nicht annähernd repräsentieren kann, was eine wahre, lebendige Mensch*in dort draußen in der Welt tat-sächlich im Innersten zusammenhält. Das Wort an sich ist notwendig aus einem anderen Stoff als die Mensch*in an sich geschaffen. Es unterscheidet sich deut-lich von der möglichen Mensch*in aus Fleisch und Blut, auf die es ursprünglich verweisen wollte. Worin sonst sollte der Sinn und Zweck von Begriffen bestehen? Vordringlich dienen sie doch als Werkzeuge, mit deren Hilfe sich die Welt begreifen lässt, was das Be-greifen der Begriffe auf dem Weg dorthin impliziert.

Wofür sie im Zusammenhang mit dem Gender-Mainstreaming-Aktivismus gekämpft und sich ein-gesetzt hatte, geht objektiv betrachtet am „*in“ der Mensch*in selbst vorbei.

Auch als Mensch*in ist der Mensch vorerst nur ein Wort — obzwar nun mit einem durch Neusprech-Regeln aufgezwungenen, mithin verwandelten Geschlecht. Als bloßes Wort ist auch die Mensch*in faktisch ein sprichwörtliches Neutrum — sie ist und bleibt als Mensch oder Mensch*in vorerst nur ein Wort — das Wort. Aber das sich möglicherweise in der Welt befindende lebendige Wesen der so-genannten Mensch*in, das sich hinter dem Begriff Mensch*in verbirgt, wäre im konkreten Einzelfall ja auch immer nur genau eines aus einer Viel-falt verschiedener möglicher Geschlechter.

Das Wort Mensch*in müsste in Kontemplation und gebührendem Respekt gegenüber dieser möglichen Geschlechter-Vielfalt gerechterweise ohnehin zu einem Neutrum werden, um effektiv unvoreingenommen zu sein. Als bloßes, aus dem Kontext gerissenes Wort weiß es ja vorerst noch gar nicht, ob es sich bei seinem weltlichen Referenz-subjekt schließlich um einen Menschen oder um eine Mensch*in handeln wird. Der Geschlechter-Kampfbegriff Mensch*in sollte vor allem erstmal seines Wort-Seins selbst wegen bedacht werden, in vollem Verantwortungs-Bewusstsein über die Verschiedenheit der möglichen Subjekte dort draußen in der Welt.

Damit endlich Gerechtigkeit waltet, müsste das Wort Mensch*in konsequenter Weise in das Wort Mensch*chen oder Mensch*lein verwandelt werden! Ein Mensch*lein zum Beispiel könnte tatsächlich jede, jeder und jedes andere sein. Zwar wirkt die Verkleinerungsform etwas niedlich, dennoch ist auch die menschliche Größe letztlich eine Frage der Perspektive. Das Wort Mensch*lein wäre von dort aus betrachtet unvoreingenommen und geschlechtsneutral. Das lebendige Subjekt, auf das sich der Begriff Mensch*lein beziehen mag, könnte problemlos entweder sächlich, weiblich, gemischt, männlich — und manchmal eben vielleicht auch gänzlich unbestimmt erscheinen. Jeder Mensch, jede Mensch*in, jedes humanoide Wesen in diesem Universum könnte sich getrost durch den Begriff Mensch*lein angesprochen fühlen!

Als neutrales Wort, als Neutrum, repräsentiert das Mensch*lein ein Feld von unzähligen Möglichkeiten. Sowohl als Wort, als Subjekt, als Objekt, wie auch als Feld. Unabhängig von jedwedem noch ausstehenden Zusammenhang, jedoch auch in jedem gegebenen Zusammenhang passt das Mensch*lein also zu allen und könnte, eben genau deswegen, wirklich zu jedem menschlichen Wesen gleichberechtigt in Beziehung treten, ohne es von vornherein parteiisch zu kategorisieren. Es wäre demnach politically correct und im Besonderen, wenn nicht gar vor allem, einfach menschlich. Schließlich soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich jenes Mensch*lein zudem ganz ohne Stern, mit herkömmlichen Mitteln zum Aus-druck bringen ließe: als Menschlein.

Noch einmal anders gedacht:

ein ganzer Mensch beziehungsweise eine ganze Mensch*in ist ohnehin alles andere als ein Phänomen, das sich auf eine bloße Folge aus sechs Buchstaben oder neun Schriftzeichen reduzieren ließe. Dies sollte uns spätestens jetzt bereits selbst-verständlich sein! Durch die zunehmend starke Fraktion der *In-innen und *In-ne in unserem Land jedoch eröffnet sich derzeit ein neuer Raum zur Reflektion über das Selbst, an dessen Ende im besten Fall sogar die komplette Dekonstruktion desselben stehen kann.

Der befreiende Prozess des Selbsthinterfragens kann sich aber immer nur im jeweiligen Selbst da-selbst abspielen. Er sollte von eben dorther motiviert, und nicht von außen durch ein Sternchen, gewissermaßen operativ, *in-nerviert werden (müssen). Das Sternchen, man sehe mir hier diesen latenten Starr-sinn nach, regt die Mensch*in, oder schlicht den Menschen aus meiner Sicht vom falschen Ende her an — um nicht zu sagen: auf.

