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Der instrumentalisierte Patient

Der instrumentalisierte Patient

Im heutigen Gesundheitsdiskurs wird der Mensch zum Gegenstand von Profitdenken und transhumanistischen Größenfantasien.

Daher kann es zunächst einmal nur um eine Annäherung an dieses Thema gehen. Erste Fragen lauten: Von welcher Medizin sprechen wir überhaupt? Von der heute herrschenden Schul-, in zunehmendem Maße Apparatemedizin westlichen Ursprungs? Von traditioneller Naturheilkunde (Mittel-)Europas? Von chinesischer, allgemeiner gefragt, asiatischer Medizin oder von schamanischen Heilkünsten? Lassen sich diese Richtungen überhaupt geografisch zuordnen und sauber voneinander trennen?

Nein, denn sie überschneiden sich in der Praxis vielfältig, heute mehr denn je. Im besten Falle ergänzen sie sich im medizinischen Alltag, im schlechteren, was zurzeit leider die Regel ist, schließen sie einander aus oder werden gar gegeneinander in Stellung gebracht. Dies können wir gegenwärtig beobachten, wenn Impfstrategien auf Basis von Genforschung über ganzheitliche, symptomorientierte Therapien gestellt werden, ohne hinreichende Prüfung, wie eine einzelne „Therapie“ oder die Kombination von verschiedenen zur Genesung des einzelnen Menschen oder auch zur Gesundung der Gesellschaft insgesamt beitragen könnte.

Angesichts solcher Entwicklungen, wie sie am Beispiel „Corona“ zurzeit exemplarisch sichtbar werden, tritt folgender Konflikt jetzt deutlich hervor, der dringend einer Lösung bedarf: Nach welchen tieferliegenden Kriterien sind die wichtigsten Richtungen in „der“ Medizin zu unterscheiden?

Auf der einen Seite gilt es, die Medizin zu betrachten, die den Menschen schlicht als biologischen Funktionsapparat ansieht, welcher auch ohne dessen geistige Beteiligung biotechnisch durch Eingriffe von außen repariert werden kann. Dem steht das Verständnis von Medizin als einer Wissenschaft und Haltung gegenüber, die das Genesen des ganzen Menschen fördern will — unter Einbezug seiner lebendigen Umwelt und Aktivierung seines Bewusstseins, dass er Teil eines kosmischen Ganzen ist.

Gegenwärtig ist eine Medizin die Regel, die ihre Grundlagenforschung als biophysikalische Teilchenwissenschaft über Prothetik, Genetik, Virologie ins kleinste Extrem treibt, wo greifbare Eindeutigkeiten gegen Null gehen und sich die Forschungsergebnisse mit der Sichtweise des Betrachters verändern. Vertreter dieser Medizin begreifen den Menschen letztlich als kompliziertes Produkt chemischer, physischer und algorithmischer Abläufe, die sie durch medizinisch-technische Maßnahmen gegen Störungen und in letzter Konsequenz durch künstliche „Ersatzteile“am Laufen halten können.

Die zweitgenannte, ganzheitlich orientierte Medizin versteht den Menschen als geistiges Wesen. Sie fördert seine emotionalen, sozialen und spirituellen Kräfte und ermutigt ihn zu einer Lebensweise, die ihn bei seiner Genesung unterstützen kann.

Begrifflich steht damit eine Schul- und Apparatemedizin, einschließlich ihrer biotechnischen Erweiterungen und transhumanistischen Zukunftsvisionen — die auf eine Überwindung menschlicher Schwächen durch ‚intelligente‘ Technik zielen — dem Verständnis der Salutogenese gegenüber. Salutogenese beschäftigt sich mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit und bezieht naturheilkundliche und spirituelle Dimensionen in die Stärkung der Kräfte des einzelnen Menschen mit ein.

Zugespitzt formuliert bedeutet das: operative Eingriffe hier, geistiges Wirken dort, kurieren von Symptomen hier, Förderung der Genesung dort. Letztlich steht hinter dem einen Modell ein Weltbild, das den Menschen auf seine materielle Existenz reduziert, hinter dem anderen die Vorstellung einer umfassenderen Wirklichkeit. Paradoxerweise lässt gerade die extrem materialistische Teilchenforschung zwischen Tatsachen und Interpretationen, zwischen Wissen und Glauben, einen nicht erklärbaren Raum der Unschärfe entstehen. Das gilt inzwischen auch in der Biologie wie schon vor Jahrzehnten in der Physik.

