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Der Bewusstseinswandel

Der Bewusstseinswandel

Ein ehemaliger Impfbefürworter lernte erst durch die Auseinandersetzung mit dem Ukraine-Krieg, hinter die Fassaden der von den Medien vermittelten Realität zu schauen.

Ich möchte heute von einem anderen Wandel, nämlich dem Bewusstseinswandel — meinem Bewusstseinswandel, um genau zu sein —, sprechen. Als die ersten Nachrichten vom Ausbruch einer Krankheit mit dem merkwürdigen Namen COVID-19 oder SARS-CoV-2 in Österreich eintrafen und auch schon über dem Tiroler Skiort Ischgl die ersten dunklen Wolken einer völlig neuartigen Pandemiebekämpfungsmethode — diese Wortschöpfung lasse ich mir patentieren – hingen, plante ich eine Reise nach Hannover, wo im März 2020 ein Symposion über Marlene Streeruwitz aus Anlass ihres 70. Geburtstags abgehalten werden sollte. Hotel war gebucht, Bahnkarte gesichert.

Ich hatte mich spontan und per Zufall — wieder einmal als Zuspätkommer — in einen Videoblog der Schriftstellerin, der bereits 2018 on air gegangen ist (1), verliebt, in dem sie unter dem Titel „Frag Marlene“ in mehreren Folgen „den wichtigsten Satz aus dem Regierungsprogramm 2018 bis 2022“ heranzieht. Er lautet:

„Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden.“

Ein Horrorsatz, unbestritten, den Marlene Streeruwitz in jeder der neun Folgen von jeweils fünfminütiger Dauer aus allen Blickwinkeln aufs Korn nahm und mit feiner Ironie zerpflückte. Etliche Protagonisten der türkis-blauen Regierung, die nach den Wahlen 2017 im Dezember 2017 gebildet worden war— Sebastian Kurz, H.C. Strache, Gernot Blümel und andere —, sind später beim Lügen, Fälschen, bei Wahlbetrug, Intrigantentum und Korruption erwischt worden und mussten gehen. Das macht aus Marlene Streeruwitzens Videoblog ein Kleinod, das wie guter Wein immer erlesener wird, je länger es reift.

Mein Bewusstseinsstand war also durchaus regierungskritisch, jedoch oberflächlich kritisch, nicht im Geringsten fundiert. Im Grunde genommen war ich ahnungslos. Daher kam es, wie es kommen musste.

Als immer klarer wurde, dass Europa in die Fänge einer tückischen Krankheit geraten und die Alarmstimmung schließlich auch zu mir durchgedrungen war, nachdem das Symposium in Hannover abgesagt wurde, das Hotel nach Anwaltsdrohung mir die Vorauszahlung rücküberwiesen und ich am ÖBB-Schalter Wien Mitte die Fahrkarte zurückgebracht und das Geld ausbezahlt bekommen hatte, eilte ich zum nächsten Kiosk, um den Spiegel und das profil zu besorgen und aufmerksam zu lesen.

Ich bin seit vielen Jahren zuckerkrank, stark übergewichtig — mit einem Wort: „Hochrisikopatient“ und als solcher seit 20 Jahren immer wieder Spitalskunde. Ein im Wesentlichen ichbezogener Kranker, und als solcher bin ich stets davon ausgegangen, ein Recht auf bestmögliche Versorgung zu haben, dass das Gesundheitssystem für mich und nicht ich für das System da bin. Das war mein durchaus selbstbewusster, aber unkritischer Bewusstseinsstand. In hysterischer Besorgnis um mein Wohlergehen konnte es mir nicht schnell genug gehen, geimpft zu werden, gebärdete ich mich als Wutbürger, wenn ich auf Meldungen stieß, dass es in der Community Leute gebe, die sich weigerten, geimpft zu werden.

