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Der große Knall

Der große Knall

Drei in unterschiedlichen Dekaden geborene Rubikon-Autoren berichten, wie sie den 11. September 2001 erlebten.

Shabi Alonso, Jahrgang 1984

An diesem Dienstag blieb ich vorsätzlich daheim. Die Schule bot mir keinerlei Anreiz, bildete eine perfekte Welt, die mir fremd blieb. Wir lebten seinerzeit in einem fast 30-stöckigen Hochhaus. Zuhause erlebte ich, was es bedeutet, wenn die Eltern unglücklich verheiratet sind und außerhalb unserer Wohnung, was es bedeutet, anders zu sein, weil man aus einer Migrantenfamilie kommt.

Dieser Tag begann wie jeder andere: Meine Eltern gingen zur Arbeit, meine beiden Geschwister zur Schule und ich vertrieb mir die Zeit mit viel Unsinn. Der Fernseher bot uns Jugendlichen damals eine riesige Bandbreite an Unterhaltungsprogrammen, um uns ja nicht mit der Realität zu konfrontieren. Amerikanische Sitcoms und Serien sowie ab dem späten Vormittag diverse deutschsprachige Talkshows waren die Vorläufer von YouTube und Messengern.

An diesem 11. September hatte ich den Fernseher bereits angeschaltet, als Kanal für Kanal mit der Sonderberichterstattung begann. Welche Empfindung hatte ich? Wie erlebte ich sie? Am besten beschreibt sie der Zustand der Paralyse: Ich war wie paralysiert. Für mich trafen Fiktion und Realität zusammen. In meinem zweiten, bis dahin gesehenen Kinofilm explodierte fünf Jahre zuvor das Empire State Building in dem Hollywood Blockbuster Independence Day und die Livebilder vom 11. September konnten mithalten, überboten an Grauen sogar die Filmbilder.

Rückwirkend erachte ich es als überaus interessant, dass noch im Laufe des Tages in der Berichterstattung der Fokus ziemlich schnell auf Osama Bin Laden fiel. Doch zu dem Zeitpunkt war ich in der Wahrnehmung — wie bei einem Taschenspielertrick — komplett vereinnahmt von den Public Relations der öffentlich-rechtlichen sowie der Konzernsender. Ich verfolgte die Berichterstattung der — meinem damaligen Empfinden nach — seriöseren Sondersendungen von ARD und ZDF, auch wenn sie sich nur in ihrer Sprachwahl unterschieden. Bereits im Laufe des Tages wurden inhaltlich die Weichen gestellt für die Hauptberichterstattung der jeweiligen Abendnachrichten, die dann die Ereignisse des 9/11 mit Osama Bin Laden als hauptsächlichem Drahtzieher verknüpften.

Für den nächsten Tag nahm ich mir vor, in die Schule zu gehen. Eigentlich waren die ersten beiden Stunden Geschichte wegen eines pädagogisch unfähigen Lehrers alles andere als kurzweilig, doch nun würden die Anschläge Thema sein. Medial hatten sich Politiker jeder Couleur zur uneingeschränkten Solidarität bekannt. Genauso einheitlich war die Meinung an unserer Schule. Das Ereignis war schrecklich und menschenverachtend, deshalb vertrauten wir im Grunde unseren Politikern und den westlichen Sicherheitsdiensten, die Angreifer zu identifizieren und weitere Straftaten zu vereiteln.

Man spürte eine Art „Geist“, als seien wir ebenfalls angegriffen worden. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in dem Schuljahr in Gemeinschaftskunde über einen Zeitungsartikel mit dem Titel „McWorld gegen Jihad“ referierte. Die Fronten waren geklärt.

Diese Meinung manifestierte sich bei mir in den folgenden Jahren. Durch die sich anschließende politische Agenda wurde ich sogar zu einem überzeugten Unterstützer der „Achse des Guten“. Mein Irrglaube ging so weit, dass ich mich dahingehend beruflich orientierte und in Deutschland passende Einrichtungen suchte, um bei der Verhinderung und Bekämpfung solcher Terroranschläge mitzuwirken.

