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Der Digitalisierungswahn

Der Digitalisierungswahn

Innovationsopportunisten blasen zum Angriff auf unsere Kultur.

„Digitalisierung“, sagte Christian Lindner. „Digitalisierung“ sagte Angela Merkel. „Digitalisierung“ sagten auch Horst Seehofer, Martin Schulz und Cem Özdemir. Vielfalt ist derzeit angesagt in der Angebotspalette der deutschen Politik. Keiner entgeht der Digitalisierung in diesen Tagen. Schon bekommt die strauchelnde SPD von den Presse-Meinungsführern wohlmeinende Ratschläge serviert: Statt der „Rezepte von gestern –Umverteilung und soziale Gerechtigkeit – solle sie sich lieber „modernen“ Themen widmen, die die Bürger „wirklich bewegen“: Sicherheit, Zuwanderung und das beklagenswerte Hinterherhinken Deutschlands in der Digitalisierungsfrage.

Was genau meint eigentlich „Digitalisierung“? Es scheint fast, als verstünde jeder etwas anderes darunter: Angela Merkel blieb – nicht untypisch für sie – eher im Ungefähren: „Durch den digitalen Fortschritt wird sich vieles ändern. Wir alle sehen das. Allein das Smartphone steht prototypisch dafür." Irgendwas mit Smartphones also. Martin Schulz ging es eher um schnellere Hochladezeiten beim Surfen: “Solange wir in Deutschland beim Ausbau des schnellen Internets nicht merklich vorankommen, bleibt die Digitalisierung eine akademische Debatte.”

Die Grünen geben sich in ihrem Wahlprogramm etwas kritischer: „Netzpolitik und Digitalisierung sind zentrale politische Querschnittsaufgaben für eine moderne Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen für uns der freie Zugang zum Netz für alle, der Schutz unserer Privatsphäre und persönlichen Daten, eine zukunftsfähige digitale Infrastruktur und eine modernisierte Wirtschaft und Verwaltung.“ Die eher schwammige Message: Wir wollen irgendwie auch modern sein, sind uns aber auch der Gefahr von Datenmissbrauch bewusst.

FDP: Bedenken second

So richtig Bescheid weiß natürlich nur die FDP, die die Digitalisierung zur zentralen Menschheitsaufgabe unserer Epoche erhoben hat und das Wahlvolk vor dem 24. September mit dem Denglisch-Klassiker „Ditschitäl först – Bedenken säkänd“ verstörte: „Selbst fahrende Autos, sich selbst steuernde Fabriken oder Ärzte, die über tausende Kilometer hinweg Operationen durchführen“ droht das FDP-Wahlprogramm an. „Der digitale Fortschritt verändert unser Privatleben, unserer Arbeitswelt und unsere Wirtschaft nachhaltig. Damit die Menschen die Chancen der Digitalisierung nutzen können, muss die Politik gezielt Zukunftsimpulse setzen. Eine unzureichende digitale Infrastruktur, zu starre Arbeitsgesetze, mangelnde Datenschutzregelungen und mittelmäßige digitale Bildung blockieren den Fortschritt.“

Was eigentlich haben Smartphones, ein schnelles Internet, Computer in Schulen und selbstfahrende Autos miteinander zu tun, außer dass alle diese Dinge ganz furchtbar hightechnisch sind? Hier muss man versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen: Merkel wie Lindner stellen zunächst fest: „Die Digitalisierung“ kommt und schafft Fakten. Diese Entwicklung ist nichts Gestaltbares, sondern bricht über die Menschheit herein wie ein Regenguss. Die Politik – und mithin die gesamte Menschheit – muss lediglich Wege finden, wie der Anpassungsprozess an „die Digitalisierung“ zu gestalten ist. Politiker räumen also offen ein, dass „Entwicklungen“ von den technischen Eliten vorgegeben werden, denen sie selbst nur noch folgen können. Das Problem für die Demokratie daran ist: Technische Eliten wurden vom Bürger nicht gewählt, so wenig wie Währungsspekulanten – dennoch beanspruchen beide Gruppen, Macht über Millionen Menschen auszuüben. „Alle Staatsgewalt geht von Computer-Nerds aus“ ist kein Artikel unserer Verfassung. Die „Unsichtbare Hand der Technik“ steuert jedoch faktisch – zusätzlich zu der des Marktes – unser aller Leben.

