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Der Aussteiger

Der Aussteiger

Ein Soldat nimmt Abschied vom Irrsinn der Endlos-Kriege.

von Danny Sjursen

„In den Schützengräben war uns Patriotismus fremd — und wir lehnten ihn ab, fanden wir ihn doch eher passend für Zivilisten oder Gefangene.“ — Robert Graves, Goodbye To All That (1929).

Ich gehöre zu den Glücklichen. Ich bin nochmal davongekommen, verlasse ich doch den Irrsinn des Army-Lebens mit einer bescheidenen Rente und im Besitz all meiner Gliedmaßen. Wir beide — die Army und ich — wussten, dass es für mich an der Zeit war, zu gehen. Ich hatte es satt, den Büttel für das Imperium zu spielen, und die Army war es leid, mit meinen kritischen Artikeln umzugehen und die Kosten für meine scheinbar endlosen PTBS-Behandlungen zu übernehmen. Nun bin ich zum Gesellschaftsproblem geworden — losgelassen auf eine zivile Welt, die ich nie mit erwachsenen Augen betrachtet habe.

Ich bin West Point im Juli 2001 beigetreten, noch in einer vergangenen, relativ friedlichen Ära — man könnte sagen, kurz bevor der Sturm um 9/11 losbrach. Ich verlasse nun ein Militär, das außergewöhnlich stark am globalen Kriegsgeschehen beteiligt ist und sich selbst zur Polizei einer zunehmend militarisierten Welt ernannt hat.

Ich habe mich gewissermaßen im Alter von 35 Jahren aus der Army hinausgestohlen — meine vorzeitige Pensionierung ist das schmähliche Ende einer einst vielversprechenden Karriere. Verstehen Sie mich richtig, ich wollte raus. Ich bin in 18 Jahren elfmal umgezogen, davon oft genug in Kriegsgebiete, und eine weitere Entsendung war einfach nicht mehr drin. Dennoch würde ich lügen, wenn ich nicht zugäbe: Ich betrauere den Verlust meiner Karriere, der Identität, die mir das Soldat-Sein verlieh, und der Erfahrung, von einer dankbaren — wenn auch schlecht informierten — Gesellschaft glorifiziert zu werden.

Vielleicht ist das auch ganz normal, wie peinlich auch immer mir dieses rührselige Geständnis sein mag. Wenigstens erkenne ich hier ein Paradox: Die Army und der weltweite Kampf gegen den Terror machten mich zu dem, der ich heute bin. Sie riefen eine neue Version meiner selbst ins Leben und beschenkten mich — wenn man diesen Begriff für etwas so Schreckliches überhaupt benutzen darf — mit den Geschichten, der Bühne und dem Schmerz, die nun mein Schreiben ermöglichen.

Vor allem die Stationierung im Irak und in Afghanistan verwandelten einen angehenden Neocon in einen unerschrockenen Progressiven. Meine Erfahrungen dort machten aus einem unsicheren, aufstrebenden „Gewaltunternehmer“ einen Menschen, der so pazifistisch ist, wie ein Ex-Militär nur sein kann. Und die US-Army trug dazu bei, dass ich morgens aufrecht in den Spiegel schauen kann.

Soll ich der Army also dankbar sein? Vielleicht — unabhängig davon, welchen Schaden diese Institution meiner Psyche und meinem Gewissen über die Jahre zugefügt hat. Es fällt jedoch schwer, einer Kriegsmaschinerie, die so vielen Zivilisten in wichtigen Teilen der Welt den Tod gebracht hat, dafür zu danken, mich zu dem gemacht zu haben, der ich heute bin. Und ganz gleich, wie sehr ich mir sagte, ich sei anders — die Wahrheit ist, dass ich für sehr lange Zeit an dem Ganzen mitschuldig war.

