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Der Nichtwähler

Der Nichtwähler

Warum ich meine Stimme lieber behalte statt abgebe. Teil 1/2.

Das Wappen des Nichtwählers. Abhängig davon, welchen Menschen ich gegenübertrete, trage ich es entweder mit stolz geschwellter Brust, bei anderen verberge ich es hinter meinem Rücken. Ich mache es davon abhängig, ob ich meinem Gegenüber die blasphemische Sichtweise emotional zutraue, die ich auf das Wahlsystem und damit auf unser „demokratisches“ Deutschland habe. Die meisten reagieren mit Empörung, manche mit Unverständnis – welches sich manchmal in Verständnis umwandeln kann – und bei ganz wenigen möchte ich mich zu diesem Thema nicht äußern, da ich die ernsthafte Befürchtung hege, ihr Weltbild gefährlich ins Wanken zu bringen und damit auch das emotionale Gerüst in Mitleidenschaft zu ziehen.

Dieses Jahr war die Debatte noch um ein Vielfaches aufgeheizter, da es nach dem Bayerischen Polizeiaufgabengesetz und dem Bayerischen Psychisch-Krankenhilfegesetz galt, die CSU zu besiegen und dem Rechtsruck entgegenzutreten. Wer hier nicht wählen ging, der galt als indirekter Unterstützer der Rechten. Ein äußerst interessantes Argument, welches später noch ausführlicher behandelt werden soll. Ebenso die Thematik rund um das zunehmend autoritär werdende Bayern, was alles andere als in meinem Interesse liegt!

Und genau wie bei der vergangenen Bundestagswahl kursierte erneut die politische Milchmädchenrechnung in den sozialen Netzwerken, nach der nur genügend Wähler die AfD an der 5-Prozent-Hürde scheitern lassen könnten:

100 Wahlberechtigte
75 gehen hin
3 wählen AfD
=4,0 Prozent

100 Wahlberechtigte
50 gehen hin
3 wählen AfD
=6,0 Prozent

Blöd nur, dass in dieser Milchmädchenrechnung wie in Jean de La Fontaines Fabel „Die Milchfrau und die Milchkanne“ die Milch verschüttet wird. Warum? Laut dieser mathematischen Vereinfachung fußt die Forderung, von seiner Stimme Gebrauch zu machen, auf der Existenz der AfD. Verschwindet diese Partei bei der nächsten Wahl, verschwände mit ihr die Notwendigkeit des Wahlgangs. Wenn es keine AfD mehr gibt, müsste man dieser Logik nach auch nicht mehr dringend wählen gehen.

Natürlich würde kaum ein Wähler dieser Schlussfolgerung zustimmen. Gleichzeitig schlussfolgern viele, man könne rechtes Gedankengut bekämpfen, indem man die rechte Strömung gewaltsam unter die Sperrklausel von 5 Prozent drücke. Aber so einfach ist das nicht. Genauso wenig, wie die durch rechte Ablassventile strömende Frustration der Bevölkerung nicht vom Himmel gefallen ist, genauso wenig verschwindet diese einfach, wenn sie vor den Toren des Bundestages erfriert. Und genauso wenig lassen sich die jüngsten Repressalien und konstitutionellen Schaffungen autoritärer Staaten damit erklären, dass schlicht die falschen Politiker „an der Macht“ sind. Nein! Diese Entwicklungen haben System!

„Es kann in einem Aufruf gegen den Faschismus keine Aufrichtigkeit liegen, wenn die gesellschaftlichen Zustände, die ihn mit Naturnotwendigkeit erzeugen, in ihm nicht angetastet werden.“
– Bertolt Brecht

Vom Wähler zum Nichtwähler

Ich war nicht immer Nichtwähler. Das erste mal wählen durfte ich 2013. Damals war ich 20 Jahre alt und am Anfang meiner Politisierung. Die Ukraine war noch stabil und mit ihr das Vertrauen der deutschen Bevölkerung – und damit auch mein Vertrauen – in die etablierten Medien. Die Süddeutsche Zeitung war damals meine einzige Informationsquelle, somit die Ursache für meine linksliberale Yuppie-Sozialisierung und der Grund, dass mein Grad an Ahnung und Durchblick – in Prozent ausgedrückt – in etwa dem absehbaren Wahlergebnis der SPD bei der Bundestagswahl 2017 entsprach.

