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Der Rufmord

Der Rufmord

Die Behauptung, Xavier Naidoo stünde den Reichsbürgern nahe, ist falsch — und wurde nie überprüft.

Es ist wichtig, dass vier Jahre nach der Kundgebung „Revolution beginnt im Herzen“ in Berlin die wahre Geschichte erzählt wird. Der Vorfall zeigt auch, dass es allemal lohnt, stets bei den Protagonisten selbst nachzufragen, was an den erzählten Geschichten tatsächlich dran war.

Der am 3. Oktober 2014 parallel stattfindende „Tag der Wahrheit“ wurde für den damals 41 Jahre alten Energieingenieur Carsten Halffter ein absoluter Alptraum. Ein Tag, der in der Öffentlichkeit unwahrer nicht interpretiert werden konnte. Dieser Tag hat sich in sein Gedächtnis gebrannt und verfolgt ihn bis heute. Nicht nur die Berliner Versammlungsbehörde sorgte an diesem Tag für Chaos ungeahnten Ausmaßes bezüglich einer Kundgebung, sondern ebenso gierige Pressevertreter, die ihre Klatschspalten gewinnbringend lieber mit einem beliebten Soulstar Deutschlands schmückten, als Zurückhaltung und akribische Recherche zu üben. Die Odyssee bedeutete schließlich Rufmord. Eine wahre Begebenheit, die schlichtweg nicht wahr ist.

Doch fangen wir am Anfang an. Wir sind im Jahr 2014. Quasi als Zaungast hatte sich Xavier Naidoo zu den Kampagnen des Aktionskreises Berlin auf Facebook kundig gemacht. Er entschloss sich, an der Kundgebung „Revolution beginnt im Herzen“, die Carsten Halffter mit einigen Friedensfreunden der Mahnwachen gemeinsam organisiert hatte, teilzunehmen.

Naidoo entschied dies privat, also ohne die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die persönlichen Namen des Berliner Aktionsbündnisses, das sich für einen grundlegenden Gesellschaftswandel in Deutschland einsetzte, waren Naidoo gut bekannt, wie mir Carsten Halffter erzählte. Seine Teilnahme behielt der deutsche Superstar allerdings bis zum 3. Oktober 2014 für sich. Der Start eines folgenreichen Unterfangens, wie wir erkennen werden.

Die für den 3. Oktober 2014 angemeldete Kundgebung vor dem Reichstag, für die der Mitveranstalter Carsten Halffter auch die behördlichen Bescheinigungen einholte, verlegte die Berliner Versammlungsbehörde nämlich just einen Tag vor deren Stattfinden, zugunsten einer anderen Fremdveranstaltung, den Staatenlosen, an einen neuen Platz: auf die Wiese vor dem Bundeskanzleramt. Auch wenn Carsten Halffter schon Wochen vorher von der Abteilung 34 die Bestätigung für den Reichstag erhalten hatte, wurde ihm nun – einen Tag zuvor – mitgeteilt, dass die Zuständigkeit im Haus gewechselt hätte und dort der Erstanmelder „Staatenlos“ für die Bühne am Reichstag eingeplant sei. Die Aufregung und das Kopfkino Carsten Halffters zum möglichen Durcheinander am nächsten Tag kann sich wahrscheinlich jeder gut vorstellen. Sie waren berechtigt, wie man später feststellen wird.

Eine Reihe dieser Veranstaltungen hatte der Berliner „Friedensextremist“, wie sich Carsten gern selbst bezeichnet, in 20 Jahren bereits organisiert. Und da er die Bekanntmachungen für dieses Event im Internet und auch durch passende Plakate und Flyer schon zahlreich für den Platz vor dem Reichstag verteilt hatte, fanden sich schließlich am 3. Oktober 2014 interessierte Friedensaktivisten und Unterstützer – zumindest ein Teil – zunächst vor der falschen Bühne, vor dem Reichstag, ein. So unter anderem auch der deutsche Musiker Xavier Naidoo, der dem Friedensgedanken dort Ausdruck verleihen und die Friedensarbeit des Aktionsbündnisses Berlin und damit auch Carsten Halffter, würdigen wollte.

Carsten Halffter hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass er später prominenten Besuch bekäme. Noch viel weniger hatten Außenstehende eine Vorstellung, dass der parallel gefeierte „Tag der Wahrheit“ für ihn und Naidoo vollkommen umgedeutet würde.

Als es drei Jahre später dann noch einmal zur öffentlichen Debatte um den vermeintlich reichsbürgernahen Xavier Naidoo kam und auch die Geschichten um die Friedenskundgebung im Oktober 2014 immer gruseliger wurden, nahm ich schließlich am 28. April 2017 das Telefon zur Hand und rief selbst bei Carsten Halffter an.

