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Der Rationalitäts-Wahn

Der Rationalitäts-Wahn

Wer die Welt nur durch die wissenschaftliche Brille betrachtet, lässt die Hälfte des menschlichen Potenzials außen vor.

Am 17. Mai 2019 unterhielten sich „Vergangenheit und Zukunft“ über die gegenwärtigen Zustände unserer Welt. Der Rubikon strahlte die Diskussionsrunde aus (1). Eine junge Stimme, Tracy Osei-Tutu, stellte dort an einer Stelle unsere heutigen Werte in Frage. Es ging sinngemäß um die Rolle der Wissenschaften in unserer Welt und darum, ob sie der Garant für unsere Würde in dieser Welt sein könnten. Unglücklicherweise griff niemand in der Gruppe die Frage auf. Umso bemerkenswerter erscheint das goldene Schweigen der Fragestellerin, der man eine Antwort schuldig blieb, trotz mutigem Eingeständnis vorhandener Ängste. Ich möchte ihr aus meiner Sicht die Frage beantworten.

In der Diskussionsrunde mit Simon Marian Hoffmann, Christian Wulff und Gerald Hüther sprudelte es aus der jungen Tracy bei circa 19:22 min. wie folgt heraus (2):

„Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es mir Angst macht, dass wir erst wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen. Oder jetzt wieder dieses Argument einsetzen müssen, um überhaupt eine Entwicklung anzustoßen. Was ist denn passiert, dass es nicht reicht Mensch zu sein oder einen Menschen zu sehen und ihm nichts Böses zu wollen. Mir macht es vor allem Angst, wenn wir so ein westliches Wissensmonopol haben und da dann praktisch nur die Leute respektiert werden, die diese Art von Bildung genießen und diese Art von Wissenschaft verstehen. Und alle anderen, die das nicht begriffen haben, die müssen wir dann etwa nicht würdigen? Gibt es etwas abseits von Wissenschaften, wo wir erkennen, die Würde des Menschen ist unantastbar? Muss es jeder für sich selber verteidigen oder ist es Aufgabe der Politik? Ist es eine andere Sprache als die Wissenschaft?“ (3)

Im Ergebnis macht es ihr Angst, dass wir gegenwärtig unsere Welt, unser Wesen und unsere Probleme mit einem rein wissenschaftlichen Blick betrachten. Ich bin davon überzeugt, dass viele Menschen diese Angst genauso teilen. Aber bevor wir uns der Angst widmen, klären wir kurz die interessanten Einsichten dieser jungen Frau, die in den Fragen teilweise enthalten sind.

Ost und West

Es ist die Rede von einem westlichen Wissensmonopol. Was bedeutet das und gibt es da noch eine andere Art zu „wissen“? Philosophisch untersucht handelt diese Frage von der sogenannten Erkenntnistheorie mit einer Bandbreite an Theorien, wie wir Wissen erlangen und was infolgedessen wirklich ist. Die Darstellungen von Realismus über Konstruktivismus bis hin zu den Mischformen würden den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Ich möchte lieber auf die zwei entgegen gesetzten Herangehensweisen zur Erlangung von Wissen und Deutung unserer Welt zu sprechen kommen. Wir gehen immer davon aus, dass so wie wir die Welt begreifen, die einzig sinnvolle und tatsächliche Art ist.

Dem steht aber eine (fern)östliche Art des „Wissens“ gegenüber. Der Zen-Buddhist Daisetz Teitaro Suzuki brachte die Polarität zwischen Ost und West in seinen Vorträgen und Büchern wunderbar auf den Punkt (4). Seine Sichtweise veranschaulichte er unter anderem wie folgt: Er zitierte ein Haiku (5) des japanischen Dichters Basho. In diesem Kurzgedicht erfährt die Leserin (6), wie der Protagonist an einer Hecke eine wilde Pflanze so aufmerksam beobachtet, dass er sie blühen sehen kann. Als Gegenbeispiel zitiert Suzuki ein Gedicht des britischen Dichters Tennyson. Dort erfährt der Leser, wie eine Person eine Blume samt ihren Wurzeln aus den Mauerritzen pflückt. Danach heißt es, wenn er wüsste, was diese Blume als Ganzes sei, so wüsste er auch, was Gott und der Mensch sei.