Dann war es soweit. Die Bundestagswahl 2013 stand vor der Tür und ich – damals noch meilenweit vom Abitur entfernt – eiferte den von mir gleichermaßen bewunderten wie beneideten Studenten nach und rief auf Facebook dazu auf, man solle doch um Gottes willen nicht vergessen, zur Wahl zu gehen. Dabei war ich mit meinen 20 Jahren noch nicht einmal dazu imstande, den Unterschied zwischen Erst- und Zweistimme zu erklären. Höchst blamabel! Ebenso töricht, ahnungs- und orientierungslos wählte ich dann mit meiner Erststimme die SPD und mit meiner Zweistimme die Grünen.

Kurze Zeit nach der Koalitionsbildung der GroKo folgte die Ukrainekrise, Alternativmedien wie KenFM, NachDenkSeiten & Co erlebten ihre Blütezeit, die Mainstream-Medien ihren Albtraum, und die Mahnwachen für den Frieden sprossen bundesweit wie Pilze aus der Erde. Der Rest ist Geschichte.

Ebenso Geschichte war von da an mein von SZ und Tagesschau geprägtes Weltbild. Der politische Erdrutsch von 2014 schleuderte mich in die Bibliotheken und weg von den Tageszeitungen. Aber mein Glaube an die Wirkkraft und Wichtigkeit von Wahlen hielt diesem Erdbeben stand. Selbst das flammende Plädoyer von Ken Jebsen, der Europawahl fern zu bleiben, konnte mich nicht überzeugen. Erst dessen Analogie der McDonalds-Demokratie löste in mir den Kippmoment aus, der mich – nach der Europawahl – dazu veranlasste, jeder weiteren Wahl fernzubleiben.

Im Sinnbild der McDonalds-Demokratie beschreibt Jebsen unser demokratisches System als eine FastFood-Filiale, in der sich der Kunde / Wähler zwischen unterschiedlichen Menüs entscheiden könne. Doch ganz gleich, ob er nun den Cheeseburger, BigMac oder einen Veggie-Burger wähle, wähle er damit am Ende immer den Konzern McDonalds. Entscheidend sei, dass der Kunde keinen Einfluss auf den Wareneingang habe.

Auf das parlamentarische System der BRD und der EU übertragen bedeutet dies, dass wir eine Vorauswahl an Kandidaten erhalten, mit denen wir uns abzufinden haben. Zahlreiche – um nicht zu sagen ‚alle‘ – Politiker, die hohe Ämter bekleiden, sind gut mit der Atlantikbrücke, dem Council on Foreign Relations und anderen Think-Tanks verbunden oder haben zuvor ein Bilderberger-Treffen besucht.

In dieser Demokratie sei man als Wähler auf die Funktion reduziert, sich zwischen Repräsentanten zu entscheiden, die in der darauffolgenden Legislaturperiode absolute Narrenfreiheit genießen und unkontrolliert, weit abseits des Wählerversprechens, ihr eigenes – oder das von Lobbyisten aufgezwungene – Programm durchzuziehen können. Den Heiligenschein und den lammfrommen Blick gelte es erst im Wahljahr wieder aufzusetzen.

Ich war also zu den Nichtwählern konvertiert. Meine Argumentationsgrundlage war zu diesem Zeitpunkt allerdings lediglich der mit pathetisch düsterer Musik unterlegte Audiokommentar von Ken Jebsen. Trotz rhetorischer Raffinesse und analytischem Tiefgang in der Summe nicht sonderlich stichhaltig!

Nichtsdestotrotz ging ich zur Bundestagswahl 2017. Nicht etwa aus Überzeugung. Im Gegenteil! Meine Wahlbeteiligung war Teil eines Geburtstagsgeschenks, um einer mir wichtigen Person eine Freude zu machen. Ich versuchte meine Stimme so wirkungslos – also noch wirkungsloser, als sie eh schon ist – wie nur irgend möglich verpuffen zu lassen. Meine Zweitstimme gab ich der Partei „Die Partei“ und meine Erststimme einem Kandidaten, dessen Parteinamen ich mittlerweile sogar vergessen habe.

Dieser Gang zur Wahlkabine, den ich zu 180 Grad entgegen meiner Überzeugungen antrat, war für mich unangenehmer als ein Urologie-Besuch!

Negativbeispiele

Mir wurde die Auffassung durch zahlreiche Fallbeispiele im Ausland belegt, dass repräsentative Demokratien, in denen sich die Partizipation des Bürgers darauf reduziert, alle 1460 Tage zwei Kreuze auf ein Blatt Papier zu malen, am Ende des Tages mit Demokratie nicht viel gemein haben.