Irgendwie frage ich mich, ob eine Art Entschuldigung nicht angemessener wäre, um mich von all dem zu verabschieden, als eine Erklärung darüber, wie stolz ich auf den bin, der ich wurde. Trotzdem gehört all das zu meiner Geschichte — die Mühsal, das Schöne, das Banale und das Schreckliche. Wie ich bereits geschrieben habe, sind Krieg, Gewalt und Bigotterie die Ursünden der USA und in der Rückschau scheinen sie auch die meinen zu sein. In diesem Kontext betrachte ich dies — wenngleich ich nun bereits offiziell im Ruhestand bin — als mein letztes Werk, das ich als aktiver militärischer Dissident vollbringe, als eine Art Aufräumen, bevor ich mich nun in ein Leben als Aktivist begebe, in ein Leben der Worte, nicht der Waffen.

Was ich nicht vermissen werde

Es ist an der Zeit, von einer Litanei an Absurditäten Abschied zu nehmen, die ich in der Institution erlebt habe, der ich mein Erwachsenenleben widmete. So manche Kollegen und sogar Freunde werden dies vielleicht als Ketzerei betrachten — ein vergrätzer Major, der nun auspackt — und möglicherweise ist es das auch.

Und dennoch ist von Bedeutung, was ich in verschiedenen Kampfeinheiten, in Gesprächen mit hohen Offizieren und als entsetzter Zuschauer, aber auch als Akteur in zwei schmutzigen Kriegen beobachtet habe. Davon bin ich nach wie vor überzeugt.

Hier ist also mein offizieller Abschied von all dem — von einem Militär und einer Nation, die an einem orwellschen Szenario unendlicher Kriege mitwirkt, und von den einfachen Berufssoldaten, die so viel davon erst möglich machten, während der Rest des Landes arbeitete, twitterte, einkaufte und — in jeder Hinsicht — schlief.

Auf Wiedersehen, Ihr Majore, die Ihr Oberst werden wolltet, und Ihr Oberste, die Ihr Generäle werden wolltet, um jeden Preis. Ein Adieu an alle Soziopathen, die die Karriereleiter erklommen, indem sie auf den Seelen ihrer überlasteten Soldaten herumtrampelten und für kleine Ausschläge in der Statistik und für ein Schulterklopfen ihrer aggressiven Vorgesetzten bereit waren, mit Leben zu handeln.

Ein Abschiedsgruß an all jene Generäle, die wie so viele Leutnants geführt haben — die zwar über Taktik Bescheid wussten, aber um nichts in der Welt strategisch denken konnten, und so mit jeder Verleihung eines höheren Dienstgrades über ihr jeweiliges Inkompetenz-Niveau hinaus immer wieder das Peter-Prinzip bestätigten. (Das Peter-Prinzip besagt, dass man so lange befördert wird, bis man sein eigenes Inkompetenz-Niveau erreicht hat; Anmerkung der Übersetzerin.)

Tschüss, Ihr Flaggoffiziere, die Ihr davon überzeugt wart, dass das, was auf der Ebene der Truppe funktioniert — körperliche Fitness, Esprit de Corps, Teamwork –, auch auf der Ebene der Brigaden und Divisionen in fernen, fremden Ländern Siege einfahren würde.

Ein Lebewohl an die Generäle, unter denen ich gedient habe, die dann schamlos durch die Drehtüren in Washington getreten sind, wo sie ihre vielfach dekorierten Uniformen gegen einen mit sechs- oder siebenstelligen Summen vergoldeten Einsatz in den Vorständen von Waffenherstellern eintauschten, früher auch bekannt als „Händler des Todes“, um fortan den unstillbaren Hunger der militärisch-industriellen Bestie weiter anzufachen.

Auf Wiedersehen an alle führenden Generäle, die so in ihren Gleisen festgefahren waren, dass sie nicht bereit — oder intellektuell fähig — waren, zivile Politiker bezüglich Kampfeinsätzen, die von Vornherein dem Untergang geweiht waren, richtig zu beraten. Die auch so in ihrer „Weltweiter-Kampf-gegen-den-Terror“-Nummer feststeckten, dass sie nicht einen einzigen Vorschlag der Chickenhawk-Militaristen auf dem Capitol oder im Oval Office ablehnen konnten. (Chickenhawks sind Kriegshetzer oder -treiber, die selbst jedoch nie einen Militärdienst abgeleistet haben; Anmerkung der Übersetzerin.)