Die Geschichte war simpler, nachvollziehbarer und glaubhafter, als man sie sich je hätte vorstellen können. Daher fragte ich mich, aus welchem Grund es tatsächlich keinem Leitmedien-Journalisten gelungen war, das Einmaleins jedes journalistischen Arbeitens anzuwenden: Nachzufragen und Indizien oder Beweise einzufordern, waren schnell und einfach möglich.

Kein einziger Journalist hielt es für nötig, genauer nachzuhaken. Offenbar hatte sie die Sensationsgier, zu allererst mit Naidoo zu brillieren, sämtliche Wahrheit und Redlichkeit vergessen lassen und jene Begebenheit zum Skandal aufgeplustert, die ohne Frage - hätte diese Geschichte wirklich so stattgefunden - ein Skandal in der Friedensbewegung gewesen wäre.

Die Geschichte hat es in dieser Form nie so gegeben, wie es Bild, Spiegel oder andere Skandalmedien immer wieder verlautbaren wollten. Die Mähr hält sich beständig und soll heute endgültig aufgeklärt werden.

Auf und vor der zunächst falsch betretenen Bühne vor dem Reichstag erstellten Pressefotografen und Kundgebungsteilnehmer zahlreiche Bilder, die künftig immer wieder in den Medien auftauchten. Auch wurden Collagen fabriziert und deren Bildtexte in den falschen Zusammenhang gebracht. Und so sah man schlechthin in jeder Gazette auch den deutlich rechts verorteten Jürgen Elsässer, den die Mahnwachen bereits zu Ostern 2014 komplett abgelehnt hatten.

Auf den Gazettenmotiven steht er mit Xavier Naidoo im Gespräch, eine winzige Momentaufnahme. Elsässer buhlte zu dieser Zeit an vielen Bühnen und warb um Beteiligung an bestehenden Aktionsgemeinschaften, um Aufmerksamkeit für sich zu bekommen. Bezüglich der Montagsmahnwachen gestaltete sich dies allerdings problematisch. Niemand wollte mit den damals schon nationalistischen Tendenzen eines Jürgen Elsässer zu tun haben. An diesem Tag sprach er noch auf der Bühne vor dem Bundeskanzleramt. „Jeder sollte selbst hören, wie er tickt“, erklärt Carsten Halffter seine Entscheidung von damals und macht deutlich, „ich stellte fest, dass Elsässer für einen Dialog nicht zur Verfügung stand, er wollte offensiv Eskalation provozieren.“ Carsten Halffters Intension war jedoch betont die „Revolution im Herzen“, also Aufklärung und friedensstiftender Austausch.

„Xavier jedenfalls“, so beschreibt Carsten Halffter heute im Rückblick, „hatte sich klar verlaufen, weil er den kurzfristigen Ortswechsel der Kundgebung offenbar nicht mitbekommen hatte. Sehr irritiert eilte Naidoo daher zur Bühne vorm Bundeskanzleramt, der von ihm ursächlich anvisierten Kundgebung des Aktionsbündnisses Berlin. Letztlich machte der Künstler daraus kein Drama, war es ihm offensichtlich wichtig, den so wichtigen Gedanken, Kriege zu vermeiden und seine Bitte an die Menschen dieser Antikriegsbewegung mit Worten der Liebe zu besetzen, die Respekt und ein geschlossenes Miteinander voraussetzen würden.

Gemeinsam mit den Teilnehmern sang er einen Ausschnitt seines Songs „Was wir alleine nicht schaffen“. So einfach wie wahr ereignen sich oft unglaubliche Geschichten. Sie müssen daher auch so erzählt werden. Doch selbst der Hinweis, dass er prinzipiell auf der falschen Bühne stand, wurde im Mainstream nie konkret korrigiert. Die Hetzjagd, ja der Rufmord, nahm seinen Lauf.

Die korrekten Informationen über die Begleitumstände wurden damals in keiner einzigen Zeitung richtig gestellt und man zog es vor, darüber den Mantel des Schweigens zu legen. Stattdessen erhielt man die in den Raum geworfenen Falschaussagen am Leben, Naidoo habe etwas mit der so genannten Reichsbürgerbewegung zu tun. Durch richterlichen Beschluss wurde mittlerweile die Falschaussage, Naidoo sei mit der Reichsbürgerbewegung verbunden, unter Strafe gestellt. Auch über Carsten Halffter darf niemand mehr eine solche Falschaussage machen.