Angefangen mit dem Beispiel des OXI-Votums in Griechenland 2015. Ein Beispiel, wie es deutlicher nicht seien konnte! Ministerpräsident Tsipras ließ sein Volk über erneute Sparmaßnahmen abstimmen und mit einer überwältigenden Mehrheit wurde für OXI (dt. „Nein“) gestimmt. Doch entgegen dem Wasser, welches Tsipras predigte, trank er Ouzo und überging das von ihm selbst eingeleitete Referendum. Binnen weniger Tage verwandelte sich der Hoffnungsträger, der Stern am griechischen Polithimmel, in einen rostigen, funktionsuntüchtigen Satelliten, der auf kurz oder lang in der Erdatmosphäre der Bedeutungslosigkeit schnell und unspektakulär verglühen wird.

Und wenn wir schon bei Sternen sind, blicken wir doch nach Italien auf die Fünf-Sterne Bewegung. Diese trat 2018 sehr ambitioniert und mit umstürzlerischen Plänen den Wahlkampf an und bestritt diesen auch mit 32,2 Prozent der Stimmen. Doch nach dem Wahlsieg ging auch diesen fünf Sternen sehr schnell das Licht aus, als sie dem schwarzen Loch, also den Machtzentren zu nahe traten. Statt eine soziale Politik zu betreiben, den korrupten Sumpf auszutrocknen, schlossen sie eine Koalition mit der rechten Lega aus Norditalien. Und es kam noch schlimmer!

Als sich die Fünf-Sterne-Bewegung erdreistete, ihren Wahlversprechen auch nur ansatzweise nachzukommen, indem sie den Eurokritiker Paolo Savona als Finanzminister einsetzen und mit diesem einen Schuldenschnitt bei der EZB erreichen wollte, steckte Staatspräsident Mattarella den Euro-Rettungsschirm in die Speichen der Regierungsbildung und blockierte sie. Mit der Knarre des IWF und der EZB an der Schläfe, wurden die Pläne für Savona als Finanzminister sowie für den Schuldenschnitt fallengelassen. Alles blieb beim Alten!

Die Fünf-Sterne-Bewegung versuchte, am Sternenhimmel den Großen Wagen zu formieren, der Italien in eine neue, soziale Zukunft befördern sollte. Doch der Große Wagen crashte an dem Widerstand der „wahren Herren im Haus“. Zusammen mit ihren Wahlversprechen stürzten sie wieder vom Himmel herab und von dem, was die Italiener wählten, blieb nicht mehr viel mehr als heiße Luft übrig.

Betrachtet man allein diese zwei vergeblichen Versuche, auf parlamentarischer Ebene die Tür der bestehenden Verhältnisse einzutreten, muss man sich schon die Frage stellen, wie viel Hoffnung und Zuversicht in einen Wandel durch unsere Politiker gesteckt werden kann, wenn diese, statt die Tür einzutreten, lediglich an dieser anklopfen? Mit einem freundlichen Lächeln in den Türspion versteht sich.

Wenn Linke wie Alexis Tsipras oder Beppe Grillo bei ihrem Wahlkampf vergleichsweise Figuren wie Bruce Willies oder Sylvester Stallone abgaben und scheiterten, warum um alles in der Welt sollte ich Hoffnungen hegen, dass unsere wählbaren Politiker – die bestenfalls einem Rowan Aktinson entsprechen – etwas ändern könnten?

Das signifikanteste Beispiel lieferte Martin Schulz während der Sondierungsgespräche, aus denen die jüngste GroKo hervorging. Ich kenne kein Beispiel, bei dem ein Politiker in so kurzer Zeit eine 180-Wende in seiner Programmatik durchführte. Schloss er vor und nach den Wahlen im September 2017 eine Koalition mit der von Merkel geführten Union noch ganz entschieden aus, ließ er sich sehr plötzlich doch auf Koalitionsgespräche ein. Diese waren an klare Forderungen und Punkte geknüpft, die nicht verhandelbar schienen. Vorläufig zumindest. Denn irgendwann wurden auch diese Punkte aufgeweicht. Irgendwann ging man Kompromisse mit dem Verhandlungspartner ein. Irgendwann gab Schulz die letzte Bastion seiner Forderungen auf. Und irgendwann – nach nicht einmal einem halben Jahr – ging die SPD unter Schulz wieder eine Koalition mit der Union ein.