Das zweite, was die FDP in ihrem Wahlprogramm sagt, ist: In Zukunft machen Maschinen alles „selbst“: selbstfahrend, selbststeuernd, selbstorganisierend – Gipfelpunkt wäre das sich selbst schießende Selfie. Auch eine Werbeseite der Telekom bläst in dieses Horn: „Maschinen werden sich in der vernetzten Produktion zukünftig ‚unterhalten‘. Sie tauschen selbständig Daten aus, steuern ihre Arbeit automatisiert und sind damit flexibler einsetzbar.“

Indirekt ist damit gesagt: Menschen werden überflüssig, Arbeitsplätze werden abgebaut werden, nicht ohne dass man die arbeitslos Gewordenen hinterher eindringlich zu mehr Eigenverantwortung ermahnen wird.

Die lästigen „starren Arbeitsgesetze“

Der dritte Punkt ist im FDP-Text ein bisschen versteckt, man muss wachsam sein, um die Folgen zu begreifen: „zu starre Arbeitsgesetze“. Eine der Urängste der Marktradikalen bricht hier durch. „Zu starr“ meint: Arbeitnehmer haben gewöhnlich das Bedürfnis nach planbaren Tages- und Wochenabläufen, nach ausreichenden Einkünften über einen längeren Zeitraum. Dieser Anspruch ist Lindner und Konsorten jedoch ein Gräuel. Maßgeblich für die Arbeitszeitgestaltung, für Einstellung und Entlassung, darf für sie allein der Wille des Arbeitgebers sein. Menschengerechte Arbeitsplätze sind für Unternehmen ohnehin nicht zumutbar, Menschen überhaupt eher lästige Kostenfaktoren mit Besitzstandsdenken. Mit dem Gejammer muss jetzt Schluss sein. Das fordert unabweisbar – raten Sie! – „die Digitalisierung“.

Aber liegt da nicht ein Logikfehler vor? Wie sind wir überhaupt von Digitalisierung – irgendwas mit Smartphones, selbstfahrenden Autos und schnellerem Internet – zu flexiblen Arbeitszeiten gekommen? Diese Frage stellte sich der Linken-Bundestagsabgeordnete Michael Schlecht auch: Der meinte ketzerisch: „Ein 3-D-Drucker als solcher zwingt die Menschen zu gar nichts. Treiber sind die Unternehmen und ihr Interesse, dem die Digitalisierung dienen soll: mehr Rendite.“ Für ihn ist Digitalisierung „keine Naturgewalt, der wir uns beugen müssen, sondern die wir gestalten können.“ Nicht schlecht, Herr Schlecht. Aber Sie übersehen, dass bei der FDP, egal welche Verse gesungen werden, der Refrain immer gleich lautet: Abbau von Arbeitnehmerrechten für den Profit.
Auch der WDR meldete an, was Christian Lindner ja eigentlich nicht erlauben wollte: Bedenken. „Doch welche Konzepte hat die Partei? Offensichtlich keine, das lässt das ‚Bedenken second‘ erahnen. Denn Christian Lindner ist ja gegen Denken. Zumindest will er nichts bedenken. Der Wahlspruch der FDP macht deutlich: Lindner und seine Mannschaft wollen Bedenken abwerten.“ Aber bräuchte es nicht gerade Bedenken? Als einen generellen Fortschrittsfeind betrachte ich mich nicht. Ich bin über manche Errungenschaften, die ich erst im Erwachsenenalter nutzen konnte, sehr froh: über Emails vor allem. Es geht schlicht um die Freiheit, auszuwählen, welchen technischen Neuerungen wir uns anschließen wollen und welchen nicht. Besitzen wir diese Freiheit noch, oder haben wir sie bereits am Eingangsportal zum digitalen „Second Life“ abgegeben?

