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Der Mann mit der Kippa

Der Mann mit der Kippa

Nicht jede Wut auf Juden ist rassistisch konnotiert.

1976 machte ich zum ersten Mal mit Rucksack auf einer griechischen Insel Urlaub. Wir wohnten beim Ehepaar Mavros. Am späten Nachmittag, wenn es kühler würde, griff Herr Mavros zur Fliegenklatsche, jagte die Fliegen auf und rief dabei — auf Italienisch, das unsere Verständigungssprache war — „Turki, Turki“ — besonders laut und freudig, wenn er eine erwischt hatte. Schön war das nicht, aber wer wollte es ihm verdenken, mit der jahrhundertealten Feindschaft zwischen Türken und Griechen, bei der in seiner Wahrnehmung die Griechen immer die Opfer waren? Und so stand auch auf deutschen Postkarten im Ersten Weltkrieg zur Unterstützung der wilhelminischen Armee „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos“. Schön war das nicht, aber so sahen die Deutschen nun mal die Weltlage.

Zurück ins Deutschland der Gegenwart. Vor wenigen Wochen brannten mehrere Moscheen von türkischen Gemeinden. Man befürchtete, dass hier nun Pegida und andere Rechtsradikale mit „Ausländer raus!“ ernst machten. Aber sehr schnell verdichteten sich Indizien, dass Kurden diese Anschläge verübt hatten, aus Zorn über die Aggression der türkischen Armee gegen den kurdisch dominierten Teil Syriens und die Einnahme der Stadt Afrin.

Selbstverständlich muss mit allen rechtsstaatlichen Mitteln unterbunden werden, dass ohnmächtiger Zorn über Schandtaten eines Staates nun hierzulande zu Gewalttaten führt und dazu noch gegen Unbeteiligte. Aber eines ist ziemlich klar und führte allgemein zu Aufatmen: Das waren keine antiislamischen Anschläge. Täter wie Opfer sind Muslime, sogar derselben Konfession (Sunniten). Diese Anschläge waren offensichtlich politisch motiviert und haben nichts mit Hass gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe wegen ihrer Abstammung oder Religion zu tun.

Nun drohte ein arabischstämmiger Mann einem Mann – zufällig einem israelischen Staatsbürger, zufällig gar keinem Jude, sondern einem Palästinenser, zufällig mit guten Verbindungen zur deutschen Presse – der mit einer Kippa auf dem Kopf durch das gepflegte Berliner Viertel Prenzlauer Berg schritt, auf offener Straße wegen der Kippa Prügel an. Die Presse gibt ihrer Empörung über den Vorfall breiten Raum, Kanzlerin Merkel und Außenminister Maas versichern ihre unverbrüchliche Solidarität mit Israel.

Die Kippa – so lesen wir – sei die Kopfbedeckung, mit der fromme Juden auf die Straße gehen (so zum Beispiel Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung vom 20.4.2018, S.4). Ach ja? Die jüdisch-orthodoxe Tradition in Europa untersagte es jüdischen Männern, nur mit der Kippa auf die Straße zu gehen.

Die Kippa (eigentlich die „Jarmulke“, auf jiddisch) trug man im Haus. Außerhalb des Hauses war sie nicht genug: Man setzte dazu noch einen Hut auf. Das hatte nichts mit Nicht-als-Jude-auffallen zu tun, denn natürlich ist ein orthodoxer Jude mit Bart und Pejes (Schläfenlocken) stets als solcher zu erkennen. Vielmehr geht es darum, dieses traditionelle Gebot der Kopfbedeckung als Zeichen der Ehrfurcht vor einem Höheren ordentlich zu erfüllen, nicht nur mit so einem luftigen Käppchen.

Mein orthodoxer Bruder und seine Familie in Israel gehen niemals nur mit der Kippa auf die Straße. Ebenso zeige man mir ein Foto aus dem Deutschland vor der Vernichtung des deutschen Judentums, in dem ein Jude mit Kippa auf der Straße zu sehen wäre. Wenn man ein solches Bild fände, es bliebe die große Ausnahme. Fromme traditionelle Juden trugen einen Hut, die anderen freigeistigen Juden trugen nichts auf dem Kopf oder einen Hut aus modischen Gründen. Niemand trug eine Kippa auf der Straße.

Die Kippa wurde populär durch die nationalreligiöse Misrachi-Bewegung („östlich“, aber eigentlich Abkürzung für Merkas Ruchani – geistiges Zentrum) und ihre Jugendorganisation Bnej-Akiwa (Kinder des Rabbi Akiwa). Misrachi, entstanden um 1900 im Zarenreich, wo 75 Prozent aller Juden lebten, versuchte, die Einheit der Juden zu bewahren und suchte deswegen eine Kompromisslinie zwischen der traditionellen Orthodoxie und den nationalistisch-antireligiösen Zionisten, deren Gegensatz die innerjüdische Diskussion bestimmte.

Der Gedanke war „wir sind doch alle Juden“ und die von den Zionisten angestrebte Besiedlung des Landes Israel könne doch als erster Schritt zur von den Orthodoxen erhofften Erlösung durch das Kommen des Messias angesehen werden. Misrachi und Bnej-Akiwa gründeten religiöse zionistische Kibbuzim in Palästina, und da es natürlich absurd ist, dort mit Hut und Gehrock Landarbeit zu machen, wurde die Kippa zu ihrem Symbol. Leider wurde dieser positive Gedanken der Einheit des Judentums und der „Erlösung des Landes“ ohne Rücksicht darauf verbreitet, dass das Land Israel bereits bewohnt war: Die Palästinenser waren in diesem Konzept einfach nicht vorgesehen und waren ein unangenehmer Störfaktor, der die Erlösung verhinderte.

