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Der falsche Boom

Der falsche Boom

In Trumps Amerika boomen Not und Elend.

Trumps falscher Boom
von David Rosen

Es ist nun beinahe ein Jahrzehnt vergangen seit der letzten Finanzkrise, die eingeläutet hat, was als die „Große Rezession“ bezeichnet wird. Sie wirkte sich verheerend auf das US-Bankensystem und den Wohnungsmarkt aus und stürzte Millionen Amerikaner in abgrundtiefe Verzweiflung. Obwohl viele gebräuchliche Konjunkturindikatoren den Aufschwung der Wirtschaft suggerieren, befindet sich ein erheblicher Teil der amerikanischen Bevölkerung dem Gefühl nach in einer festgefahrenen Situation mit düsteren Zukunftsaussichten.

Am 6. August twitterte Präsident Trump: „Großartige Geschäftszahlen werden fast täglich verkündet. Die Wirtschaft war nie besser, das Jobangebot ist auf einem historischen Höhepunkt.“ Warum also fühlt sich eine zunehmende Zahl von Amerikanern trotz solcher guten Nachrichten unwohl?

Zwei kürzlich veröffentlichte Studien zeigen die wachsende Verzweiflung vieler Amerikaner, die sowohl von Trump als auch den Massenmedien unbeachtet bleibt. Eine Studie der US-Notenbank mit dem Titel „Bericht über das wirtschaftliche Wohlergehen der US-Haushalte im Jahr 2017“ und der „Wohlbefindens-Index“ des Meinungsforschungsinstituts Gallup-Sharecare schlüsseln ergänzende Details dieser Verzweiflung auf. Zusammengenommen zeichnen diese Studien ein beunruhigendes Bild des Leids der Amerikaner, insbesondere der schutzbedürftigsten Bevölkerungsgruppen des Landes.

Das Ende des American Dream

Während Trump versucht, jegliche Infragestellung seiner hohlen Prahlereien als „Fake News“ zurückzuweisen, wächst unter den Amerikanern der Eindruck, dass der einst stolz verkündete „American Dream“ ausgeträumt ist. Diesen Eindruck teilen Kapitalismuskritiker und einige Experten des Mainstreams ebenso wie (auf inkohärente Weise) jene, die Trump und seinen Aufruf „make America great again“ unterstützen – mit der Betonung auf „again“, auf dem „wieder“. Ein Wunsch nach etwas, was einst war, doch unwiederbringlich ist.

Der Bericht der US-Notenbank verficht die langsame wirtschaftliche Erholung, die das Jahrzehnt nach der Großen Rezession kennzeichnet. Darin heißt es, dass „weniger Menschen es als schwierig empfinden, über die Runden zu kommen oder gerade so über die Runden zu kommen als fünf Jahre zuvor. (...) Dieser Rückgang finanzieller Not steht im Einklang mit dem Rückgang der nationalen Arbeitslosenquote in diesem Zeitraum.“

Doch es wird auch gewarnt, dass „zwei von fünf Amerikanern nicht genügend Ersparnisse haben, um für Notfall-Kosten von 400 Dollar aufzukommen, und einer von vier nicht den Eindruck hat, finanziell ‚zumindest zurechtzukommen‘.“ Der Bericht fügt hinzu: „Mehr als einer von fünf sagte, er oder sie sei nicht in der Lage gewesen, die Rechnungen des letzten Monats vollständig zu begleichen, und mehr als einer von vier sagte, er oder sie habe im letzten Jahr notwendige medizinische Versorgung nicht in Anspruch genommen, da er oder sie sich diese nicht leisten konnte.“ Dies sind Anzeichen für einen Rückgang des Wohlbefindens.

Der Wohlbefindens-Index

Die Gallup-Sharecare-Studie wurde 2008 ins Leben gerufen, um das allgemeine Wohlbefinden erwachsener Amerikaner einzuschätzen. Es handelt sich dabei um eine umfassende Befragung unter anderem mittels Interviews mit mehr als 160.000 Erwachsenen aus allen 50 US-Bundesstaaten. Die jüngste Umfrage aus dem Jahr 2017 ergab, dass der allgemeine Wohlbefindens-Index zwischen 2016 und 2017 um 0,6 Punkte gefallen ist, von 62,1 Punkten auf 61,5 Punkte. Gallup erklärt: „Dieser Rückgang ist sowohl statistisch signifikant als auch von bedeutendem Umfang.“

Die Gallup-Sharecare-Studie macht eine Reihe von Faktoren aus, aus denen sich ihre „Wohlbefindens-Metrik“ zusammensetzt, darunter die Erfahrung erheblicher Sorgen, „wenig Interesse oder Freude an Unternehmungen“, klinische Diagnosen von Depressionen, tägliche körperliche Schmerzen, eine Abnahme „von Menschen, die einen zu einem gesunden Lebensstil ermutigen“ sowie Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensstandard im Vergleich mit anderen. Weitere Symptome einer Verschlechterung des Wohlbefindens sind untragbare Schulden sowie zunehmendes Übergewicht, Drogenabhängigkeit – etwa von Opioiden –, und Alkoholismus.

