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Der pandemische Sinnstifter

Der pandemische Sinnstifter

Was wir erleben, ist eine Unterwerfung, die fatal an jene erinnert, die Michel Houellebecq in seinem gleichnamigen Buch vor sechs Jahren skizzierte.

Eine Sinnkrise namens Liberalismus

Seitdem Houellebecq schreibt, sprengt er Genregrenzen. Schon früh mischte er Science-Fiction mit Gesellschaftskritik — und mit Pornographie. Mit dem Roman „Karte und Gebiet“ wagte er sich ein Stück weit in den Kriminalroman vor, sprengte dabei abermals eine Grenze: Das bestialisch zugerichtete Mordopfer in seinem Buch heißt Michel Houellebecq, ist er selbst. Der Autor outete sich recht früh als Freund der Literatur von H. P. Lovecraft. Seine Kritik an der modernen Gesellschaft und am Fortschritt lässt seinen Bezug zu jenem Horrorliteraten erahnen.

Houellebecq fiel die geistige Nähe zu Lovecraft wohl in jenem Moment auf die Füße, als er anfing, sich auch kritisch mit dem Islamismus zu befassen. In „Plattform“ spielt die terroristische Ideologie nur eine Nebenrolle, die Hauptprotagonisten werden in einem Urlaub aus dem Leben bugsiert. Das Feuilleton gab sich leicht irritiert: Mit solcher Literatur würde man Gräben ausheben, den Islam schlecht aussehen lassen. Noch war die Kritik moderat. Als er dann „Unterwerfung“ publizierte, sah man sich bestätigt: Man labelte ihn offen als Brandstifter einer rechten Aufbruchstimmung. Kein Wunder, dass er Lovecraft schätzt, jenen elitären Rassisten und Chauvinisten von einst, der der weißen Rasse einen Auftrag zur Gestaltung der Welt andichtete.

Plötzlich deutete man auch Houellebecqs Liebe zu Lovecraft als Beleg dafür, dass der Franzose einer ganz anderen Geisteshaltung zugerechnet werden müsse: dem rechten Milieu — er befinde sich quasi in der Annäherung an den Front National. Das hört man seit jenen Jahren, da er mit „Unterwerfung“ in die Kritik geriet, oft und regelmäßig. Der Franzose gilt als rechter Autor, als identitäre Stimme. Dabei spiegelt sich in jenem Roman das Thema wider, das Houellebecq seit Jahrzehnten antreibt: Er seziert die liberale Gesellschaft.

Das Chaos der modernen, gesichtslosen Gesellschaft beschäftigt ihn schon lange. Dem Liberalismus fehlt es nach Houellebecq an Werten, an Verbindlichkeiten. Die Gesellschaft erodiert, löst sich auf, wird dekonstruiert.

Sie geht am „Anything Goes“ zugrunde. Menschen stellt er sich darin nicht als glückliche Wesen vor, sondern als Kreaturen, die aushalten müssen: das Leben nämlich. Der Autor schmachtet einem Republikanismus, einem Gemeinsinn nach, den der Liberalismus gar nicht verwirklichen will. Daher führt er auch immer wieder an, dass die Abkehr vom Christentum ein Vakuum erzeugt hat, in dessen Luftleere keine Sinnstiftung mehr Fuß fassen kann.

Sinnfüller: solche und solche

Der öffentliche Diskurs hat seine Kritik am sinnleeren Liberalismus oftmals gar nicht erst erkannt. Er hat sich darauf versteift, Michel Houellebecq als Islamophobiker zu skizzieren, der seinen Hass verspritzt. Noch nicht mal die künstlerische Freiheit ließ man gelten, um Geschichten wie jene, die er uns in „Unterwerfung“ unterbreitet, auch schreiben zu dürfen.

In jenem Roman erzählt uns der Schriftsteller, wie die liberale Gesellschaft, ist sie erst mal deinstalliert, mit großer Freude abgewickelt wird. Und zwar nicht von den reaktionären Kräften — in diesem Fall den Muslimbrüdern —, jedenfalls nicht ausschließlich. Sie müssen nämlich nicht gegen alle Widerstände ihre Weltanschauung durchboxen. Nein, die Bürgerinnen und Bürger machen mit, sie fremdeln nur kurz, nehmen es nicht nur hin, sondern wittern eine Chance. Der Hauptfigur mutet es seltsam an, dass fast sämtliche Mitmenschen irgendwie glücklich wirken, unerklärlich erfüllt erscheinen.