Eine Welt aus Nullen und Einsen

Im Kern meint Digitalisierung: Komplexe Informationen – etwa ein Foto, ein Text oder Musik – werden in unzählige „Entscheidungen“ zwischen Null und Eins zerlegt. Das binäre System. Auf diese Weise sind Informationen gut und ohne Qualitätsverluste transportabel, es können mehr von ihnen in kürzerer Zeit verarbeitet werden. Wir kennen alle die Vorteile: CDs sind im Vergleich zu Schallplatten reiner im Klang und auch bequemer handhabbar. Sie sind computerkompatibel. Digikameras speichern unzählige Bilder, die man nicht „zum Entwickeln bringen“ muss und die auf den Computer geladen werden können. In Bibliotheken erleichtert die Umwandlung von Analog in Digital, Informationen haltbar und besser „durchsuchbar“ zu machen, schließlich mehr Informationseinheiten auf engem Raum aufzubewahren.

Das ist ohne Zweifel „smart“. Aber man muss sich bewusst machen, dass auch hier wieder die Ökonomie die Puppen tanzen lässt. Unternehmer können mit Hilfe der Digitalisierung Zeit, Geld, Lagerplatz und Menschen einsparen. Und natürlich – Wachstum generieren: „Analysten zufolge soll die vierte industrielle Revolution in den nächsten zehn Jahren allein in Deutschland die Wertschöpfung um 80 Milliarden Euro erhöhen“, heißt es in einer Werbung der Telekom, die mit ihrem Digitalisierungsschub vor drei Jahren ein halbes Land tyrannisiert hat. Digitalisierung, das hieß für nicht wenige Kunden: quälende Stunden in Telefonwarteschleifen zu verbringen, Verzögerungen, Schikanen, Tage ohne Telefon- und Internetanschluss.

Verehrt wird der Kassettenrekorder, nicht die Musik

Nicht zum ersten Mal war ein Großkonzern rücksichtslos mit Innovationsopfern umgegangen, vermittelte den von ihm abhängigen Einzelmenschen ein Gefühl der Machtlosigkeit. „Widerstand ist zwecklos, Sie werden assimiliert werden.“ Heute beschränkt sich der Computer nicht mehr auf seine Kernkompetenz, etwa die Textverarbeitung. Es herrscht ein zwanghaftes Bedürfnis, alles mit Computern oder Smartphones in Verbindung zu bringen: den Kühlschrank, das Auto, den Bankverkehr, das Bezahlen an der Parkuhr, den Fernseher ohnehin. Wenn alle Lebensbereiche aber von einem oder zwei Geräten abhängig sind, verleiht das dem Gerätehersteller eine beängstigende Macht. Sich dieser Macht eilfertig zu unterwerfen, scheint vordringlichste Aufgabe „moderner“ Politik zu sein.

Viele Menschen definieren sich heute weitaus mehr über die „Kanäle“ als über die Inhalte, die mit diesen transportiert werden. In einem Beispiel: Man stelle sich Jugendliche in den späten 60ern vor, die nicht die Beatles oder Stones, sondern den Kassettenrekorder verehren, mit dem sie diese Musik abspielen können; die sich gar als „Kassettenrekorder-Generation“ bezeichnen lassen! Absurd? Aber so ähnlich sieht die Welt heute aus. Vielleicht liegt es auch daran, dass es für einen Lindner oder eine Merkel natürlich unbequem wäre, wenn die Menschen zu viel nachdächten. Bedenken second. Lieber sind ihnen Bürger, die sich verzetteln in unzähligen bedeutungsarmen Kommunikationsvorgängen. Unter den Politikern habe ich bisher nur von Sahra Wagenknecht Klagen darüber gehört, dass Schüler heute aufwachsen, ohne mit Goethes „Faust“ und Thomas Manns „Zauberberg“ vertraut zu sein. Über Inhalte wird ohnehin nur noch wenig geredet, eher darüber, wie man Content streamt oder downloadet. Das Mittel drängt den Zweck an den Rand. Wir sind auf dem Marsch zur Weltherrschaft des Sekundären.

