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Der letzte Akt

Der letzte Akt

Will die Menschheit nicht gemeinsam mit ihrem Lebensraum zugrundegehen, muss sie sich aus dem Bann der neoliberalen Narren und Betrüger befreien.

Unsere Geschichte ist nicht neu. Die eklatanten Lügen und Dummheiten der unfähigen und korrupten Eliten. Die Unfähigkeit, die kostspieligen, endlosen Kriege aufzuhalten und die gigantischen Ausgaben für das Militär zu senken. Die Plünderung einer belagerten Bevölkerung durch die Reichen. Die Zerstörung des Ökosystems. Der Zerfall und die Aufgabe einer einst effizienten Infrastruktur. Der Zusammenbruch der Institutionen, die einen funktionierenden Staat aufrechterhalten, von der Bildung bis zur Diplomatie. Die Welt hat all das schon gesehen. Es ist die altbekannte Krankheit des Endes einer Zivilisation. Zunächst ist es auf eine düstere Art unterhaltsam, sogar inmitten des zunehmenden Leids. Doch am Ende wird jedem das Lachen vergehen.

Die Natur des Menschen ändert sich nicht. Sie folgt ihren bekannten und zyklischen Mustern. Der Unterschied ist, dass diesmal der ganze Planet mit uns untergehen wird. Bis zum Ende werden wir unter dem Bann von Narren und Betrügern gehalten. Denn was sind Demagogen wie Donald Trump und Boris Johnson oder Vertreter der Positiven Psychologie und Prognostiker der „besten aller möglichen Welten“ wie Steven Pinker anderes als Scharlatane, die darauf bestehen, dass die Tragödie, der wir gegenüberstehen, nicht real ist?

Was sind die Technokraten und Wissenschaftler, die uns erzählen wollen, dass Bildung und westliche Zivilisation uns in rationale Wesen verwandeln können, anderes als Schamanen? Und was sind die Konzern-Titanen, die ein Vermögen mit ihren Waffen, Chemikalien, fossilen Brennstoffen oder umweltzerstörerischer Tierzuchtindustrie machen, anderes als Menschenopfer fordernde Hohepriester?

Die menschliche Geschichte ist immer die gleiche. Gekleidet in neue Kostüme und unter Verwendung neuer Hilfsmittel erleben wir sie immer und immer wieder. Würden wir uns nach wie vor mit Philosophie, Literatur, Geschichte, Poesie und Theologie beschäftigen, käme es für uns nicht überraschend, dass Gier, Hedonismus und Hybris mühelos die Empathie und Vernunft zunichtemachen.

Aber weil wir das nicht tun, weil wir lieber jeden Tag mehrere Stunden damit verbringen, durch das Anstarren elektronischer Bildschirme kleine Mengen an Dopamin auszuschütten, denken wir, dass es seit Beginn der Menschheit nichts uns Vergleichbares gegeben hat. Wir sind blind gegenüber der Tatsache, dass die Klimabedingungen, die in den vergangenen 10.000 Jahren die Entfaltung von Zivilisationen ermöglichten, bald durch einen brutalen Überlebenskampf ersetzt werden.

Der Mensch lebt seit ungefähr 200.000 Jahren auf einem Planeten, der schon seit 4,5 Milliarden Jahren existiert. Den Großteil dieser 200.000 Jahre hat der Mensch nicht radikal in das Ökosystem dieses Planeten eingegriffen. Aber die industrielle Revolution, die vor etwa 250 Jahren begann, brachte ihn dazu, fossile Brennstoffe zu gewinnen und so — in Form von Kohle und Erdöl — das seit hundert Millionen Jahren gespeicherte Sonnenlicht anzuzapfen.

Die aus fossilen Brennstoffen gewonnene Energie verschaffte dem industrialisierten Norden des Planeten beispiellosen Reichtum und militärische Überlegenheit. Diese Machtposition wurde dazu genutzt, den Großteil des restlichen Planeten zu unterwerfen sowie natürliche Ressourcen und Arbeitskräfte auszubeuten.

Die menschliche Bevölkerung stieg rasch auf mehr als sieben Milliarden an. Die Luft, das Wasser und die Eisdecke unseres Planeten haben unter diesem Ansturm stark gelitten, das Klima wandelt sich. In diesem neuen Klima wird menschliches Leben nicht mehr möglich sein.

Die einzige wirklich existenzielle Frage ist, auf welche Art und Weise wir das Finale abwarten wollen. Aber sich diese Frage zu stellen bedeutet, dem kulturellen Hoffnungswahn und der Sehnsucht nach kollektiver Selbsttäuschung zu trotzen. Wenn die Realität düster ist, blendet man sie aus. Man erfindet absolut unrealistische Szenarien einer bevorstehenden Erlösung — was erklärt, wie wir in dem Schlamassel landen konnten, in dem wir jetzt stecken.

