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Der blinde Fleck

Der blinde Fleck

Eine kleine Literaturgeschichte des sexuellen Missbrauchs.

Ten Years After

Am 6. März 2010 machte der Journalist Jörg Schindler unter dem Titel: „Gemobbt, geschlagen, vergewaltigt“ in der Frankfurter Rundschau den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Schülerinnen und Schülern an der Odenwaldschule in Heppenheim (Südhessen) publik. Während das Thema ein Jahrzehnt zuvor (Jörg Schindler: „Der Lack ist ab“) noch ohne jegliche Resonanz geblieben war, trat dieser zweite Versuch, den Skandal öffentlich zu machen, eine Lawine los.

Unvorstellbare Fälle traten ans Tageslicht, wobei es fast immer Jahrzehnte gedauert hatte, bis den Opfern zugehört und geglaubt wurde. So wurde der britische Showmaster Jimmy Savile, Freund der Premierministerin Margaret Thatcher und „inoffizieller Eheberater“ von Prince Charles und Lady Diana, der 1990 aufgrund seines Einsatzes für wohltätige Organisationen geadelt und im gleichen Jahr mit einem päpstlichen Orden ausgezeichnet worden war, nach seinem Tod 2011 in einem goldenen Sarg aufgebahrt und unter großer öffentlicher Anteilnahme beerdigt, obwohl ihm Journalisten seit 1990 wegen zahlreicher Fälle von sexuellem Missbrauch auf der Spur waren. Der Fernsehsender BBC hatte die Untersuchung im eigenen Haus behindert und die Ausstrahlung eines kritischen Nachrufs unterbunden. Erst im Februar 2016 erschien der Untersuchungsbericht einer unabhängigen Kommission über die Praktiken bei BBC, demzufolge die Verantwortlichen systematisch weggesehen hätten. Der Bericht von Scotland Yard von Anfang 2013 war ein Schock für die britische Gesellschaft. Die Menschen waren fassungslos angesichts des Ausmaßes der Vergehen des beliebten TV-Entertainers, der sich über Jahrzehnte hinweg unter Ausnutzung seines Celebrity-Status seine Opfer zumeist unter 13- bis 16-Jährigen ausgesucht hatte.

„Allein in 14 Krankenhäusern und Kinderheimen, zu denen er aufgrund seiner TV-Allgegenwart als beliebter Entertainer und Fundraiser unüberwachten Zugang hatte, beging er 50 Straftaten, darunter in einem Fall an einem Mädchen in einer Sterbeklinik. Auch auf dem Gelände der BBC verging sich Savile in Studios oder in Kulissen nach populären Jugendshows … Niemand hat den Mann aufgehalten, nicht die Polizei, nicht die BBC, sein Arbeitgeber, oder andere Institutionen, darunter mehrere Krankenhäuser, in denen Savile sich nach Gusto seine Opfer aussuchte“, so Thomas Kielinger in PANORAMA.

Wie konnte das geschehen? Und gehen wir heute anders damit um?

Bei den drei Fällen, die ich im Auge habe, heißt die Antwort klipp und klar: Nein. Sie liegen viel länger zurück, als die geschilderten, sie sind weitaus bekannter und bis auf eine Ausnahme hat sonst niemand einen Verdacht geäußert. Ich spreche von den Tätern Erlkönig, Lene Thiel und Marie Zickwolf. Ich werde diese Fälle aufdecken.

Zuvor noch ein kurzer Blick auf die Gegenwart: Anlässlich „gleichbleibend hoher Fallzahlen bei Kindesmissbrauch, Missbrauch von Jugendlichen und Missbrauch von Schutzbefohlenen sowie bei der Verbreitung, Besitz und Beschaffung von Kinderpornografie“ gibt es laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2016 weiterhin „keinerlei Entwarnung“. Neueste Studien, so der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig, verwiesen darauf, „dass rund jede/r Siebte in Deutschland von sexueller Gewalt in Kindheit oder Jugend betroffen sei“. Rörig sieht die Politik in der Pflicht. Ein kurzfristiges Hopping von Skandal zu Skandal sei nicht ausreichend. Der Beauftragte fordert dauerhafte Investitionen in Prävention, Beratung und Hilfen sowie in Forschung und Aufarbeitung. Anschließend kommt die Forderung, „endlich genug Geld in die Hand zu nehmen“.

Was wir zudem in die Hand nehmen sollten, sind Johann Wolfgang von Goethes Ballade Erlkönig, Gerhart Hauptmanns Novelle Bahnwärter Thiel und Georg Büchners Woyzeck-Drama, drei monumentale literarische Manifeste gegen den Kindesmissbrauch. Aus dieser Perspektive wurden sie freilich bisher so gut wie nicht gelesen. Höchste Zeit, dass sich das ändert.