Das digitale Klassenzimmer – Angriff auf die Kinderseele

Will man eine Gesellschaft im erwünschten Sinn verändern, greift man am besten auf die Seelen von Kindern und jungen Leuten zu. Bei denen rennt man mit allem, was irgendwie mit Technik zu tun hat, ohnehin offene Türen ein. Kinder lieben auch pappige Süßigkeiten mit Farbstoff und Unmengen zuckriger Limonade. In der Verantwortung von Älteren und auch der Politik läge es jedoch, ihnen einen maßvollen Umgang mit Suchtmitteln nahezubringen. Nicht so bei technischen Geräten, denn deren maßloser Gebrauch hilft ja „der Wirtschaft“, also jenem Götzen, dem alle opfern zu müssen meinen, solange er gilt. Ein „Schulpakt Digital“, so wurde im Juni gemeldet, solle fünf Milliarden für neue Hardware in Schulen ausgeben – das war noch vor der Wahl und vor der Regierung „Merkel/Linder“.

Liegt darin der Königsweg, um Kinderseelen wettbewerbsfähig zu kneten? Ralf Lankau, Professor für Medientheorie, zeigte in seinem Buch „Kein Mensch lernt digital“ anhand einer Reihe von Studien auf, dass Digitalisierung im Unterricht oft mehr schadet als nützt. Es sei nicht „Aufgabe von öffentlichen bzw. staatlichen Bildungseinrichtungen, Kindern und Jugendlichen den Gebrauch von Geräten der Unterhaltungsindustrie beizubringen – das können sie schon – oder den medialen Konsum zu fördern. Sie nutzen digitale Endgeräte bereits mehrere Stunden täglich – und gewöhnen sich an die Fremdbestimmung durch Algorithmen, Apps und Avatare.“ Zu den Gründen für die druckvolle derzeitige Digitalisierungskampagne sagte Lankau: „Es geht, ganz trivial, um Märkte. Es geht um Geschäftsfelder und vor allem um den Zugriff auf Nutzer- und Lerndaten.“

Systemmedien machen derzeit sehr massiv Kampagne für eine Lindnerisierung des Bildungswesens. Der Spiegel (Nr. 39/2017) natürlich allen voran mit einem umfassenden Schulbericht. Da wird dem „Problem“ (Unterdigitalisierung in Schulen) dann gleich eine Lösung (lobenswerte Digitalisierungsbereitschaft) gegenübergestellt. „Vorher“, in der Digi-Steinzeit, sah es noch schlimm aus: „Ein Computerraum findet sich zwar an vielen Schulen, aber im Unterricht sind Computer und Tablets oft Fremdkörper, Smartphones in den allermeisten Fällen verboten“. Anders der vom „Spiegel“ erkorene Vorzeigelehrer Tobias Weigelt: „Das gibt es in seiner Schule nicht. Im Gegenteil: Wer ohne Tablet, Laptop oder Smartphone zum Unterricht erscheint, muss sich schleunigst eines der Ersatzgeräte holen, die an der Schule für solche Fälle bereitliegen.“ Moderne Lehrer „laden ihre Lösungen hoch, posten die Hausaufgaben“. Brave Schüler 4.0 „chatten gelegentlich mit ihren Lehrern“ oder loaden eine vom Lehrer gepostete Quiz-Software down. Dort lösen sie Multiple-Choice-Aufgaben im Wettbewerbsmodus. Und wenn einige von ihnen die Lösung früher als nötig gefunden haben, ist nicht etwa eine Pause angesagt, nein: „Wer schneller mit einer Aufgabe fertig ist, erhält übers Smartphone oder Tablet zusätzlichen Lernstoff.“

In der digitalen Einzelzelle

„Das Medium ist die Botschaft“ ist der Slogan einer inhaltlich weitgehend ausgehöhlten Epoche. Logischerweise fördern Computer und Smartphones eher das schnelle Abfragen von Faktenwissen, sie erschweren Vertiefung, vernetztes Denken, das selbständige Herstellen von Zusammenhängen und – von Digitalisierungsbefürwortern besonders gefürchtet – kritisches Denken. Nehmen wir an, Schüler sollen im Unterricht die Frage beantworten: „Ist Stefan Zweigs ‚Schachnovelle‘ eine Novelle, eine Kurzgeschichte, ein Gedicht oder ein Zeitungsartikel?“ – ist es dann für den Lernerfolg entscheidend, ob die Frage per Handzettel, Email, Chatfunktion, ICQ oder What’s App, ob sie mündlich, per Kreideschrift an der Tafel, per Handy, Smartphone, Tablet, Notebook oder Großcomputer gestellt wird? Wichtig ist doch, ob die Schüler sie richtig beantworten können. Noch wichtiger eigentlich (aber nicht Gegenstand des „Spiegel“-Artikels): ob Schüler das Wesen der Novelle begriffen haben und sich selbstständig Gedanken über das betreffende Werk gemacht haben.