Wie sagte Schulz doch einst im September 2017? Es sei der Wählerauftrag gewesen, diese Koalition zu beenden. Sie sei abgewählt worden, die Menschen wollten sie nicht. Was hat der Gang zur Wahlurne dem SPD-Wähler somit gebracht? Hat er bekommen, was er wollte? Hat er etwas Ähnliches bekommen? Oder doch das exakte Gegenteil dessen, was ihm versprochen wurde? In der freien Wirtschaft würde man von einem „Vertragsbruch“ sprechen.

Wäre das Wort von Martin Schulz ein an der Börse verhandelbares Finanzprodukt, könnte man doch keinen Pfennig mehr damit verdienen! Welchen Wert hat das Wort von Schulz seit dieser so scharfen 180-Grad-Kurve, die den Schulz-Zug zum Entgleisen und die SPD prozentual in die Nähe eines Starkbieres brachte? Und das ist nur eines von vielen Beispielen!

Sich dieser Beispiele zu erinnern, bedarf allerdings eines guten, vielleicht schon aufs Datum genauen Langzeitgedächtnisses. Und das habe ich! Ein Langzeitgedächtnis, das teilweise so präzise ist, dass ich mir innerhalb der Redaktion bereits den scherzhaften Vorwurf des Autismus anhören musste. Und so bin ich hinsichtlich der gebrochenen Wahlversprechen in etwa so vergesslich wie ein Elefant. Und so habe ich keine Lust, die doofe Ziege zu sein, die jedes Mal wieder in den gleichen Elektrozaun beißt und nie zu erkennen vermag, dass Strom auf diesen Drähten liegt. Mit meiner Nichtteilnahme an der Wahl beabsichtige ich, diesem System die Legitimation, die Energie zu entziehen.

Selbstkritik eines Nichtwählers

Ich mache keinen Hehl daraus, dass meine Entscheidung, Wahlen fern zu bleiben, keineswegs rational ist. Zwar habe ich mir über die Monate und Jahre hinweg ein wissenschaftliches Fundament für meine Sichtweise angereichert – darauf werde ich explizit in Teil 2 dieser Serie eingehen – aber gleichzeitig hat sich in mir – so ehrlich bin ich – ein Glaube an den Nichtglauben verfestigt. Und an dem halte ich fest! Tief in meinem Inneren tanzt mein Ego mit dem Pachtvertrag über die Wahrheit, nach der Wählen gehen sinnlos ist.

Das Nicht-Wählen ist natürlich auch eine Methode, es sich im pop-politischen Diskurs sehr einfach zu machen. Wenn man alles, was in TV, Radio und Zeitungen über Politik gesagt wird, als irrelevantes Polit-Theater – genaueres dazu in Teil 2 – abtut, entledigt man sich sehr einfach der „Verpflichtung“, sich damit zu befassen und hat kein schlechtes Gewissen, wenn man über Seehofers jüngste sittliche Fehltritte nicht informiert ist. Dessen bin ich mir bewusst.

Gleichzeitig ist das bewusste und stolze Wählen-Gehen und das Lästern über pop-politische Inhalte – zum Beispiel die neuesten Fehltritte Trumps oder die letzten Sprüche Jens Spahns – ebenfalls eine Methode, es sich einfach zu machen. Man befasst sich mit Klatsch und Tratsch, die eine emotionale Haltung einfach machen – nicht aber den tiefgehenden Inhalten und Theorien, also der policy, deren Aufarbeitung deutlich mehr Aufmerksamkeit als das Lesen eines Memes in Anspruch nimmt.

In gewisser Weise ist es auch ein Akt des Trotzes, des Protestes und der Provokation, mich als Nicht-Wähler zu outen. Zu provozieren, mag in der Natur junger Menschen liegen. Dafür gibt es unterschiedliche Ablassventile. Das wohl am häufigsten genutzte Ventil dürfte der optische Ausdruck in Form von schrillen Klamotten oder obszönen Veränderungen am Körper – Frisuren, Piercings und Tattoos – sein. In meinem Fall ist es die Haltung. Eine Haltung, die ich variabel der Gruppe, in der ich mich in dem Moment aufhalte, offen zur Schau stelle oder lieber stillschweigend verberge.