Goodbye an all die Anhänger des „American Exceptionalism“, die es auf jeder Ebene der Army zuhauf gab — unerschütterliche Prediger einer Zivilreligion. Diese waren überzeugt davon, in jedem Araber oder Afghanen stecke ein heimlicher US-Amerikaner, der nur darauf warte, beim kleinsten Pieks von Uncle Sams wohlwollendem Bajonett zum Vorschein zu kommen.

Ciao an die Stabsoffiziere, die „Leistungsmaßnahmen“ — also eine Menge Dinge tun — mit „Effizienzmaßnahmen“ — also das Richtige tun — verwechseln. Ich werde die Herden stumpfsinniger Majore und Oberste sicher nicht vermissen, die messbaren „Output“ — Anzahl der erfolgten Patrouillen, der durchsuchten Häuser, der veröffentlichten PowerPoint-Folien — von bereits überforderten Kommandanten und den ihnen unterstellten Soldaten verlangten, und die den Unterschied zwischen „viel tun“ und „es gut machen“ wohl nie kapieren werden.

Tschüss den Bataillons- und Brigadekommandanten, die zwar schon alle Hände voll damit zu tun hatten, ganze Distrikte und Provinzen in fremden Ländern erfolglos zu „befrieden“, denen aber die Sauberkeit der Soldatenuniformen und die Zwei-Meilen-Lauf-Zeiten ihrer Einheiten trotzdem noch wichtiger zu sein schienen, und die körperliche Fitness über taktische Kompetenz, Empathie oder ethische Erwägungen stellten.

Der oft intolerante Konservatismus und das evangelikale Christentum, die sich beide durch alle Ränge zogen — mögen sie mit Gott gehen.

Bis bald, alle Generäle, die noch in Uniform religiösen Gruppierungen ihre Stimme geliehen haben. Einer von ihnen wurde Superintendent von West Point und bekam dafür höchstens einen Klaps auf die Hand. Und wenn wir schon dabei sind — ich winke allen Kaplanen auf Wiedersehen, angeblich konfessionsfreie Unterstützer jeder Art von Soldaten, die ihre Gebete stets mit „In Jesu Namen, Amen“ beendeten. Soviel zur Trennung von Staat und Kirche.

Mach‘s gut, noch immer vorherrschendes Cis-Gender-Patriarchat und seltsam erotische Homophobie, die sich durch die Ränge des US-Militärs ziehen. Sicher — „frage nicht, sage nichts“ gehört der Vergangenheit an, aber die Army ist noch immer ein Klub der heterosexuellen Jungs und keine einfache Umgebung für den offen Homosexuellen — der Präsident ist ja immer noch entschlossen, Transgender-Rekruten abzulehnen. Und selbst 2019 zeigt eine von vier Frauen mindestens einen sexuellen Übergriff während ihrer militärischen Dienstzeit an. Ist das kein sozialer Fortschritt?

Bye-bye zu den Adrenalin-Jukies und den machtbesessenen Freaks, die an der Spitze so vieler Kampfeinheiten stehen und die für die Gewalt und den Rausch nächtlicher Razzien leben — und nicht den geringsten Gedanken an die oft kontraproduktiven und blutigen Konsequenzen verschwenden. Es ist eine große Erleichterung, sie hinter mir zu lassen, während sie — Gefangene der Berechnungen der Aufstandsbekämpfung — die gegen die USA gerichteten Aufstände viel schneller befördern, als dass sie „Terroristen“ töten könnten.

Tschüss an alle jene Offiziere, vor allem Generäle, die die „Pflicht“ über die Moral stellen.

Sajonara an all jene, die „Märtyrer“ wie den ehemaligen Befehlshaber James „Mad Dog“ Mattis zu Helden erklären, weil er als Verteidigungsminister zurückgetreten ist, anstatt bescheidene Truppen-Rückzüge aus unseren endlosen Kriegen in Syrien und Afghanistan umzusetzen. Mit einem vom Pentagon unterstützten Krieg im Jemen, der mindestens 85.000 Kinder verhungern ließ, hatte er offensichtlich kein Problem.