Das geht dann in Universitäten so weiter. Bernd Ulrich, Chef des Verlags „Auditorium Netzwerk“ (55), besuchte nach langen Jahren einmal wieder als Gast eine Uni-Vorlesung. Sein Urteil über die Veränderungen, die es seither im Universitätsbetrieb gegeben hat: „Science fiction“. Vor allem wunderte sich der Diplom-Pädagoge über die Überpräsenz von Bildschirmmedien am Campus. „Fast jeder und jede der ca. 150 Studierenden hatte entweder einen Laptop oder ein Notebook vor sich stehen.“ Kein Mitschreiben mit Stift und Papier, keine physischen Flyer mehr, der Vorlesungsinhalt kann mühelos downgeloadet werden. Das hat große Vorteile, auf der Strecke bleibt aber der Kontakt unter den Studierenden sowie zwischen Studierenden und Lehrkräften. „Als ich im Hörsaal saß damals als Student, wir haben schon miteinander getuschelt oder irgendwie Kontakt gemacht, oder den Prof. angeschaut (...) Ich hab mal geschaut, ob das auch der Fall war an diesem Morgen. Ich hab‘s selten gesehen. Der Bildschirm fokussierte die Aufmerksamkeit.“

Digitalisierung also vereinfacht einige Vorgänge; aber der Preis dafür ist hoch: Die Aufmerksamkeit wird gleichgerichtet – um nicht zu sagen gleichgeschaltet – und auf das Bildschirmmedium fokussiert, während Menschen voneinander zunehmend entfremdet werden. Nicht nur das bei allen Lehrern traditionell verhasste „Schwätzen“ wird erschwert, auch der eigentlich erwünschte direkte Lehrer-Schüler-Dialog. Ist es Zufall, dass gerade dieser Menschentyp derzeit gezüchtet wird: in Aufmerksamkeitsblasen eingesperrte, voneinander isolierte Individuen, beziehungsarm, technikabhängig, steuerbar, überangepasst? Sind solche Erziehungsergebnisse etwa erwünscht, weil sie die Handhabbarkeit des Menschen in ökonomischen Verwertungszusammenhängen erleichtert? Grenzenlos flexibles Arbeitnehmermaterial, das sich in einem gnadenlosen Wettbewerb jeder gegen jeden um die wenigen Arbeitsplätze aufreibt, die die Roboter noch übrig lassen werden. Ja, schlimmer noch: Menschen, die selbst zunehmend roboterhaft agieren, an denen Maschinen-Applikationen wie Smartphones und GPS-Uhren fast so unlösbar festmontiert sind wie bei den Cyborgs in gewissen Science-fiction-Filmen.

Omnipräsentes Spielzeug: „Widerstand ist zwecklos“

Ist es möglich, den Trend noch zu stoppen oder wenigstens dessen schlimmste Auswüchse zu verhindern? Einige Schnapsideen früherer Zeiten wurden vom „Zeitgeist“ mittlerweile zum Glück wieder kassiert: Tamagotchis z.B.: elektronische Haustiere, die man elektronisch „füttern“ musste. Oder die Online-Plattform „Second Life“, von der es in der kurzen Zeit des Hypes 2003 hieß, niemand mehr werde sich künftig dem gesellschaftlichen Druck entziehen können, dort virtuell präsent zu sein. Man hört heute nichts mehr von Mini-Discs oder von dem Multi-User-Kommunikationsdienst „ICQ“. Im Gegensatz zu diesen Rohrkrepierern haben sich Smartphones allerdings heute auf breiter Front und nachhaltig durchgesetzt. Die Käufer haben quasi mit den Füßen darüber abgestimmt, dass aus dieser Idee ein kulturprägendes Werkzeug werden konnte.