Erlkönig

Wer kennt nicht den Vers, in dem der Erlkönig den Jungen bedroht:

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“
„Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!“

Der Vater glaubt, dass sich der Sohn verhört und getäuscht hat. Besser hat sich auch ein Jimmy Savile nicht herausreden können. Erstaunlich ist nur, wie wirkungsvoll solch ein Manöver sein kann. Wikipedia, das weitaus bekannteste und am häufigsten verwendete Lexikon überhaupt, schreibt dazu: „Die meisten Interpretationen des Gedichts gehen von der Nicht-Existenz dessen aus, was der Knabe wahrnimmt. Sie sehen (wie der Vater) den Erlkönig als bloße Ausgeburt von Angst- und Fieberträumen und als Ausdruck der Krankheit des Knaben, die ihn am Schluss der Ballade tötet“. Wikipedia konstatiert immerhin auch, dass einige Interpreten zu der Auffassung neigen, das Gedicht handle von einer Vergewaltigung. Ich meine, es müsste anders herum zugehen. Diejenigen, die von Angst- und Fieberträumen sprechen, müssten begründen, wieso dieser Vers nicht von einer Vergewaltigung handelt. Das dürfte schwer fallen.

Ich stelle mir unter dem Erlkönig den Showstar Jimmy Savile vor, und ich bin mir sicher, der gute alte Goethe hatte ein ähnliches Kaliber im Auge, wahrscheinlich sogar mehrere davon. Denn so viel steht fest: Zu seiner Zeit ging es mit Sicherheit nicht weniger wüst zu als heute. Und noch fester steht, dass damals nie etwas in irgendeiner Zeitung gestanden hätte, auch nicht Jahrzehnte später.

Bahnwärter Thiel

Auch der Bahnwärter Thiel hält gegen Ende der Novelle den sterbenden Sohn im Arm. Der „Erlkönig“ ist hier eine Eisenbahn, die der Autor Gerhart Hauptmann durch literarische Tricks, nämlich als Dingsymbol, mit der Stiefmutter Lene, Thiels zweiter Frau, verknüpft.

So wie der Vater im Erlkönig seinen Sohn scheinbar sicher im Arm hält, so passt der Bahnwärter auf seinen Sohn Tobias auf. Oder besser gesagt, hätte er aufpassen sollen. Lene misshandelt den Stiefsohn, ohne dass der Vater einschreitet. Immerhin schämt Thiel sich dafür. Als dann der schlesische Schnellzug kommt, wird Tobias überfahren, obwohl der Vater ihm fast so nah ist, wie der Vater seinem Sohn im Erlkönig. Zweifellos umschreibt Gerhart Hauptmann auch hier eine Vergewaltigung, nur verkappter.

Denn bei nüchterner Betrachtung ist es schon ein komischer Bahnübergang, an dem der Bahnwärter Dienst tut: Merkwürdig einsam, nach allen vier Windrichtungen mindestens durch einen dreiviertelstündigen Weg von jeder menschlichen Wohnung entfernt und mitten im Wald gelegen. Im Sommer vergehen Tage, im Winter Wochen, ohne dass ein menschlicher Fuß, außer denen des Wärters und seines Kollegen, die Strecke passiert. Analog zu dem Dingsymbol Eisenbahn ist der Bahnübergang ein Symbol für die Verantwortung des Vaters für seinen Sohn.
Auch die Schilderung des Unfalls würde man dem Autor kaum abnehmen, wenn man auf Realismus Wert legt. Thiel hat von seinem Bahnmeister ein Stück Land längs des Bahndammes kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, auf dem seine Frau Lene den Boden umgräbt. Der Acker liegt in unmittelbarer Nähe des Wärterhauses. Thiels Sohn Tobias soll auf seinen kleinen Bruder aufpassen, während die Mutter Kartoffeln setzt. Als der planmäßige schlesische Schnellzug gemeldet wird, geht Thiel auf seinen Posten und stellt sich an die Barriere. Der Zug kommt näher, pfeift dreimal hintereinander, kurz und grell.

„Sie bremsen, dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten die Notpfiffe schreiend, den Widerhall weckend, diesmal in langer, ununterbrochener Reihe. Thiel trat vor, um die Strecke überschauen zu können. Mechanisch zog er die rote Fahne aus dem Futteral und hielt sie gerade vor sich hin über die Geleise. – Jesus Christus – war er blind gewesen? Jesus Christus – o Jesus, Jesus, Jesus Christus! Was war das? Dort! – Dort zwischen den Schienen …“

Stellenweise klingt der Text ausgesprochen unbeholfen. Jeder muss sich fragen: „Der Mann hat alle Zeit der Welt. Der Zug pfeift mehrmals, er bremst. Warum holt er sein Kind nicht von den Schienen?“ Weil er seiner Frau Lene, die sich hinter dem Dingsymbol Eisenbahn verbirgt, nichts entgegensetzen kann. Mit einer Ausnahme: Als es für den Sohn zu spät ist, bringt er sie und den gemeinsamen Säugling mit dem Hackbeil um. Er ist wahnsinnig geworden. Eine Familie ist gescheitert.