Houellebecq trägt uns eine Geschichte zu, in der das liberale Vakuum ersetzt wird durch eine neue Sinnerfüllung. Dem „Ancien Regime“, das den Menschen in der Masse mehr und mehr anonymisierte, zum gesichtslosen Konsumentenbürger degradierte und damit die alten Heilsversprechen sozialer Bewegungen quasi abschafft, nämlich den Gemeinsinn und den aufgeklärten Bürger zu stärken, trauert kaum einer nach. Mag der Islamismus auch frauenfeindlich sein und Freiheiten beschneiden: Houellebecqs Bürgerinnen und Bürger spüren offenbar, dass die Leere ersetzt wurde durch einen Sinngeber. Ob der sich inhaltlich so gestaltet, wie man es gerne sähe, spielt gar keine Rolle mehr.

Die Menschen sind offenbar so deprimiert, dass sie scheinbar alles besser finden als den Zustand, in dem sie sich als Bürger einer liberalen Mediokratie- und Warengesellschaft befanden.

Der Franzose ist ein Spötter. Immer gewesen. Und natürlich überspitzt er. Das ist sein gutes Autorenrecht. Grundsätzlich scheint diese eigentliche These seines Buches, nämlich die akzeptierte Übernahme durch neue Sinnstifter, die Unterwerfung halt, gar keine Fiktion zu sein. Klar, die Pandemie ist keine ideologische Gruppe, die die Wahlen für sich entschied. Aber sie hat ganz offensichtlich für viele unter uns einen neuen Sinn erschaffen. Die Diskurse sind vergiftet, sie werden mit einem Fanatismus bestritten, der wahrlich befremdlich ist. Dass wie bei Houellebecq eine Unterwerfung verschleiernder Form über uns kam, ist freilich nur Zufall.

Eine neue Moral

Der Schriftsteller hat sich recht früh in dieser Pandemie zu Wort gemeldet und die Entwicklung als liberalen Brandbeschleuniger eingeordnet. Er sagte unter anderem:

„Seit einigen Jahren haben die technologischen Entwicklungen, ob sie nun weniger wichtig sind (Video-on-Demand, kontaktloses Bezahlen) oder wesentlich (Fernarbeit, Shoppen per Internet, die sozialen Netzwerke), zur Folge (zum Hauptziel?), die physischen Kontakte zu reduzieren, besonders die zwischen Menschen. Die Epidemie des Coronavirus liefert dieser Tendenz eine wunderbare Daseinsberechtigung, die menschlichen Beziehungen obsolet erscheinen zu lassen.“

Gleichzeitig gibt es aber noch eine andere Seite der Medaille, die Houellebecq zwar nicht weiter nannte, die er aber vermutlich bejahen würde: Es gibt eine Stimmungslage, die das liberale Gemeinwesen eben nicht vertieft, sondern es abzulösen trachtet und einen neuen Sinn aus all dem destilliert, was sich als Corona-Politik zeigt.

Von Anfang an hat sich das Behelfsmittel der Maske für einige zu einem Symbol ausgewachsen, das immer und stets präsent zu tragen sei. Daraus mauserte sich eine Form neuen Selbstbewusstseins, ein Sinnstiftungsmoment, der einhergeht mit einer Rhetorik der fürsorglichen Belagerung, die etwas von einem pervertierten Gemeinsinn hat. Man kann nun rhetorisch unverdächtig auf Abstand zueinanderstehen, Gesicht zeigen, ohne es zeigen zu dürfen.

Die Auflagen werden dabei immer drastischer; die FFP2-Maske, obgleich dauerhaft getragen schädlich für die Gesundheit, rekurriert den besonderen Schutz, bedient eine Sprache, die der Ellenbogengesellschaft den Kampf ansagt. Schon früh hat man in Aussicht gestellt, dass die Maske der neue Chic wird, Umfragen flankierten die These, die Menschen würden sie auch nach der Pandemie tragen wollen. Läden zuzusperren, Existenzen auszulöschen: Das war plötzlich ein ganz neuer Sinn, der der alten liberalen Beliebigkeit auf den Pelz rückte.

Schlicht gesagt: Ein großer Teil der Gesellschaft unterwarf sich. Und das nicht widerständig, nicht murrend und das vielleicht Nötige zähneknirschend akzeptierend, um es baldmöglichst hinter sich zu lassen. Es geschah mit Inbrunst, mit einer Wonne und Freude, die staunen lässt. Man fragt sich da natürlich: Woher kommt diese Unterwerfungsidylle eigentlich? Eine Antwort lässt sich eben bei dem zeitgenössischen Autor finden, der wie kein anderer den liberalen Zeitgeist begriffen und seziert hat:

Das liberale Gesellschaftsmodell hat abgestumpft, man ist seiner überdrüssig, da nimmt man alles an, was irgendwie so aussieht wie eine neue Moral, wie ein System, in dem es irgendwie einen neuen Lebenssinn zu geben scheint.

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