Sowohl die Studie der Notenbank als auch die Gallup-Sharecare-Studie ermitteln jene Personengruppen, die die größten Verluste von Wohlbefinden erleiden. In der Gallup-Sharecare-Studie heißt es: „Frauen weisen einen erheblichen Rückgang von 1,1 Punkten beim Wert ihres Wohlbefindens-Index auf, während der Wert bei den Männern unverändert ist.“

Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen

Die Notenbank-Studie ergänzt: „Unter den vier großen ethnischen Gruppen ist das Wohlbefinden am meisten unter Schwarzen und Latinos zurückgegangen, obwohl es zu einem geringeren Grad auch unter Weißen und Asiaten abgenommen hat.“ Folgende Warnung wird ausgesprochen: „Amerikaner, die in Haushalten mit geringerem Einkommen leben, haben einen erheblichen Rückgang ihres Wohlbefindens erlebt, während die entsprechenden Haushalte mit höherem Einkommen einen geringeren Rückgang, keine Veränderung oder einen leichten Anstieg erlebt haben.“

Die Notenbank-Studie vertieft diesen Eindruck und argumentiert: „Der allgemein positive Trend bei Selbsteinschätzungen des Wohlbefindens verschleiert auffällige Unterschiede zwischen den Gruppen. (...) Eine bessere Bildung wird mit größerem wirtschaftlichem Wohlbefinden in Verbindung gebracht; trotzdem geht es Schwarzen und Latinos jeden Bildungsgrades schlechter als Weißen.“

Der bezeichnendste Umstand ist laut der Notenbank-Studie, dass „Weiße, die lediglich einen Highschool-Abschluss haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit berichten, sie kämen finanziell zurecht, als Schwarze oder Latinos mit einem College-Abschluss.“ Die Schlussfolgerung lautet: „Dieses Muster, zusammen mit der Tatsache, dass Schwarze und Latinos üblicherweise niedrigere Bildungsabschlüsse haben, führt zu einem wesentlich geringeren allgemeinen wirtschaftlichen Wohlbefinden unter erwachsenen Schwarzen und Latinos.“

Und die Konsequenzen?

Der Gallup-Sharecare-Bericht verdeutlicht traurigerweise, dass viele derjenigen, die eine Abnahme ihres Wohlbefindens erleben, Trump-Unterstützer und Unterstützer der Republikaner sind. Rund 21 US-Bundesstaaten bezeugen erhebliche Rückgänge ihres relativen Wohlbefindens, darunter viele „rote“ Staaten, die Trump nachdrücklich unterstützen. Unter denen, die die größten Rückgänge ihres spürbaren Wohlbefindens erlitten haben, sind Arkansas, Indiana, Louisiana, Mississippi, Nevada, Ohio, Oklahoma, Rhode Island und West Virginia; West Virginia wies das geringste Niveau des Wohlbefindens auf.

Weder die Studie der Notenbank noch die Gallup-Sharecare-Studie fragten nach den Konsequenzen dieses Verlustes von Wohlbefinden. Besonders interessant wäre dabei die Frage, ob diese Abnahme Wut und ein tiefgehendes, persönliches Racheempfinden gegen jene erzeugt, die den „Amerikanischen Traum“ scheinbar beendet haben.


David Rosen ist seit 20 Jahren Berater für Unternehmensentwicklung sowie kritischer Beobachter der amerikanischen Politik- und Medienlandschaft. Sein jüngstes Buch ist 2015 erschienen und trägt den Titel Sex, Sin & Subversion: The Transformation of 1950s New York’s Forbidden into America’s New Normal (Sex, Sünden und Subversion: Wie die Tabus des New York der 1950er zu Amerikas neuer Normalität wurden).


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Trump’s Fake Boom: Growing Despair Amidst Insecure Economic Recovery". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteamlektoriert.

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