Genauso wenig, wie Goethe seine berühmte Ballade wegen eines fiebernden Kindes verfasst hat, hat Hauptmann ein zeitgenössisches Eisenbahnunglück zu einer Novelle verarbeitet. Das sollten wir endlich zur Kenntnis nehmen. Der Bahnwärter ist symbolisch, genauer gesagt allegorisch zu verstehen. Als Wärter des Kindes.

Wie sorgfältig man bei der Schilderung eines sexuellen Missbrauchs zuhören muss, zeigt die Passage, in der Thiel seine Frau in flagranti ertappt. Der Bahnwärter hat auf dem Weg zur Arbeit sein Brot vergessen und kehrt überraschend nach Hause zurück. Stille, ein Pudel mitten auf der Dorfstraße und eine Nebelkrähe laden die Szenerie symbolisch auf. Schon von Weitem hört Thiel seine Frau kreischen. Nun scheint eine zweite Handlung einzusetzen, die genauso wenig zu dem schrillen Schreien der Frau passt wie der abgelegene Bahnübergang und das Überfahren des Kindes durch den planmäßigen Schnellzug zu einem echten Bahnwärter. Thiel schleicht sich, das Geräusch seiner Schritte nach Möglichkeit dämpfend, näher. Jetzt kann er das Hagelwetter aus Schimpfworten gut verstehen, merkwürdigerweise auch Tobias’ Wimmern. Thiel beginnt leise zu zittern, sein Blick bleibt abwesend am Boden, dann droht ihn ein gewalttätiger Impuls zu überwältigen. Aber außer Mattigkeit bleibt nichts zurück. Als er zur Tür hereinkommt, ist Lene zunächst fassungslos vor Erregung. Etwas gesammelt verbittet sie sich, dass ihr Mann zu ungewöhnlicher Zeit nach Hause kommt und sie belauscht. Auch das scheint zu besagter anderer Handlung zu gehören.

Durch ihren Mann in ihrem Tun unterbrochen, greift Lene nach dem Milchtopf, aus dem sie ein Kinderfläschchen voll zu füllen versucht, was jedoch wegen ihrer vor Erregung zitternden Hände misslingt. Thiel spürt zunächst einen furchtbaren Affekt in sich aufsteigen, dann legt sich über seine Miene plötzlich das alte Phlegma, von einem verstohlenen begehrlichen Aufblitzen der Augen seltsam belebt. Sekundenlang spielt sein Blick über den starken Gliedmaßen seines Weibes, das mit abgewandtem Gesicht herumhantierend, noch immer ihre Fassung sucht. Ihre vollen halbnackten Brüste blähen sich vor Erregung und drohen das Mieder zu sprengen, und ihre aufgerafften Röcke lassen die breiten Hüften noch breiter erscheinen. Anschließend folgt eine symbolische Verschränkung der Frau mit der Eisenbahn durch das Bild des „Netzes von Eisen“. Halbnackte Brüste, aufgeraffte Röcke und die sexuelle Erregung des Bahnwärters – sie gehören in den Zusammenhang des Anschleichens und Belauschens. Als ob der Autor den Leser mit der Nase darauf stupsen will, stellt er klar, dass die Brüste nicht halbnackt sind, weil die Frau ihren Säugling stillen will. Dafür sind der Milchtopf und das Fläschchen zuständig. Tobias’ Misshandlung wird vom Autor mit einer sexuellen Komponente assoziiert.

Offenbar versteht unser Gefühl, welche Story die Novelle des Bahnwärters erzählt. Unser Bewusstsein hinkt meilenweit hinterher.

Woyzeck

Der Fall Woyzeck ist etwas komplizierter, schon weil das Drama nur als Fragment verschiedener Handschriftenentwürfe vorliegt. Hier ist eine kriminalistische Analyse unumgänglich. Täter und Tatumstände sind zwar bekannt, was aber fehlt und kontrovers diskutiert wird, ist das Mordmotiv. Üblicherweise wird die Hauptschuld nicht dem Täter, sondern zwei Nebenfiguren, dem Hauptmann und dem Doktor, in die Schuhe geschoben. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass auch in diesem Fall eine innerfamiliäre Katastrophe vorliegt. Schon deswegen, weil der Vater, wie im Bahnwärter Thiel, die Mutter des Sohnes hinrichtet. Das macht es nicht ganz einfach, die Verantwortung dafür den gesellschaftlichen Umständen zuzuschustern. Entsprechend umständlich sind die Bemühungen der Interpretationen, die deswegen gerne den historischen Fall zu Hilfe rufen.

Ich ziehe es vor, Detektiv zu spielen.

