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Der innere Garten

Der innere Garten

Wie wir den Prozessen der Natur vertrauen und zugleich Verantwortung für ihr Gedeihen übernehmen können.

In Frankreichs Süden kündigt sich der Frühling an. Die Mandelbäume stehen in Blüte, die Mimosen und Irisse brechen auf und auch mein Garten erwacht aus seinem Winterschlaf. Lebenssaft rinnt durch das Geäst von Gebüsch und Kletterpflanzen. Bald werden sich auch hier die ersten Triebe und Blüten zeigen. Die Natur wird explodieren und das Leben sich abermals seinen Weg hin zum Licht bahnen.

Zeit, sich Gedanken über das Gärtnern in diesem Jahr zu machen. Ich entscheide: Ich will einen natürlichen Garten. Bei mir soll wachsen dürfen, was wachsen will. Für mich gibt es keine Un-kräuter. Nur Kräuter. Doch ich möchte auch nicht, dass mein Garten überwuchert wird und vollkommen zuwächst. Schließlich will ich ja auch in ihm Platz haben.

In meinen Garten soll vor allem Licht kommen, doch ich brauche auch Schutz vor der Mittagssonne. Ich möchte, dass es in ihm blüht und summt. Das Leben soll möglichst bunt und vielfältig sprießen. Viele Lebewesen sollen sich bei mir wohlfühlen: Insekten, Bodentiere, Nager, Echsen, Vögel, Katzen und Menschen. Alle sollen zusammenleben dürfen, auch wenn der eine dem anderen als Nahrung dient. Alles hat seinen Platz. Doch wenn etwas zu sehr sprießt und den anderen das Licht nimmt oder mir den Weg versperrt, wird es beschnitten.

König im eigenen Reich

In meinem Garten möchte ich sitzen, schreiben, lesen, mich ausruhen, mich sonnen, dösen, essen, trinken, reden, singen, tanzen, spielen. Mein Garten ist meine Oase. Hier fühle ich mich sicher und geborgen. Ich teile mein Reich gerne mit anderen. Doch wer hineinkommt, wurde vorher von mir eingeladen. Ich entscheide, wer es sich bei mir gemütlich machen darf. Niemand anderes als ich darf bestimmen, wie es in meinem Garten zugeht und wie es hier aussieht.

Respektiert einer das nicht, bitte ich ihn, mein Reich zu verlassen. Denn hier bin ich Königin. Ich habe die Verantwortung für die Pflege. Ich trage dafür Sorge, dass die zarten Pflänzchen nicht zertreten werden und dass niemand die Blumen ausreißt. Ich entscheide, was ich säe und wie ich dann damit umgehe. Es liegt an mir, ob ich etwas vertrocknen lasse, ob ich an den Halmen herumziehe und -biege oder ob ich die Dinge so gedeihen lasse, wie sie natürlicherweise wachsen.

Verantwortung für die Ernte

Manchmal dauert es, bis die Saat aufgeht. Manche Pflanzen sammeln jahrelang Kraft im Boden, bevor sie an die Oberfläche sprießen. Man kann sie nicht sehen, doch sie sind da und kommen zur Blüte, wenn die Zeit für sie reif ist. Manchmal geht die Saat nicht auf. Ich weiß nicht, woran es liegt, doch ich kann versuchen, es beim nächsten Mal anders zu machen.

Wie etwas bei mir wächst, hängt auch davon ab, wie das Wetter ist. Das kann ich nicht beeinflussen. Ich muss es so nehmen, wie es kommt, ohne meine Energie mit Protesten zu verschwenden. Ich kann nur mit dem etwas machen, was da ist, nicht dagegen. Und so verwende ich meine Energie lieber darauf, meinen Boden zu pflegen und meine Pflanzen regelmäßig zu begießen.

Alles Weitere hängt nicht von mir ab. Ich versuche, darauf zu vertrauen, dass das Leben sich seinen Weg bahnt, so wie es das seit Jahrmillionen tut. Doch eines weiß ich: Das, was ich ernte, entspricht immer dem, was ich gesät habe. Wie ein Echo kommt zu mir zurück, was ich ausgesendet habe.

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