Womöglich birgt jener Starrsinn sogar einen tieferen Sinn. Zwar mutet ihm durchaus etwas Konservatives, wenn nicht schon Antiquarisches an. Jedoch verlangsamt er, wenn sorgsam, in homöopathischen Dosen appliziert, gesamtgesellschaftlich gesehen lediglich, vielleicht zumindest nur ein wenig, den stürmischen Drang gewisser Interessen-gemein-schaften, gleich alles über Bord werfen zu wollen, was uns die Illusion der Zeit bis hier vermittelt hat.

Starrsinn muss kein Unsinn sein!

Die Gesellschaft, hier wieder ohne *in — zumal sie ohnehin schon weiblich ist —, scheint im Begriff, das Pferd von hinten aufzäumen zu wollen, wenn sie vorschnell zu den Sternen greift. Dabei haben wir doch genügend andere dringliche Probleme!

Anstatt, wie unsere derzeitige Justizministerin (1), darüber zu philosophieren, ob das Sternchen nun auch noch in den Duden aufgenommen werden sollte, der schon unter unseren letzten Rechtschreibreformen zu ächzen schien, bestünde ebenso die Möglichkeit, sich wieder mehr mit dem eigentlichen Gehalt unserer Sprache als mit ihrer äußeren Form (wieder ohne *in), sprich Oberfläche, ober-flächlich auseinanderzusetzen (2). Wir sollten uns im besten Fall in-halt-lich, im Sinne von ein-halt-lich, mit ihr zusammen-setzen, deren kostbare Begriffe wirk-lich in uns wirken lassen, bis wir sie ganz durchdrungen, bis sie sich schließlich einst einmal ihrer auf den bloßen Begriff begrenzten Begrifflichkeit wegen selbst in Frage gestellt — oder gar ganz erübrigt — haben werden.

Damit wären wir am sprich-wörtlichen Ende der Sprache angelangt!

An dieser Stelle begänne das eigentliche, vom Schleier der Sprache un-begrenzte Denken. Sowohl in selbst erworbenen, wie auch in vorgestellten Bildern und Ansichten, in freier Kombination von Gefühlen, in lakonischen, bis alldieweil harmonischen Stimmungen und mehr. Dieses post-sprachliche Denken wäre ein viel komplexeres Denken, das im bloßen Raum der Worte nicht hinreichend artikuliert werden kann. Vielleicht wäre es in gewissem Sinne auch mit dem prä-sprachlichen Denken verwandt, dass sich irgendwo am Rande der Grenze entwickelte, die der damalige Mensch zwischen sich selbst und dem fiktiven Vor-Menschen gezogen hatte.

Dahinter öffnet das Tor synästhetischer Erfahrungen seine Pforten und gibt schließlich den Blick auf paradiesische Gärten frei, in denen der Sanftmut und die Sanftmütigkeit noch miteinander in Einklang leben. Hier braucht es kein Herumhacken auf einzelnen Begriffen mehr, hier entbehrt es sich gänzlich, alte Gesetze durch neue zu überschreiben. Derartiges würde uns doch ohnehin nur wieder zurück an die Ketten des ohnehin schon seit viel zu langer Zeit Gewesenen legen. Selbst wenn diese Ketten einen neuen Sternchen-Glitter-Anstrich bekämen, hielten sie uns noch immer gefangen!

Letztendlich sollte es darum gehen, sich selbst vom Taumel der Worte zu befreien.

Und zwar mitnichten etwa um das kleine, sächliche Selbst durch ein größeres, sächliches Ego zu ersetzen, sondern damit wir danach ganz selbst-los, vom Selbst befreit, den Anderen auf dem Weg dorthin mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auf diese Weise ließe sich nach-haltig einander helfen. Schreiten wir gemeinsam damit fort, sich aus dem tiefen Sumpf der eigenen Prozesse heraus zu ent-falten. Nutzen wir bis dahin doch ruhig vorerst noch jene Mittel gründ-lich aus, welche uns die Ahnen im Verlauf der Generationen an die Hand gegeben haben, wohl-weislich, be-geist-ert und vernünftig.

p.s.: Es lebe die Kunst der Freiheit und es lebe die Freiheit der Kunst! In ihren unendlichen Bahnen können und sollen die verschiedenen Facetten von Sprache und Sinn — ob mit oder ohne Stern — natürlich zum Ausdruck kommen. Aber bitte nicht per politisch instrumentalisiertem Dekret!


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.tagesspiegel.de/politik/geschlechtergerechte-sprache-justizministerin-barley-unterstuetzt-genderstern-im-duden/22582310.html
(2) Die Form, die Sprache, die Gesellschaft, wie auch die Vernunft sind samt der Kraft der Überlegenheit der Kunst an sich schon weiblich und auch ohne jedes Sternchen unersetzlich schön.

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