Ich zog mir jede Talkshow rein, die sich mit der Pandemiebekämpfung auseinandersetzte. Eine Expertin hatte ich besonders ins Herz geschlossen: Melanie Brinkmann. Melanie Brinkmann, immer wieder Melanie Brinkmann. Fallweise hing ich auch an den Lippen der in Innsbruck tätigen Virologin Dorothee van Laer. Noch im August 2022, als meine Verunsicherung bereits weit fortgeschritten war, führte ich ein längeres Gespräch mit meiner Hausärztin, ob eine vierte Impfung sinnvoll sei, was sie nolens volens bejahen müsse, wie sie sagte. Es klang nicht mehr so dogmatisch wie ehedem am Höhepunkt der Welle, als der Staat die Gesellschaft mit Lockdowns traktierte, die ich gerne noch viel rigoroser angewendet gesehen hätte. Es wäre gelogen, wenn ich das nicht zugeben würde.

Um das Ganze abzukürzen: Die Pandemie und ihre Bekämpfung haben mich nicht veranlasst, eine kritische Aufarbeitung zu starten. Erst die Ereignisse in der Ukraine, genau genommen der 22. Februar 2022, lösten bei mir einen Bewusstseinswandel aus. Ich fiel quasi aus allen Wolken. Das war nur möglich, weil der Bewusstseinsast, auf dem ich saß, vorher schon Schritt für Schritt angesägt worden war.

Erst durch intensive Beschäftigung mit diesem weiteren großen europäischen Krieg fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Erst im Zuge dieses Erwachens wollte ich auch über andere Megaereignisse, die mich, mein Denkgebäude, die Welt, erschütterten, mehr wissen. Früher hatte ich bloß gespürt, einem Meinungsterror, einer Manipulationsmafia, ausgesetzt zu sein, aber ich hatte mein Verhalten nicht geändert.

Vermutlich dachte ich, es würde sich alles von selbst wieder einrenken, und ich würde dann einfach so weitermachen wie bisher. Diese Perspektive hat mir der Ukrainekonflikt geraubt, und ich habe begonnen, nachzuforschen, habe mich ins Internet begeben und sukzessive Blogs herausgefiltert, die mir informativ und vertrauenswürdig schienen. Und so sind in einem Aufwasch damit auch gründliche Zweifel an all den anderen Herrschafts- und Verschleierungs-Narrativen aufgekommen, denen ich all die Jahre auf den Leim gegangen bin. So habe ich mir erst jetzt Paul Schreyers Buch „Chronik einer angekündigten Krise: Wie ein Virus die Welt verändern konnte“ bestellt, gleichzeitig aber auch Mathias Bröckers 1.000-seitiges Kompendium zu 9/11, dazu den thematischen Klassiker von David Ray Griffin „The New Pearl Harbour“.

Erst jetzt, nach neun Monaten Krieg, kann ich sagen, mein früheres Weltbild existiert nicht mehr. Wo früher Schatten war, ist jetzt Licht.

Spiegel und profil lese ich genau seit diesem Datum nicht mehr. Ich schau mir auch nur mehr selten Talkshows an. Erst der in der Ukraine entfesselte Krieg, der mir ohne weiterreichende Informationsbeschaffung genauso äußerlich geblieben wäre wie der Irak- und der Afghanistankrieg, erinnerte mich an die Schockwirkung, die der Jugoslawienkrieg seinerzeit auf mich hatte, als ich zum ersten Mal in meinem Leben aus meinen saturierten Lebensumständen gerissen wurde und mich die Diskurszusammenhänge anzuwidern begannen, mit denen die militärischen Interventionen der NATO in diesem europäischen Land in der Öffentlichkeit angetrieben wurden.

Ich habe das Entsetzen, das mich packte, vor mir, als der damalige Außenminister des wiedervereinigten Deutschlands — ein Vorgang, der mir sowieso maximal gegen den Strich ging —, Joschka Fischer, die Bombardierung Belgrads mittrug. In dieser Sekunde war bei mir der Ofen aus für alles „Grüne“ auf dieser Welt.