Dadurch entsteht zunehmend ein Graben zwischen einer durch ökonomische Interessen verzerrten Medizin und den eher unprofitablen Zweigen der Heilkunst. Er wird durch die heute forcierte digitale Automatisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens einschließlich der Medizin und der daran gekoppelten pharmazeutischen Industrie noch immer tiefer.

Wohin dieser Weg einer vermarkteten und technisch gesteuerten Gesundheit zu führen droht, möchte man sich lieber nicht ausmalen.

Anders als in der physikalischen Teilchenforschung, die zur Atombombe führte, möchte man sehr viel lieber hoffen und sich dafür einsetzen, dass in der Biotechnologie die Grenze des Beherrschbaren noch rechtzeitig erkannt wird, bevor sie von einer, nennen wir es krass beim Namen, Biobombe erzwungen wird. Ungeklärte Fragen zum Ursprung des gegenwärtigen „Sars-CoV-2-Virus“ lassen solche Hoffnungen dringender als zuvor aufkommen, ja, notwendig werden.

Selbstverständlich könnten sich beide Herangehensweisen ergänzen, um absehbare Irrwege zu stoppen. Dies kann gelingen, wenn die Industrialisierung der Medizin als Problem erkannt und ihre Entwicklung vom Druck der Ökonomie befreit würde. Zudem müsste es gelingen, den tieferliegenden geistigen, sozialen und umweltbezogenen Ursachen von Erkrankungen und einer wachsenden Immunschwäche der Menschheit nachzugehen, statt sie durch Operationen, Implantationen und Impfungen wegdrücken zu wollen.

Der medizinische Alltag ist voll von Anforderungen für ein Zusammenwirken aller Arten medizinischen Wirkens, von der Schulmedizin bis zur Homöopathie. Er bietet reichlich Gelegenheiten, in denen die verschiedenen medizinischen Zweige zum Wohl hilfsbedürftiger Menschen und der Gesellschaft insgesamt zusammenwirken können. Das kann und muss hier nicht detailliert ausgeführt werden.

Entscheidend für ein solches Zusammenwirken aber wäre ein übergreifendes Verständnis von Gesundheit, das nicht Krankheiten und Störungen unterdrücken, sondern diese offenlegen will, um deren individuellen und sozialen Ursachen bewusst an die Wurzel gehen zu können. Worin könnte dieses übergreifende Verständnis bestehen?

Zur Klärung dieser Frage wurde während der Diskussion eine Vielzahl unterschiedlichster Beiträge, Vorschläge, Wünsche und Warnungen vorgestellt, wie Übergriffe in der Apparatemedizin vermieden und Wege der Genesung gefördert werden könnten. Die Beiträge reichen von der generellen Kritik ökonomischer Abhängigkeiten, insbesondere den damit verbundenen biotechnischen Tendenzen der gegenwärtigen Medizin, bis zu konkreten Überlegungen. So sollen beispielsweise Ärzte zukünftig freigestellt werden, damit sie als spirituelle Helfer die Schaffung von sozialen Wärmeräumen etablieren können, in denen Menschen die Ursachen ihrer Krankheiten erkennen und daran genesen können.

Am Ende steht nach der Diskussion im 96. Forum integrierte Gesellschaft, Hamburg, ein klares Bild im Raum: Krankheit als Stau, Genesung als Bewegung, Leben als ständiger Übergang zwischen Stau und Bewegung. In einem solchen Sinn erfüllt die Medizin ihre eigentliche Aufgabe als Wissensvermittlerin, wie solche Übergänge geschaffen werden können, wenn entweder der Stau oder die Bewegung ins Extrem führen oder zu führen drohen. Und schließlich fungieren Ärzte und Ärztinnen in Anknüpfung an traditionelle Heilverfahren als Helfer, die nicht nur akute erste Hilfe und — falls nötig —auch technische Nothilfe leisten, sondern auch imstande sind, die schöpferischen Kräfte derjenigen zu wecken und zu stärken, die sich an sie wenden.

Jede und jeder mag selbst prüfen, inwieweit die heutige medizinische Entwicklung diesem Bild entspricht oder sich zumindest auf eine Versöhnung der unterschiedlichen Richtungen hinbewegt. Oder entwickelt sie sich nicht vielmehr hin zu einem Instrument bloßer technischer Überwachung, in welcher der Mensch nach vorgegebenen, allgemeinen Gesundheitsparametern normiert statt geheilt wird? Sicher ist, wenn eine Versöhnung der beiden genannten medizinischen Ausrichtungen im Interesse des nach Genesung suchenden einzelnen Menschen nicht zustande kommt, sehen wir harten Zeiten entgegen.

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