Aber mit dem Beginn des Irakkriegs begann auch mein Glaube, wir seien die Guten, zu bröckeln. Langsam hinterfragte ich die damals aktuellen Kriege, feierte Schröder für sein „deutsches Fernbleiben“ im Irak. Zweifel überwogen meine Realitätsgewissheit ab dem Zeitpunkt, als ich mir im Jahre 2007 oder 2008 „Zeitgeist — Der Film“ ansah. Die dort dargestellten Gegenbeweise konnte ich nicht vollumfänglich akzeptieren, doch mich bewegten einige Thesen aus diesem Film, die Sinn zu machen schienen. Es war der Anfang vom Ende meines Irrglaubens.

Im Alltag ignorierte ich diesen Irrglauben; der Samen des Zweifels am offiziellen Narrativ zum 11. September 2001 keimte aufgrund der Geschehnisse rund um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) im Jahre 2011 intensiv und erwuchs zu einem Gewissenskonflikt mit meiner gegenwärtigen Berufung.

Als 2011 — laut Berichterstattung — die US-amerikanische Navy SEAL auf hoher See aus Osama Bin Laden „Osama Ent-Laden“ machte, war ich verstört über diese Vorgehensweise. Barack Obama, den ich 2009 noch als ersten afroamerikanischen Präsidenten bejubelte, hinterfragte ich vor seiner Wiederwahl mit dem Facebookeintrag „Nach vier Jahren frage ich mich: Yes, you can what?“. Guantanamo war immer noch als die schlimmste von Menschen geschaffene Einrichtung seit den Konzentrationslagern im Dritten Reich aktiv. Zudem nahmen neuartige, unbemannte Kriegsmanöver unter Obamas Ägide rasant zu. Als Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Streitkräfte trug er für dieses ominöse Vorgehen die Verantwortung.

Die Erkenntnis, dass hinter den Anschlägen vom 11. September weit mehr steckt, als das offizielle Narrativ uns glauben macht, kam mir 2016 bei einem Vortrag von Daniele Ganser. Bis dato hatte ich noch niemanden so wie Ganser über 9/11 reden hören, der die sachlich bestehenden und logischen Widersprüche sowie die irreführende öffentliche Berichterstattung valide und verlässlich dem öffentlichen Publikum bekanntmacht. Erst da wurde mir bewusst, dass ich jahrelang in meinem Hamsterrad andere, renommierte Autoren wie Mathias Bröckers komplett verpasst hatte.

Womöglich werden wir nie erfahren, weshalb oder von wem diese Anschläge verübt wurden. Geholfen haben mir die Geschehnisse rund um die Anschläge im Jahr 2001 allerdings, folgendes noch klarer zu sehen:

Keine militärischen Interventionen! Keine militärischen Friedensmissionen! Keine Aufrüstung von Nationalstaaten! Keine atomaren Waffen auf deutschem Boden, in Europa oder irgendwo auf der Welt! Keine Drohnenkriege! Kein toter Mensch durch Menschenhand!

Zumindest für diese Überzeugungen ist es obsolet, wer auch immer Interesse daran hatte, dass drei Türme am 11. September 2001 einstürzten und dabei mehrere Tausend US-amerikanische Bürgerinnen und Bürger starben.

Nicolas Riedl, Jahrgang 1993

Der Fernseher lief! Seine Geräusche drangen durch die Tür meines Kinderzimmers in unserer Altbauwohnung in München. Draußen allerdings helllichter Sonnenschein. Schließlich war es noch früher Nachmittag. Und dennoch lief der Fernseher! Ein laufender Fernseher am Nachmittag? Mein achtjähriges Ich erkannte, dass irgendetwas nicht stimmen konnte.