Tschüssi den leeren, „Danke-für-Deinen-Dienst“-Komplimenten der Zivilisten, die aber abgesehen davon die Probleme der Soldaten, die Außenpolitik und unsere endlosen Kriege ignorieren — und die auch keinen Gedanken daran verschwenden, die verheerenden Konflikte unseres Landes neben der Gesundheitsfürsorge ganz oben auf die Liste der Wahlkampf-Themen zu setzen.

Abschiednehmen ist ein solch bittersüßer Schmerz, wenn es um den neo-konföderierten Hintergrund und ebensolches Gejubel von zu vielen Soldaten und Offizieren geht. Es geht auch um eine Militär-Akademie, die noch immer eine Straße nach Robert E. Lee benannt hat, auf der man vom Lee-Wohngebiet zu den Lee-Kasernen fährt und die Teil einer Armee ist, die mindestens zehn ihrer innerstaatlichen Stützpunkte nach Präsidenten der Konföderation benannt hat.

Mach‘s gut, zügellose Islamophobie in allen Rängen, und macht‘s gut, Ihr Anführer, die Ihr kaum etwas dagegen unternehmt, und Ihr allgegenwärtigen Verunglimpfungen von Arabern und Afghanen — unter anderem „Hadschis“, „Windelköpfe“, „Kamel-Jockeys“ oder einfach nur „Sandnigger“. So kann man doch die „Herzen und Köpfe“ der Muslime gewinnen!

Bye-bye dem Paradox des Hyperkapitalismus und des fiskalen Steuerkonservatismus à la Ayn Rand (Autorin, die den Libertarismus und zügellosen Kapitalismus vertrat, Anmerkung der Übersetzerin) unter den Offizieren der sozialistischsten Institution der Nation, dem Militär. Auch mich machen die falschen Intellektuellen krank, die im Irak Bücher von Ökonomen wie Friedrich Hayek oder Milton Friedmann lesen. Oder ihre weniger anspruchsvollen Kollegen, die Bände von Ann Coulter, Sean Hannity oder Glenn Beck mit sich herumtragen, während sie ihre aus Steuergeldern finanzierte und im Eigenanteil reduzierte Gesundheitsversorgung genießen.

Adieu einer Militärgerichtsbarkeit, die Soldaten wegen alkoholbedingter Vergehen oder für Haschisch-Konsum rausschmeißt, und die dabei die Rolle der Army als Katalysator für diese Sucht nicht hinterfragt — Tschüss auch zu einem Disziplin-statt-Therapie-Modell zur Behandlung von Drogenmissbrauch, das sich erst jetzt zu ändern beginnt.

Goodbye zu Kämpfen zwischen Army, Navy und Air Force um Finanzen und Ausrüstung, Goodbye auch zu diesen „Pentagon-Kriegen“, die der Loyalität gegenüber Deiner Einheit den Vorrang geben und nicht der Loyalität gegenüber der Nation oder der Verfassung.

Bis bald, Ihr vorhersehbaren Meinungen einer Legion halbpensionierter Generäle in den Nachrichtenprogrammen, die auf ihr öffentliches Format setzen, um den US-Amerikanern noch mehr Waffen und Militarismus zu verkaufen.

Mach‘s gut, Du falscher Intellektualismus von Männern wie dem ehemaligen „Stoßtrupp“-General Petraeus und seiner Speichellecker-Armee von „Kriegermönchen“ und COINdinistas (damit sind Anhänger der COunterINsurgency, also der Aufstandsbekämpfung, gemeint; Anmerkung der Übersetzerin). Deren Antwort auf jegliches Problem sind leicht verbesserte Aufstandsbekämpfungsmethoden; sie sind unfähig, die Wirksamkeit von Gewalt, Intervention und Besetzung als Möglichkeiten der Verbesserung komplexer Gesellschaften zu hinterfragen.

