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Der Schnellschuss

Der Schnellschuss

Juli Zehs Roman „Über Menschen“ ist der Versuch, ein Buch über so gut wie alle aktuellen Themen unserer Zeit zu schreiben.

Juli Zeh verarbeitet in „Über Menschen“ mindestens zwei zentrale Themen: Corona und Rechtsradikalismus. Die Handlung des 400-Seiten-Romans ist so nah an unserer aktuellen Lebenswirklichkeit, dass es manchmal schon wehtut. „Mit den Klopapierpackungen links und rechts unter die Arme geklemmt fühlt sich Dora wie die Karikatur eines deutschen Corona-Bürgers.“ Weite Passagen des Buchs klingen, als wären sie kritischen Zeitungsessays zum Thema Corona entnommen. Wie oft haben Kritiker gegen Schriftsteller aber den gegenteiligen Vorwurf erhoben: sie trauten sich an die brisanten tagesaktuellen Themen nicht heran und flüchteten ins Allgemein-Menschliche.

Der Titel des Buchs knüpft zunächst an Juli Zehs Erfolgsroman „Unter Leuten“ (2016) an, zu dem 2018 sogar eine Serie gedreht wurde. Da die Autorin seit 2007 im Dorf Barnewitz in der Brandenburger Peripherie lebt, dürfte sie in beiden Romanen eigene Erfahrungen verarbeitet haben. Der Titel „Über Menschen“ deutet einerseits an, dass im Buch über Menschen geredet wird, andererseits spielt Friedrich Nietzsches Begriff „Übermensch“ und sein Bezug zu den Herrenmenschen-Fantasien der Nazis mit hinein. Zum Verständnis muss ich die Romanhandlung kurz skizzieren:

Raus aus dem Corona-Stress!

Dora, eine junge Werbetexterin, flieht im Jahr 2020 aus Berlin in die brandenburgische Provinz, nachdem ihr Lebensgefährte Robert zum „Corona-Experten“ und somit zu einem unerträglichen Gedankenpolizisten mutiert ist.

„Es war Liebe auf den ersten Blick. Als hätte er heimlich schon jahrelang auf das Virus gewartet. (…) Alles hört auf ein Kommando, jeder Zweifel wird zur Meuterei. Endlich denken alle dasselbe. Endlich reden alle über dasselbe. Endlich gibt es verbindliche Regeln für eine außer Kontrolle geratene Welt.“

Der Roman schildert die beklemmende Stimmung in Corona-Deutschland recht anschaulich:

„Eine junge Mutter schrie einen Jogger an, er solle nicht so heftig atmen. In manchen Fenstern verkündeten Fahnen: ‚Wir bleiben zu Hause!‘ Diese Menschen waren Teil von etwas, auch wenn Dora nicht wusste, wovon. Sie saßen hinter den Fahnen und hofften, dass es in Berlin nicht so schlimm werden würde wie anderswo.“

Hier wird auch der Unterschied zwischen Stadt und Land zum Thema. Dora nimmt an, „dass die Pandemie tatsächlich zu einer Renaissance des Landlebens führen könnte, weil Homeoffice auch im Niemandsland geht und man sich hier draußen irgendwie freier fühlt, fast so, als würde das Virus gar nicht richtig existieren. Nur ein überreizter Albtraum der Metropolen.“

Mein Nachbar, der Nazi

Sie mietet ein Haus mit Grundstück, versucht sich mit großen Anlaufschwierigkeiten in der Kunst des Renovierens und des Gartenbaus. Nun kommt erschwerend hinzu, dass ihr direkter Nachbar, „Gote“ genannt, ein Neonazi ist, der dem Bilderbuch entsprungen zu sein scheint. „Ich bin der Dorfnazi“, verkündet er unverfroren zur Begrüßung. Dies ist keineswegs ein schlechter Scherz, denn wenn im Garten des „Seriengrillers“ Party ist, tönt schon mal das Horst-Wessel-Lied an Doras links-grün-urban sozialisiertes Ohr. Gote war, wie sich herausstellt, an einschlägigen Überfällen auf Asylbewerberheime beteiligt gewesen. Das Irritierende am weiteren Verlauf der Handlung ist nun: Gote verhält sich im persönlichen Umgang mit seiner Nachbarin grundanständig. Unaufgefordert hilft er ihr immer wieder bei handwerklichen Aufgaben im Haus und bei der Anschaffung benötigter Gegenstände.