So öffnete ich die Zimmertür und tapste ins Wohnzimmer, in dessen Ecke das fette, klobige Ding stand, ein damals üblicher Röhrenfernseher. Auf dessen Mattscheibe flimmerten zwei brennende Türme, die ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich wusste das, was ich sah, nicht so recht einzuordnen. Ich kannte diese Stadt nicht, ich wusste nicht, um welche Türme es sich handelte.

Kurz danach wurde eine Wiederholung eingeblendet, die ein Flugzeug zeigte, welches direkt in einen dieser Türme flog. Wieder kurze Zeit später stürzten diese Türme in sich zusammen. Und plötzlich, da sah man diese Stadt mit den großen, quadratischen Glasgebäuden in einen dichten Rauch gehüllt.

Meine Erinnerungen an diesen Tag werden ab hier sehr bruchstückhaft. Was ich noch weiß, ist, dass der Fernseher noch den ganzen restlichen Tag lief. Wir probierten die unterschiedlichen Kanäle aus, um zu sehen, ob denn wirklich überall über diese Ereignisse berichtet wurde. Und tatsächlich! Bis auf ein Fußballspiel im ORF oder so ähnlich, berichteten alle Sender unisono über das, was auf der anderen Seite des Atlantiks geschah.

Zudem weiß ich noch, wie die Mutter eines Kindergartenfreundes in heller Aufregung bei uns klingelte. Sie arbeite bei einem großen Radiosender als Moderatorin und hatte von diesen Ereignissen aus erster Hand erfahren. „Haben Sie das aus Amerika mitbekommen?“, fragte sie uns fassungslos. „Die spinnen doch?!“.

Am Abend saßen wir dann gemeinsam vor dem Fernseher, und ich bemerkte, dass die Tagesschau länger lief als sonst. Die Hauptnachricht der Sendung waren die Ereignisse in New York. Als dann nach mehr als einer Viertelstunde die Nachrichten zu anderen Themen kamen, wirkten diese so unglaublich banal und nebensächlich.

Am darauffolgenden Tag betrat ich mein Klassenzimmer — die zweite Klasse hatte einen Tag zuvor, am 11. September, für mich begonnen — und meine Lehrerin saß mit einer aufgeschlagenen Tageszeitung an ihrem Pult. Auf der Rückseite war ein gigantischer Trümmerhaufen dessen zu sehen, was mal ein mehrere hundert Meter hoher Wolkenkratzer gewesen war. Kopfschüttelnd saß sie da. „Wahnsinn!“, murmelte sie. „Normalerweise kennt man so etwas nur aus Filmen. Und jetzt passiert so etwas wirklich!“

In der ersten Pause versammelten wir — Schüler und Lehrkräfte — uns auf dem Korridor, schalteten die Lichter aus, platzierten eine Kerze auf einem Tisch in die Mitte und hielten uns schweigend bei den Händen. Wir Kinder, die sonst so aufgedreht waren, gaben keinen Laut von uns. „Möchte jemand etwas sagen?“, fragte eine Lehrerin nach einiger Zeit, flüsternd. Stille …

Still wurde es auch in meiner Wahrnehmung rund um dieses Ereignis. In der Tagesschau wurde jährlich an jenem Datum an diesen dramatischen Tag erinnert. Es brannte sich das Narrativ der offiziellen Version in meinen Kopf: Terroristen haben zwei Flugzeuge entführt und diese in die Hochhäuser gelenkt. Seither kämpft Amerika in diesen „komischen, rückständigen“ Ländern mit den vielen Wüsten gegen bärtige Barbaren mit Pali-Tüchern und Maschinengewehren. Ganz einfach!

Im Alter von 16 bis 17 wurde 9/11 in meinem Umfeld öfters thematisiert. Man sprach darüber, wie krass es doch sei, dass an diesem Tag die USA auf ihrem eigenen Boden angegriffen worden waren und damit gezeigt wurde, dass sie ja doch relativ verletzlich sind. Erst im Jahr 2011, als ich 18 war, drang zum ersten Mal in einer der unzähligen, alkoholdurchtränkten Nächte eine Sichtweise zu mir durch, dass das mit dem 11. September doch ganz anders gewesen sein muss. Es gäbe schließlich zahlreiche Ungereimtheiten. Ich weiß noch genau, wie ich dies damals noch freundlich lächelnd als „Verschwörungstheorie“ abtat. Wenn das wirklich geplant worden sei, dann hätten doch tausende Leute dichthalten müssen, oder?