Die meisten Klimaaktivisten und Demokratieagenten verstehen sich — wie die allgemeine Konsumkultur — als Verkäufer des Produkts Hoffnung. Ohne Hoffnung, so argumentieren sie, würden die Menschen der Verzweiflung anheimfallen. Sie könnten die drohende Katastrophe nicht ertragen.

Natürlich ist genau das Gegenteil der Fall. Hoffnung oder, genau genommen, falsche Hoffnung verstärkt das Gefühl von Verzweiflung und Lethargie. Es erlaubt eine Bevormundung der Bevölkerung.

Nach wie vor steigen die Kohlenstoffemissionen, schmelzen die polaren Eiskappen, gehen die Ernteerträge zurück, brennen die Wälder der Erde, versinken Küstenstädte durch den steigenden Meeresspiegel und werden fruchtbare Ackerflächen durch Dürren vernichtet.

Aber die Heilsbringer der Hoffnung versichern uns, dass am Ende alles gut werde. Nur, das wird es nicht! Wir werden uns nicht anpassen können. Diejenigen, die uns die falsche Hoffnung verkaufen, der Mensch könne sich an die neuen Bedingungen anpassen, sind genauso von Selbsttäuschung geblendet wie diejenigen, die die Erderwärmung als Schwindel abtun. Und viele Menschen wissen das, zumindest unterbewusst.

Je länger wir die sich vor unseren Augen befindende traurige Wahrheit leugnen und versuchen, im Privaten mit unserer existenziellen Angst und unserem Schmerz fertig zu werden, desto lähmender wird die Verzweiflung.

Diese schizophrene Existenz ist eine Form des emotionalen Missbrauchs. Sie wird uns von einer dominanten Kultur aufgezwungen, die es uns nicht erlaubt, eine tragische Wahrheit auszusprechen. Gefangen in einer Zensur, sind wir gezwungen, in der Einsamkeit mit der Realität zu hadern. Das untergräbt unser Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und das eigene Urteilsvermögen.

In ihrem Essay „Eine missbrauchte Frau überlebt“ schrieb Andrea Dworkin über die Auswirkungen von anhaltendem Missbrauch auf die Psyche:

„Der Geist wird im Laufe der Zeit langsam zerrüttet, in tausend Teile zersplittert. Er versinkt langsam in Chaos und Verzweiflung, gebrochen und kaum lebendig in einem undurchdringlichen Schoß der Isolation. Diese Isolation ist so allumfassend, tödlich, morbid, bösartig und alles verschlingend, dass außer ihr nichts mehr existiert. Man ist vollständig von einer Einsamkeit umschlossen, die nicht einmal durch ein Erdbeben erschüttert werden könnte.“

Des Weiteren stellte Dworkin die Frage, was Realität sei und definiert sie wie folgt:

„Eine Frau, die missbraucht wurde und entkommen ist, kennt die Antwort: Realität ist, wenn einem etwas widerfährt, von dem man weiß, dass es geschieht und dass man es aussprechen kann, und wenn andere Leute einen verstehen und einem Glauben schenken, wenn man es ausspricht. Das ist Realität. Eine missbrauchte Ehefrau, die völlig allein in ihrem Albtraum gefangen ist, hat die Realität verloren und kann sie nirgendwo finden.“

Verglichen mit der Erde lebt niemand von uns besonders lange. Für den Kosmos sind wir nichts als Eintagsfliegen. Einen Wimpernschlag lang leuchtet unser kleines Leben auf, um dann zu verlöschen. In einem einzigen Leben kann nichts wirklich Wichtiges erreicht werden. Deshalb müssen wir auf etwas Größeres hinarbeiten als uns selbst.

Indem wir den Mut aufbringen, uns mit den Übeln des menschlichen Daseins auseinanderzusetzen und Gerechtigkeit verlangen — nicht deshalb, weil sie tatsächlich erreicht werden kann, denn in ihrer utopischen Form ist das unmöglich, sondern weil wir uns so als einzigartige und fühlende Individuen auszeichnen —, können wir, wie Dworkin es getan hat, voll und ganz leben. Man kann nicht auf einer abstrakten Ebene für Gerechtigkeit kämpfen.

Der Kampf muss zugunsten der Unterdrückten auf einer konkreten Konfrontation mit der meist im weißen, männlichen Patriarchat verankerten Macht beruhen. Er äußert sich in Akten des zivilen Ungehorsams, in dessen Rahmen Straßen, Flughäfen und Pipelines besetzt werden. Entweder zerstören wir den korporativen Kapitalismus und Imperialismus als Verursacher des ökologischen Debakels oder diese Kräfte werden uns alle in einem noch nie dagewesenen globalen Genozid auslöschen.