Wegen des rauen Charmes ihres Nachbarn schafft es Dora nicht, sich in gebührender Weise von dem „Nazi“ abzugrenzen. Zum „Schlimmsten“ kommt es zwar nicht, dafür freundet sich Dora besonders innig mit Gotes kleiner Tochter Franzi an. Sie rutscht auf diese Weise unversehens in eine Mutterrolle hinein. Von Nachbarn werden die drei deshalb teilweise schon als Familie wahrgenommen …

Der Gesundheitszwang

Wenn man sich „Über Menschen“ vorgenommen hat, weil man über das Stichwort Corona gestolpert ist, geht man an den Roman vielleicht mit überhöhten Erwartungen heran. Juli Zeh hatte mit „Corpus Delicti“ schon 2009 eine sehr wirkungsvolle Dystopie über eine Gesundheitsdiktatur veröffentlicht. In einem fiktiven Zukunftsstaat wird Gesundheit darin zur höchsten Bürgerpflicht. Es gibt ein vorgeschriebenes Gesundheitsprogramm, dessen Einhaltung streng überwacht wird. Kern der Staatsideologie ist die Annahme, die Menschheit habe die Krankheit lange zu Unrecht „angebetet“, was sich sogar in der Verehrung des Gekreuzigten im Christentum zeige.

Man kann durchaus eine Brücke von dem Roman zur heutigen Coronapolitik schlagen, in der Hygiene-Konzepte dominieren, Nichtinfektion andauernd nachgewiesen werden muss und vom Staat sehr rigide Eingriffe in die Freiheit verhängt werden.

Natürlich bestehen auch Unterschiede zwischen dem Roman-Regime und der heutigen Situation in Deutschland. In letzterer fokussiert sich ja alles ausschließlich auf die Vermeidung einer bestimmten Krankheit, während andere gesundheitliche Störungen — vor allem psychische — sogar einen günstigen Nährboden finden.

Das Spiel mit der Angst

Im Mai 2020 brachte sich Juli Zeh dann tatsächlich in die aktuelle Corona-Debatte ein und verfasste eine Schrift mit dem Titel „Fragen zu ‚Corpus Delicti‘“. Darin schreibt sie: „Sicherheit bedeutet nicht, dass jede Form von Risiko eliminiert werden muss.“ Es sei festzustellen, „dass demokratische Freiheiten aus ,Sicherheitsgründen’ eingeschränkt werden und die Ängste der Bevölkerung trotzdem (oder gerade deswegen?) weiter anwachsen“.

Schon im April 2020 hatte Zeh in einem im Spiegel veröffentlichten Aufruf zusammen mit anderen prominenten Autoren eine rasche Beendigung der Lockdown-Politik gefordert. Die Unterzeichner hielten COVID-19 für „nicht gefährlicher als die Grippe“ und beklagten, dass „die Grundrechte für die gesamte Bevölkerung in manchen Bereichen fast auf null gesetzt“ würden.

Wie mutig Zehs Vorstöße waren, kann man daraus ermessen, dass unter Prominenten zum Thema sonst bis heute weitgehend Schweigen im Walde herrscht. Die Angst, als „Corona-Leugner“ abgekanzelt zu werden und einen irreparablen Imageschaden zu erleiden, grassiert offenbar. Wer jedoch aufgrund von „Corpus Delicti“ und der zitierten Äußerungen von ihrem neuen Roman eine Grundlagenkritik an Freiheitseinschränkungen im Zuge einer neuen „Gesundheitsdiktatur“ erwartet hatte, könnte enttäuscht werden.

„Über Menschen“ funktioniert als Corona-Roman nur bedingt. Zumindest ist das Buch diesbezüglich halbherzig, als wolle Zeh die Fans ihrer bisherigen ziemlich frechen machtkritischen Äußerungen bedienen, die Anhänger des derzeit dominierenden Corona-Narrativs aber auch nicht zu stark provozieren. Im Grunde geht Juli Zehs Zeitkritik nicht weit über ein allgemeines Genervtsein von der Allgegenwart des C-Themas und der Übervorsicht mancher Mitbürger hinaus. Das Virus allein vermag die Romanhandlung keinesfalls zu tragen, zumal die allgemeine Hysterie ja in der Provinz bei weitem nicht so hochkocht wie im urbanen Berlin.

Übermenschen im Unterhemd

Als weitaus ergiebiger erweist sich dem gegenüber die „Nazi-Handlung“. Ein anderer Nachbar Doras, Steffen, ist ein YouTube-Influencer, der in seinem Wohnzimmer für ein Video einsame antifaschistische Reden hält:

„Wisst ihr noch? Ist gar nicht lange her. Vor 70, 80 Jahren. Da wart ihr Übermenschen. Da wart ihr Herrenmenschen. Blonde Rassehengste auf dem Weg zur Weltherrschaft. (…) Heute sitzt ihr am Campingtisch. Hinter euch der Bauwagen, vor euch ein warmes Bier. Ihr raucht polnische Zigaretten, salutiert vor der Reichsflagge und malt eure eigenen Personalausweise. Übermenschen im Unterhemd.“

Als Steffen dann fortfährt: „Ihr seid der Abschaum, den ihr immer ausrotten wolltet“, spürt Dora: Sie kann emotional nicht mehr mitgehen, wenn einem Menschen wie Gote — so viele Fehler er auch haben mag — die Würde abgesprochen wird. Dora hat sich durch die Konfrontation mit der Wahrheit über die Klischees des urbanen Multi-Kulti-Milieus hinaus entwickelt. Sie beginnt — und niemand ist darüber irritierter als sie selbst —, „Rechte“ zu verstehen.