Anhand dieser Beispiele führt Suzuki weiter aus, wie der Osten die Welt skizziert und wie es der Westen tut. Der Osten schweige, der Westen sei beredt. Dabei bedeute das Schweigen des Ostens keineswegs, einfach nur stumm und wortlos zu sein. Vielmehr seien die Wesenszüge des Ostens „synthetisch, zusammenfassend, integrierend, nicht überschneidend, deduktiv, unsystematisch, dogmatisch, intuitiv beziehungsweise affektiv, nicht diskursiv, subjektiv, geistig individualistisch und sozial kollektivistisch“. Der westliche Geist sei „analytisch, unterscheidend, differenzierend, induktiv, individualistisch, intellektuell, objektiv, wissenschaftlich, verallgemeinernd, begrifflich, schematisch, unpersönlich, am Recht hängend, organisierend, Macht ausübend, selbstbewusst, geneigt, anderen seinen Willen aufzuzwingen“.

Bei dieser Aufzählung sollten wir nicht zu verkrampft mit den Begriffen Ost und West umgehen. Sie charakterisieren nicht jeweils nur Menschen im Osten oder nur im Westen, also Angehörige einer bestimmten Kultur oder Religion. Wenn Beispiele für die östliche Lehre herangezogen werden, dann ist es die Tradition der „menschlichen Kriegerschaft, für die es aus allen Zeitaltern und vielen Kulturen Zeugnisse gibt“ (7). In diesem Zusammenhang ist Kriegerschaft als Tapferkeit definiert und umfasst keine Attribute, die unserem Verständnis von Krieg — und damit Gewalt — zugrunde liegen.

Aus dem Entgegensetzen der Gedichte schlussfolgere ich: Während man nach der östlichen Lehre nach innen gekehrt die Welt betrachtet, um eine wie auch immer geartete Erkenntnis zu erlangen, wird man nach westlicher Wesensart aktiv und richtet seine Aufmerksamkeit in der Regel nach außen.

Ich nenne die westliche Art zu denken und zu erforschen gerne Rationalisierung. Es kommt nicht von ungefähr, dass dieses Wort eines der Grundprinzipien unserer heutigen Ökonomie ist.
Das Gegenteil, die Irrationalität, träfe somit auf die östliche Philosophie zu. Wir bewerten etwas als irrational, was wir nicht verstehen. Dazu aber später mehr.

Wissen schafft Wissen schafft Angst

Wir leben in einer Zeit, in der jede Erkenntnis erst durch zahlreiche Experimente, Laborwerte oder Widerlegungen an Bedeutung gewinnt. Wir pressen eine subjektive Welt in eine objektive Welt, eine komplexe in eine lineare Welt hinein. Wir erschufen unsere Art, die Zeit zu messen, bis in die Hundertstel Sekunde, um zurecht zu kommen mit den Phänomenen, die uns jederzeit begegnen. Auf alldem basiert unser Gedankengebäude. Immanuel Kant beschrieb in seiner berühmten Kritik der reinen Vernunft, dass die „Dinge an sich“ unabhängig vom Menschen und seinem Erkenntnisvorgang existieren.

Wir können nichts über sie wissen, sondern wissen nur, wie sie uns erscheinen. Die Philosophie Kants lässt erahnen, mit welcher Demut einst auch hierzulande Menschen um Erkenntnis rangen. Dennoch sind seine Einsichten die Basis für das heutige, westliche Wissensmonopol, denn sie separieren die Welt in unendliche Einzelteile. Die Wahrnehmung des Menschen wird akribisch, analytisch in mehr oder weniger spezifische Beschreibungen gezwängt. Deren Mittelpunkt ist unsere begriffliche Fassbarkeit, sodass alles greifbar wird — wie die Blume in Tennysons Gedicht.

Mit unserer wissenschaftlichen Herangehensweise zerstückeln wir unsere Umwelt. Aus der Beantwortung einer Frage, ergeben sich zahlreiche neue Fragen. Wir definieren Kosmos und Atome und glauben einer Wahrheit immer näher zu kommen, ohne zu begreifen, dass wir uns unendlich weit von Sinnerfahrung entfernt haben.

Die Dualität, die wir anwenden, ließe uns unendlich lang weiter suchen. Durch die unzähligen „Entweder oder“-Konstellationen, also schwarz oder weiß, groß oder klein, nass oder trocken, hellgrau oder dunkelgrau, ja oder nein, erschaffen wir lediglich einen immer größer werdenden Rahmen, der uns selbst immer kleiner erscheinen lässt.

Albert Einstein änderte unser Weltbild durch seine Relativitätstheorien. Doch alles, was er im Grunde den Menschen vermachte, war, uns ein weiteres Stück von der Welt abzuschneiden, anstatt im wahren Sinn der Relativität den Menschen seinem natürlichen Umfeld näher zu bringen.