„Der Kampf für Klimagerechtigkeit ist ein Kampf am Scheideweg historischer und gegenwärtiger Ungerechtigkeiten und einer drohenden Katastrophe, die sich als Mutter aller Ungerechtigkeiten erweisen wird, wenn sie sich ungehindert ausbreiten darf“, schreibt Wen Stephenson.

„Die Katastrophe, die sich derzeit abzeichnet, wird nicht nur die Lebensbedingungen der bereits Unterdrückten verschlimmern (tatsächlich tut sie das bereits), sondern sehr wahrscheinlich jegliche Aussicht auf wirtschaftliche Stabilität und soziale Gerechtigkeit für gegenwärtige und zukünftige Generationen unmöglich machen. Wieso also taucht der Begriff Klimagerechtigkeit in den in den USA geführten Debatten über den Klimawandel kaum auf? Weil in dieser Frage eine dem Kampf gegen den Klimawandel innewohnende Spannung lauert: Eine Spannung zwischen der ‚Mainstream‘-Klimabewegung — größtenteils bestehend aus weißen, gut finanzierten und auf Washington ausgerichteten grünen NGOs — und denjenigen — meist Menschen anderer Hautfarbe —, die bereits seit Jahrzehnten für soziale und ökologische Gerechtigkeit kämpfen.“

Ein auf Handeln basierender Widerstand hat seine eigene Daseinsberechtigung. Er ist Katharsis. Er schafft eine Gemeinschaft zwischen uns und anderen, die mit der Dunkelheit klarkommen, indem sie sie beim Namen nennen, sich aber nicht von ihr unterwerfen lassen. In diesem Akt des Widerstandes können wir emotionale Ganzheit, wahre Hoffnung und Euphorie finden — wenn nicht sogar letztendlich einen Sieg.

„Die Gewissheit, dass es keine Erlösung gibt, ist in Wirklichkeit eine Form der Erlösung. Tatsächlich ist es Erlösung“, schrieb Emil M. Cioran. „Ausgehend von dieser Erkenntnis kann man sein eigenes Leben gestalten und eine Philosophie der Geschichte entwickeln: das Unlösbare als Lösung, als einzigen Ausweg.“

Wie der Großinquisitor im Roman Die Brüder Karamasow betonte, werden diejenigen Personen mit der emotionalen und intellektuellen Stärke, sich dem zu stellen, was auf sie zukommt, immer in der Minderheit sein. Denn es ist auf eine betäubende Art tröstlich, die eigene moralische Autonomie gegen demütige Unterwürfigkeit und Gehorsam einzutauschen, besonders in Zeiten der Krise.

„Zweifellos wird es wie in der Vergangenheit auch in Zukunft freie Gesellschaften geben“, so der Philosoph John Gray in Straw Dogs: Thoughts on Humans and Other Animals (deutscher Titel: „Von Menschen und anderen Tieren — Abschied vom Humanismus“, Anmerkung der Übersetzerin).

„Aber sie werden selten sein, verschiedene Formen der Anarchie und Tyrannei hingegen die Norm. Diejenigen Bedürfnisse, die von Tyrannen befriedigt werden können, sind genauso real wie diejenigen, auf die die Freiheit antwortet; manchmal sind sie dringender. Tyrannen versprechen ihren Untertanen Sicherheit — und die Befreiung aus der Langeweile des Alltags. Natürlich ist das nur eine verworrene Illusion. Die triste Wahrheit der Tyrannei ist die eines lebenslangen Wartens. Doch die ewige Romantik der Tyrannei währt daher, dass sie ihren Untertanen ein Leben verspricht, das aufregender ist als ein solches, das jeder für sich selbst gestalten könnte. Egal was letztendlich daraus wird, Gewaltherrschaften beginnen für die Deprimierten mit einem Fest. Diktatoren mögen auf dem Rücken des Chaos an die Macht kommen, aber ihr unausgesprochenes Versprechen ist es, die Langeweile ihrer Untertanen zu vertreiben.“

Trotz allem braucht es nur ungefähr drei bis fünf Prozent der Weltbevölkerung, um die Willkürherrschaft der Mächtigen herauszufordern. Hierfür muss die Realität zunächst benannt und akzeptiert werden.

Das wird nicht einfach sein. Es bedeutet, um das zu trauern, was uns unausweichlich bevorsteht: ein Massensterben. Es bedeutet, angesichts einer sicheren Niederlage trotzdem zu handeln, um den Plan derjenigen zu durchkreuzen, die uns auslöschen wollen.

Die Umweltbewegung Extinction Rebellion plant für die nächsten Wochen und Monate die Besetzung von wichtigen Stadtzentren rund um den Globus. Damit können wir anfangen. Indem wir uns den Kräften des Todes widersetzen, sagen wir ja zum Leben.



Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers: Die Sache mit dem Klimawandel


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „The Last Act of the Human Comedy“. Er wurde von Nadine Müller aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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