Durch ihre Nachbarn konnte sie einen Blick auf die „geheime Unterseite der Nation“ werfen:

„Kaum zu glauben, dass sich ein stinkreiches Land Regionen leistet, in denen es nichts gibt. Keine Ärzte, keine Apotheken, keine Sportvereine, keine Busse, keine Kneipen, keine Kindergärten oder Schulen. Keinen Gemüseladen, keinen Bäcker, keinen Fleischer. Regionen, in denen Rentner nicht von der Rente leben können und junge Frauen Tag und Nacht arbeiten müssen, um ihre Kinder zu versorgen.“

Sie schließt: „Wer aufbegehrt, wird verunglimpft, als dummer Bauer, als Irgendwas-Leugner oder gleich als Demokratiefeind.“

Die Menschlichkeit des Monsters

Als Dora Gote nach einem Autounfall verletzt auffindet, denkt sie für einen Moment darüber nach, ob es überhaupt lohnt, das Leben eines Menschen mit derart beklagenswerter politischer Einstellung zu retten. Natürlich tut sie es doch.

„Versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung. Mit einem Mal spielt das keine Rolle mehr. Hier liegt ein Mensch, und Dora freut sich, dass er atmet. Sie streichelt den Nazi-Rücken und den Nazi-Kopf und klopft schließlich vorsichtig auf die Nazi-Wange.“

Formulierungen wie „Nazi-Wange“ deuten darauf hin, dass solche politischen Zuordnungen in Anbetracht der kreatürlichen Verwundbarkeit aller Menschen absurd wirken.

Wie sich herausstellt, leidet Gote an einer lebensbedrohlichen Krankheit, die periodisch zu Ohnmachtsanfällen führt. Durch diese Nachricht verlagert sich Doras Aufmerksamkeit noch weiter weg von politischer Rechthaberei hin zum Universell-Menschlichen. Der Rockstar Sting sang in seinem Lied „Russians“, mitten im Kalten Krieg: „We share the same biology, regardless of ideology. (…) I hope the Russians love their children too“ (deutsch: Wir teilen die gleiche Biologie, unabhängig von der Ideologie. (...) Ich hoffe, auch die Russen lieben ihre Kinder.).

In ähnlicher Weise öffnet auch ein Kind Dora den Zugang zur Menschlichkeit des „Monsters“ Gote:

„Aber da kommt Franzi gelaufen. Sie kauert sich neben ihren Vater und rüttelt ihn an der Schulter. Weinend ruft sie seinen Namen. Und da geschieht noch etwas. Das Erkenntnisgetriebe schaltet in den nächsten Gang. Es geht nicht darum, wozu man fähig ist. Es geht auch nicht darum, wer was verdient hat. Nicht einmal darum, für oder gegen Nazis zu sein. Das Zauberwort heißt ‚trotzdem‘. Trotzdem weitermachen, trotzdem da sein. Trotz allem liegt da drüben ein Mensch.“

Jenseits von Gut und Böse

Es ist, kurz gesagt, ein Roman, der der christlichen Botschaft näher ist, als man es erwarten würde — speziell der Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“. In vielen Sonntagspredigten wird sie in dieser Weise gedeutet: „Es ist egal, wer er ist — ein Inländer oder Ausländer, ein Glaubensbruder oder Andersgläubiger —, dein Nächster ist immer der, der dich gerade braucht.“

Sehr hellsichtig beschreibt Juli Zeh ihre Zerrissenheit auch in einer Szene, in der Dora und Gote gemeinsam einen Baumarkt besuchen. Ihr neuer Freund packt ihr ungefragt einen Blumenstock in den Einkaufswagen:

„Natürlich steht nirgendwo geschrieben, dass Neonazis keine Hortensien mögen. Komisch ist es trotzdem. Eine Bedrohung des lebenswichtigen Irrtums, man könne das Gute und das Böse spielend leicht auseinanderhalten.“

Freilich macht sich die Autorin angreifbar, wenn sie die Blumenliebe eines Rechtsradikalen lobt, die Situation seiner Opfer — vor allem Flüchtlinge — jedoch unbeleuchtet lässt. Einen Denkanstoß bietet der Roman aber dennoch.

Nach meiner Einschätzung hat Juli Zeh hier nicht „den Corona-Roman unserer Zeit“ geschaffen. Die Handlung würde auch ohne dieses Thema gut funktionieren. Im Ganzen ist „Über Menschen“ eher der Versuch einer literarischen Verarbeitung des zwischen 2015 und 2019 virulenten Rechtsrucks, der sich schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung als — speziell, aber nicht nur — ostdeutsches Problem angedeutet hatte.

Die Fremdheits- und Überlegenheitsgefühle des links-intellektuellen Städters gegenüber dem tendenziell fremdenfeindlichen Milieu der provinziellen „Systemverlierer“ werden von Zeh hier selbstkritisch beleuchtet und in einer so einfachen wie ansprechenden Botschaft aufgehoben: Man kann Gut und Böse eben nicht so leicht auseinanderhalten.

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