Mit dem Jugoslawienkrieg hat mein Unbehagen begonnen. Vor ein paar Wochen hat es sich ohne besonderen Grund ergeben, dass ich begann, Hannah Arendts Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft“ von der ersten Seite an zu lesen. Auf Seite 284 finde ich folgende Passage:

„Das Zeitalter des Imperialismus pflegte man jene drei Jahrzehnte, von 1884 bis 1914, zu nennen. (…) Bezeichnend für die Zeit ist die atemberaubende Schnelligkeit, mit der sich die Ereignisse und Entwicklungen in Afrika und Asien abspielen, und die eigentümliche, unheimlich stagnierende Ruhe, die sich im gleichen Zeitraum auf Europa gelegt hatte und die man erst in der plötzlichen Katastrophe von 1914 als eine Ruhe vor dem Sturm nachträglich diagnostizieren konnte. In der trügerischen Ruhe und Sicherheit, die diesen Jahrzehnten eignet, zeichneten sich bereits einige grundsätzliche Aspekte ab, die den totalitären Phänomenen des 20. Jahrhunderts so nahe kommen, dass man versucht ist, die ganze Epoche nur als Ruhe vor dem Sturm, als vorbereitendes Stadium kommender Katastrophen anzusehen.“

Bei diesen Ausführungen muss ich erst einmal tief durchatmen. Zwar bin ich kein Anhänger der Ansicht, dass sich Geschichte aufgrund der Unfähigkeit des Menschen, aus ihr zu lernen, wiederhole. Auch finde ich Marxens Bonmot „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen; er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“ angesichts des gegenwärtigen, keinerlei Züge einer Farce mit sich führenden Geschehens nicht wirklich lustig, kann mich aber dennoch vor dem Hintergrund des Arendt-Zitats nicht des Eindrucks erwehren, mit einer Art Wiederholung der Geschichte konfrontiert zu sein.

Das macht das Arendt-Zitat ja so beeindruckend. Wie überhaupt die beiden ersten Abschnitte, Antisemitismus und Imperialismus, überaus faszinierend sind, nicht weil ich krampfhaft nach Belegen für Wiederholungen der Geschichte suche, sondern weil Arendt Zeugin, Opfer und Wissenschaftlerin war und so aus eigenem Erleben und profunder Reflexion zu einem sprachlichen Reichtum fand, den Zerfall Europas zu beschreiben, der nahezu unübertroffen und gerade in seiner Wort-, Begriffs- und Beschreibungslust ein hervorragendes Instrument ist, in die Tiefe vorzudringen, angeleitet zu werden, den Wissensnotstand zu überwinden, in dem einem selbst angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge, ihrer Schnelligkeit, und ihrer Undurchschaubarkeit erst einmal die Worte fehlen.



Hier können Sie das Buch bestellen: als Taschenbuch oder E-Book.


Quellen und Anmerkungen:

(1) „Frag Marlene. Feministische Gebrauchsanleitungen.“ Folge 1, 10. Mai 2018.

Immer wieder donnerstags um 19.00 Uhr, zur Anti-Regierungs-Demonstrations-Versammlungs-Zeit, wird ein neues Video auf YouTube veröffentlicht.
Ausgehend vom Regierungsprogramm werden dringende gesellschaftspolitische Fragen aufgegriffen, kommentiert und in den Raum gestellt. Partizipation ist erwünscht. Beiträge zur Kasperlpost können unter Postfach 10, 1182 Wien eingesendet werden.

Deutschlandfunk: Interview Anja Reinhardt mit Marlene Streeruwitz, 24. Juni 2018.

Daniela Strigl: Wider eine Politik rechter Nadelstiche. In: Zeit Online, 15. Mai 2018.

Beate Hausbichler: Holterdiepolter und passiv-agressiv gegen Feminismus. In: Standard Online, 7. Juni 2018.

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