Leb wohl, Du Stolz, den militärische Führungskräfte auf oberflächliche Ehrenabzeichen — Aufnäher, Plaketten und Medaillen — empfinden. Leb wohl, Du Wert, den sie diesen beimessen, anstatt den Augenblick wertzuschätzen, wenn sie tatsächlich einen Einsatz erfolgreich abgeschlossen haben. Auf auch nur einen einzigen Befehlshaber, der einmal zugeben würde, dass seine Einsatzkräfte während ihrer einjährigen Entsendung in eines der fernen US-Kriegsgebiete ihre Zeit oder Schlimmeres verschwendet haben, kann man lange warten.

Tschüss auch an den vorherrschenden Konsens unter US-Offizieren, dass unsere NATO-Bündnispartner „wertlos“ oder „schwach“ sind, weil sie nicht aggressiv genug sind, bestimmte Einsätze oder Patrouillen zu übernehmen, wenn sie für Uncle Sams globale Prioritäten kämpfen und dabei manchmal auch sterben. Dieser Unsinn führte dazu, dass es in der Kongress-Cafeteria keine „French Fries“ („Französische Fritten“ — Pommes frites werden in den USA so genannt, Anmerkung der Übersetzerin) mehr gibt, sondern „Freedom Fries“, nachdem Frankreich es gewagt hatte, sich Washingtons Invasion des Iraks 2003 zu widersetzen.

Auf Wiedersehen den Obersten und Generälen, die auf den Beerdigungen von Soldaten Reden halten, um die trauernden Überlebenden des jeweils aktuellen endlosen Kampfeinsatzes weiter zu verpflichten.

Macht‘s gut, Soldaten und Offiziere, die Ihr regelmäßig beklagt habt, dass die Einsatzregeln zu streng sind — als ob mehr Brutalität, mehr Bomben, mehr Feuerkraft mit weniger Rücksicht auf die Zivilisten den Sieg gebracht hätten. Auf Wiedersehen auch zu der Annahme, die hinter solchen Klagen steht, dass US-Amerikaner eine Art angeborenes Recht besitzen, im Ausland nach Belieben Kriege zu führen.

Ciao, Chauvinismus in den führenden Rängen, der eine Art messianisches Recht und messianischen Auftrag der USA geltend macht, die Welt zu überwachen, sie mit Militärstützpunkten zu übersäen und ihren Militärs zu erlauben, in den Dörfern und Gassen souveräner Staaten herumzustolzieren, als gehörten sie ihnen.

US-Soldaten sind dazu übergegangen, an ihren eigenen Mythos zu glauben: dass sie wirklich eine besondere Kaste darstellen, die über Euch niederem Fußvolk — und nun natürlich auch über mir — steht. Hier spiegeln Soldaten tatsächlich die Werte einer vergifteten Gesellschaft wider. Es fragen nur wenige, warum nicht auch Lehrpersonal, Krankenpflegekräfte und SozialarbeiterInnen genau so wie das Militärpersonal in den vielgepriesenen Sportstadien der USA geehrt werden. Echte Dienende — wie wir Soldaten während meiner Dienstzeit uns gerne selbst nannten — sollten sich in Bescheidenheit üben und anerkennen, dass es andere, weit edlere Arten gibt, sein Leben zu verbringen.

Und nun kommen wir zu etwas, von dem ich mich nicht verabschieden kann: eine Gesellschaft, die ihre Krieger mehr als alle anderen schätzt.

Ein Abschiedsausklang

Was soll nun dieser frisch pensionierte Major mit all dem anfangen? Die unbequeme Wahrheit ist: vielleicht sehr wenig. Es ist unwahrscheinlich, dass ich mit meinem Schreiben jemanden umstimme oder auf irgendeine Art Einfluss auf die Politik nehme. Im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg, als Generalmajor Smedley Butler, der höchstdekorierte Marinesoldat seiner Zeit, zur Feder griff und die Übel der US-amerikanischen „Corporate Warfare“ beschrieb, kam er groß damit heraus — anders als ich. Heute läuft die US-amerikanische Interventionsmaschinerie einfach weiter. Welche Chance hat also ein ehemaliger Army-Major, etwas gegen den US-Militarismus zu bewirken?