Die Handlung in wenigen Worten: Woyzeck, der einfache Soldat, wird durch den Dienst reglementiert und muss seinen armseligen Sold durch ein Ernährungsexperiment aufbessern. Er bekommt ausschließlich Erbsen zu essen. Vielleicht ist Woyzeck bereits von Anfang an verrückt und die genannten Umstände führen die Katastrophe herbei, andere glauben, die Erbsendiät mache ihn erst verrückt. Dazu kommt eine Eifersuchtsgeschichte: Seine Frau oder Geliebte lässt sich mit dem Tambourmajor ein, was bei Woyzeck das Fass zum Überlaufen bringt. Er bringt die Mutter des gemeinsamen Sohnes um, der Sohn überlebt. Er verlässt den Vater an der Hand eines Narren.

Ich streiche sofort den Hauptmann und den Doktor von der Liste der Verdächtigen. Beide erweisen sich bei näherer Betrachtung zwar als pädophil, was nicht gerade an die große Glocke gehängt wird, um mich vorsichtig auszudrücken. Heute würde man von Kinderpornografie sprechen. Sie sind unangenehme Zyniker, mit dem Mord an Marie aber haben sie nichts zu tun, nicht einmal mittelbar. Schon deswegen nicht, weil es diesen Mord gar nicht gibt.
Marie wird nicht ermordet. Zwar hört Woyzeck eine Stimme aus dem Boden, die verlangt, die Zickwolfin tot zu stechen, doch diese Tat findet nicht statt. Es bleibt bei der Vorbereitung. Gleichwohl gibt es eine Leiche und einen Mordfall. Indes heißt das weibliche Opfer nicht Marie Zickwolf, sondern Margreth. Margreth Woyzeck.

Dazu muss man wissen, dass es vier Handschriftenentwürfe des Dramenfragments gibt. Die Mordballade ist Gegenstand der ersten Handschrift. Hier heißt die weibliche Figur Margreth Woyzeck. Demzufolge hört der Täter eine Stimme aus dem Boden, die von ihm verlangt, die Woyzecke tot zu stechen. Und zu diesem Mord kommt es tatsächlich. Allerdings sind die üblichen Hauptverdächtigen nicht beteiligt, weder der Hauptmann noch der Doktor. Die beiden spielen nämlich auf der ersten Entwurfsstufe noch gar keine Rolle.

Die sogenannte Hauptfassung bricht vor der Mordhandlung ab. Diese wird in den nachträglichen Bearbeitungen durch den Mordkomplex des ersten Handschriftenentwurfs ergänzt. Die ursprünglichen Namen ersetzt man durch die der Hauptfassung. Das ist legitim. Daher spielen dann auch Hauptmann, Doktor und Erbsenessen in die Mordgeschichte hinein. Könnte man jedenfalls meinen, wenn man nicht so genau aufpasst. Oder, wenn man den „Erlkönig“ draußen halten will. Denn die Bearbeitung wird gerne dazu benutzt, Büchners Drama umzudeuten.
Wie gesagt, Mordmotiv und Mordkomplex sind von Anfang an fertig ausgestaltet. Ohne Hauptmann und Doktor. Umgebracht wird Margreth Woyzeck. Und die Tat ist geplant: „Ich wollt, es wär’ schon übermorgen Abend“, lässt der Täter verlauten. Sie ist vorsätzlich. Das schließt einen Eifersuchtsaffekt so gut wie aus. – Statt des Hauptmanns und des Doktors ist eine andere Figur an der Tat beteiligt, stiftet und treibt den Mörder an: der Narr. Mit ihm werden wir uns noch zu befassen haben.

Ich komme zur Feststellung der Personalien. Wer bringt Margreth Woyzeck um? Wer meint, den Namen des Täters zu kennen, weil er weiß, dass er Woyzeck, genauer Franz Woyzeck heißt, der befindet sich auf dem Holzweg. Der Mörder heißt Louis. Auf die Frage nach dem Familiennamen: Schweigen. Der Familienname ist gelöscht.

Damit hätten wir so etwas wie eine heiße Spur. Denn wenn Franz oder auch Louis Woyzeck eine Margreth Woyzeck getötet hätte, wäre das Vorliegen einer ehelicher Verbindung anzunehmen. Wir hätten es also mit einem Ehegattenmord zu tun. Franz Xaver Kroetz hat die Sache so gesehen, er fand den Mord an der Ehefrau interessanter als den an einem One-Night-Stand. Aber er lag falsch.
Für die Unterschlagung des Familiennamens muss es einen Grund geben. An der Sache ist wahrscheinlich etwas faul. Vermutlich waren Louis und Margreth Woyzeck nicht verheiratet. Dann wäre, falls er Woyzeck heißt und in einer intimen Beziehung zu dem Opfer gestanden hätte, von einer Inzestverbindung mit der Schwester oder der Mutter auszugehen. Was diesen Gedankengang unterstreicht, ist, dass auch der Familienname des Opfers nicht so ohne Weiteres preisgegeben wird. Er kommt nur einmal zur Sprache und zwar im Zusammenhang mit dem Mordauftrag. „Stich die Woyzecke tot“, flüstert eine Stimme aus dem Boden Louis zu, bevor sie lauter und lauter wird, bis sie schließlich schreit. Louis bückt sich, um genauer zu hören. Nicht dass er sich bei solch’ einem prekären Auftrag etwa noch verhört. Aber er hat richtig gehört. Und er erfährt dadurch etwas, das ihn aus der Bahn wirft. Die Stimme kommt von innen. Sie irrt sich nicht.