Die wissenschaftliche Trennung und die Rationalisierung unserer Welt sind es, die uns mit dem sogenannten Fortschritt auch viele Probleme bescherten. Indem wir versuchen, auch noch existentielle Fragen nach dem Ich und dem Sinn linear zu beantworten, entsteht Existenzangst. In uns entsteht unterbewusst das Gefühl, die Situation nie ganzheitlich zu überblicken. Es fühlt sich immer so an, als fehle stets ein Puzzleteil. Das erzeugt Unsicherheit, der Existenzangst folgen neurotische Ängste. Der Mensch fühlt sich abgetrennt, in der Welt verloren und einsam. Dabei bietet diese Welt uns soviel Geborgenheit, wie wir benötigen.

In die entgegengesetzte Richtung

Was wäre, wenn wir nicht nur immer wieder nach einer neuen Ausfahrt suchen auf unserer Linie, sondern eine radikale 180-Grad-Drehung unternähmen? Unser wissenschaftlich getrübter Verstand wehrt sich zunächst einmal dagegen. Schließlich wiederspricht dies unserem wachstumsorientierten Denken. Eine radikale Kehrtwende würde sich wie ein Rückschritt anfühlen. Dabei sind die Vorzüge weltbewegend. Wir sollten anfangen, die Gegensätze nicht als Ausschlusskriterien füreinander, sondern als voneinander untrennbar anzunehmen. Ohne das eine gäbe es das andere nicht als Bewertung der Dinge oder eines Zustands.

Erst im Zusammenhang erhält die Dualität von Alles und Nichts, heiß und kalt eine Bedeutung. Zwei Seiten einer Medaille sind voneinander untrennbar. Sie gehören zusammen. Vieles, was die Endgültigkeit menschlicher Existenz betrifft, sollte nicht Sache des Verstandes sein. Es ist eine tiefere Einsicht in uns allen vorhanden. Sie ist meist nur tief vergraben und auch hier nur durch Wörter grob skizziert. Was ich gerade unternehme, ist ein Versuch, Unbeschreibliches zu beschreiben. Es genügt nicht zu „wissen“, was die Kehrtwende sein könnte, denn wir befänden uns bei der Erkenntnis nach wie vor im rationalen Gedankengebilde. Für eine wirkliche Kehrtwende gehört die Einsicht, wortlos umzukehren.

Versöhnung

Viele Menschen fangen an, die bisherigen Gebilde der Realität in ihrem Verstand herunter zu reißen. Oftmals führt sie tiefes Leid auf diesen Weg. Und auch Leid hat einen Gegenpol, den wir mit dem Wort Glück umschreiben. Leid ist also letztlich ein Glück, denn durch Leid erfahre ich, was Freude ist. In diesem Sinne könnte auch Buddha eine seiner edelsten Weisheiten „Alles ist Leid“ gemeint haben. Wer das verstehen, nein tatsächlich fühlen kann, wird sich auf den Weg zu sich und damit auch zur gesamten Welt machen.

Wenn wir Menschen uns als Teil unserer Umwelt verstehen und gedanklich versuchen zu umfassen, welche Form das größtmögliche Verhältnis zu uns hat, so lautet das Ergebnis: Alles. Im Sinne der fernöstlichen Einsichten sind wir gleichermaßen: Nichts. „Form ist Leere, Leere ist Form“ (9).

Manche mögen nun denken, das sei alles Unfug. Nur handelt es sich um eine Einsicht, die mit dem Verstand nicht begriffen werden kann. Wenn wir auch nur einen Millimeter davon abrücken, die Welt linear zu skizzieren, dann ist genug Potential da, um sie radikal zu verbessern. Nicht ohne Grund haben sogar Forscher angefangen, etwas in ein komplexeres Gedankengebilde hinein zu pressen, das nicht mit den üblichen Gleichungen erklärt werden kann: die sogenannte Chaostheorie. Diese besagt in ihrer populärsten Ausprägung, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings an einem „Ende“ der Welt einen Hurrikan auf der anderen Seite der Welt erzeugen kann. Es handelt sich um Irrationalität in Reinstform. Wissenschaftlich begründet sich die Chaostheorie darauf, dass bereits durch kleine Änderungen einer Ursache, die Varianten der darauf folgenden Wirkung unfassbar groß sein können.

Wenn wir anfangen, die Milliarden von Unterscheidungen aufzugeben, alles als etwas Gemeinsames zu erkennen. Wenn wir uns da hinein fühlen, dann steht uns eine große Versöhnung bevor.