Dadurch erhielt der Konflikt um das Land seit dem Sechstagekrieg zunehmend von jüdischer Seite eine religiöse Aufladung. Die Nationalreligiösen mit ihrer Begeisterung für das „jüdische Volk“ und „jüdisches Land“ wurden zum Kerntrupp der Siedlerbewegung. Die Siedlerbevölkerung, die in Hebron ein Apartheidssystem durchgesetzt hat, trägt Kippa. Der jüdische Selbstmordattentäter Baruch Goldstein trug Kippa. Der Mörder von Rabin trug Kippa.

Die politischen Vertreter der Siedlerbewegung (führend der Minister Bennett) tragen Kippa. Selbstverständlich tragen auch andere Juden Kippa statt orthodoxem schwarzen Hut, die einen Weg zwischen religiöser Tradition und moderner Welt suchen; zum Beispiel trug der große religiöse Humanist Jeschajahu Leibowitz Kippa. Kippa ist also nicht identisch mit Siedlerbewegung; aber der gesamte ideologische Kern der Siedlerbewegung trägt Kippa.

Man sieht diese Leute in den Nachrichten, man sieht sie im Internet, und man sieht sie auch live, wenn man sich denn im besetzten Westjordanland aufhält und ihren Landraub, ihre Vandalenakte gegen palästinensischen Besitz und ihre Machtdemonstrationen miterlebt. Und die Menschen, die diese Leute mit Kippa erleben, sind nicht nur wir coolen Mitteleuropäer, sondern zuallererst hautnah die Leute, die dort leben: die Palästinenser, denen ihr Land genommen wird, die von der israelischen Militärdiktatur im Westjordanland schikaniert werden, von Israel und Ägypten im Gazastreifen eingesperrt sind, dort erst wieder in den letzten Wochen bei friedlichen Demonstrationen wegen Gefahr der Grenzverletzung von israelischen Scharfschützen zu Dutzenden erschossen werden, die in den Anrainerstaaten Libanon und Syrien bis heute in Flüchtlingslagern leben und die es nun eben unter anderem durch den Syrienkrieg auch nach Deutschland verschlagen hat.

In Deutschland können alle Menschen im Rahmen der öffentlichen Ordnung so aussehen, wie sie wollen: Sie können volltätowiert sein, sie können als Muslimin Kopftuch tragen, als Mann mit Stöckelschuhen herumlaufen, als Jude oder als Tiroler Bergbauer eine Kippa tragen – alles möglich. Jeder und jede hat das Recht auf freie Entfaltung und vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Es ist unverzeihlich, dass man wegen seines Aussehens verprügelt wird.

Aber es ist selbstverständlich mehr als nur der naive Ausdruck des „so bin ich nun mal", wenn man bestimmte Kleidung trägt. Zum Kopftuch gibt es hierzu eine umfangreiche Literatur: Ist es religiöser Zwang von außen oder ist es im Gegenteil gar Ausdruck der weiblichen Emanzipation? Bei der Kippa aber unterstellen die öffentlichen Reaktionen, sie sei naiver Ausdruck einer traditionell religiösen Haltung und sonst nichts.

Sie ist aber nun mal leider auch zum Symbol der rabiatesten israelischen Nationalisten geworden – ich bedaure das zutiefst, aber so ist es gekommen. Wenn man mit diesem nationalistischen Symbol vor Opfern des israelischen Nationalismus und ihren Freunden herumläuft, dann ist das leider ein Risiko. Es ist so, als würde man mit der türkischen Flagge durch eine kurdische Siedlung laufen. Natürlich sind die Leute, die dann zuschlagen, nicht die sensibelsten Opfer, sondern eben Schlägertypen, und man muss das möglichst unterbinden und das Risiko, dass so etwas passiert, minimieren.

Minimiert man das Risiko dadurch, dass man Protest gegen offensichtliches Unrecht unterbindet, es fälschlich „Antisemitismus" nennt und sich dadurch mit diesem Unrecht auch noch öffentlich solidarisiert? Das ist die leider vorherrschende Linie in der deutschen Politik. Gelegentliche Kritik an der israelischen Siedlungspolitik wird zwar von Politikern geäußert, bleibt aber weitgehend folgenlos. Das kann nicht ohne Folgen für Demokratie und Rechtsbewusstsein in Deutschland bleiben und ist daher der falsche Weg. Deswegen möchte ich dieses Risiko dadurch minimieren, dass ich mich als Jude gegen das Unrecht wende, das in jüdischem Namen in Israel gegen Palästinenser begangen wird.

Der entscheidende Akteur, der wirklich dieses Risiko minimieren könnte, ist die israelische Regierung: Sie könnte die Palästinenser um Verzeihung bitten für das Unrecht, das ihnen durch die jüdische Besiedlung seit einem Jahrhundert angetan wird. Und die deutsche Politik sollte, statt nur „Antisemitismus, Antisemitismus!" zu zetern, die israelische Regierung öffentlich dazu aufrufen, auf solche Weise Umkehr zu tun und ein neues Kapitel in der Beziehung zwischen Juden und Arabern aufzuschlagen.

Solange das nicht passiert, sondern die israelische Realität der Vertreibung, Enteignung, Inhaftierung und Erschießung von Palästinensern auch noch „deutsche Staatsräson" bleibt, setzen sich Juden in Deutschland der Gefahr aus, von Arabern verprügelt zu werden, und jüdische Einrichtungen in Deutschland müssen durch Polizei geschützt werden.


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