Wer Woyzeck für wahnsinnig erklärt, und das tun viele, um nicht zu sagen alle, für den ist der Fall damit erledigt. Büchner hätte sich infolgedessen die Ausgestaltung des Mordkomplexes ersparen können, beziehungsweise hätte Woyzeck besser den Hauptmann und den Doktor umgebracht. Nach der gleichen Logik hätte Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel die Eisenbahn in die Luft sprengen müssen. Mit solchen Hintergedanken lesen wir diese Werke oder werden sie uns erklärt.
Stattdessen dramatisiert der Autor in der Mordhandlung eine Verbindung aus rituellem Menschenopfer, Hinrichtung und Sexualmord. Kinder sind beteiligt. Das Publikum hört zwei Lieder, die auf eine Reinigungszeremonie anspielen, zunächst ein religiöses, dann ein profanes. Anschließend erzählt eine Großmutter den Kindern die Märchenparabel des missbrauchten Kindes. Unmittelbar danach holt Louis sein Opfer Margreth Woyzeck ab, um sie hinzurichten.

Etwas später tauchen wieder Kinder in der Nähe des Tatortes auf. Auch Louis sucht die Leiche noch einmal auf, um sein Messer zu verstecken. Dabei sieht er eine rote Schnur um den Hals des Opfers: eine auffällige Anspielung auf Goethes Faust I und die Hinrichtung Gretchens. Sie wird geköpft, Louis hat sein Opfer erstochen. Offenbar hat er eine Art Gretchen in ihr gesehen. Gretchen, mit vollem Name Margarete (!) wird hingerichtet, weil sie ihr Kind getötet hat. In der letzten Szene dieser Fassung bezeichnet ein Polizist den Mord als „guten, echten und schönen Mord“. Zweifellos ein böser Zynismus, aber er bringt die Sache auf den Punkt. Er kommentiert eine Hinrichtung.

Im zweiten Handschriftenentwurf benennt Büchner seine Figuren um, und es ist nicht schwer zu erraten, warum. Ein Drama, in dem ein Name der Hauptfigur fehlt, die möglicherweise sogar Titelfigur werden soll, geht gar nicht. Aus Louis wird daher Franz Woyzeck.

Aha, denken wir, der Autor bekennt Farbe und deckt beide Familiennamen auf. Fehlanzeige. Aus Margreth Woyzeck wird Louise. Ihr Nachname ist nun gelöscht. Infolgedessen dürfte die Stimme aus dem Boden jetzt ein Problem haben. Wie soll sie das Opfer ausrufen? Etwa als Louise? Soll Woyzeck aus dem Boden hören: „Stich die Louise tot!“? Die Stimme schweigt lieber.

Dafür sieht das Publikum zum ersten Mal eine Eifersuchtsszene. Jetzt, nachdem der Autor sich dramaturgisch ausgetobt hat, macht er sich daran, die Peripherie etwas auszumalen. Woyzeck geht auf Louise los, sie wehrt ihn ab. „Rühr mich (nicht) an, Franz!“, schleudert sie ihm entgegen, „ich hätt’ lieber ein Messer im Leib als deine Hand auf meiner!“

Sie scheint Woyzecks Angriff misszuverstehen, denn seine Attacke ist ja mitnichten auf Händchen-Halten aus. Offenbar gehorcht ihre Wahrnehmung einer bestimmten Routine. Sie denkt, er will ihr an die Wäsche. Sie unterstellt ihm, dass sie etwas in ihren Leib bekommen könnte, dem sie das Messer vorzieht.

Bei alltäglichen Streitigkeiten eines Paares würde man einen solchen Wutausbruch vermutlich kaum wörtlich nehmen, sondern als Entgleisung in der Hitze des Gefechts ansehen. Doch hier liegen die Dinge anders. Der springende Punkt ist, dass Louise diesen sexuellen Annäherungsversuch in Woyzecks Verhalten überhaupt erst hineinprojiziert und sie damit einem für sie typischen Wahrnehmungsmuster aufsitzt. Louises Unterstellung leitet nämlich eine Bemerkung über ihre Vaterbeziehung ein, womit wir beim Thema Missbrauch von Kindern wären. Sie eröffnet Woyzeck, dass ihr Vater sie nicht anzugreifen gewagt hätte, als sie zehn Jahre alt war, wenn sie ihn ansah.

Im Prinzip könnte man nun darüber diskutieren, wie das „Angreifen“ gemeint ist. Desgleichen, ob sie ihren Vater immer angesehen hat, wenn er sie angreifen wollte, und wie das war, bevor sie zehn Jahre alt war.