Das war für die Skandalmedien jedoch kein Grund, ihre Falschaussagen öffentlich richtig zu stellen. Die Beweise sind heute und auch damals völlig eindeutig, und letztlich war auch das kürzlich entschiedene sehr klare Gerichtsurteil zugunsten Xavier Naidoos den Mainstream-Medien kaum ein paar Zeilen wert. Eine wirkliche und ehrliche Aufarbeitung dieser Schmierenkampagne hat bis auf den heutigen Tag nicht stattgefunden.

Viele Monate musste Carsten Halffter ein verzerrtes Bild in den Schlagzeilen ertragen: Solange Xavier Naidoo als Reichsbürger diffamiert wurde, zeigte die Journaille das Duo Halffter/ Naidoo am Bundeskanzleramt und blendete versehentlich oder absichtlich die Friedensmotive im Hintergrund aus. Gleichwohl wurde auch die Situation mit dem Staatenlos-Präsidenten Rüdiger Hoffmann vor dem Reichstag gezeigt. Jene missverständliche Momentaufnahme, die jedoch nie aufgeklärt wurde.

Die Angst und Schmähe, öffentlich Fehler einzugestehen und das Bewusstsein, das Gesicht und damit wohl auch einträgliche Geschäfte zu verlieren, weil das Vertrauen der Leserschaft schwindet, ist in der kapitalistischen Medienarchitektur ein allzu verbreitetes Phänomen.

Die so genannten „Qualitätsmedien“ sitzen ihren Fauxpas für gewöhnlich aus. Immerhin, so muss man heute auch bilanzieren, hat man sich ja ordentlich medienwirksam am Entertainer Naidoo abgearbeitet, ihn solange verdammt, dass er nicht mal mehr sein herausragendes Musikformat „Sing meinen Song“ präsentieren konnte oder den Grand Prix als Hoffnungsträger einer europäischen Kulturgeschichte einbringen durfte.

Wir erlebten hier tatsächlich beispielhaft die flächendeckende Verwurstung von falschen Informationen und eine über den Mainstream derart aufgeblasene Kampagne, dass einem die Ohren nur so klingeln mussten.

Selbst langjährige Kulturfunktionäre aus dem Rheinland – ich habe selbst mit ihnen auf Facebook debattiert – glaubten die öffentliche Situationsbeschreibung und kümmerten sich einen feuchten Kehricht darum, nicht nur die Idee der Aktion, sondern auch den Künstler Naidoo in den korrekten Kontext zu stellen. Ich erlebte vorauseilenden Gehorsam und eher Anklage, weil dieser Funktionär offenbar keinen A ... in der Hose hatte. Anecken wollte er nicht, weil ihn erstens die Berliner nicht interessierten und es zweitens schlichtweg einfacher ist, dem für ihn – offensichtlich wahren – Mainstream zu folgen. Und da ist es zu verständlich, dass schnell die Falschdarstellungen in Gerüchte und schließlich feinste Narrative umgedeutet werden konnten.

Dass Carsten sich damals als Veranstalter und immer wieder ausgewähltes Bildmotiv machtlos und völlig falsch behandelt fühlte, kann ich sehr gut nachempfinden. Umso froher bin ich heute, dass ich mich nicht habe beirren lassen und dem Sachverhalt selbst auf den Grund gegangen bin.

Leider macht sich bei den erwähnten Kulturfunktionären allzu schmerzlich bemerkbar, wie abhängig sie von den sie alimentierenden Institutionen sind. Gerade in der Kunst und in derartigen Funktionen wünschte ich mir allerdings mehr Mumm von Freidenkern, die Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten mutig aufklären und nicht auf jede Pressekampagne einsteigen. Davon einmal abgesehen haben Kulturfunktionäre eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, nämlich Kunst und Kultur zu unterstützen, und daher auch die verdammte Verpflichtung, ihre Meinung nicht aus den Gazetten zu beziehen, sondern sich eine eigene Meinung zu bilden.

Das von der Sensationspresse fälschlich aufgearbeitete Reichsbürgerding wurde nämlich mit der Zeit immer mehr aufgeplustert, und Naidoo, absurd genug bei einem jungen Mann mit Migrationshintergrund, wurden völkische, rassistische oder sogar homophobe Tendenzen unterstellt. Ein Unding, wenn man die Texte sowohl Naidoos als auch der Friedensbewegung kennt.

Gern gewählte Narrative der heutigen Schlagmichtot-Sprachkultur können für jene Menschen nicht schlimmer sein, die sich mit persönlichem Risiko und mutig gerade gegen Rassismus und Homophobie aussprechen, denken und handeln. Doch sie beherrschten sukzessive alle Informationskanäle. Dabei ließ man beflissen und parteilinientreu – zu nichts Geringerem ist die BILD und ähnliche Leitmedien imstande – die Diskussion über Mängel und ekelhafte Fehlentwicklungen dieses Krakensystems unter den Tisch fallen. Was für die betroffenen Opfer, Isolation und Verdammnis bedeuten kann. Denn wer möchte als unbescholtener Bürger nur in den Ruch geraten, mit hysterischen oder womöglich antisemitischen Menschen unter dem Banner des Friedens zusammen zu arbeiten.