Allerdings handelte es sich um eine gelenkte Form „spontaner Begeisterung“. Irritierend ist die Aufdringlichkeit der Verkaufsstrategie, so als könnten die Hersteller weiße Flecken auf der Vermarktungslandkarte nicht ertragen. Als wolle man noch die letzte smartphonefreie Zone um jeden Preis eingemeinden. In der „Fack ju Göthe“-Ära ist ein Haushalt ohne Buch ohne weiteres erlaubt; ein Mensch ohne Smartphone muss sich dagegen ständiger Vorwürfe und Umerziehungsversuche erwehren. Interessant ist in diesem Zusammenhang der jetzt verfilmte dystopische Roman „The Circle“ von Dave Eggers, der von einem großen Elektronikkonzern (ähnlich facebook) erzählt. Es gibt im Roman einen „Konservativen“, einen Technikverweigerer namens Mercer, der dramaturgisch so etwas wie das Sprachrohr des Autors ist. Mercer sagt an einer Stelle treffend: „Ihr wollt nicht bloß eure Daten, ihr brauch auch meine. Ohne seid ihr nicht vollständig. Das ist eine Krankheit“.
Lebt auch mal wieder offline!

Digitalisierung, Lindners Supergrundrecht, wird derzeit auf allen Kanälen in der bewährten Weise auf die Tagesordnung gedrückt: durch das Schüren von Angst. Deutschland sei in puncto Digitalisierung bestenfalls im Mittelfeld, es gehöre aber – wie in naivem ökonomischem Patriotismus vorausgesetzt wird – an die Weltspitze. Leistungsfähigere Völker des Ostens könnten uns im Schicksalskampf um (virtuellen) Lebensraum überholen. Deutschland – der schlimmste Vorwurf in einer innovationsopportunistischen Gesellschaft – sehe „alt aus“.

Digitalisierungsbefürworter erwecken stets den Eindruck, als hätten sie die Lebenstüchtigkeit und den praktischen Verstand gepachtet. Dabei ziehen sie eine Spur der Verwüstung durch die Seelen von Millionen Menschen. Der blassgesichtige Jugendliche, fahrig in den Bewegungen, den verschwommenen Blick stets auf irgendwelche flimmernden Bildschirme gerichtet – es ist ein Klischee, ja, aber keines, das ganz ohne Grund entstanden ist. Nennen wir die Dinge doch beim Namen: Es gibt des Virtuellen und Digitalen eigentlich schon längst zu viel. Wer unter diesen Umständen mehr „Maschinen“ im Unterricht fordert, muss sich vorwerfen lassen, eine Realität zu leugnen, die in puncto psychosozialer Gesundheit längst das Gegenteil verlangen würde: digitale Auszeiten, Technikfasten, eine Vermehrung der offline verbrachten Zeit aus Gründen des Selbstschutzes. Dort, wo übermäßige Nutzung bei Tausenden in Sucht umschlägt, wird der Ruf nach mehr Technik sogar gemeingefährlich. Drastisch ausgedrückt ist er Komplizenschaft mit Dealern. Es bräuchte die politische Ermutigung zu kollektivem Entzug, nicht die staatlich gepushte Anschaffung von noch mehr Suchtmitteln.

Im Buch „The Circle“ gibt es gegen Ende ein wichtiges Gespräch zwischen der Hauptakteurin Mae und Ty, dem Gründer und technischen Mastermind der Firma. Der würde die Geister, die er rief, nun am liebsten wieder loswerden: „Mae, eine ganze Menge von den Sachen, die ich erfunden habe, hab ich ehrlich aus Spaß gemacht, aus einer spielerischen Neugier heraus, ob sie funktionieren würden oder nicht, ob Leute sie benutzen würden. Ich meine, es war, als würde man auf dem Marktplatz eine Guillotine aufstellen. Du rechnest doch nicht damit, dass zig Leute Schlange stehen, um den Kopf reinzulegen.“

In der Digitalisierungsrepublik Deutschland ist die Schlange mittlerweile ziemlich lang geworden.

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