Wie oben bereits beschrieben, möchte ich in manchen Gruppen provozieren. In anderen Gruppen hätte ich einigen gegenüber ein schlechtes Gewissen, den naiv-zärtlichen Glauben an unsere „Demokratie“ schonungslos zu zertrümmern. Und in manchen Gruppen versuche ich mich mit dieser Einstellung verdeckt zu halten, aus Furcht, im Anschluss tatsächlich geächtet zu sein. Bei den meisten gilt Nichtwählen als Sakrileg. Als Hochverrat an unserer Demokratie. In anderen Ländern hätten andere Menschen für ihr Wahlrecht ihr Leben riskiert.

Hier beschreibt der belgische Historiker Van Reybrouck – dessen Buch „Gegen Wahlen“ in Teil 2 behandelt werden wird – eindrucksvoll, dass das Kämpfen für das Wahlrecht demokratisch eine Farce ist. Diese Menschen kämpfen für ihr Wahlrecht, nicht aber für eine waschechte Demokratie. Hinzu kommt, dass manche Länder überhaupt nicht demokratiekompatibel sind, wobei das Wort „Demokratie“ die Demokratie nach unserer elektoral-repräsentativen Vorstellung meint. Das gewaltsame Aufzwingen dieses Modells – Stichwort: Demokratieexport – kann in den dortigen Ländern teilweise verehrende Auswirkungen haben, die nicht selten blutig enden und das Etablieren einer tatsächlichen Demokratie sogar gänzlich verhindern können.

In der Gesellschaft ist Nichtwählen ein Fauxpas. Eine regelrechte Sittenwidrigkeit. Doch wo finden sich die hoch angepriesenen Tugendenden in den etwas mehr als 40 Monaten zwischen Wahl und erneutem Wahlkampf? Wo sind da die Verfechter der Demokratie? Tatsächlich finde ich etliche derjenigen, die mir aufgrund meines Nichtwählens Politikverdrossenheit vorwerfen, während der Legislaturperiode in einem Zustand der politischen Apathie wieder. Gefangen in den festen Gemäuern der Unterhaltungs- und Zerstreuungsindustrie. Hier gelte ich wiederum als „weltfremd“, wenn ich gestehe, noch nie eine Folge Game of Thrones gesehen zu haben.

Hier findet wohl ein Wechsel zwischen den Zielwelten statt. Während des Wahlkampfes hat man sich gefälligst mit der realen Welt auseinanderzusetzen. Danach darf man sich aber gerne wieder in die Tiefen fiktionaler Welten verdrücken, um im Umkehrschluss in der realen Welt die Fresse zu halten. Nach abgeschlossener Wahl haben schließlich die Politiker das Sagen. Der kritische Blick des Bürgers ist hierbei unerwünscht.

Doch auch hier möchte ich nicht mit erhobenen Zeigefinger herumlaufen, sondern mir mit diesem und meinem Daumen an die eigene Nase fassen. Auch wenn ich mich selbst gerne als politisierten Menschen betrachte, ist am Ende einer Legislaturperiode die Bilanz meiner tatsächlichen Taten doch ziemlich mager. Ein paar Demos habe ich besucht, ein paar kosmetische Korrekturen in meinem Konsum durchgeführt – aber viel mehr lässt sich nicht vorweisen. Das liegt daran, dass ich ebenfalls – wenn auch nicht ansatzweise so immens – im Strudel der Unterhaltung und Zerstreuung gefangen bin.

Und genau hier liegt der Hund begraben. Im Erdreich der eigenen Passivität. Die meisten – so unterstelle ich einmal – gehen mit der Absicht zur Wahlurne, mit ihrer Stimmabgabe ihr Gewissen zu besänftigen und die Verantwortung an ‚die da oben‘ outzusourcen. Wenn es dann nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, dann sind andere, aber nie man selbst schuld. Doch bevor jetzt das Herz des FDP-Lesers dieses Artikels höherschlägt, möchte ich relativierend anmerken, dass ich mit „Schuld“ die Versäumnisse der Verpflichtungen meine, die der gläubige Wähler an den von ihm gewählten Politiker abgetreten hat. Ich möchte hier keine universelle Selbstverantwortung á la „Jede ist seines Glückes Schmied“ propagieren!

Mein persönliches Versäumnis ist es, dass ich abseits meiner Wahlverweigerung noch zu wenig aktiv für die Verwirklichung meiner Überzeugungen tue. Mit dieser Selbstbezogenheit möchte ich unterstreichen, dass es nur einen wählbaren Kandidaten gibt, auf den man sich verlassen kann – man selbst!