Eine Welt ohne Angst

Meines Erachtens sind in diesem Bewusstsein auch Jesus und seine Weisheiten zu betrachten. Er verkündete eine allumfassende Wahrheit, die zeigt, wie wenig diese Weisheit einer Region zuzuteilen ist. Bei genauer Beschäftigung zeigt sich aber auch, wie wenig von Jesus‘ Botschaft in den heutigen Lehren vorhanden ist. Wer sich einmal dafür geöffnet hat, der erfährt tiefe Einsichten in unser innerstes Selbst und gleichzeitig ein Urvertrauen, für das es keine Worte mehr gibt. In seinen bedeutendsten Ausprägungen spricht man von einem sogenannten Satori- oder Kundalini-Erlebnis (9). Das Einzige, was ich dazu sagen kann: Es schlummert eine Friedfertigkeit in uns allen, die kaum schöner sein kann.

Ich wünsche mir, dass wir Angst in ihrer Dualität wahrnehmen. Denn wenn wir Friedfertigkeit erfahren, beginnt die Angst, sich als das Gegenteil zu entpuppen, und fügt sich in das große Ganze als ein natürliches Empfinden, nicht mehr und nicht weniger.

Gelassenheit durch Akzeptanz

Trotz besorgniserregender Zustände nimmt das Bedürfnis nach Achtsamkeit, also einer passiven Geistesgegenwart, bei immer mehr Menschen Einzug in ihren Alltag. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass unser Verstand durch massive Daueraktivität überreizt wird. Es entsteht ein Bewusstsein, sich von der Rationalisierung der Massen abzukoppeln. Viele Menschen geraten erst durch enorme Widerstände und großes Leid auf diesen Pfad, der sie aber dann Glücksmomente und wahrhaftige Freude empfinden lässt.

Mir ist ein Beispiel besonders markant in Erinnerung geblieben. Im Herbst 2017 wartete ich in Erdmannhausen in der Halle einer Schule auf den Redner Daniele Ganser. An diesem Abend geriet sein Vortrag akustisch mehrmals ins Stocken, da die Technik versagte. Der Vortragende nahm die Situation mit einer Leichtigkeit an, die man nicht oft in so einer Situation zu sehen bekommt. Es fiel nicht einmal ein zynisches Wort in Richtung der Verantwortlichen, was das Publikum höchstens als Schlagfertigkeit und spontanen Witz gedeutet hätte. Stattdessen wechselte Ganser nach Behebung des Problems kurzerhand das Thema und erzählte, weshalb ihm die Achtsamkeit in solchen Situationen helfe. Gansers Reaktion ist für mich ein Paradebeispiel, wie es uns in der heutigen Welt gelingen kann, die Zustände anzunehmen, mit denen wir konfrontiert sind. Durch das Annehmen tagtäglicher Situationen entsteht eine Gelassenheit.

Wir alle sind dazu fähig, so wie die allermeisten von uns auch schwimmen können. Wir könnten nicht schwimmen, wenn wir damit nicht irgendwann begonnen hätten. Damit möchte ich sagen, dass wir damit beginnen müssen, die Gelassenheit zu praktizieren. Sie darf nicht ein Konstrukt in unserem Kopf bleiben. Das möchte ich unmissverständlich klar machen.

Der Baum, der keiner ist

Manche Menschen sehen nur Greifbares als real an. Alles andere stempeln sie als unbedeutend und nicht existent ab. Mir liegt nichts daran, die Leser dieses Artikels zu überzeugen, dass irrationale Antworten richtig sein können. Jedoch sollten wir uns eingestehen, dass wir in einer Welt leben, in der es auf viele Rätsel keine Erklärung gibt. Wir können uns zwar bis ans Ende unserer Tage darüber den Kopf zerbrechen, welche Antwort die Richtige ist. Doch schon im nächsten Moment hieven wir eine noch genauere Antwort als „die Richtige“ auf den Thron aller Weisheiten.

Unsere Betrachtungsweise gleicht dem Anblick eines Baums. Es fällt uns bereits schwer, in der Baumkrone die einzelnen Äste, Blätter, Rinden oder Blüten zu erkennen. Sogar wenn uns das bis zum letzten Millimeter des Baumstammes gelänge, betrachten wir nicht dennoch nur einen Teil des Baumes? Der Baum kann nur als Baum existieren, weil er auch unterirdisch ein riesiges Netzwerk hat. Doch wo hört der Baum wirklich auf Baum zu sein? Was ich damit sagen möchte ist, dass es uns oftmals sehr gut tun würde, würden wir mit weniger Urteilen diese Welt betrachten. Das Beispiel des Baumes zeigt unsere begrenzte Sicht auf die Welt. Der Baum ist viel mehr als der Baum, den wir sehen. Wir sollten auch das für uns Verborgene annehmen. Im Alltag täte uns das ebenfalls gut. Ich glaube, nur so ist eine Harmonie möglich.