Ich engagiere mich nun in dem Überbleibsel einer Antikriegsbewegung hierzulande. Die zynische Entscheidung Richard Nixons im Jahr 1973 während der Vietnam-Ära die Wehrpflicht nach Jahren groß angelegter Anti-Kriegs-Bewegungen in diesem Land und selbst innerhalb des Militärs abzuschaffen, war ein wahrer Geniestreich. Er ersetzte eine Bürger-Armee durch eine Streitkraft, die ausschließlich aus Freiwilligen bestand. Das Militär wandelte er um in eine professionelle Kaste, eine Art einheimischer Fremdenlegion — und somit lag die Verantwortung nun nicht mehr in jedes Bürgers Hand. Seine Offiziere machte er zu einer isolierten Kaste, vor der man katzbuckelte. So stellte er sicher, dass die Öffentlichkeit nicht genau hinsehen würde und dass Antikriegsbewegungen größtenteils der Vergangenheit angehörten.

Vielleicht ist es ja vergebens, eine solche Bestie zu bekämpfen. Als Sohn einer Arbeiterfamilie in einem Randbezirk von New York wuchs ich jedoch mit romantischen Vorstellungen von hoffnungslosen Fällen auf. Ich hoffe, eine kleine Rolle in meiner Version eines hoffnungslosen Falles zu spielen — als einsame Antwort auf die allgegenwärtigen Stereotype der US-Soldaten, des Offizierskorps und von West Point. Ich habe vor, mich immer dann bemerkbar zu machen, wenn Militaristen darauf bestehen, dass Army-Typen alle politisch konservativ seien, Vorzeige-Patrioten, fromme, „moralische“ Christen, … was auch immer. Und ich werde da sein, als unbequemes Gegengewicht zu einem System, das Fügsamkeit verlangt.

Und wissen Sie was? Was Sie auch denken mögen — ich bin nicht alleine. Es gibt ein paar wenige andere öffentliche Stimmen der Endlos-Kriege, die sich äußern und — wie mir verschiedene solidarische Texte und E-Mails deutlich machten — viel mehr schweigende Dissidenten in unseren Reihen, als man sich vielleicht vorstellt.

Setzen Sie also darauf: Ich hoffe, dass noch mehr diensthabende Offiziere wie auch Soldaten den Mut aufbringen, sich zu äußern und der US-Öffentlichkeit die Wahrheit über unsere brutalen, hoffnungslosen, endlosen Kriege zu erzählen. Natürlich ist das bis jetzt nur ein Traum. Aber was würden jene an der Spitze dieses Kriegssystems tun, wenn Soldaten, Offiziere und Befehlshaber, die sie bewusst auf ein Podest gestellt haben, zu zweifeln anfingen, nachfragten und schließlich widersprächen? Das würde eine Kriegsmaschinerie, die selbst in Zeiten von künstlicher Intelligenz und Drohnen noch immer folgsame Fußsoldaten braucht, die einen schweren Rucksack schultern und eine Häuserzeile patrouillieren, vor ein großes Problem stellen.

Bis vor kurzem war ich einer von ihnen — der unterwürfige Landser an der Spitze des Speers, der von der kriegerischen Regierung einer apathischen Bürgerschaft gefertigt wurde. Damit ist nun Schluss. Ich bin erst 35, und vielleicht werde ich auch nichts verändern, aber ich muss zugeben, dass ich mich auf meinen zweiten Akt freue. Verstehen Sie diesen Abschied von allem also als ein Hallo!


Major Danny Sjurson war Offizier in der US Army und lehrte Geschichte an der West Point Academy. Er nahm an Aufklärungsmissionen in Irak und Afghanistan teil, wurde aber zu einer skeptischen Stimme innerhalb des Militärs.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „[The Forever Wars Will Go On Without Me] https://www.counterpunch.org/2019/04/02/the-forever-wars-will-go-on-without-me/)“. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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