Woyzecks Replik: „jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“ stellt einiges klar.

Übrigens bezieht er sich damit selbst ein. Und das aus gutem Grund. Er erzählt an einer anderen Stelle, er habe seinem kleinen Hund im Beisein von Kindern auf einen großen geholfen. Wenn wir uns dabei ein Bologneser Schoßhündlein und eine Dogge vorstellen, treffen wir das Richtige. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes abartig. Die anwesenden Kinder sind ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Die Hauptfassung bringt eine weitere Namensänderung. Jetzt endlich wird die Lücke geschlossen, und wir sind gespannt. Haben Täter und Opfer den gleichen Nachnamen oder verschiedene? Werden wir nun erfahren, was hier gespielt wird? Täter und Opfer heißen Franz Woyzeck und Marie Zickwolf.

Die Stimme ruft wieder. Woyzeck soll die Zickwolfin totstechen. Sind das nun zwei definitiv verschiedene Namen? Ist die Inzestbeziehung vom Tisch? Immerhin gibt es fünf gemeinsame Buchstaben. Und die Kombination von Zick = Ziege und Wolf erinnert an Woyzecks abartige Paarung zweier Hunde. Wenn der Autor den Fall hätte hundertprozentig klarstellen wollen, hätte es eindeutigere Möglichkeiten gegeben.

Tatsächlich gibt es Präzedenzfälle, die auf etwas anderes hinaus wollen. In Ludwig Tiecks romantischem Rittermärchen Der blonde Eckbert stellt sich am Ende der tragischen Geschichte heraus, dass es sich bei dem verheirateten Paar um Geschwister handelt. Er heißt Eck-bert, sie Bert-ha. In Victor Hugos Drama Lucretia Borgia, es handelt von einer inzestuösen Liebe einer furchtbaren Mutter zu ihrem Sohn und Büchner hat es übersetzt, entfernt der Sohn einen Buchstaben von der Aufschrift des Palastes. Er demaskiert Borgia als Orgia.

Entlarvt der Name Zickwolf vielleicht desgleichen eine verdeckte Inzestbeziehung von Woyzeck zu Woyzeck?

Georg Büchner hat kein Interesse, sein Publikum im Dunkeln tappen zu lassen. Allerdings fordert er es. Das ist wie im richtigen Leben.

Die drei Schlussszenen der Hauptfassung lösen den Fall auf.

Nachdem Woyzeck die Stimme aus dem Boden gehört hat, geht er in einen Laden, um sich ein Messer zu kaufen. Die Szene assoziiert Woyzeck mit dem Messer, genauer gesagt, wieder einmal. Sie aktualisiert diese Verbindung im Hinblick auf die nächste Szene.

Das Publikum sieht Marie mit ihrem Kind und dem Narren in ihrem Zimmer. Sie liest in der Bibel und wirkt verzweifelt. Offenbar beschäftigt sie die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin. In der Bibel steht, dass Jesus der Frau vergibt, wenn sie nicht mehr sündigt. Aber Marie schlägt die Hände zusammen und ruft: „Ich kann nicht. Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz.“ Und ergänzt: „Fort. Das brüht sich an der Sonne.“

Der Satz: „Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz“ stellt Maries Geständnis dar. Denn da war doch gerade eben etwas mit einem Messer. Richtig, Woyzeck hat es gekauft. Und seine innere Stimme hat ihn beauftragt, damit die Zickwolfin zu erstechen. Jetzt ruft die Zickwolfin in höchster Verzweiflung: „Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz.“ Büchner macht das ganz geschickt, gleichzeitig drängt sich nämlich das kleine Kind an sie, und sie stößt es zurück. Selbstverständlich sieht das auf den ersten Blick so aus, als ob sich die Metapher auf den kleinen Sohn Christian bezieht. Das tut sie auch. Den Grund versteht man freilich nur, wenn man die wörtliche Bedeutung, den Klartext in Rechnung stellt. Das Kind wurde im Inzest mit dem Sohn gezeugt, mit dem Kind, das ihr den physischen Stich ins Herz geben soll.

Louis und Franz Woyzeck auf der einen, Margreth Woyzeck, Louise und Marie Zickwolf auf der anderen Seite sind identisch. Die Stimme aus dem Boden sanktioniert den Bruch des Inzesttabus. Und noch einiges andere.

Damit wäre die kriminalistische Untersuchung abgeschlossen. Das Mordmotiv liegt offen vor uns.
Der Vollständigkeit halber sollte man noch erwähnen, dass Woyzeck in seiner Abschiedsszene mit seiner Mutter abrechnet. Mit wem denn sonst? Er hat die Bibel seiner Mutter in der Hand und findet in ihr Maries goldene Ohrringe. Der Narr nimmt das Kind zu sich, das sich von seinem Vater Woyzeck abwendet. Genau das hat er nach dem Geständnis der Mutter etwas verklausuliert angekündigt: „Blutwurst sagt, komm Leberwurst.“ Blutwurst bezieht sich auf Woyzeck, Leberwurst auf den Sohn.