Nicht ganz von der Hand zu weisen war, zumindest stellte ich das hier in Rheinland-Pfalz fest, dass der regionale Kulturfunktionär sich ebenso aktiv im durchaus sinnbringenden Aktionsbündnis gegen Rechts etabliert hatte und offensichtlich ein gefundenes Fressen für seine Argumentationskette, wohlfeil mit einem Promi gespickt, nutzte. Gern zitierte er dann auch einen akademischen Bekannten. Auch dieser erläuterte lauthals Rezeptionen von Textpassagen, die im Selbstverständnis mündeten, Naidoo wäre an den Pranger zu stellen, wie es damals schon der Hardrock-Band Rammstein ergangen war.

Hier ist diesen Quacksalbern Einhalt zu gebieten, die sich gern bedeutsam aber unreflektiert auf eine Welle setzen oder sie weiter vorantreiben, damit sie etwas ins Rampenlicht kommen. Hier unterliegen diese jedoch auch einem Irrglauben und machen für andere auf irreversible Weise glaubhaft, die Leitmedien hätten immer Recht. Auch durch das Weglassen wichtiger Detailinformationen wird noch lange keine wahre Geschichte. Diese Geschichte war ein inszeniertes Strohfeuer, das in diesen Tagen zu Qualm aufgeht und manch einem hoffentlich ein heftiges Husten abringt, der sich richtigerweise in Grund und Boden schämen sollte.

Ich wünsche mir daher immer wieder und nachhaltig Aufklärung in der Sache, Mut sie auch zu verteidigen, Funktionäre mit Haltung - gerade in der Kunst.

Ich bin froh, dass sich diese unsere Friedensbewegung gerade bei derartigen Schicksalen immer wieder auf den Prüfstand begibt, differenziert und nachhakt. Daraus gewinnen wir Stärke und einen guten Kontakt zu Freunden und schließlich zu uns selbst als Einzelkämpfer. Das macht uns insgesamt stark.

Es ist nicht nur das Wissen, es ist auch mentale Stärke, zu vertrauen und festzuhalten, auch wenn eine vermeintliche Masse gegen einen zu sein scheint. Die vermeintliche Masse, und das muss hier einmal mehr entzaubert werden, sind ein oder zwei Presseagenturen, die eine unsägliche Machtstruktur nutzen. Ausschließlich diese Marktmacht vermag Tausende von Zeitungen mit Falschinformationen und Bildern zu beschicken. Ein einziger Mausklick ist eine heftige Waffe und mündet schließlich im Informationskrieg.

Erforderlich ist wegen der geschilderten gewaltigen Macht der Medien über das Schicksal einzelner Menschen eine Rechtsprechung, die die Rehabilitierung und Entschädigung von Opfern medialer Rufmord-Kampagnen so klar und deutlich regelt, dass die Sensationspresse dadurch abgeschreckt wird. Vor Ort, persönlich anwesend sein, neutral und offen Bericht zu erstatten, ist in einer demokratischen Gesellschaft wie unserer unverzichtbar und über die Qualität des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses entscheidet die Gesellschaft immer nur selbst.

Daher, lieber Carsten, weiterhin Mut zur Wahrheit und Mut zur Aufklärung. Wir sind bei Euch und mit Euch und ebenso eine Million Fans, die die Texte von Xavier Naidoos, Florian E. Kirner, Sarah Lesch oder Kilez More und vielen anderen friedensbemühten Künstlern schätzen.

Selbst die Diskussion darüber sollte uns weder trennen noch spalten.

Die Reflektion und Lösungsorientiertheit, Frieden zu stiften, unterscheiden uns maßgeblich von den harschen Kampfpropagandisten. Diese Diskussionen sind für eine bessere Differenzierung richtig und wichtig. Letzlich ist es ein Deutungs – und Erkenntnisprozess, der - wie der Begriff es vermuten lässt – den Fluss und die Erkenntnis durch ihn begünstigt, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden.

Dogmen und Denkpolizisten im Amt sind manchmal eben die falschen Berater,sie sind zwar akademisch geschult, aber in abhängigen Gemengelagen, wo das emanzipierte Selberdenken keinen Raum mehr hat. Eine Erkenntnis, die in absolutistischen Gesellschaften – so auch einst in Deutschland – unsägliche Folgen für ihre Menschen hatte.

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