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Der Kreislauf des Krieges

Der Kreislauf des Krieges

Joan Baez sang in ihrem Friedenslied „Where have all the flowers gone?“ über die sinnlose Todesspirale des Krieges, aus der die Menschen bisher keine Lehre ziehen.

Ich war in den 1970er-Jahren ein noch sehr junges Mädchen, aber den Geruch von Woodstock, den Hippie-Kult, der sich nach dem Festival und aufgrund der Proteste damals gegen den Vietnamkrieg auch in Europa ausbreitete, den konnte man auch als junges Mädchen einatmen, wenn auch nicht richtig begreifen.

Joan Baez muss oft im Radio gewesen sein; ich erinnere mich an diese sanfte und dennoch eindringliche Stimme, amerikanischer Folk vom Feinsten, eine Stimme wie eine Glocke, so rein und hell und klar.

„Where Have All the Flowers Gone?“ ist ein weiches Lied, nicht (an)klagend, nur fragend. Das Wort Krieg kommt gar nicht ausdrücklich vor; ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, worum es in diesem Lied geht, das eigentlich ein Reigen ist.

Erst verschwinden die Blumen — where have all the flowers gone —, dann die Mädchen — where have all the young girls gone. Dann wird nach den jungen Männern gefragt — where have all the young men gone. Die jungen Männer, so geht es weiter im Liedtext, haben Uniformen angezogen und wurden auf einmal Soldaten. Am Ende jeder Liedzeile wird gefragt: When will they ever learn? Wann werden sie endlich lernen?

Aus den Soldaten werden Gräber, auf den Gräbern wachsen neue Blumen, die pflücken neue Mädchen und geben sie neuen Soldaten, die in wieder in Krieg ziehen und immer so weiter.

Joan Baez besingt die Verzweiflung, dass es immer so weitergeht beziehungsweise immer wieder von vorne anfängt, obgleich man den kriegerischen Reigen doch kennt und weiß, wie schrecklich Kriege sind, das alles aber nichts nützt. Das Lied ist schlicht; es besingt die menschliche Unfähigkeit, aus Katastrophen zu lernen, in ganz einfachen Worten.

Die großartige Joan Baez ist während des Vietnamkriegs mit ihrer Gitarre nach Vietnam geflogen und hat sich — singend — vor die Panzer gestellt. Dadurch wurde sie und ist bis heute eine Ikone der amerikanischen Friedensbewegung, von der man sich wünschen würde, dass es diese heute noch gibt. Eine schöne, mutige Frau, das Idol eines Landes, das sich einst als „Land of freedom and liberties“ verstanden hat, das es aber leider längst nicht mehr ist.

Die amerikanischen Implikationen in dem derzeitigen Krieg in der Ukraine sind inzwischen unübersehbar und unleugbar, auch wenn es Russland war, das diesen Krieg formal begonnen hat. Man wünschte sich eine Joan Baez in Kiew, die auf dem Maidan noch einmal singt — dieses Lied und viele andere ihrer wunderschönen Lieder für den Frieden.

Ich habe das Lied vor allem deswegen ausgewählt, weil es ebenjenen kriegerischen Reigen beschreibt, jene Tragik des immer wieder von vorne Anfangens, als gehöre der Krieg zum menschlichen Dasein, als könne er nicht vermieden, nicht gestoppt werden, als sei er fast schicksalhaft in seiner Wiederholung, um etwas daraus zu lernen, aber die Menschen wollen — oder können? — nicht lernen (When will they ever learn?).

Dieses Nicht-lernen-Können oder -Wollen ist umso tragischer, als es doch das europäische Projekt war, das auf dem Schutt und der Asche der europäischen Kriege von 1918 bis 1945 begründet wurde, mit ebenjener Mission, jenem Mantra: „Nie wieder Krieg!“.

Wie oft wurde dieses Mantra wiederholt in den europäischen Reden von 1950 bis 2020, als wir gerade 70 Jahre Europäische Union, 70 Jahre europäisches Friedensprojekt gefeiert haben?

Dass ausgerechnet Europa, die EU, jetzt blindlings Partei für die Ukraine ergriffen hat, dass die EU-Staaten via NATO möglicherweise im Herbst aktiv in das Kriegsgeschehen eingreifen wollen, anstatt die blaue Fahne mit zwölf Sternen Friedenstauben auf alle Balkone von Lissabon bis Helsinki zu hängen und in allen europäischen Städten Flashmobs mit Beethovens „Ode an die Freude“ zu organisieren, weist eher auf einen Verrat an der europäischen Idee hin als darauf, dass Europa im Ukrainekrieg seine Werte verteidigt, wie allgemein behauptet wird.

„Alle Menschen werden Brüder“, heißt es in der Europahymne. Die Russen gehören auch zu den Menschen!


Joan Baez — Where Have All The Flowers Gone


Medienpartner

Nacktes Niveau (Paul Brandenburg), Punkt.preradovic, Kaiser TV,
Hinter den Schlagzeilen, Demokratischer Widerstand,
Eugen Zentner (Kulturzentner), rationalgalerie (Uli Gellermann), Protestnoten, Radio München (Eva Schmidt), Basta Berlin, Kontrafunk und Ständige Publikumskonferenz.

Weitere können folgen.

Ablauf

Samstag 9.7.2022 SONG Fortunate Son (Creedence Clearwater Revival)
TEXT Marcus Klöckner, Die Doppelmoral der Kriegsmacher — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 15.7.2022 SONG Redemption Song (Bob Marley)
TEXT Jens Fischer Rodrian, Botschafter für eine gerechte Welt — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 23.7.2022 SONG Friedensbewegung (Kilez More)
TEXT Eugen Zentner, Liebe und Leidenschaft — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 30.7.2022 SONG Es ist an der Zeit (Hannes Wader)
TEXT Roland Rottenfußer, Der wirkliche Feind — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 6.8.2022 SONG War — what is it good for? (Edwin Starr)
TEXT Lüül, Wozu ist Krieg gut? — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 13.8.2022 SONG Another brick in the wall (Pink Floyd)
TEXT Alexa Rodrian, Der Ziegel in der Wand — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 20.8.2022 SONG Anthem (Leonard Cohen)
TEXT Madita Hampe, Durch alles geht ein Riss — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 27.8.2022 SONG Feeding off the love of the land (Stevie Wonder)
TEXT Nina Maleika, Zurück zur Verbundenheit — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 3.9.2022 SONG Drei Kreuze für Deutschland (Prinz Pi)
TEXT Nicolas Riedl, Der Sog des Krieges — zur Aktion Friedensnoten

Samstag 10.09.2022 SONG Masters of war (Bob Dylan)
TEXT Wolfgang Wodarg, Meister der Kriege — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 24.09.2022 SONG Die Welt im Fieber (Karat)
TEXT Maren Müller, Die Welt im Fieber — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 1.10.2022 SONG Wehre have all the flowers gone (Joan Baez)
TEXT Ulrike Guérot, Der Kreislauf des Krieges — Zur Aktion Friedensnoten

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