Und dann wäre da noch die Sonne. Woyzecks Mutter scheint die Sonne auf die Hände, Marie hat heiße Hände und das Kind auf ihrem Arm brüht sich in der Sonne. Die Sonne brütet Unzucht aus – das ist Dantons Tod. Dass die Mutter in der Sonne sitzt, während die Tochter die Familie ernährt, indem sie den Rock hochhebt, ist auch Dantons Tod. Dass der Sohn zu viel Sonne hat, weil die Mutter den Schwager heiratet, der den Bruder und Mann der Mutter umgebracht hat, ist Hamlet. Dass die Sonne Symbol für Licht und Bewusstsein ist, ist Büchner Handbuch und falsch. Dass das Kind Christian im Schlaf wegen der Sonne schwitzt, ist Woyzeck. Dass man die Mädchen nicht in der Sonne sitzen lassen soll, weil sie sonst auf Gedanken kommen, ist Dantons Tod.„Ein schöner Ödipus. Vater und Sohn zugleich“, desgleichen Dantons Tod.

Usw. usw. ….Was lernen wir daraus? Franz Woyzeck, Georg Danton, Büchners Lenz und Leonce Popo sind mitunter erstaunlich wahlverwandt. Georg Danton führt Büchners Vornamen, nicht den französischen Georges. Auf hessisch läuft beides auf das gleiche hinaus: Schorsch. Der Danton Schorsch wagte sich an seine Mutter, aber sie war stärker als er …

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

Die Hauptfassung des Woyzeck-Dramas beginnt mit einer Lücke. Woyzecks Figurenrede vom rollenden Kopf, der dem Igel ähnelt, handelt von vor Todesangst gesträubten Haaren. Aber Woyzecks erste Worte lauten: „ja Andres“. Erst als besagter Andres anschließend die Hasen besingt, kann das Publikum erschließen, dass sich dieses „ja“ auf die fehlende Zeile von Berg und tiefem Tal bezieht. Büchner präsentiert den Lesern und Zuhörern zunächst einen blinden Fleck, den, da war er sich sicher, die meisten durch Nachdenken beseitigen würden. Zu seiner Zeit waren die sexuellen Implikationen des heutigen Kinderliedes von den beiden Hasen noch bekannt. Wir brauchen bei den Hasen nur das Playboy-Logo im Auge zu haben – und Minderjährige. Dann sind wir auf der richtigen Spur. Denn die beiden Hasen stehen wieder auf, nachdem sie sich niedergelegt haben und geschossen wurden. Wenn ich daran denke, wie die Studenten zu Büchners Zeit bei diesem Lied innerlich gejohlt haben, dreht sich mir der Magen um.

Büchner hat sich leider verschätzt. Die Interpretationen von Erlkönig und Co. werden bis auf den heutigen Tag größtenteils vom Erlkönig selbst gesteuert. Das ist bedauerlich, aber das ist so. Die Enttabuisierung des öffentlichen Gesprächs über realen Missbrauch eilt der literarischen in Bezug auf unsere „Klassiker“ meilenweit voraus. Wir sträuben uns, vom Gipfel der Kultur hinunter in den menschlichen Abgrund zu schauen, den Woyzeck so treffend benennt.

Der Preis dafür ist immens, nicht nur in sozialer Hinsicht. Sowohl die literarische Leistung der Autoren als auch die ästhetische bleibt dem Publikum verschlossen.

Büchners Virtuosität wird zum sinnlosen Jonglieren mit Metaphern. Der Moderne fällt das nicht auf, weil sie daran gewöhnt ist, Unsinn für Tiefe zu halten.

Merkwürdig nur, dass Erlkönig und Co. es trotzdem geschafft haben, in den Olymp der Dichtkunst aufgenommen zu werden. Wie der Mann vom Lande in Kafkas Türhüterparabel spürt das Publikum etwas, traut sich aber intellektuell nicht über die Schwelle. Das Bewusstsein schottet sich ab und weigert sich, die Instanz dahinter, das Unbewusste, zu integrieren. Manchmal macht sich auf dem Bewusstsein auch der Mehltau der Macht breit. Einer Macht – nicht zuletzt auch des Erlkönigs und seiner Fans–, die seinerzeit Jimmy Savile umgab, die gleichsam immun machte und alle kritischen Fragen im Keim zu ersticken versuchte. Die Macht von gut etablierten Strukturen jedweder Provenienz, die Macht der Verdrängung, der einmal erworbenen und zu behauptenden Reputation, der Gewohnheit. Niemand ist dagegen gefeit. Kant macht es sich ein bisschen zu einfach mit seinem Verweis auf die selbstverschuldete Unmündigkeit. Unmündigkeit ist meistens nicht selbstverschuldet. Die Öffnung des Denkens und Fühlens will gelernt und geübt sein. C. Otto Scharmers Theorie U: von der Zukunft her führen identifiziert drei Grundreaktionen auf die fundamentalen Herausforderungen der Gegenwart, zu denen auch die anthropologisch-ethischen Grundfragen gehören:

  1. 1. Bewegung der ewig Gestrigen (oft, aber nicht immer fundamentalistisch)
  2. 2. Verteidiger des Status quo (weiter so, mehr von demselben)
  3. 3. Vertreter der transformativen Veränderung (vorwärts, ins Offene)

Diesen drei Reaktionsmustern entsprechen vier Feldstrukturen von Aufmerksamkeit, Scharmer nennt sie auch „Ströme sozialer Emergenz“:

  1. 1. downloaden (Bestätigung vorhandener Urteile innerhalb unserer eigenen Grenzen)
  2. 2. gegenständlich-unterscheidendes Zuhören (das Achten auf Abweichendes)
  3. 3. emphatisches Zuhören (der Schritt zum Anderen, Intelligenz des Herzens)
  4. 4. schöpferisches Zuhören (Zuhören aus dem im Entstehen begriffenen Feld der Zukunft)

Letzteres bezieht insbesondere Meditationstechniken ein, die nach neuesten Forschungen eine messbare Sensibilisierung der emotionalen Wahrnehmung, des sozialen Verhaltens und der Veränderungen der im Gehirn ablaufenden Prozesse bewirken.

Literaturrezeption, das dürfte unumstritten sein, wird außer mit Feldstrukturen des Downloadens und des gegenständlich unterscheidenden Zuhörens vor allem auch emphatisches und im Falle von kreativem Schreiben auch schöpferisches Zuhören beinhalten.

Tatsächlich lässt sich der Erfolg von Aneignungs- und Austauschprozessen messen. Maßstab ist das Maximum an wahrgenommener und verarbeiteter Information. Wer Woyzecks Wahnsinn als Black Box annimmt, der muss zwangsläufig seine Figurenrede weitgehend sinnlos, als Panorama des Unsinns einordnen. In solchen Lesarten, insbesondere des Sozialdramas, stellt der Narr zwangsläufig nichts weiter als eine Irritation dar. Das „Fieber“ im Erlkönig lässt grüßen.

Schätzungsweise stützen sich die üblichen Woyzeck-Interpretationen auf kaum mehr als 20 Prozent Text. Dass das Kind sich am Ende von Woyzeck abwendet und für den Narren entscheidet, also eine komplette, wenngleich kurze Szene, wird vermittels des Downloadens von materialistischen Verelendungstheorien, die zweifellos ihren berechtigten Ort besitzen, als Untergang in einem der zeitgenössischen Waisenhäuser verlängert.

Büchners Zeit und die seines Kollegen Hauptmann war wie die unsrige eine Zeit gesellschaftlicher Umbrüche – aber eben nicht nur in eine Richtung, nämlich die der Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und industriellen Revolution, sondern auch der wissenschaftlichen Erforschung des Unbewussten und der Reformpädagogik eines Pestalozzi. Insofern darf der Idiot als Institution „naiver“ emotionaler Intelligenz angesehen werden, die sich um das Kind kümmert, sozusagen eine Frühform der Sozialpädagogik. Das kann die Rezeption indes erst in den Blick bekommen, wenn sie sich für den Kern des Woyzeck-Dramas, das familiale Scheitern, öffnet.

Man könnte versucht sein, die Grade der Aufmerksamkeit bis hin zum inneren Zuhören unter dem Aspekt der „Ganzheitlichkeit“ zu kategorisieren und gegen das Partielle eingeschränkter Wahrnehmungsformen abgrenzen. Das Problem dabei – und auch das lässt sich aus den genannten Werken ableiten – ist, dass jede Position, insofern sie energetisch genügend aufgeladen ist, sich als ganzheitlich empfindet und mit einer maximalen existenziellen Intensität erlebt und behauptet wird. Das Unbewusste ist letztlich immer mit aktiv, auch wenn es nicht integriert ist. Daraus entsteht die trügerische Selbstgewissheit der eigenen Position, die sich umso vehementer durchsetzen muss, je angreifbarer sie sich fühlt. Je fragiler die Identität, desto bestimmter das Bedürfnis nach Grenzen.

Die Integration von Unbewusstem, die respektvolle Konfrontation mit dem persönlichen und gesellschaftlichen „Schatten“ steht daher genauso auf der Agenda wie die notwendigen Veränderungen in Bezug auf Umwelt und Gesellschaft.

Ein wunderbares Experimentier- und Spielfeld sind Literatur und Bühne, die, weil sie einen geschützten symbolischen Raum darstellen, mehr Gewalt erlauben und vertragen als die Realität. Was freilich dazukommen muss, ist das öffentliche Gespräch. Bislang gehört das Thema sexueller Missbrauch zu den Diskursen, die nicht oder nicht substantiell geführt werden. Das „Hopping“ von Skandal zu Skandal kann diese Lücke nicht füllen.

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