Die Propaganda hatte äußerst erfolgreich bei mir gefruchtet und alternative Gedanken gar nicht erst zugelassen. Diese Walnussschale wurde erst 2014 durch die Ukraine-Krise geknackt, als Medien wie KenFM in meines und vieler anderer Leben traten und mit ihnen auch Wissenschaftler wie Dr. Daniele Ganser. Der Rest ist Geschichte ...

Madita Hampe, Jahrgang 2002

Panik, Panik, Panik! Hirnstammniveau breitet sich aus, mit der gleichen explosionsartigen Kraft, mit der die Twin Towers in sich zusammenfielen. Lärm, der in sämtliche Ohren der westlichen Wertegemeinschaft dringt und Bilder, die sich tief im Unterbewusstsein eines jeden Einzelnen verankern. Nun ja, vielleicht nicht in jedem. An jenem berühmt-berüchtigten Tag, der als Legitimation für zahlreiche Kriege herhalten sollte, verfügte ich ungefähr über die Größe eines Mohnsamens. Da ich gerade dabei war, mich intensiv mit der Einnistung in den Uterus meiner Mutter zu beschäftigen, hatte ich logischerweise keine Kapazität für so nebensächliche Dinge wie zusammenstürzende Gebäude. Und so blieb mir jene Prägung erspart, die bei denjenigen, die diesen Tag paralysiert vor dem Fernseher verbracht hatten, den Rückblick auf dieses Ereignis immer emotional färben wird. Im Klartext heißt das: Eine emotionale Beziehung zum 11. September 2001 habe ich nicht und dafür bin ich sehr dankbar!

Rückblickend kann ich weder sagen, wann ich das erste Mal bewusst von 9/11 gehört habe, noch, dass es einen Moment in den folgenden dreizehn Jahren gegeben hätte, in dem ich es für interessant gehalten hätte, mich damit zu beschäftigen, wie ausgerechnet diese drei Gebäude und ausgerechnet diese 3.000 Menschen ihr Ende gefunden hatten.

Was nicht bedeutet, dass mich der Tod der Opfer des Anschlags und der Opfer der darauf folgenden Kriege nicht berührt hätte oder dass ich keine Empathie empfände. Aber genau dieses Schicksal berührte mich eben nicht mehr als das der Menschen, die auf Hawaii durch Überschwemmungen ihr Leben verloren oder das der Kinder, die in Bangladesch unsere Kleidung nähen. Die Haltung, die ich mit zwölf oder dreizehn Jahren dann schließlich entwickelte, war von leichtem Sarkasmus geprägt und lässt sich mit einem Satz aus Florian Kirners Buch Leichter als Luft auf den Punkt bringen: „Ich möchte gefälligst auf ordentlichem Niveau belogen werden.“

Irgendwann kam dann doch die Zeit, in der ich es aufregend und interessant fand, mir sämtliche im Netz verfügbaren Informationen zu sogenannten „Verschwörungstheorien“ einzuverleiben, die ich finden konnte. Ich kann mich gut an eine Diskussion erinnern, die ich ungefähr in der 8. Klasse mit einer Lehrerin führte — über WTC 7, Luftabwehr über New York und Renovierung des Pentagons, als sich ein Junge aus den hinteren Reihen in die Diskussion einklinkte und etwas sagte, das deutlich auf den Punkt bringt, wie sachlich nach 2001 Geborene auf 9/11 blicken können:

„Ich kann da inhaltlich jetzt nicht viel zu sagen — aber man sieht schon, dass das gesprengt wurde.“


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