Wähl dich selbst!

Der geeignetste Kandidat für deinen Wählerwillen ist dir sehr wohl bekannt. Er ist der erste Mensch, den du am Morgen siehst. Er blickt dir kurz nach dem Aufstehen verpennt und mit zerzausten Haaren im Spiegel entgegen. Du selbst bist der geeignetste Kandidat! Auch wenn du nicht im Bundestag sitzt, besitzt du mehr Macht, als dir wahrscheinlich bewusst ist. Du kannst sogar jeden Tagen wählen! Wenn du ein halbwegs passables Monatseinkommen hast, verfügst du sogar über relativ viele Wahlzettel in deinem Portemonnaie. Es sind die Geldscheine. Mit ihnen hast du die Macht, Firmen zu subventionieren, die Gutes tun, und Firmen, die Natur und Mensch und damit dem Leben schaden, zu sanktionieren. Durch Boykott.

Wieso erstellst du dir nicht dein eigenes Parteiprogramm? Deine eigene Agenda für die nächste Legislaturperiode? Ich habe zum Beispiel dieses Jahr den Fleischkonsum konsequent abgewählt. Auch das Reisen mit dem Flugzeug. Allein durch die Ersparnis an Wasserverbrauch und CO2-Austoß habe ich ein Vielfaches dessen erreicht, was man mit zwei Kreuzen alle 1.460 Tage „verändert“ hätte. Und das soll noch lange nicht das Ende sein. Die Liste der Dinge, die ich noch machen kann, ist schier unendlich – wie die deine!

Mal angenommen, du gehörst nicht zu denen, die sich mit zwei Nebenjobs durchschlagen müssen, um über die Runden zu kommen – stell dir selber die Frage, wie du deine zeitlichen, geistigen und physischen Ressourcen einsetzt: Gibst du dich der Bequemlichkeit auf Kosten anderer hin oder versuchst du, deinen Alltag bewusst so zu gestalten, dass du das Maximum an sozial-ökologischer Tugend herausholst?

Wir müssen alle jeden Tag den Wahlkampf mit uns selber führen! Beim Einkaufen, beim zwischenmenschlichen Verhalten und im Aktivismus auf der Straße. Wir müssen uns an das Wahlversprechen halten, welches wir uns selbst jeden Tag erneut geben und ständig darauf bedacht sein, dass unser Schweinehund uns nicht dazwischenfunkt.

Manche mögen nun einwenden, es bringe doch gar nichts, wenn jeder nur kleine Dinge für sich selber tut. Hier komme ich nicht drum herum, altbekannte Binsenweisheiten hervorzuholen: Jede gute Sache benötigt jemanden, der damit anfängt und derjenige kann Andere für dieselbe Sache inspirieren, Nachahmer finden und damit einen Lawine auslösen.

Dass sich die Selfmade-Politik nicht auf das kleine Alltägliche erschöpfen muss, zeigte vor wenigen Wochen der Protest im Hambacher Forst gegen den Energie-Riesen RWE. Hier haben die Aktivisten auch nicht darauf gewartet, dass Cem Özdemir von den Grünen in den Wald geht und eine Atlantikbrücke in den Baumwipfeln baut, um damit gegen RWE zu protestieren. Nein! Die Aktivisten haben sich zum #Aufstehen entschlossen, sich selbst gewählt und damit einen Sieg errungen. Der Weg zu diesem Sieg war deutlich steiniger als der Gang zur Wahlurne in der milden Herbstluft eines Sonntag-Nachmittags. Aber das Resultat ist ein gänzlich anderes. Eines, von dem man Stolz, Genugtuung und das berechtigte Gefühl ehrlicher Aufrichtigkeit zehren kann.

Wenn ich sage, „Ich bin Nicht-Wähler“, wirkt das im ersten Moment, als sei ich der Vater der Politikverdrossenheit. Dabei ist dem mitnichten so. Ich setze mich nicht schmollend mit verschränkten Armen auf eine Parkbank und sage: „Ich gehe erst wählen, wenn wir eine nicht-elektorale Direktdemorkatie haben!“, sondern ich wähle in einem anderen Sinne.

Ich wähle mit allen mir zur Verfügungen stehenden Mitteln mich selbst. Jeden Tag. Ich bin also kein klassischer Wähler. Ich bin eigentlich auch kein Nicht-Wähler. Ich bin ganz einfach ein Mich-Wähler!

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