Gut und Böse

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dieser Artikel sei antiwissenschaftlich. Wir sollten hinterfragen, ob die alleinige wissenschaftliche Betrachtungsweise förderlich sein kann. Ihr Dualismus wird dazu führen, dass wir Alles um uns herum mit Null und Eins definieren werden, so wie es die Computerprogramme machen. In der Orientierung auf unsere Zukunft zeichnen wir ein immer größer werdendes Koordinatensystem. Dabei entgeht uns, dass wir so dazu verdammt sein werden, etwas Wichtiges nicht berücksichtigt oder uns verkalkuliert zu haben. Die Wissenschaft benötigt einen ebenso großen Gegenpol zur Symbiose von besser oder schlechter, größer oder kleiner, gut oder böse. Das ist zugleich meine Antwort auf die Ängste der alten und jungen Generationen.

Wir sollten der Wissenschaft ihre Allmacht und uns damit die Angst nehmen, damit in letzter Instanz auch die Würde nicht zu einem juristischen Begriff degradiert wird.

Aller Anfang ist schwer, aber machbar

Alle Worte der Welt würden nicht ausreichen, um die Intention zu erfassen, mit der ich diesen Artikel geschrieben habe. Worte sind Produkte des Verstandes und werden von ihm auch bewertet.

Viele wehren sich im Alltag gegen meine Aussagen und bezeichnen sie als esoterischen Unfug. Woher kommt aber die immer höher werdende Zahl an Patienten in psychiatrischen Behandlungen (10)? Im Grunde verhalten sich die Skeptiker wie die Männer in Sokrates´ Höhlengleichnis (11). Es ist beinahe unmöglich, einen Menschen von einer anderen Realität zu überzeugen, der sein Leben lang nur die an die Wand projizierten Schatten als die Realität wahrgenommen hat.

Doch es gibt Wege, sich diese Einsichten zu eigen zu machen. Dabei darf niemand mit dem Lineal, dem Stift, dem Buch oder einem Taschenrechner vorgehen. Die gängigsten Einstiege, mit der Welt zu verschmelzen, sind unser Atem und das Anregen unseres Zwerchfells. Wir können es in unseren Alltag einbetten. Oder wir können eine noch höhere Qualität der Achtsamkeit praktizieren:

Wer kann heute noch von sich behaupten, für eine halbe Stunde still dasitzen zu können? Sitzen und sich selbst beobachten. Einfach nur beobachten und alles kommen und gehen lassen. Schauen, was dabei passiert. Alles Äußere wird uns womöglich sagen, dass wir Nichts sind, während alles Innere davon überzeugt ist, dass wir alles sind. Wo fängt und hört das Ich auf?

Aber die meisten Menschen haben verlernt, auch nur ein paar Minuten Stille zu ertragen (12). Dann müssten sie womöglich ertragen, was sie denken. Sie müssten sich selbst wahrnehmen.

Durch die Einseitigkeit, mit der wir uns der Rationalisierung hingeben, fällt es uns schwer, die Kehrtwende von außen nach innen zu beginnen. In unserem Hochgeschwindigkeitszeitalter gewinnt die höchste aller achtsamen Tugenden umso mehr an Bedeutung: Stille.

Fünf Minuten Stille an einem Ende des Planeten können 50 Jahre Friedfertigkeit an einem anderen Ort der Welt auslösen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://youtu.be/PR8LldC1Jgk
(2) https://youtu.be/PR8LldC1Jgk?t=1161
(3) Umgangssprachliche Ausdrücke werden zugunsten einer besseren Lesbarkeit nicht in das schriftliche Zitat übernommen.
(4) Erich Fromm, Daisetz Teitaro Suzuki, Richard de Martino: Zen-Buddhismus und Psychonalayse, 1981
(5) traditionelle, japanische Gedichtsform, bestehend aus siebzehn Silben
(6) Zur besseren Lesbarkeit werden die weibliche und männliche Form abwechselnd benutzt. Beide Formen gelten für alle Geschlechter.
(7) Chögyam Trungpa: Das Buch vom meditativen Leben, 2002
(8) Herz-Sutra, eines der wichtigsten Texte des Zen und des tibetischen Buddhismus
(9) Satori bezeichnet den Zustand der Erleuchtung im Zen, Kundalini ist in seiner ursprünglichen Bedeutung ein ähnlicher Zustand aus dem Yoga.
(10) https://www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html
(11) Platon: Der Staat, 1985
(12) https://www.rubikon.news/artikel/gutsprech-statt-neusprech

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